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Ikonische Momente beim Ironman Hawaii: Das große Krabbeln

Julie Moss, Ironman-Finish 1982
Julie Moss krabbelt bei der ersten Oktober-Ausgabe des Ironman 1982 als Zweite ins Ziel auf dem Alii Drive.

Aufgeben! Dieser Gedanke flackert für den Bruchteil einer Sekunde im Kopf von Julie Moss auf. Ihr Körper streikt. Nach 3,8 Kilometern Schwimmen und 180 Kilometern Radfahren führt die 23-Jährige den Ironman Hawaii auf der Marathonstrecke an. Sie beginnt zu wanken, taumelt, stürzt, kämpft sich hoch, geht, läuft, taumelt wieder, stürzt. Mehrfach. Schließlich geben die Beine endgültig nach. Wenige Meter vor dem Ziel. Julie Moss ist am Boden. Aufgeben? Im nächsten Moment ist diese wahnwitzige Idee schon wieder verschwunden. Quitting is not an option. „In mir brannte dieses Feuer, weiterzumachen und einen Weg zu finden“, wird sie später sagen. Die Ziellinie ist in Sichtweite. „Ich habe geglaubt, dass ich noch eine Chance habe.“ Sie fängt an zu krabbeln. Dann nimmt sie im Augen­winkel schemenhaft wahr, wie die weißen Schuhe ihrer Konkurrentin Kathleen McCartney auf den letzten Metern förmlich an ihr vorbei zum Sieg fliegen.

Scheitern wird zum Triumph

„Ich war am Boden zerstört, untröstlich“, erinnert sich Moss in einem Interview mit Ironman. „Der Gedanke, dass mir der Sieg genommen wird, hat mich krank gemacht. Für ungefähr zehn Sekunden – dann hieß es: Komm in Bewegung.“ Julie Moss kriecht über die Ziellinie. Am Ende ihrer Kräfte. Besiegt, aber letztlich auch als Siegerin. Was die heute 64-Jährige in dem Augenblick noch nicht ahnt: Ihr vermeintliches Scheitern wird zum großen ­Triumph. TV-Kameras des Senders ABC tragen die spektakulären Bilder zeitversetzt weltweit in die Wohnzimmer. Werfen wir den chronologischen Ballast einmal über Bord: Der 6. Februar 1982 ist die eigentliche ­Geburtsstunde der globalen Faszination Triathlon und des ­Mythos Ironman Hawaii. Das Leiden der Julie Moss wird zum Symbol für alles, wofür Triathlon im Allgemeinen und der Ironman Hawaii im Speziellen steht: Aufopferungsbereitschaft, Entbehrungen, Schmerz und unbedingter Wille. Kämpfen bis zum Umfallen? Für ­Triathleten wahrlich keine Auszeichnung. Es geht darüber hinaus. Um mehr als Platz eins. Es geht um persön­liche Grenzen. Um ikonische Momente beim Ironman Hawaii.

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Ironman Hawaii wird menschlich

An diesem 6. Februar 1982 erhält der Ironman Hawaii eine grundsätzlich neue Aura. Er wird menschlich. Natürlich hat Triathlon auch vor Julie Moss Menschen fasziniert. Aber die noch junge Sportart wird allgemein darauf reduziert, dass sich ein paar „Verrückte“ auf Hawaii einen unmenschlichen sportlichen Wettkampf liefern. Berichte über diese Überath­leten erscheinen meist mit ­monatelanger Verzögerung. Die Teilnehmer selbst wirken so weit vom alltäglichen Leben entrückt, dass sich kaum ein Normalsterblicher mit ihnen identifizieren kann.

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Anmeldezahlen für Kona explodieren

Mit Moss’ (selbst auferlegtem) Martyrium ändert sich alles. Die Zahl der Triathlons in den USA und außerhalb wächst rasant. Sind die Anmeldezahlen in den Jahren bis 1982 für den Ironman Hawaii im überschaubaren Rahmen gestiegen, explodieren die Anfragen anschließend geradezu. Nun wollen sich Sportler aus der ganzen Welt diesem Abenteuer stellen, während zuvor die Athleten vor allem aus den USA kamen. Die damalige Veranstalterin Valerie Silk wird aufgrund des Zulaufs gezwungen, Qualifikationskriterien einzuführen. Neben Topplatzierungen bei bestimmten Rennen gilt auch eine entsprechende Leistung in einer der drei Teildisziplinen als Eignungsnachweis. Es sind die ersten großen Schritte hin zur heute streitbaren Marke Ironman und der Weltmeisterschaft – samt M-Dot-Logo, das sich Silk bereits zum Event im Februar 1982 entwerfen ließ. Überlieferungen zufolge für 75 US-Dollar.

Aufstieg Konas zum Massenphänomen

Aus dem Sport für ein paar Verrückte wird ein Massenphänomen. Der unerschütterliche Wille von Julie Moss, die Einstellung des Nichtauf­gebens zieht die Menschen in ihren Bann. Nach Ausstrahlung der Fernsehbilder in der Sendung „ABC Wide World of Sports“ melden sich besorgte Anrufer: Hat Julie Moss überlebt? Wie zum Beweis wird die damals 23-Jährige durch ­TV-Shows gereicht, um ihre nahbare Geschichte zu erzählen. Die Geschichte vom Sieg über die eigenen Grenzen. Von dem, was wirklich zählt. Anything is possible. Wenn man nur will. Julie Moss verkörpert damals bereits den Leitspruch der heute modernen Marke Ironman. ­Kathleen McCartney? Spielt in der öffentlichen Wahrnehmung nur die Nebenrolle.

Angeberwissen

Am Boden
Die krabbeln! Aber dürfen die das? ­Klare Antwort: Ja. Was 1982 begann und ikonische Momente beim Ironman Hawaii begründete, hatte in den Folgejahren einige Nachahmer. Mit dem Segen der Regelhüter. In den allgemeinen Wettkampfregeln Ironmans heißt es bis ­heute unter Artikel VI, Laufverhalten, Abschnitt 6.01, Punkt a: Athleten können laufen, gehen oder kriechen („Athletes may run, walk or crawl“).


Am Ziel
Sian Welch sackte 1997 auf der circa 50 Zentimeter breiten Ziellinie zusammen und wurde von Helfern in den Zielbereich gezogen. Gilt das als Finish, oder muss man komplett über die Linie sein? Wer nicht mehr genug Kraft aufbringen kann, um seinen kompletten Körper ins Ziel zu wuchten, sei beruhigt. In den allgemeinen Wettkampfregeln Ironmans heißt es unter Artikel II, Verhalten der Athleten, Abschnitt 2.05, Zieleinlauf, Zeitmessung und Ergebnisse, Punkt a: Ein Athlet gilt als im Ziel, wenn ein Teil seines Oberkörpers eine vertikale Linie überschreitet, die von der Vorderkante der Ziellinie ausgeht („An athlete will be judged as finished the moment any part of his/her torso crosses a vertical line extending from the leading edge of the finish line“).

Normale Sportler stehen über Superhelden

Die Menschen wollen zu dieser Zeit keine Superhelden. Keine Überathleten. Sie wollen normale Sportler sehen. Oder ­tragische Helden. Eine tragische Heldin finden sie in der jungen Studentin, die die Ironman-Teilnahme als Studienprojekt sieht. Ohne Erfahrung. Als großen Traum. In ihr ­sehen sie ihre Tochter, ihre Freundin, ihre Nachbarin. Mit ihr können sie sich identi­fizieren. „Ich wollte damals etwas Neues über mich ­herausfinden, mich heraus­fordern“, so Moss. Die Leute sagen sich: Das kann ich auch. Dieser Sport bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Selbst­wahrnehmung zu ändern, über sich hinauszuwachsen. Mit dem Ironman Hawaii ­fanden die Menschen außerdem dieses (erreich­bare) sportliche Atlantis, das sie nur zu gern selbst einmal entdecken wollen. Ein Mythos ist geboren.

Ikonische Momente beim Ironman Hawaii

Dass es um mehr als Platz eins geht, demonstrieren ähnlich publikumswirksam zwei weitere Athletinnen an gleicher Stelle. War Julie Moss die Erste, die von TV-Kameras eingefangen über die Ziellinie kroch, geht als „The Crawl“ eine andere Szene in die Geschichte des Triathlons ein. Nur Meter vor dem Ziel versagen bei Sian Welch und Verfolgerin Wendy Ingraham 1997 die Beine. Ingraham erkennt als Erste: Hochkämpfen zwecklos. Sie krabbelt auf allen Vieren an Welch vorbei zur Ziellinie und sackt danach zusammen. Sian Welch ist geschlagen, dennoch kämpft sie sich mit letzter Kraft direkt hinter ­Ingraham über die Ziellinie. Im Fokus steht einmal mehr dieses Gefühl, dass man selbst in ausweglosen Situationen alles schaffen kann: Im Duell der beiden ging es um Rang vier.

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Tiefer Fall führt zur Anerkennung

Quitting is not an option. Auch die bis dahin siebenmalige Weltmeisterin und Titelverteidigerin Paula Newby-Fraser zeigt der Welt 1995, wie tief Helden im Triathlon fallen können, ohne ihren Glanz zu verlieren – und stattdessen Anerkennung gewinnen. Gleichzeitig befeuert sie den Mythos Ironman Hawaii als sportliche und menschliche Herausforderung, als sie als Führende auf der Laufstrecke kollabiert. Minutenlang liegt sie am Boden, hat sogar schon die Schuhe ausgezogen. Bezeichnend: Während Umstehende daran zweifeln, dass weitermachen Sinn ergibt, entgegnet Newby-Fraser lediglich: „I have all day.“ Sie hat den ganzen Tag Zeit, dieses Rennen zu beenden. Um nichts anderes geht es. Karen Smyers und Isabelle Mouthon sind bereits im Ziel, als sich Newby-Fraser unter dem Jubel der Zuschauer barfuß auf die letzten Meter in Richtung Ziel macht. Rang drei wird ihr im letzten Moment von Fernanda Keller stibitzt. Und Paula Newby-Fraser? ­Applaudiert der Konkurrentin. Ein Jahr später gewinnt sie ­ihren achten Titel. Es sind ebenfalls ikonische Momente beim Ironman Hawaii.

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Es geht um mehr als den Sieg

Julie Moss selbst hadert lange mit der Situation, es nicht als Erste ins Ziel geschafft zu haben. Sie wäre zu gern die strahlende Siegerin, die Superheldin gewesen. „Es war ein langer Übergang, bis ich diesen Moment wirklich anerkennen und respektieren konnte, was die Leute mir zu vermitteln versuchten: ‚Du hast mich dazu gebracht, von der Couch aufzustehen und einen Ironman zu absolvieren.‘ Mittlerweile weiß ich das zu schätzen. Ich liebe es. Dadurch besitze ich die Chance, all die Unterstützung, die mir zuteilwurde, in gewisser Weise zu würdigen.“ Schließlich ging es von Anfang an um mehr als den Sieg. Um etwas Persönliches. Für jeden Triathleten.

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Bengt Lüdke
Bengt Lüdke
Bengt-Jendrik Lüdke ist Redakteur bei triathlon. Der Sportwissenschaftler volontierte nach seinem Studium bei einem der größten Verlage in Norddeutschland und arbeitete dort vor seinem Wechsel zu spomedis elf Jahre im Sportressort. In seiner Freizeit trifft man ihn in Laufschuhen an der Alster, auf dem Rad an der Elbe – oder sogar manchmal im Schwimmbecken.
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5 Kommentare

  1. Doch Aufgeben ist eine Option. Es zeugt auch von Größe sich einzugestehen, daß man etwas nicht schafft und eine Schwäche hat. Mir fällt es sehr schwer mir diese Bilder anzuschauen. Ich kann da auch nichts heldenhaftes oder inspirierendes erkennen. Nur Menschen die weit, weit über ihre Grenzen gehen. Jeder Mediziner wird Euch sagen, das es ungesund ist. Es ist für mich kein Vorbild, sondern Abschreckung.

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