Premierensieg vor Heimpublikum, Drama auf der Zielgeraden von Tallinn – und am Wochenende steigt in Zell am See die Generalprobe für die Ironman-70.3-WM. In der neuen Folge von „Carbon & Laktat“ sortieren Nils Flieshardt und Jan Grüneberg ein volles Triathlonwochenende und blicken auf eine Woche, in der sogar Jan Frodeno wieder eine Startnummer trägt. Acht wichtige Erkenntnisse.

1. Leipzig kann Ironman 70.3
Die Premiere des Ironman 70.3 Leipzig war ein Erfolg – da sind sich viele Teilnehmer und Beobachter einig. Das vierte 70.3-Rennen in Deutschland war nach der Ankündigung innerhalb weniger Tage ausverkauft, entsprechend groß war die Erwartungshaltung. Geliefert wurde: Schwimmen im Cospudener See („Cossi“, wie die Locals sagen), eine abwechslungsreiche Radstrecke durchs Leipziger Neuseenland und ein Dreirundenkurs beim Laufen mit Zieleinlauf in der Quarterback Immobilien Arena. Bemerkenswert: Das Feld war mit rund 68 Nationen international besetzt, gleichzeitig reiste ein großer Teil der Startenden weniger als 100 Kilometer an – und der Frauenanteil lag mit rund 24 Prozent über dem, was man von vielen anderen Rennen kennt. Leise Kritik gab es allenfalls aus dem hinteren Feld, wo die teils schmalen Radwege das regelkonforme Überholen schwierig machten.
2. Caroline Pohle holt emotionalen Sieg
Beim Heimspiel in Leipzig ließ Caroline Pohle nichts anbrennen: als Erste aus dem Wasser, schnellster Rad- und Laufsplit, am Ende mehr als elf Minuten Vorsprung auf Bianca Bogen. Im Interview mit tri-mag.de sprach die Leipzigerin davon, dass dieser Sieg für sie womöglich der wichtigste ihrer Karriere sei – zum ersten Mal standen Freunde, Familie und Umfeld komplett an der Strecke. Nach einem schwierigen Jahr 2025 mit Krankheit, Rückenverletzung und Studienabschluss liest sich ihre Saison 2026 beeindruckend: sechs Rennen, fünf Siege – nur beim Langdistanzdebüt in Roth gewann sie nicht. Ihr nächstes großes Ziel ist die Ironman-70.3-WM in Nizza, für die sie vorab noch einmal die Strecke besichtigt. Und sie liebäugelt gar mit einer weiteren Langdistanz in diesem Jahr, um sich frühzeitig für Hawaii zu qualifizieren – ein Plan, der laut Podcast allerdings mit ihrem Team noch gar nicht abschließend besprochen war.
3. Wilhelm Hirsch läuft 1:08 Stunden und fängt Rico Bogen noch ab
Bei den Männern sah lange alles nach einem Sieg von Lokalmatador Rico Bogen aus: Der frühere 70.3-Weltmeister fuhr die 90 Kilometer in 1:53:44 Stunden – im Schnitt deutlich über 46 km/h – und ging mit rund drei Minuten Vorsprung auf die Laufstrecke. Doch Wilhelm Hirsch, der aus Halle stammt, lieferte ein Rennen wie aus einem Guss: Mit einem Halbmarathon in 1:08:26 Stunden holte er Bogen wenige Kilometer vor dem Ziele ein und feierte nach seinem Sieg beim Ironman Brasilien den nächsten großen Erfolg. Im Podcast wird eingeordnet: Solche Laufzeiten sind auf der Mitteldistanz nicht alltäglich – zumal von Athleten, die auch auf der Langdistanz bestehen. Für Bogen bleibt trotz des Dämpfers eine starke Bilanz: vier Rennen in dieser Saison, viermal Podium, ein Sieg beim T100 in San Francisco.
4. Lena Meißner gewinnt ein Rennen, das sie gar nicht geplant hatte
Eigentlich wollte Lena Meißner im Allgäu nur ein paar Gravel-Kilometer sammeln. Kurz vor dem Rennen entschied sie sich jedoch spontan zu starten – und gewann die Mitteldistanz beim Allgäu Triathlon in 4:28 Stunden, mit einem 1:18:20-Stunden-Lauf auf anspruchsvollem Terrain und rund 20 Minuten Vorsprung. Als erste Frau aus dem Wasser, den Vorsprung auf dem Rad ausgebaut, beim Laufen nichts mehr anbrennen lassen: Im Podcast fällt auf, dass sich Meißner nach vielen objektiv guten, aber selbstkritisch kommentierten Ergebnissen diesmal durchaus zufrieden zeigte. Vielleicht ist es auch bei ihr das emotionale Ergebnis, das sie für den Rest der Saison beflügelt.
5. Anne Reischmann ist zurück
Die schönste Randnotiz vom Allgäu Triathlon: Anne Reischmann hat auf der Sprintdistanz ihr Comeback gegeben – und gleich gewonnen. Es war ihr erstes Rennen seit dem Ironman Hawaii 2025, das erste als Mutter. Für die gebürtige Ravensburgerin, die inzwischen in der Schweiz lebt, war klar, dass das Comeback beim Allgäu Triathlon stattfinden soll, wo sie zuvor bereits viermal gestartet war. Im Interview auf tri-mag.de gibt sie offene Einblicke in das Spannungsfeld zwischen Mutter- und Athletinnenrolle, spricht über körperliche Veränderungen und betont, dass ihr Weg zurück kein Maßstab für andere Mütter sein soll, weil ihre Umstände besondere seien.
6. Tallinn: Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist
Beim Ironman 70.3 Tallinn spielte sich ein Drama ab, das an Sarah Trues Kollaps von Frankfurt erinnert: Liis Kapten kam als Erste aus dem Wasser, fuhr den schnellsten Radsplit und ging mit fast sieben Minuten Vorsprung auf den Halbmarathon – ehe sie auf der Zielgeraden zusammenbrach, sich am Zaun entlangzuziehen versuchte und in eine Absperrung krachte. Als Grund nannte sie hinterher, während des Rennens viel zu wenig gegessen zu haben. Immerhin rettete sie noch Rang drei. Aus deutscher Sicht erfreulich: Hannes Butters wurde bei den Männern Zweiter, Florian Angert Fünfter.
7. Die WM-Generalprobe in Zell am See verspricht Speed
Am Wochenende steigt in Zell am See das letzte Pro-Series-Rennen vor den Weltmeisterschaften – und die Startlisten haben es in sich. Bei den Frauen führt Laura Philipp das Feld mit der Startnummer 1 an: Die Absage von Roth hat ihre Saison umgekrempelt und ihr unverhofft eine aussichtsreiche Position in der Pro-Series-Gesamtwertung eröffnet. Dahinter Lisa Perterer, deren Jahr eine hartnäckige Verletzung nach einem Radsturz vor dem Rennen in Aix-en-Provence durcheinandergebracht hat. Zell am See sei aber die ganze Saison über eines ihrer Hauptziele gewesen, im Vorjahr wurde sie hier Zweite. Auch India Lee kann im Kampf um den Sieg mitreden. Bei den Männern treffen unter anderem der zweimalige 70.3-Weltmeister Jelle Geens, Vorjahressieger Fabian Kraft, der formstarke Lasse Nygaard Priester, Trevor Foley, Kieran Lindars, Jonas Hoffmann und Jan Stratmann aufeinander – im Podcast ist die Rede von einem drohenden „Massaker auf der Laufstrecke“. Interessant: Die vergangenen fünf Austragungen gewannen allesamt Deutsche – Jan Stratmann (2021), Frederic Funk (2022 und 2023), Mika Noodt (2024) und Fabian Kraft (2025). Dazu liefert der Kurs mit rund 1.000 Höhenmetern und einer Rampe, deren Steigung zum Schluss zweistellige Prozentwerte erreicht, einen ersten kleinen Vorgeschmack auf das WM-Profil von Nizza.
8. Frodenos Gipfelsturm
Und dann ist da noch Jan Frodeno: In der vergangenen Woche 45 geworden, startet der Olympiasieger und dreimalige Hawaii-Champion am Donnerstag um 8:15 Uhr als Trailrunner beim OCC, der rund 60 Kilometer langen Mitteldistanz der UTMB Finals in Chamonix – 3.500 Höhenmeter inklusive, 14:30 Stunden Zeitlimit. Für das Rennen musste er sich regulär qualifizieren, und fit ist er allemal: Anfang des Jahres lief er in Paris einen Halbmarathon in 1:11:45 Stunden. Im Interview beschrieb er es jüngst sinngemäß so, dass er es gerade genieße, für Dinge gezielt zu trainieren, die einfach Spaß machen – und zu schauen, was noch geht. Der Ultratrail wird kostenlos im Livestream übertragen.
Alle Hintergründe, Ergebnisse und Interviews zu den Rennen des Wochenendes gibt es auf tri-mag.de – und die komplette Diskussion in der aktuellen Folge von Carbon & Laktat, dem Podcast von tri-mag.de und der Zeitschrift triathlon – jetzt überall hören, wo es Podcasts gibt.
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