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Anne Reischmann bloggt
Ein fast perfekter Tag bei der Ironman-70.3-WM

Vor einer Woche konnte Anne Reischmann einen dicken Haken hinter ihr Ziel “Top Ten der Welt” machen. Heute nimmt sie euch mit in ihren Renntag bei der Ironman-70.3-WM in St. George.

Joel Reischmann Vollgas in die Top Ten: Mit der Aussicht auf die Offseason geht Anne Reischmann volles Risiko und holt sich nicht nur eine Top-Platzierung, sondern auch den heftigsten Muskelkater ihres Lebens.

Es ist schwer, das Gefühl konkret zu beschreiben, als ich die Ziellinie überquert habe: eine Mischung aus Glückseligkeit, Schmerzen und Erschöpfung. Außerdem Stolz und Dankbarkeit gegenüber vielen Menschen – ich war im ersten Moment überwältigt.

Der Reihe nach: Im April 2020 hat es mir, wie vielen anderen Profiathleten, den Boden unter den Füßen weggezogen. Nachdem die kurzfristigen Ziele, die ich mir für die Saison 2020 vorgenommen hatten, bedeutungslos waren, habe ich mir viele Gedanken über langfristige (Traum-) Ziele gemacht und am Ende dieses Prozesses stand „Ich will in die Top Ten der Welt“. Seitdem ist sehr viel passiert, ich habe den Trainer gewechselt, ein neues Team um mich herum aufgebaut und zugegeben habe ich zwischendurch auch andere, meist rennspezifische, Ziele verfolgt. Den Traum der Top Ten habe ich mir aber so platziert, dass ich jeden Tag daran erinnert wurde.

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Unmittelbare Vorbereitung in der Reisegruppe

Wir, das heißt mein Mann Joel, Profitriathlet Mika Noodt und ich, sind bereits neun Tage vorher nach St. George gereist, um genügend Zeit zur Akklimatisierung zu haben sowie mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu werden. Nachdem der erste Hitzeschock und der Jetlag überwunden waren, standen für Mika und mich noch die letzten intensiven Trainingstage auf dem Plan, bevor es dann ins Tapering ging. Auch wenn wir beide auf unterschiedlichem Niveau unterwegs sind und verschiedene Trainer haben, hat es oft gut gepasst und es hat richtig Spaß gemacht, sich gemeinsam den letzten Schliff zu holen. Joel begleitete uns meist mit seiner Kamera in der Hand und sorgte für eine mobile Wechselzone oder Wassernachschub. Rückblickend lief eigentlich alles ziemlich perfekt und ich erinnere mich, wie ich vor dem Start zu Joel gesagt habe, dass es echt verrückt ist, dass es keine großen Zwischenfälle oder Last-Minute-Krisen gab. Der Kopf des Athleten ist schon seltsam: Verläuft die unmittelbare Vorbereitung chaotisch, denkt man: „Oje, das kann ja nichts werden“, und wenn dem nicht so ist, denkt man das gleiche wieder. Und in beiden Fällen kann es dann richtig gut und auch richtig schlecht laufen.

Gute Vorzeichen beim Schwimmen

Das Rennen der Frauen startete exakt zehn Minuten nach dem Männerrennen und ich hatte einen Raketenstart: Ich musste nach 50 Metern das erste Mal breit grinsen, weil ich nicht damit gerechnet hatte, so weit vorne zu sein. Erst nach ein paar Metern habe ich die rote Badekappe von Daniela Ryf und die gelbe von Emma Pallant an mir vorbeischwimmen sehen. An letztere heftete ich mich auch, beziehungsweise an Kat Matthews, die sich zwischen Emma und mich schob. Es war für mich ziemlich hart und nachdem ich mehrere Hundert Meter um den Anschluss gekämpft hatte, riss kurz vor der ersten Zwischenzeit ein Loch. Ich wurde sofort überholt und konnte mich dann wieder in den Wasserschatten hängen und die Füße, die ich wenig später Jocelyn McCauley zugeordnet habe, bis in die erste Wechselzone halten. Ich wusste genau, wo ich mich im Rennen befinde und habe mich schon währenddessen sehr darüber gefreut.

Chaos auf den ersten Kilometern

Silke Insel / spomedis Vergesslichkeit beim Check-in und erzwungene Druckbetankung aus der Gelflasche: Die zweite Disziplin läuft zunächst alles andere als optimal.

In der ersten Wechselzone ist mir zum ersten Mal das Herz in die Hose gerutscht, als ich gesehen habe, dass meine Radcomputerhalterung leer war. Es ist ein unfassbar dummer Fehler und unprofessionell, aber ich habe morgens beim Einchecken meinen Radcomputer im Rucksack vergessen. Im Vorfeld haben mein Trainer und ich uns etwas schwergetan, das Rennen zu lesen beziehungsweise Prognosen zu treffen, um darauf eine Taktik auszuarbeiten. Ich hatte nur Wattvorgaben, die ich im Blick halten sollte. Lange geärgert habe ich mich nicht, denn erstens bringt es im Rennen selbst nichts und zweitens war ich sehr damit beschäftigt, Kat Matthews und Skye Moench zu folgen, die direkt ein hohes Tempo angeschlagen haben. Ich wusste jedoch, dass ich unbedingt in einer Gruppe bleiben muss, um wenigstens etwas Orientierung zu haben, wie hart und schnell ich fahre. Ein paar Kilometer später, am ersten kurzen Anstieg, passierte mir dann ein zweites Malheur: Ich wollte einen Schluck aus meiner Aeroflasche trinken, bei der sich beim Trinken der Deckel gelöst hat und auf dem Boden gefallen ist. Da in dieser Flasche auch wichtige Kohlenhydrate waren, wollte ich die Flüssigkeit nicht verlieren. Meine anderen Flaschen waren auch noch voll, so dass ich auch nichts umschütten konnte. Kurzerhand entschied ich mich dazu, die Flasche bis zum Ende des Anstiegs leer zu trinken. Mein Magen war mit so ungewohnt vielen Kohlenhydraten in kurzer Zeit etwas überfordert, aber zum Glück hat sich das wenig später wieder verbessert. Nach den ersten chaotischen Kilometern auf dem Rad wurde es etwas ruhiger. Ich habe versucht, an Kat und Skye dranzubleiben – zwischendurch habe ich auch mal den Anschluss verloren, aber es kurze Zeit später wieder geschafft, aufzuschließen. Es war hart und trotzdem habe ich mich auch hier wieder sehr gefreut, dass ich mit zwei der stärksten Radfahrerinnen im Feld unterwegs bin. Auf der Strecke gab es immer wieder Zuschauer, unter anderem Paula Findlay, die es sich trotz Verletzung nicht hat nehmen lassen, das Rennen zu verfolgen und uns anzufeuern! Ganz konnte ich den Anschluss an die beiden beziehungsweise an eine inzwischen angewachsene Gruppe dann doch nicht halten, ich wusste aber auch, dass ich den Snow Canyon hinauf mein eigenes Ding machen muss, um nicht komplett erschöpft die zweite Wechselzone zu erreichen. Den Snow Canyon bin ich deswegen konservativ angegangen und wurde oben von Jackie Hering und Nikki Bartlett eingeholt. Auf Platz elf liegend und mit minimalem Vorsprung, den ich auf den letzten Kilometern auf die beiden herausgefahren bin, erreichte ich die zweite Wechselzone und begann den Halbmarathon.

Mit letzter Kraft und vollem Risiko ins Ziel

Silke Insel / spomedis Erst kurz vor dem Ziel wird die Top-Ten-Platzierung eingetütet.

Die Laufstrecke in St. George ist einfach nur hart: 405 Höhenmeter hat meine Uhr aufgezeichnet und als wäre das viele Hochlaufen nicht anspruchsvoll genug, wurde der abfallende Teil der Strecke so steil gestaltet, dass das nichts mit „Erholen“ oder gar flüssigem Laufen zu tun hat. Eigentlich habe ich mich zu Beginn gut gefühlt und ich war ehrlich gesagt froh, laufen zu dürfen, denn das Wetter hat mit einem Mal umgeschlagen. Anstatt Hitze und Sonne, zog ein Gewitter über St. George und der heftige Gegenwind und entgegenpeitschender Regen machten vor allem das Radfahren zu einer echten Herausforderung. Jackie Hering überholte mich schon nach wenigen Kilometern, aber davon war ich ausgegangen, denn sie ist eine der stärksten Läuferinnen im Triathlon. Ich konnte auf der ersten Laufrunde jedoch auch einen Platz gut machen, sodass ich immer noch auf Platz elf liegend auf die letzten zehn Kilometer abbog. Die Männerspitze hat mich auf der Runde auch überholt und ich habe mich sehr gefreut, dass mein Teamkollege Daniel Baekkegard auf Platz drei lag. Mika ist mir beim Wendepunkt kurz entgegengekommen und ich wusste, dass er bei seiner erst zweiten Mitteldistanz ein richtig starkes Ding abliefert. Für die Reisegruppe Noodt-Reischmann schien es also bestens zu laufen. Bei mir schwanden die Kräfte in Runde zwei jedoch zunehmend. Ich hatte Mühe meine Pace und meinen Schritt zu halten. Das zweite Mal den Anstieg hoch zog sich wie Kaugummi. Da ich bin eine der größten Athletinnen im Feld bin, trage ich entsprechend viel Gewicht den Berg hinauf und habe mir in der Vergangenheit bei hügeligen Streckenprofilen schwergetan. So auch in St. George: Oben angekommen war ich fix und fertig. Von hinten hatte ich nicht mehr viel zu befürchten und auch die Abstände nach vorne sahen für mich weit aus. Zwei Kilometer vor Schluss bin ich an Joel vorbeigelaufen, der mir erklärte, dass ich Daniela Ryf noch einholen und den begehrten 10. Platz schaffen kann. Ich habe alle Kräfte mobilisiert und bergab viel riskiert. Im Hinterkopf hatte ich dabei die Off-Season und wusste, dass ich den größten Muskelkater meines Lebens haben darf (den ich übrigens auch nach wie vor habe), denn ich muss mich erstmal nicht mehr schnell fortbewegen. 500 Meter vor dem Ziel ist es dann passiert, ich bin an Daniela vorbei und war in den Top 10. Ich habe mich nicht mehr umgedreht, sondern bin bis ins Ziel gesprintet. Deshalb muss unbedingt nochmal nach St. George – denn das zweite, was ich an diesem Tag vergessen habe, war, die Finishline zu genießen!

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