Sein erster Start bei einer Ironman-Weltmeisterschaft war zugleich sein letzter: Vincent Luis hat bei der Siegerehrung in Kailua-Kona seinen Rücktritt vom Leistungssport verkündet. Der 37-jährige Franzose, der den Ironman Hawaii überraschend vor Gustav Iden und Matthew Marquardt gewonnen hatte, verabschiedet sich damit auf dem größten denkbaren Höhepunkt.

„Offenbar hatte ich beim ersten Versuch ziemlich viel Glück“
„Ich werde ein paar Mal Pause machen müssen, um nicht zu emotional zu werden“, kündigte Vincent Luis seine Siegerrede an. Dass er als Weltmeister in Kona stehe, sei etwas, das er sich „nie vorgestellt“ habe. Und mit typisch französischem Understatement fügte er hinzu: Es sei sein erster Start bei einer Ironman-WM gewesen – „offenbar hatte ich beim ersten Versuch ziemlich viel Glück“.
Es folgte der Dank an Veranstalter, Kampfrichter und die „unzähligen Volunteers“. Seinen Konkurrenten gratulierte er mit einem Augenzwinkern: Wer die Hitze, den Wind und die legendäre Strecke von Kona überstanden habe, verdiene eine Medaille – „und wahrscheinlich einen langen Urlaub“. Seinem Team, seiner Familie und seinen Freunden dankte er dafür, dass sie „all die verrückten Trainingsstunden“ ertragen hätten: „Glaubt mir, manchmal ist es härter, mit einem Triathleten zusammen zu sein, als selbst einer zu sein.“ Der Sieg trage zwar seinen Namen, „aber er gehört uns allen“. Auch die Menschen auf Hawaii bedachte er mit einem „Mahalo“ – Kona sei nicht nur ein Ort, an dem man Rennen bestreite, sondern einer, der „für immer im Herzen bleibt“.
„Der Schlusspfiff ist ertönt“
Dann kam der Satz, auf den die Triathlongemeinde auf dem Parkplatz des King-Kamehamea-Hotels gewartet hatte: „Ich habe noch eine letzte Sache zu sagen. Das war meine erste Ironman-Weltmeisterschaft – und es wird auch meine letzte sein.“ Nach langem Applaus folgte die Klarstellung: „Ich habe beschlossen, mich vom Rennsport zurückzuziehen.“ Einen schöneren Ort und einen bedeutsameren Moment, um diese Reise zu beenden, könne er sich nicht vorstellen. „Ich kam mit einem Traum nach Kona. Ich gehe mit einem WM-Titel, unvergesslichen Erinnerungen und einem Herzen voller Dankbarkeit. Der Schlusspfiff ist ertönt, aber ich hoffe, dass meine Geschichte für immer nachhallt.“ Und ganz zum Schluss gönnte er sich noch eine kleine Pointe: „Alle wollen wissen, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht gewonnen hätte. Ich schätze, das werden wir nie erfahren.“

Einordnung: Ein Abschied, der sich angedeutet hatte
Ganz aus heiterem Himmel kam die Ankündigung nicht. Bereits im Zielinterview unmittelbar nach dem Rennen hatte Luis angedeutet, dass der Ironman Hawaii das letzte Rennen seiner Karriere gewesen sein könnte. Bei der Siegerehrung machte er es nun offiziell – und das vor großem Publikum, an dem Ort, der für Langdistanzathleten mehr bedeutet als jeder andere.
Sportlich ist die Geschichte ohnehin kaum zu überbieten. Luis war erst vor rund einem Jahr von der Kurz- auf die Langdistanz gewechselt. Bei seinen bisherigen Rennen über die 226 Kilometer – in Frankfurt, in Texas und bei der Challenge Roth – hatte der frühere Kurzdistanz-Weltmeister kein einziges Mal das Podium erreicht. Ausgerechnet bei der WM gelang ihm dann der erste Langdistanzsieg überhaupt, in 7:47:27 Stunden und rund eineinhalb Minuten vor dem schnell laufenden Gustav Iden. Topfavoriten wie Kristian Blummenfelt, Sam Laidlow und Magnus Ditlev waren auf der Strecke reihenweise eingebrochen oder ausgestiegen, Luis dagegen lief ein kluges, kontrolliertes Rennen und übernahm rund zehn Kilometer vor dem Ziel die Führung. Hier geht es zu unserem ausführlichen Rennbericht.
Dass ein Athlet ausgerechnet nach dem größten Erfolg seiner Laufbahn aufhört, ist im Triathlon selten. Die meisten Champions kehren nach Kona zurück, um ihren Titel zu verteidigen – oder um noch einmal zu beweisen, dass der erste Sieg kein Zufall war. Luis verzichtet bewusst darauf. Seine Abschiedspointe darf man durchaus als Hinweis verstehen: Ohne den Titel wäre die Geschichte womöglich weitergegangen. So aber endet eine große Karriere, die auf der Kurzdistanz mit WM-Titeln und Olympiastarts geprägt war, mit einem Märchen auf Big Island.
Die Victory Speech von Vincent Luis im Wortlaut



















