NEU! triathlon-News Ausgabe vom 12. Oktober, 06:02 Uhr · 0:49 Min · Kurzfassung

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„Die Insel gewinnt immer“: Die bewegende Siegerrede von Ironman-Weltmeisterin Taylor Knibb

Ein Jahr nach ihrem Zusammenbruch auf dem Highway ist Taylor Knibb Ironman-Weltmeisterin. Bei der Siegerehrung in Kailua-Kona hielt die US-Amerikanerin eine Rede, die weit über die üblichen Danksagungen hinausging.

Frank Wechsel / spomedis Taylor Knibb

Taylor Knibb erzählte von ihren ersten Kona-Erinnerungen als Kind, von einer Familienanekdote, die ihr und ihrem Bruder ein jahrzehntelanges „Inselverbot“ einbrachte, von einem Ratschlag von Paula Newby-Fraser – und von der Entscheidung, die ihr Rennen verändert hat.

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Die Ziellinie in Dauerschleife

Knibbs Geschichte mit Kona beginnt nicht auf dem Alii Drive, sondern im Trainingsraum ihrer Eltern an der US-Ostküste. Ihre Mutter, selbst Triathletin, schaute dort beim Training immer wieder die Ironman-Übertragungen von NBC. Die kleine Taylor wartete darauf, dass sie fertig wurde – und sah dabei „fast jeden Tag die Kona-Ziellinie in Dauerschleife“. Was sie da sah, wusste sie lange nicht: „Es war immer dunkel, da waren all die Flaggen, und alle waren so überschwänglich und aufgeregt, die Ziellinie zu erreichen.“

Wie präsent Kona in der Familie war, illustrierte sie mit einer Anekdote über Normann Stadler, den sie am Tag der Siegerehrung getroffen hat. In einem alten Interview hatte der Hawaii-Sieger von 2004 und 2006 erzählt, er jage gern den Hubschraubern hinterher. „In unserer Familie sagen wir das tatsächlich jedes Mal, wenn ein Hubschrauber vorbeifliegt. Wir haben Normann aus der Kona-Doku zitiert – so groß war das bei uns.“

Familienstreit am Straßenrand – und ein zehnjähriges Inselverbot

2010 qualifizierte sich ihre Mutter bei ihrem ersten Ironman in Lake Placid für Hawaii. Die Familie reiste mit – und stand am Renntag an der Radstrecke in Kawaihae. Auf dem Hinweg der Mutter seien sie und ihr Bruder noch brav gewesen, erzählte Knibb. Auf dem Rückweg aber hätten die beiden am Straßenrand gestritten und von der vorbeifahrenden Mutter verlangt, mitten im Rennen den Streit zu schlichten. Die Konsequenz: Die Mutter dachte den ganzen langen Weg zurück nach Kona an ihre streitenden Kinder – „und wir wurden für ihre weiteren Rennen für gut ein Jahrzehnt von der Insel ausgeladen“. Wie lang diese Strecke ist, habe sie selbst erst am Renntag so richtig verstanden, als dort ein brutaler Gegenwind wehte.

Auf derselben Reise fragten die Kinder ihren Vater, was ihn dazu bringen würde, selbst einen Ironman zu machen. Seine Antwort: „Wenn du dieses Rennen gewinnst, mache ich einen Ironman.“ Das sei nun 16 Jahre her. Knibb ließ offen, ob sie ihn beim Wort nehmen wird: Ihr Vater könne „absolut nicht schwimmen“. Aber vielleicht sei es ja ein Anstoß für ein gesünderes Leben. Ein Antrieb sei die Wette für sie zwar nicht gewesen – „aber wenn jemand einen kleinen Deal macht, erfülle ich meinen Teil der Abmachung gern, vielleicht zu sehr“.

„Das genaue Gegenteil von vor einem Jahr“

Dann wurde die Rede ernster. „Ich weiß gar nicht so richtig, wie ich hier stehen kann. Es ist das genaue Gegenteil von vor genau einem Jahr“, sagte Knibb. Am 11. Oktober 2025 war sie beim Ironman Hawaii in aussichtsreicher Position auf dem Highway eingebrochen. Dieses Erlebnis habe ihr – und vielen anderen – gezeigt, wie sehr sie dieses Rennen gewinnen wollte.

Direkt wandte sie sich an Solveig Løvseth, die Weltmeisterin von 2025, die in diesem Jahr in Führung liegend wenige hundert Meter vor dem Ziel zusammengebrochen war und sich schließlich gehend als Achte ins Ziel gekämpft hatte. Deren Widerstandskraft sei „sehr beeindruckend“ gewesen, die Szenen hätten aber „ein bisschen zu unheimlich“ an das vergangene Jahr erinnert. „Ich hoffe, dass wir bei den kommenden Rennen bitte aufrecht über die Ziellinie kommen.“

Frank Wechsel / spomedis Siegerehrung in Kailua-Kona: Die Top 10 der Frauen der Ironman-WM 2026.

Der Rat von Paula Newby-Fraser

Nach ihrem Einbruch vor einem Jahr hatte sich Knibb an Paula Newby-Fraser gewandt. Die achtfache Hawaii-Siegerin war 1995 – exakt 30 Jahre zuvor – selbst nur 400 Meter vor dem Ziel in Führung liegend zusammengebrochen. Für Knibb steht diese Verbindung für das, was Kona ausmacht: die geteilte Erfahrung über Generationen hinweg. „Auch wenn sich in dieser Welt so viel verändert, bleibt so vieles in Kona gleich.“ Jedes Jahr gebe es leicht andere Bedingungen, aber immer denselben roten Faden: Herausforderungen am Renntag, Höhen und Tiefen.

Newby-Frasers wichtigster Rat: „Verliere nie, niemals aus den Augen, auf dich selbst aufzupassen und ins Ziel zu kommen.“ Knibb fand es im Nachhinein fast ironisch, dass ausgerechnet die Ziellinie, ihre allererste Kona-Erinnerung, zum Kern dieser Lektion wurde.

Die Entscheidung bei Kilometer 23

Genau diesen Rat setzte sie im Rennen um. Nach etwa 23 Laufkilometern habe sie entscheiden müssen, ob sie weiter um den Sieg kämpft oder sich darauf konzentriert, sicher ins Ziel zu kommen. „Ich wollte eine andere Entscheidung treffen als im letzten Jahr. Und ich kann nicht glauben, wohin mich das geführt hat – aber auch nicht, was sonst noch passiert ist.“ Ein Satz, der die ganze Ambivalenz dieses Titels einfängt: Knibb gewann, weil sie auf sich achtete, und weil die Führende, die nicht mehr auf sich achten konnte, auf dem letzten Kilometer zusammenbrach.

Das Leitmotiv der diesjährigen WM, die Idee von Frieden, griff sie zum Schluss auf: Ein großer Teil davon sei, Frieden mit der Insel zu schließen. „Denn du wirst niemals gewinnen. Die Insel wird immer gewinnen.“ Sie sei dankbar, dass sie „ein kleines bisschen Frieden“ gefunden habe.

Dank an ein Team, das geblieben ist

Am Ende dankte Knibb ihrem Team, das zum größten Teil dasselbe ist wie im Vorjahr, als sie „am Straßenrand taumelte und sich hinsetzte“ und niemand wusste, wie es um sie stand. In den harten Momenten, von denen es bei einem Ironman zwangsläufig viele gebe, habe sie vor allem eines angetrieben: „wie viele Menschen so viel in mich und meine Leistung investiert haben“.

Eine Siegerin, die sich nicht nur feiert

Knibbs Rede war bemerkenswert unprätentiös. Keine Abrechnung, kein Triumphgeheul, stattdessen viel Familie, viel Kona-Geschichte und eine große Portion Demut. Gerade der Umgang mit Solveig Løvseth zeigt, wie sehr die Bilder des Vorjahres bei ihr nachwirken. Knibb weiß genau, wie es sich anfühlt, in Führung liegend auf dem Asphalt zu landen. Dass sie ihren ersten Ironman-WM-Titel ausgerechnet durch ein Rennen holte, in dem eine andere genau dieses Schicksal ereilte, verschweigt sie nicht, sondern spricht es offen an.

Sportlich ist der Titel die Krönung einer außergewöhnlichen Laufbahn. Die frühere Olympia-Silbermedaillengewinnerin mit der Mixed-Staffel und zweifache 70.3-Weltmeisterin hat in Kona nach 8:36:29 Stunden gewonnen, vor Laura Philipp und Julie Derron. Auf dem Rad spielte sie wie gewohnt ihre Stärke aus, auf dem Marathon dagegen kämpfte sie mehr mit sich selbst als mit der Konkurrenz. Nach dieser Rede versteht man besser, warum. Hier geht es zu unserem ausführlichen Rennbericht.


Die Victory Speech von Taylor Knibb im Wortlaut

Frank Wechsel / spomedis

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Frank Wechsel
Frank Wechselhttps://tri-mag.de
Frank Wechsel ist Publisher der Medienmarken SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist 15-facher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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