Kein Ort des Ironman Hawaii ist so sagenumwoben wie das „Energy Lab“. Hier, heißt es, werde das Rennen entschieden, hier zerbrächen Titelträume, hier lauere die Hölle auf Erden. Vieles davon stimmt – manches ist aber auch schlicht Legende. Wir räumen mit sieben hartnäckigen Mythen auf, auf Basis unseres eigenen Strecken-Selbstversuchs und der Kona-Historie.

Mythos 1: Das Energy Lab ist ein mystischer Ort
Die Wahrheit: Es ist eine Behörde. Das „Natural Energy Laboratory of Hawaii“ wurde 1974 als Außenstelle der Universität von Hawaii gegründet. Hier erforschen Wissenschaftler erneuerbare Energien und nutzen kaltes Tiefseewasser, das vor der Küste aus großer Tiefe heraufgepumpt wird. Mit Mystik hat das nichts zu tun. Wenn Triathletinnen und Triathleten vom „Energy Lab“ sprechen, meinen sie ohnehin nicht die Forschungsanlage, sondern die Zufahrtsstraße, die vom Queen Kaahumanu Highway hinunter zur Küste führt – den Makako Drive.
Mythos 2: Der Name kommt von der Energie, die die Läufer dort verlieren
Die Wahrheit: So schön die Pointe wäre – reiner Zufall. Die Straße heißt nach dem Energieforschungspark, nicht nach den Körnern, die hier reihenweise verglühen. Dass ausgerechnet ein Ort namens „Energy Lab“ den Athletinnen und Athleten die letzte Energie raubt, ist eine der schönsten Doppeldeutigkeiten des Sports – aber eben nur eine Fügung des Schicksals.

Mythos 3: Es geht die ganze Zeit bergab
Die Wahrheit: Genau das ist die Falle. Die Straße wellt sich vom Highway sanft hinunter ans Meer – und auf dem Hinweg fühlt sich das sogar angenehm an. Der Haken kommt beim Zurück: Nach dem Wendepunkt geht es wieder hinauf zum Highway, und dieser Anstieg, bei maximaler Hitze und nach schon gut 30 gelaufenen Kilometern, ist der eigentliche Killer. Wer sich auf dem bequemen Hinweg verausgabt, zahlt auf dem Rückweg doppelt.
Mythos 4: Das Energy Lab ist der Hitzekessel der Strecke
Die Wahrheit: Halb wahr – und genau deshalb so gefürchtet. In den Senken zwischen den Lavafeldern fällt der sonst allgegenwärtige Wind oft komplett weg. Was auf dem Highway nach Kühlung klingt, wird hier zum Verhängnis: Ohne Fahrtwind steht die Hitze, die schwarze Lava strahlt sie von allen Seiten zurück, und die Luft flimmert über dem Asphalt. In unserem Selbstversuch schnellte der Puls beim Eintauchen in diese „Wand aus Hitze“ binnen Sekunden um mehrere Schläge nach oben. Es ist also echte Physik – aber zu einem guten Teil eben auch Kopfsache.
Mythos 5: Im Energy Lab wird das Rennen entschieden
Die Wahrheit: Oft ja (zuletzt im vergangenen Oktober), immer nein. Unzählige Kona-Dramen haben sich genau hier zugespitzt – das Energy Lab gilt zu Recht als die Schlüsselstelle des Marathons, weil die Hitze hier die Spreu vom Weizen trennt und mancher Führende regelrecht einbricht. Aber die Entscheidung fällt nicht automatisch im Lab: Für die Stärksten und am besten Eingeteilten ist der einsame Abschnitt sogar die ideale Bühne zur Attacke, während andere hier erst einmal nur überleben wollen. Das Lab verstärkt, was ohnehin im Gange ist – es entscheidet nicht von allein.

Mythos 6: Das Energy Lab ist endlos lang
Die Wahrheit: Es sind nur rund sieben Kilometer. Auf dem Papier ein Klacks – gefühlt eine Ewigkeit. Die Eintönigkeit der Lavafelder, die fehlende Zuschauerkulisse und die stehende Hitze dehnen die Zeit. Tröstlich ist einzig die Mathematik: Wer am Ende des Labs wieder oben am Highway steht, hat nur noch etwa zehn Kilometer bis ins Ziel.
Mythos 7: Hier ist man mutterseelenallein
Die Wahrheit: Weitgehend stimmt das – und es hat einen handfesten Grund. Auf diesem Streckenteil sind keine Betreuer zugelassen, auch wir Medienmenschen nur mit Sondergenehmigung. Niemand reicht einem hier spontan Eis oder aufmunternde Worte. Diese verordnete Einsamkeit nährt die Legende vom Ort der Wahrheit. Ganz menschenleer ist es trotzdem nicht: Entlang des Makako Drive liegen skurrile Wegmarken wie einen Seepferdchen-Zuchtbetrieb und eine Hummerfarm, deren fischiger Geruch einem bei über 30 Grad den Rest gibt. Romantik sieht anders aus.










