Er hat den Triathlon neu definiert: Jonas Deichmann verschiebt Grenzen. Ob „Triathlon um die Welt“ oder „Challenge 120“ – für ihn zählt nicht die Zeit, sondern das Erlebnis. Im Gespräch erklärt er, warum echte Abenteuer dort beginnen, wo Trainingspläne enden, und weshalb mentale Stärke wichtiger ist als Muskelkraft.
Grenzen? Kennt dieser Mann nicht. Jonas Deichmann hat die Welt in 120 Triathlons umrundet und 120 Langdistanzen in 120 Tagen absolviert. Wo andere Zeiten optimieren und Wattzahlen vergleichen, sucht er das Unbekannte. Jonas Deichmann steht wie kaum ein anderer für Abenteuer im Ausdauersport. Ein Interview über die Faszination des Ungewissen und das Zusammenspiel von Körper und Geist. Und darüber, warum Glück wenig mit Geld, aber viel mit Freiheit zu tun hat.
Jonas, du stehst gewissermaßen als Synonym für Abenteuer – auch im Triathlon. Aber was genau bedeutet Abenteuer für dich?
Ein Abenteuer muss keine Weltreise oder eine Erfahrung in der Wildnis sein. Für mich beginnt ein Abenteuer immer dann, wenn man sich auf eine Reise begibt oder ein Projekt absolviert, bei dem man nicht weiß, was passiert. Es geht um die Komponente des Unvorhergesehenen – und darum, sich darauf einzulassen. Natürlich war der Triathlon um die Welt per Definition ein Riesenabenteuer. Aber auch die Challenge 120 war eines. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt.
Triathlon gilt ja eigentlich als klar strukturierte Sportart – drei Disziplinen, feste Distanzen, geregelte Abläufe. Inwiefern kann auch ein Triathlon ein Abenteuer sein?
Wenn jemand seine erste Langdistanz macht und nicht weiß, was da mit ihm passiert, ist das für diese Person ein echtes Abenteuer. Wer aber die zehnte Langdistanz in Folge macht und nur noch zwei Minuten schneller werden will, für den ist der Abenteuerfaktor geringer. Denn im klassischen Triathlonsport versucht man ja gerade, das Gegenteil, nämlich das Unvorhergesehene, zu eliminieren. Alles wird optimiert. Aber es gibt Formate, bei denen das anders ist, etwa die Xtri-Serie mit Wettkämpfen wie dem Norseman oder Swiss Extreme. Da spielen das Wetter, die Strecke, die Umgebung eine größere Rolle – und man weiß nie genau, was kommt. Das ist dann ein echtes Abenteuer, genau wie die Langdistanz mit Freunden. Es geht generell so ein bisschen weg von dem Gedanken, wie schnell ich sein kann – hin zu dem Vorhaben, dass ich eine bestimmte Herausforderung überhaupt schaffen möchte.
Wie hast du Triathlon überhaupt als Abenteuerform für dich entdeckt?
Ich bin früher Radrennen gefahren und habe Fahrradweltrekorde aufgestellt. Im Training bin ich aber auch regelmäßig gelaufen, gerade im Winter. Schwimmen war auch so ein bisschen dabei, allerdings ohne Techniktraining. Man muss sagen: Auf dem Rad gingen mir irgendwann die Herausforderungen aus. Gerade im Unsupported-Bereich hatte ich fast alles gemacht, was mich gereizt hat. Also wollte ich etwas Neues. Triathlon vereint drei Disziplinen, die saugeil sind. Sie bringen brutal viel Abwechslung – und Abwechslung gehört für mich zu jedem Abenteuer dazu. So kam die Idee, die Welt auf eine Art und Weise zu umrunden, wie es noch niemand getan hatte.
Hattest du jemals sportlichen Ehrgeiz im klassischen Sinn, etwa in Form von Bestzeiten?
Ich hatte immer eine gewisse Abenteuerlust in mir, ganz klar. Und ich war immer ehrgeizig. Aber der reine Wettkampfehrgeiz hat für mich irgendwann an Bedeutung verloren. Im Studium habe ich aufgehört, nach Daten zu trainieren, und stattdessen auf meinen Körper gehört. Durch meine Radreisen habe ich gemerkt, dass Sport nicht nur bedeuten muss, schnell zu sein. Einfach nur so auf eine Radreise zu gehen, wäre mir allerdings irgendwann dann auch zu langweilig. Ich wollte beides: Abenteuer und Leistung. Ich habe festgestellt, dass mir das Abenteuer mehr gibt.
Abenteuer heißt ja auch Risiko, Ungewissheit und Kontrollverlust. Was reizt dich genau daran?
Das stimmt definitiv. Ein Abenteuer ist immer eine Reise ins Ungewisse. Natürlich versucht man, zu kontrollieren, was man kontrollieren kann. Aber der Reiz liegt darin, dass man nicht alles planen kann. Es wäre langweilig, wenn man genau wüsste, was passiert. Und die schönsten Erinnerungen stammen meist aus Momenten, in denen etwas Unvorhergesehenes passiert ist.
Ist es das Lösen solcher unvorhergesehenen Situationen, was dich antreibt?
Absolut. Das ist das Spannende – zu sehen, wie man mit Rückschlägen und Tiefpunkten umgeht. Die Aussicht auf dem Gipfel ist einfach schöner, wenn man hochgelaufen ist statt die Gondel zu nehmen. Genauso war’s etwa beim Schwimmen in der Adria: Ich hatte ja keine Ahnung, ob Swimpacking im offenen Meer überhaupt funktioniert. Ich hatte es grob getestet, aber letztlich weiß man es erst, wenn man es macht. Und genau daraus entstehen die besten Erinnerungen.
Wenn du wochen- oder monatelang allein unterwegs bist, überwiegt da die Freiheit oder die Einsamkeit?
Ganz klar: das Gefühl von Freiheit. Viele fragen mich, ob ich mich einsam fühle, und ich muss sagen: Nein. Wenn ich irgendwo in der Sahara bin oder auf dem Baikalsee, bin ich zwar allein, aber nicht einsam. Das ist ein wunderschönes Gefühl. Einsamkeit erlebe ich eher dann, wenn viele Menschen um mich herum sind, die ein Anliegen an mich haben und mich kennen, ich sie aber nicht – wie manchmal in Roth oder am Ende von Mexiko. Deshalb ist es mir umso wichtiger, Menschen um mich zu haben, die ich wirklich kenne.
Viele Triathleten verbringen im Training ebenfalls viel Zeit allein. Was können sie von dir lernen?