Titelverteidigung, Wiedergutmachung und ein zusätzliches Duell um die Pro Series: Auf der Pressekonferenz vor der Ironman-WM auf Hawaii sprechen die sechs Topfavoritinnen über ihre Vorbereitung, die Lehren aus dem Vorjahr und ihre Erwartungen an das Rennen.
Eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe für die Verfolgerinnen nach dem Schwimmen? Als auf der Pressekonferenz vor der Ironman-Weltmeisterschaft die Frage nach möglichen Absprachen aufkommt, reagieren die Favoritinnen mit Humor. Katrina Matthews hätte ihre Konkurrentinnen lieber möglichst weit hinter sich, Laura Philipp möchte nach eigener Aussage überhaupt erst wieder in die Gruppe aufgenommen werden. Hinter den Scherzen steckt eine ernsthafte Frage: Wie lässt sich verhindern, dass die starken Schwimmerinnen bereits zu Beginn entscheidende Minuten herausarbeiten? Zwei Tage vor dem Rennen beschäftigen die favoritisierten sechs Athletinnen aber auch ganz unterschiedliche persönliche Ausgangslagen. Während einige nach einem schwierigen Vorjahr auf Wiedergutmachung hoffen, wollen andere an ihre Erfolge anknüpfen.
Julie Derron: „Ich bin hier ein Rookie“
Für Julie Derron ist es die erste Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii. Die Schweizerin kennt den Mythos Kona seit Jahren, schließlich hat sie das Rennen immer wieder verfolgt. Jetzt selbst an der Startlinie zu stehen, sei etwas Besonderes. Was sie dort erwartet, kann sie allerdings nur erahnen. „Ich erwarte, dass es hart, heiß und schweißtreibend wird“, sagt die Olympiazweite von Paris.
Mit den anderen Athletinnen auf dem Podium hat Derron bereits über die halbe Distanz Rennen bestritten, auf der Langdistanz dagegen noch nicht. „Ich bin hier ein Rookie und starte zum ersten Mal auf diesem Niveau über die Ironman-Distanz“, erklärt sie. Gerade deshalb sei sie gespannt, wo sie am Ende landen werde. Dass sie nun neben mehreren Weltmeisterinnen auf dem Podium sitzt, empfindet Derron als Ehre.
Taylor Knibb: „Ich habe noch keinen Ironman gewonnen“
Taylor Knibb gehört zu den großen Favoritinnen, doch ihre Bilanz auf der Langdistanz beschäftigt sie weiterhin. „Ich habe noch keinen Ironman gewonnen. Ich habe noch viel zu lernen“, stellt die US-Amerikanerin klar. Jeder Wettkampf sei für sie weiterhin ein Experiment, bei dem sie neue Dinge ausprobiere und Erfahrungen sammle. Nach ihrem dramatischen Ausstieg auf Hawaii im vergangenen Jahr ging es ihr beim Ironman Texas vor allem darum, das Ziel zu erreichen. Knibb entschied sich bewusst für eine vorsichtige Renngestaltung. „Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn sich Kona dort wiederholt hätte.“
Eine besondere Geschichte verbindet den Ironman Hawaii auch mit Knibbs Familie. Ihre Mutter ist bereits in Kona gestartet, doch als sie etwa zehn Jahre alt war, versprach ihr Vater, selbst einen Ironman zu absolvieren, sollte seine Tochter eines Tages auf Hawaii gewinnen. Damals erschien ihm das als eine ziemlich sichere Wette. Inzwischen ist ihr Vater 67 Jahre alt und müsste für die Einlösung des Versprechens vor allem eines lernen: richtig schwimmen.
Lucy Charles-Barclay: „Ich fühle mich viel frischer als im vergangenen Jahr“
Lucy Charles-Barclay verbindet mit Hawaii große Erfolge, aber auch bittere Erfahrungen. Nach vier zweiten Plätzen gewann sie 2023 endlich ihren ersten Ironman-Weltmeistertitel. Im vergangenen Jahr musste sie das Rennen dagegen aufgeben. „Ich habe auf die harte Tour gelernt, diese Insel mehr denn je zu respektieren“, sagt die Britin. Unmittelbar nach dem Ausstieg habe sie sogar darüber nachgedacht, nicht mehr nach Hawaii zurückzukehren und ihre Saison zu beenden. Doch schon nach ein bis zwei Tagen änderte sich ihre Einstellung. Sie wollte das Jahr nicht mit diesem Ergebnis abschließen. Nach medizinischer Freigabe kehrte sie ins Training zurück und gewann vier Wochen später die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Marbella.
Für 2026 hat Charles-Barclay ihre Prioritäten verändert. Nach einer Operation zu Jahresbeginn konzentrierte sie sich auf die Langdistanz, startete beim Ironman Lanzarote und bei der Challenge Roth. Die 70.3-WM in Nizza ließ sie bewusst aus. „Dieses Rennen hat mir schon immer alles bedeutet“, erklärt sie ihre Entscheidung. Sie habe in Kona an der Startlinie stehen wollen mit dem Gefühl, alles für die bestmögliche Vorbereitung getan zu haben. Tatsächlich fühle sie sich diesmal deutlich frischer. Auch die Leistungswerte hätten gepasst. Ob sich die veränderte Vorbereitung auszahlt, wird sich am Samstag zeigen.
Laura Philipp: „Es lohnt sich, bis zum Ende zu kämpfen“
Laura Philipp hat ihre Saison anders gestaltet als im Vorjahr. Nach Schwierigkeiten zu Jahresbeginn musste die Deutsche zunächst ihre Form und die Freude am Wettkampf wiederfinden. Dabei half ihr auch eine Veränderung ihrer Rennplanung: Statt sich mit wenigen Starts vollständig auf Hawaii zu konzentrieren, bestritt sie mehr Wettkämpfe. „Man muss einige Dinge verändern, wenn man ein anderes Ergebnis haben möchte“, sagt Philipp. Der neue Ansatz habe ihr Spaß gemacht. Nun sei sie gespannt, wie er sich auf Hawaii auszahlen werde.
Gerade über den engen Zwiekampf zwischen Solveig Løvseth und ihr in der Ironman Pro Series sagt sie: „Die Lektion ist, dass wir bis zum Ende kämpfen müssen.“ Gerade auf Hawaii könne aufgrund der Bedingungen noch so viel passieren. Das Rennen im vergangenen Jahr sei dafür das beste Beispiel gewesen. Trotz des zusätzlichen Duells mit Løvseth soll am Samstag zunächst die bestmögliche Gesamtleistung im Vordergrund stehen.
Katrina Matthews: „Ich glaube nicht, dass wir dieselbe Renndynamik sehen werden“
35 Sekunden fehlten Katrina Matthews im vergangenen Jahr zum Weltmeistertitel. Nach dem schnellsten Marathon des Tages kam die Britin noch gefährlich nah an Solveig Løvseth heran. „Ich glaube absolut nicht, dass wir dieselbe Renndynamik sehen werden“, sagt sie. Zwar könne es Ähnlichkeiten geben zum vergangenen Jahr, aber jedes Rennen verlaufe anders. Genau das mache den Wettbewerb so spannend und Vorhersagen so schwierig.
Auch ihren Auftritt bei der Ironman-70.3-WM in Nizza bewertet Matthews anders, als es das Ergebnis vermuten lässt. Obwohl es dort sportlich nicht nach Plan lief, betrachtet sie den Wettkampf als persönlichen Erfolg. Mit ihrer Schwimm- und Radleistung sei sie sehr zufrieden gewesen, auch der abschließende Lauf habe unter den gegebenen Umständen ihren realistischen Erwartungen entsprochen. Seitdem habe sie weitere Fortschritte gemacht.
Solveig Løvseth: „Ich kann Laura leider nicht programmieren“
Solveig Løvseth genießt ihre letzten Tage als amtierende Ironman-Weltmeisterin – zumindest für den Fall, dass am Samstag eine andere Athletin gewinnt. Ihr überraschender Triumph im vergangenen Jahr habe ihr Leben verändert. Mehr Aufmerksamkeit, neue Möglichkeiten und größere finanzielle Sicherheit gehören zu den Folgen des WM-Titels. Gleichzeitig blickt Løvseth auf ein Rennen zurück, dessen entscheidender Verlauf keineswegs geplant war.
„Ich hatte eigentlich überhaupt keinen Plan, mich auf dem Rad abzusetzen“, erzählt sie. Dann entstand in einer Abfahrt plötzlich eine Lücke. Løvseth fuhr allein weiter und merkte, dass sie zu einer Leistung fähig war, die sie sich zuvor kaum zugetraut hatte. Auch für Samstag hat die Titelverteidigerin noch keinen festen Rennplan. Sie möchte auf die jeweilige Situation reagieren, statt im Voraus ein bestimmtes Szenario festzulegen. Das gilt auch für den Kampf um die Ironman Pro Series. Am liebsten wäre ihr natürlich, Laura Philipp während des Rennens stets in einem kontrollierbaren Abstand zu halten. „Aber ich kann Laura leider nicht programmieren“, scherzt Løvseth. Deshalb sei es am sinnvollsten, sich auf die eigene Leistung zu konzentrieren.