Bier als „Elektrolyte“, ein Sprung in ein fremdes Taxi und ein Werbedreh als Statist: Bei der feierlichen Aufnahme von Karen Smyers und Craig Alexander in die Ironman Hall of Fame ging es im Garten des Hulihee-Palasts in Kailua-Kona weniger um Splitzeiten als um die Geschichten dahinter. Die Laudatien hielten Bob Babbitt und Mirinda Carfrae.
Zwei Namen, vier Hawaii-Titel, zwei Ironman-70.3-WM-Siege und zwei Kurzdistanz-Weltmeistertitel: Mit der US-Amerikanerin Karen Smyers und dem Australier Craig „Crowie“ Alexander hat Ironman beim Aloha-Empfang am Mittwochabend vor der WM auf Big Island zwei Athleten in seine Hall of Fame aufgenommen, die ihre Sportart über Jahrzehnte geprägt haben – und die bei der Zeremonie unter Palmen vor allem eines taten: sich bei Familie, Freunden und Wegbegleitern bedanken.
Karen Smyers: Die Frau, die die Königin von Kona stürzte
Bob Babbitt, Akkord-Interviewer zu Frühstückszeiten und so etwas wie das wandelnde Gedächtnis des Sports, brauchte keinen Spickzettel. Er begann mit einer Anekdote, die nach seinen Worten „alles über Karen sagt“: Anfang der 1990er-Jahre, nach einem Rennen in Chicago, im August, „bei ungefähr tausend Grad“. Der unterschenkelamputierte Athlet Jim MacLaren sucht verzweifelt etwas zu trinken, entdeckt Smyers’ Flasche und fragt: „Karen, sind das Elektrolyte?“ – „Ja, Elektrolyte.“ MacLaren nimmt einen kräftigen Schluck: „Das ist Bier!“ Smyers ungerührt: „Sag ich doch. Elektrolyte.“
Genauso unbekümmert habe sie Rennen bestritten, so Babbitt. 1990 bei der ITU-WM in Orlandos Disney World kam Smyers als Zweite hinter Erin Baker vom Rad, wurde dann von Joy Hansen und Carol Montgomery überlaufen und lag wieder auf Rang vier – wie ein Jahr zuvor bei der ersten WM in Avignon. „Und ein paar Hundert Meter vor dem Ziel passierte etwas mit Karen Smyers, das sich in ihrer Karriere noch oft wiederholen sollte: Sie legte noch einen Gang zu.“ Sie überholte alle drei und wurde erstmals Weltmeisterin.
1995: Zwölf Minuten Rückstand – und dann der Moment am Ende
Auf der Langdistanz wurde Smyers bei ihrem Hawaii-Debüt 1993 Vierte, 1994 Zweite. 1995, so erzählte Babbitt, habe sie vor allem ein Gedanke angetrieben: Wenn das Rennen nicht spannend wird, gibt es für die Frauen keine Fernsehbilder. „Wie viele Geschichten kann man noch über Paula Newby-Fraser erzählen?“ Auf der Radstrecke war die siebenmalige Siegerin plötzlich weg, zwölf Minuten Vorsprung. „Den Abstand verkleinern, den Abstand verkleinern“ – mehr wollte Smyers nicht. Doch dann, kurz vor dem Ziel, stand da eine Newby-Fraser, „die aussah wie ein Boxer, der stehend k. o. ist“. Smyers zog vorbei und gewann in 9:16:46 Stunden.
Im selben Jahr holte Smyers im mexikanischen Cancún auch ihren zweiten ITU-Weltmeistertitel – bis heute ist sie die einzige Frau, die Ironman-Weltmeisterschaft und Kurzdistanz-WM in derselben Saison gewonnen hat. Und dann kamen die Rückschläge: 1997 durchtrennte ihr eine zerbrechende Fensterscheibe die Oberschenkelmuskulatur, 1998 wurde sie im Training von einem Sattelzug vom Rad geholt, 1999 erhielt sie die Diagnose Schilddrüsenkrebs. „Und mittendrin habe ich es noch geschafft, mein erstes Kind zu bekommen“, sagte Smyers. Im selben Jahr wurde sie auf Hawaii erneut Zweite, 2001 mit 40 Jahren noch Fünfte. Profirennen bestritt sie bis zu ihrem 50. Lebensjahr.
„Cola ist das Elixier der Götter“
Ihre Dankesrede begann Smyers, die gerade 65 geworden ist, mit einer sehr amerikanischen Pointe: „Worauf ich mich dieses Jahr eigentlich gefreut hatte, war, endlich in die staatliche Krankenversicherung Medicare zu kommen. Ich war 37 Jahre selbstständig und musste meine Krankenversicherung selbst bezahlen – und wie ihr gehört habt, war eine sehr umfassende Krankenversicherung für meine Karriere ziemlich wichtig.“
Dann ging sie ihre Kona-Jahre durch, jedes mit einer Lektion. Ohne ihren Mann Michael wäre sie nie hier gestartet: Er hatte angekündigt, sich für Hawaii qualifizieren zu wollen, und sie hatte geantwortet: „Wenn du dich qualifizierst, mache ich auch mit – in der Annahme, das sei eine ziemlich sichere Ansage.“ 1993 lernte sie, „dass man den Marathon nicht nur mit Wasser schafft. Versucht es gar nicht erst. Cola ist das Elixier der Götter.“ 1994, dass man die Schwimmbrille unter die Badekappe ziehen sollte, wenn man nicht ohne Brille schwimmen will. 1995, „dass selbst eine siebenmalige Siegerin, die Königin von Kona, unter dem enormen Druck und den Bedingungen dieser Insel straucheln kann – und dass gute Dinge passieren können, wenn man hartnäckig bleibt und nicht aufgibt, egal wie weit das Rennen von der eigenen Strategie abgedriftet ist“. 1996 schließlich, dass mehr Essen auf dem Rad sie zwar nah an die Spitze bringt, einen aber auch die ersten vier Laufmeilen mit Übelkeit kämpfen lässt – und es trotzdem noch zu Platz drei reichen kann.
„Ich habe gelernt: Wenn man ein Ziel und eine Leidenschaft hat, und das war Ironman für mich geworden, kann man außergewöhnliche Rückschläge überstehen und seine Träume sogar übertreffen.“
Karen Smyers über das Jahr 1999
Bei ihrer Tochter Jenna entschuldigte sie sich dafür, sie in den ersten Lebensjahren „ein bisschen wie einen Staffelstab“ behandelt zu haben, damit beide Eltern weiter Rennen bestreiten konnten. Und nach Kona zurückzukommen, ohne zu starten, genießt sie inzwischen sichtlich: Einer ihrer liebsten Programmpunkte sei die „Thank God I’m not racing“-Party – organsiert von Bob Babbitt.
Craig Alexander: Vom Fußballer zum dreifachen Weltmeister
Für Craig Alexander sprach Mirinda Carfrae, selbst dreifache Ironman-Weltmeisterin und Ironman-70.3-Weltmeisterin – und mit Manuskript, „anders als der Meister hier, Bob Babbitt“. Kennengelernt habe sie Alexander als Juniorin im australischen Nationalteam: „Ich muss zugeben, ich wusste nicht recht, was ich von ihm halten sollte. Er wirkte ein bisschen … nun ja, wütend.“ Wie sehr sie sich getäuscht habe, zeigte eine Geste, an die sie sich bis heute erinnert: Als sie den Schritt zur Langdistanz wagte, war Alexander amtierender Weltmeister – und drückte ihr sein Trainingstagebuch des Vorjahres in die Hand, zum Mitnehmen. „Das mag wie eine Kleinigkeit wirken. Aber genau so ist Craig.“
Die Bilanz, die Carfrae vortrug, ist beeindruckend: 25 Jahre Profikarriere, drei Ironman-WM-Titel, zwei 70.3-WM-Titel, zwölf nationale Meisterschaften und mehr als 100 Profisiege. Den ersten großen Titel holte Alexander 2006 bei der Premiere der Ironman-70.3-WM in Clearwater. Auf Hawaii wurde er bei seinem Debüt 2007 Zweiter, gewann dann 2008 (8:17:45 Stunden) und 2009 (8:20:21 Stunden). 2011 folgte das Meisterstück: Mit 8:03:56 Stunden knackte er den 15 Jahre alten Streckenrekord von Luc Van Lierde (8:04:08 Stunden aus dem Jahr 1996) und war mit 38 Jahren der bis dahin älteste Sieger. Weil er wenige Wochen zuvor auch die Ironman-70.3-WM in Las Vegas gewonnen hatte, gelang ihm als Erstem das Double beider Titel in einer Saison. „Was seine Karriere so besonders macht, ist nicht nur, was er erreicht hat, sondern wie“, sagte Carfrae. „Er hat uns gezeigt, dass man knallhart wettkampforientiert und unglaublich erfolgreich sein kann – und trotzdem großzügig mit seiner Zeit, geerdet in seinen Werten und immer mit Platz für die Menschen, die einem am wichtigsten sind.“
Die beste Entscheidung: Rein ins Taxi
„Ich dachte nicht, dass ich heute nervös sein würde. Ich habe mich geirrt“, begann Alexander. Mehr als 100 Menschen hätten in seinen 25 Profijahren „ihre Fingerabdrücke auf allem hinterlassen, was ich je getan habe“. Einer seiner Lieblingssprüche: „Wenn du jemanden kennenlernen willst, zeig mir seine Freunde. Heute Abend ist eine gute Gelegenheit, euch meine Freunde zu zeigen.“
Die schönste Geschichte des Abends gehörte seiner Frau Neri. Zu seinem 21. Geburtstag hatte Alexander ihr – in Zeiten vor Smartphone und E-Mail – eine handgeschriebene Einladung an die Farm ihrer Eltern in Tamworth geschickt, sechs Autostunden von Sydney entfernt. Sie kam tatsächlich, kannte aber kaum jemanden und war plötzlich verschwunden. „Meine Mutter kam zu mir und sagte: Neri musste gehen, sie lässt Tschüss sagen.“ Alexander rannte zum Ausgang, sah sie gerade in ein Taxi steigen – „also bin ich auf die Rückbank gesprungen, und wir haben meine Party zusammen verlassen. Mit meiner zukünftigen Frau in dieses Taxi zu steigen, war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Es sei seine erste Lektion in Beharrlichkeit und Widerstandskraft gewesen.
Den Anstoß zum Ausdauersport gab übrigens seine Mutter. Nach einer langen Nacht in der Uni-Bar erwischte sie den frühen Heimkehrer in der Küche: „Craig, ich weiß nicht, was das alles soll. Du warst früher so gesund und aktiv. Ich glaube, du brauchst ein Tonikum.“ Am selben Morgen ging der ehemalige Fußballer, der nach einer Operation mit dem Kicken aufgehört hatte, zu seinem ersten Lauf. Der Stiefvater, der ihn nie auf Hawaii starten sah, hatte beim gemeinsamen Fernsehen immer gesagt: „Ich glaube, dieses Rennen liegt dir. Du hast einen harten Schädel.“
Als Statist hinter Greg Welch
Ein besonderer Dank ging an Greg Welch, der 1994 als erster Nicht-Amerikaner bei den Männern auf Hawaii gewonnen hatte. Anfang 1995 drehte Welch in Australien einen Werbespot für ein Sportgetränk – und Alexander meldete sich mit seinen Trainingspartnern Simon Whitfield und Greg Bennett als Statist. „Sie filmten ihn, wie er aus dem Wasser den Strand hochläuft, und wir rangelten hinter ihm um die Position.“ Bei jedem Ortswechsel setzte sich der damalige Physiotherapie-Student zu Welch ins Auto und löcherte ihn mit Fragen. Später, im Trainingslager des australischen Kurzdistanzteams, in dem er auch seinen Spitznamen „Crowie“ bekam, sagte ihm Welch beim Auslaufen: „Die besten Athleten legen sich nicht auf eine Distanz fest. Sie sind vielseitig.“ Vier Wochen später meldete Alexander sich für seine erste Halbdistanz an. Und irgendwann fiel der Satz, der für den jungen Athleten ohne Trainer, „der seine Trainingseinheiten aus Triathlonmagazinen zusammensuchte“ und voller Selbstzweifel steckte, alles bedeutete: „Du kannst es in diesem Sport weit bringen, wenn du willst.“
„Wer hätte gedacht, dass ein Fußballer aus den westlichen Vororten von Sydney einmal hier auf Big Island landet – in der Ironman Hall of Fame? Was für eine Reise.“
Craig Alexander
Die Erfolge im Überblick
Karen Smyers (USA, Jahrgang 1961)
- Ironman-Weltmeisterin 1995 (9:16:46 Std.)
- Weitere Hawaii-Platzierungen: 4. (1993), 2. (1994), 3. (1996), 2. (1999), 5. (2001)
- ITU-Weltmeisterin 1990 (Orlando) und 1995 (Cancún), Weltcup-Gesamtsiegerin 1991
- Gold bei den Panamerikanischen Spielen 1995
Craig Alexander (AUS, Jahrgang 1973)
- Ironman-Weltmeister 2008 (8:17:45 Std.), 2009 (8:20:21 Std.) und 2011 (8:03:56 Std., damals Streckenrekord)
- Ironman-70.3-Weltmeister 2006 (Clearwater) und 2011 (Las Vegas)
- Zwölf nationale Titel, mehr als 100 Profisiege
Ironman Hall Of Fame
| Jahr | Name |
|---|---|
| 1993 | Dave Scott |
| 1994 | Julie Moss |
| 1995 | Scott Tinley |
| 1996 | Paula Newby-Fraser |
| 1997 | Mark Allen |
| 1998 | John and Judy Collins |
| 1999 | Valerie Silk |
| 2000 | Tom Warren |
| 2001 | Dr. Bob Laird |
| 2002 | Bob Babbitt |
| 2003 | John MacLean / Gordon Haller / Lyn Lemaire |
| 2004 | Greg Welch |
| 2005 | Jim Maclaren |
| 2008 | Team Hoyt – Rick and Dick Hoyt |
| 2011 | Mike Reilly |
| 2012 | Graham Fraser |
| 2013 | Peter Henning |
| 2014 | Georg Hochegger / Helge Lorenz / Stefan Petschnig |
| 2015 | Lori Bowden / Heather Fuhr |
| 2016 | Lew Friedland / Peter Reid |
| 2017 | Chrissie Wellington |
| 2018 | Ken Baggs / Erin Baker / Rocky Campbell / Scott Molina |
| 2019 | Tim DeBoom / Kenneth Gasque / Michellie Jones / Jan War |
| 2021 | Natascha Badmann / Carlos Moleda |
| 2024 | Fernanda Keller / Kathleen McCartney |
| 2025 | Cherie Gruenfeld |
| 2026 | Karen Smyers / Craig Alexander |