Rolle rückwärts nach Protest und Gegenprotest. Der dramatische Zieleinlauf zwischen Lena Meißner und Caroline Pohle beim Ironman 70.3 Jönköping ist nach drei Monaten entschieden: Lena Meißner hat das Fotofinish gewonnen. Das haben Ironman und der Verband Swedish Triathlon jetzt bekannt gegeben.
Das Ergebnis steht und ist unumstößlich: Lena Meißner ist rund drei Monate nach dem Ironman 70.3 Jönköping endgültig zur Europameisterin über die Mitteldistanz erklärt worden. „Sie freut sich extrem, dass es endlich eine Entscheidung gibt – und natürlich, dass zu ihren Gunsten entschieden wurde“, sagte ihr Manager Tom Schlegel auf Nachfrage von tri-mag.de. „Es ist ein wichtiger Sieg für sie, der erste auf der Mitteldistanz. Zugleich ist Lena aber auch traurig und enttäuscht, weil sie das Momentum des Erfolgs nicht genießen konnte. Diesen Moment kann man nicht nachholen. Sie ist letztlich einfach happy, dass das Thema durch ist und dass klar ist, dass sie keinen Fehler gemacht hat.“
Behinderung beim Zielsprint?
Ursprünglich war Lena Meißner nach einem packenden Schlusssprint und Fotofinish gegen Caroline Pohle bei dem Rennen am 6. Juli zur Siegerin und damit zur Europameisterin erklärt worden. Doch Caroline Pohle legte unmittelbar nach dem Rennen Protest ein. Sie hatte sich auf den letzten Metern des Sprintduells von Meißner behindert gefühlt. Dem Protest wurde kurzfristig stattgegeben, das Ergebnis zugunsten von Caroline Pohle korrigiert und sie zur Europameisterin erklärt. Meißner wurde auf Rang zwei zurückversetzt.
Komplizierter Gegenprotest
Gemäß Regelwerk stand Meißner und ihrem Team jedoch eine dreitägige Frist für einen weiteren Einspruch zu. Diesen nutzten sie. „Es war für uns das erste Mal, dass so eine Situation aufgetreten ist. Weder Athleten noch Veranstalter möchten ja solch eine Situation. Unser Gegenprotest musste in einer Form erfolgen in Bezug auf Umfang und Formulierungen, dass man das als Athlet selbst gar nicht leisten kann. Wir hatten Glück, dass uns ein Anwaltteam kontaktiert hat – ohne das wären wir nicht weitergekommen“, so Schlegel.
In fünf von fünf Punkten entsprochen
Rund zwei Monate nahmen Befragungen von Offiziellen und Auswertung unterschiedlicher Quellen von Ironman und Swedish Triathlon in Anspruch. Dann folgte die Entscheidung durch den schwedischen Verband: Lena Meißner hat sich regelkonform verhalten und wird zur Ironman-70.3-Europameisterin erklärt. „Unserem Gegenprotest ist in fünf von fünf Punkten entsprochen worden“, erklärte Schlegel. „Unter anderem heißt es, dass der ursprüngliche Protest nicht hätte angenommen werden dürfen, weil Regularien wie Zeit und Form nicht eingehalten wurden. Letztlich wurde festgestellt, dass Lena kein absichtliches Blocking unterstellt werden kann und sie auf ihrer Linie geblieben ist.“ Auf einen erneuten Gegenprotest, für den eine Zwei-Wochen-Frist gegolten habe, hätten Caroline Pohle und ihr Team verzichtet. „Der hätte wahrscheinlich keine Aussicht auf Erfolg gehabt“, so Schlegel.
„Keine einfachen Monate“
Nun würden die Ergebnisse korrigiert und die Preisgelder nach dem neuen Stand ausgeschüttet. Was bleibt, ist dennoch ein Titel mit einem gewissen Beigeschmack. „Für eine Athletin wie Lena ist es super frustrierend, wie alles gelaufen ist“, erklärte Schlegel. „Es waren keine einfachen Monate für Lena und hat sie mehr beschäftigt als gedacht. Sie hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sie wahrgenommen wurde, dass sie Rennen unfair bestreiten würde. Es hat sich für sie alles falsch angefühlt.“
„Das Thema zieht Energie“
Caroline Pohle hatte die Angelegenheit für sich bereits abgeschlossen, wie sie auf Nachfrage von tri-mag.de erklärte. „Eigentlich wollte ich mich zu dem Thema gar nicht mehr äußern und es war für mich gegessen. Ich hatte andere Herausforderungen und es standen andere Wettkämpfe an“, sagte sie. Dass der Gegenprotest gegen die Entscheidung aus ihrem Protest fristgerecht eingereicht worden war, darüber wurde die Leipzigerin informiert. Dennoch empfand sie das erneute Aufrollen des Falls als belastend und energieraubend. Sie wolle ihre Kraft in das Training und kommende Rennen investieren – und sich nicht an Nebenschauplätzen aufreiben.
Recht wahrgenommen
Mit Blick auf den juristischen Verlauf des Protests erklärte sie, dass sie damals vor Ort lediglich ihr Recht wahrgenommen habe, Einspruch einzulegen. Dem wurde vom Kampfgericht zunächst stattgegeben. Dass diese Entscheidung nun Monate später revidiert wurde, habe sie akzeptiert, ohne weitere Schritte einzuleiten. Gleichzeitig sprach sie die Belastungen an, die ihr ursprünglicher Protest nach sich gezogen hatte. Besonders die massiven Reaktionen in den sozialen Medien hätten sie getroffen: Der Shitstorm, der ihr entgegenschlug, habe sie traurig gemacht und ihre Integrität als Sportlerin infrage gestellt.
Wunsch für die Zukunft
Für die Zukunft verbindet Pohle ihre Erfahrungen mit einem Wunsch an die Organisatoren. Sie wünsche sich, dass die Zielbereiche breiter und sicherer gestaltet werden, um ähnliche Vorfälle in engen Zielgassen auszuschließen. „Während eines Zielsprints noch eine Rampe hochzulaufen, ist nicht unbedingt förderlich“, erklärte Pohle. Der historische Zielsprint von Jönköping jedenfalls bleibt nicht nur als eines der engsten Finals der jüngeren Triathlon-Geschichte in Erinnerung, sondern auch als ein Hin und Her am Grünen Tisch.