Normann Stadler wagt und gewinnt auf Hawaii, Peter Reid reicht seinen Ex-Rivalen Wasser, Michellie Jones fährt in Barbie-Rosa zum Titel, und eine Ordensschwester finisht 57 Sekunden vor Zielschluss: Das stand im großen Hawaii-Sonderheft der triathlon vom November 2006. Eine neue Ausgabe unserer Retro-Serie – 20 Jahre später mit einem Schmunzeln im Gesicht und dem Wissen von heute.
Zum Saisonende 2006 erschien keine normale Ausgabe, sondern die triathlon special zum Ironman Hawaii – 100 Seiten Kona für fünf Euro. Das Editorial gehörte nicht etwa dem Sieger, sondern Sister Madonna Buder: Die 76-jährige Ordensschwester aus Spokane finishte um 23:59:03 Uhr, „exakt 57 Sekunden vor dem offiziellen Zielschluss“. Und es beschrieb den Morgen danach in Kailua-Kona, wenn alles abgebaut ist: „nicht einmal ein einsamer Pappbecher oder ein leergequetschtes Geltütchen erinnern noch an das Spektakel, das 17 Stunden lang die Triathlonwelt in Atem gehalten hat.“ Zum Glück gab es ja dieses Heft, um alles festzuhalten – und, wie der Chefredakteur ehrlich ankündigte, „ein wenig [zu] verklären“.
Wer wagt, gewinnt
Das Männerrennen war eine Machtdemonstration: Normann Stadler siegte in 8:11:56 Stunden – Streckenrekord – mit einem Radsplit von 4:18:23 Stunden, ebenfalls Rekord. Er übernahm die Führung noch innerhalb der Ortsgrenzen von Kailua-Kona, „früher als jeder andere Sieger der letzten Jahre“, und rettete von 10:13 Minuten Vorsprung genau 71 Sekunden über den Zielstrich, weil Chris McCormack einen 2:46er-Marathon hinterherwarf. Die Vorgeschichte machte den Sieg erst richtig rund: Peter Reid hatte Stadler in einem US-Magazin als „non-factor“ bezeichnet. Stadlers Bilanz nach dem Rennen: „Ich denke, ich habe ihn heute in jeder Beziehung widerlegt.“ Auf die Frage, ob das frühe Attackieren Taktik gewesen sei: „Nein, ich bin einfach gefahren. Wie immer.“ Und ganz zum Schluss wurde es sogar historisch-sentimental: „In der letzten Steigung kurz vor Kona habe ich an Thomas Hellriegel gedacht, der das Rennen dort zweimal hintereinander verloren hat. Als ich zwei Kilometer vor dem Ziel noch 90 Sekunden Vorsprung hatte, wusste ich: Das nimmt mir keiner mehr weg!“
Der König reicht Wasser
Die schönste Randgeschichte des Hefts: Peter Reid, dreifacher Champion und seit Mai im Ruhestand, arbeitete in Kona als Volunteer – morgens passte er vom Surfboard aus auf, „dass keiner seiner ehemaligen Konkurrenten ertrank, um ihnen am Nachmittag wieder das Wasser reichen zu können“, als Helfer an der Verpflegungsstation am Energy Lab. Sein Fachkommentar zum Renngeschehen fiel entsprechend trocken aus: „Ich war überrascht, dass sie den Normann Stadler einfach so haben fahren lassen.“ Da stand er nun, der „non-factor“, und der Mann, der es geschrieben hatte, reichte Becher.
Sieben Meter, großzügig ausgelegt
Weil Sonne und Mumuku-Wind ausblieben, rollten die ersten 40 Athleten in zwei großen Gruppen durch die Lava – der Sieben-Meter-Abstand wurde „nur halbherzig durchgesetzt“. Das Heft formulierte es mit chirurgischer Präzision: McCormack ließ „nur selten etwas zwischen sich und die behaarte Rückansicht des Münchners gelangen“ – gemeint war Faris Al-Sultan, der das Thema bei der Pressekonferenz mit feiner Klinge sezierte: „Vielleicht war ich etwas erschöpft und meine Wahrnehmung war gestört, aber es sah so aus, als ob keiner den vorgeschriebenen Abstand von sieben Metern einhielt.“ Sein Reformvorschlag: zurück zum Zehn-Meter-Abstand. Zwanzig Jahre, unzählige Regeländerungen und eine Blaue-Karten-Inflation später darf man festhalten: Das Thema hat sich hervorragend gehalten.
Macca kann leider nicht reiten
Das große Porträt widmete sich dem geschlagenen Zweiten – und enthielt die schönste Einstiegsgeschichte des Sports: Als Greg Welch den 18-jährigen Crossläufer Chris McCormack 1991 zum Triathlon überreden wollte, antwortete der: „Ich kann leider nicht reiten.“ Er hatte Triathlon mit Modernem Fünfkampf verwechselt. Es wurde dann doch noch etwas aus ihm. Vor dem Rennen 2006 hatte Macca einer australischen Zeitung gesagt: „Sollte ich das Rennen endlich gewinnen, werde ich wahrscheinlich nicht mehr dorthin zurückkehren.“ Aus heutiger Sicht doppelt amüsant: Er gewann im Jahr darauf – und kehrte selbstverständlich zurück, um 2010 gleich noch einmal zu gewinnen. Sein damals formuliertes Ziel von „sieben Titeln auf Hawaii“ blieb dagegen bei zweien stehen. Auch Weltbeste runden eben irgendwann ab.
Barbie-Rosa zum Titel
Bei den Frauen gewann Michellie Jones in 9:18:31 Stunden – bei erst ihrem vierten Langdistanzrennen überhaupt. Ihr Fazit im Ziel: „Ich habe gesagt, ich würde niemals einen Ironman bestreiten – und nun gehe ich hier weg und kann sagen, ich bin Ironman-Weltmeisterin. Das ist eine ziemlich coole Sache!“ Ihr Rad verdiente ein eigenes Kapitel: ein Giant, komplett „in Barbies Lieblingsfarbe“ lackiert, bis hin zu den „mit Edding aufgebrachten Sternchen auf den Schlauchreifen“. Weltmeisterin wird man offenbar auch mit Filzstift-Tuning. Zweite wurde Überraschungsfrau Desirée Ficker, die sich per Videostudium des legendären Scott-Allen-Duells vorbereitet hatte.
Und das Leaderboard des größten Triathlons der Welt? Eine handbeschriebene Tafel, bei der die Helfer „nicht nur die Sekunden, sondern auch die Minuten auswischen und neu eintragen“ mussten. Bildunterschrift: „Tafelmeister“. Livetracking, Ausgabe 2006.
4.641 Euro und ein Bienenstich
Die Altersklassen-Perspektive lieferte das Tagebuch des Aachener Maschinenbaustudenten Daniel Kasack, der vor dem Rennen einen Bienenstich in die Schläfe kassierte, eine Schildkröte beim Einschwimmen zum „guten Omen“ erklärte und die Ankömmlinge am Flughafen so beschrieb: „Oakley im Haar, Finisher-Shirt und Ironman-Rucksack […] Ich glaube, die Jungs wollen einfach erkannt werden.“ Sein Renntag-Fazit gehört gerahmt: „Das Schwimmen ist die brutalste Schlägerei, die ich mir je geben musste.“ Und: „2006 war mein Jahr und Kona mein Silvester.“ Die Leserumfrage bezifferte derweil den Preis des Traums: „Stolze 4.641 Euro belasteten in diesem Jahr die Reisekasse“ – im Schnitt, wohlgemerkt. Der Material-Check notierte einen Karbonlenker-Anteil, der binnen eines Jahres von 38 auf 72 Prozent gesprungen war. Und in der Finisherliste versteckte sich auf Platz 363 eine Schweizer Altersklassenathletin namens Caroline Steffen – die wenige Jahre später als Profi zweimal WM-Silber holen sollte. Kona-Ergebnislisten: schon immer die beste Zukunftslektüre.
Der Norminator und die Trinkblase im Rahmen
Die Rubrik der Profi-Wettkampfräder zeigte, was 2006 State of the Art war: Stadlers Kuota Kalibur – das Heft nannte ihn den „Norminator“ – trug seine Sonnen-Tätowierung als Lackierung auf dem Sitzrohr und „Salt Sticks im Lenker“. Natascha Badmanns Cat Cheetah kam mit im Rahmen integrierter Trinkblase, Hydraulikbremsen und einem 57er-Kettenblatt – vieles, was heute als Integrations-Innovation gefeiert wird, fuhr 2006 schon bei einer Schweizerin spazieren. Belinda Grangers Maß-Rahmenset kostete 7.999 Euro, und wer das für viel Geld hielt, hatte die Hawaii-Reisekosten-Umfrage noch nicht gelesen.
Norseman: Dienstreise mit Fußsprung ins Nichts
Das Kontrastprogramm zum Pazifik-Spektakel lieferte die Norseman-Reportage – als Selbstversuch: Chefredakteur Jens Richter sprang mit den anderen Startern vier Meter vom Autodeck der Fähre in den Eidfjord („sie beginnt mit einem Fußsprung ins Nichts“) und finishte nach 12:58:41 Stunden auf dem Gaustatoppen – Bildunterschrift: „Beinahe-Wikinger“. Die Verpflegung reichte sein Supporter Svein aus dem Privatauto: „Weißbrot mit Frischkäse“. Auf der Radstrecke zwangen „halbwilde Pferde die Führenden zum Bremsen“, und Topfavorit Jonas Colting beschrieb den Zielberg mit norwegischer Poesie: „Da steht sie vor einem, eine Mutter von einem Berg.“ 127 Finisher zählte das Rennen damals. Dass aus diesem sympathischen Nischenwahnsinn einmal eine weltweite Xtreme-Bewegung mit Wartelisten werden würde, ahnte man höchstens zwischen den Zeilen.
Helga, Irmtraud und Ruth
Die Rookie-Serie „3.3.1“ feierte ihr Finale bei der bodensee tri challenge – alle drei Leser-Rookies finishten ihre erste Langdistanz. Den Erlebnisbericht des Jahres schrieb Sabine Göricke, die drei Kühen an der Radstrecke die Namen Helga, Irmtraud und Ruth verlieh und sich nach der letzten Runde förmlich verabschiedete: „Adieu Helga, Irmtraud, Ruth. Es war mir eine Ehre“ – wobei „der Abschied das dumme Milchvieh nicht zu schmerzen“ schien. An der Verpflegungsstelle bestellte sie testweise „einen Big Mäc“. Kürbisbauer Christian Gartner wiederum beantwortete die Hawaii-Frage so kategorisch wie kein Zweiter: „Ich würde sogar notariell beglaubigen lassen, dass ich den Slot nicht annehmen würde“ – sein Traum sei der Norseman. Und Pilot Tim Würfel verriet ein Detail, das man nicht mehr vergisst: Die Einflugzeichen vor Stuttgart heißen tatsächlich „VATER“ und „UNSER“.
Hühnersuppe, Tattoos und 1.000 Burger
Der Serviceteil warnte unter dem Titel „Vorsicht, Wasser!“ vor dem Zuviel-Trinken – mit Frankfurts Medizinchef Dr. Klaus Pöttgen, der die Fünf-Liter-Wasserkanister aus Konas Supermärkten für „bestenfalls zum Bügeln des Hawaiihemds geeignet“ erklärte und als Geheimtipp verriet: „Der absolute Renner ist aber Hühnersuppe.“ Die Randnotizen komplettierten das Zeitbild: Ein Rechtsanwalt klärte ernsthaft, ob man sich das M-Dot-Logo tätowieren lassen darf (Agegrouper: ja; die Ironman-Sprecherin: „Wir verstehen den Körper als eine Art Leinwand“). Das Kona-Café Lava Java meldete „etwa 1.000 Extra-Burger in der Gefriertruhe“ und lobte die Europäer als erstaunlich höflich und geduldig. Der Surf-Tipp empfahl ein Triathlon-Webradio – „Voraussetzung für den Hörgenuss ist lediglich ein aktueller Media Player.“ Und über einen Ironman 70.3 in Deutschland hieß es, die Pläne lägen „schon in der Schublade“. Die Schublade wurde bekanntlich geöffnet.
Fazit: Norminator, Nonnen & Norwegen
Das Hawaii-Special von 2006 ist ein Zeitdokument der Extraklasse: ein Sieger, der einfach fährt „wie immer“, ein Ex-Champion mit Wasserbechern, eine Weltmeisterin mit Edding-Sternchen, eine Nonne im Wettlauf mit Mitternacht – und ein handgeschriebenes Leaderboard, dem heute vermutlich eine eigene Doku gewidmet würde. Dazwischen: Kühe mit Namen, Burger auf Vorrat und ein Chefredakteur, der vom Autodeck springt. Wer damals dabei war, wird sich erinnern. Wer heute liest, wird schmunzeln. Und beides ist absolut legitim.