Das Canyon „Speedmax“ ist über fünf Generationen zum Langdistanzrad schlechthin geworden. Im Rahmen der Challenge Roth wurde nun die brandneue sechste Version vorgestellt und wir haben das Bike, mit dem Sam Laidlow und Rico Bogen zu neuen Rekorden eilten, ausführlich getestet.
Was gibt es Neues? Diese Frage stellten wir dem Canyon-Team in den vergangenen Jahren vor jedem großen Rennen. Denn man konnte fast sicher sein, dass die Topstars eine neue Cockpit-Sonderlösung bekommen hatten, um im Titelkampf noch besser gerüstet zu sein, als mit dem „Speedmax“-Serienmodell. Denn dieses stammte immerhin aus dem Jahr 2020 und die Ansprüche an die Sitzposition haben sich seitdem aufgrund neuer Erkenntnisse hinsichtlich der Aerodynamik teils stark verändert. Mit dem neuen Speedmax sollten die Sonderlösungen ein Ende haben. Das Ziel: Nicht weniger als das Rad mit den größten Verstellbereichen am Markt zu bauen. Für alle Ansprüche und Vorlieben, und das Ganze kinderleicht, ohne zeitfressende Schraubsessions.
Das neue AeroShield
Bislang waren nach unten geschlossene Canyon-Cockpits, die sich als Goldstandard für einen perfekten Luftstrom etabliert haben, nur ausgewählten Profis vorbehalten. Das sollte sich mit dem neuen Speedmax ändern, und die Lösung beinhaltet zwei Varianten. Das jetzt standardmäßige „AeroShield“-Cockpit ist zwar geschlossen, aber die Position der lang gezogenen Armschalen ist dennoch verstellbar. Und das sogar stufenlos. Zwei Grundbreiten decken eine große Range ab (S/M 200–276 Millimeter und L/XL 226–300 Millimeter), in der jeder den für sich perfekten Abstand zwischen den Ellbogen finden kann. Die hochgezogenen Seitenwände helfen, auch enge Positionen kraftsparend und sicher zu halten. Die in der Neigung einstellbaren Griffstücke (bekannt vom Vorgänger) sind auf einer Mono-Extension platziert, die sich in der Länge einstellen lässt. Hier beträgt die Range 70 Millimeter.
Direkter Transfer aus dem Profibereich
An unserem Testrad war das „AeroShield Pro“ verbaut. Dies ist ein direkter Transfer aus dem Profibereich und gleicht in vielen Punkten dem Cockpit, das an Laura Philipps WM-Bike von Nizza für Aufsehen sorgte. Man bekommt die perfekte Position aus einem Guss, aber eben auch nur diese eine. Der Winkel der Einheit lässt sich zwar verstellen (dazu kommen wir noch), aber innerhalb des Cockpits geht (wie bei Custom-Lösungen üblich) nichts mehr. Man sollte seine Bedürfnisse also sehr genau kennen, wenn man sich für das 500-Euro-Upgrade entscheidet. Der Aufpreis mag vielleicht nach viel klingen. Er ist aber im Vergleich dazu, was ein derartiges Cockpit als Tuningteil eines Fremdanbieters kosten würde, geradezu ein Schnäppchen.
Was man neben der beeindruckend festgenagelten Position bekommt, sind laut Canyon eine Ersparnis von rund 300 Gramm und drei Watt bei 45 km/h im Vergleich zum normalen AeroShield. Die Pro-Variante gibt es in insgesamt sieben Ausführungen mit jeweils unterschiedlichen Kombinationen von Länge und Breite, um für alle Anforderungen die passenden Abmessungen zu bieten. Es geht von schmalen 215 Millimetern (erhältliche Längen S, M und L) über die Medium-Version mit 230 Millimetern (S, M) bis zur breiten 245er-Variante (M, L). Gemessen jeweils von Seitenwand zu Seitenwand. Um die richtige Ausführung zu finden, muss man vor der Bestellung die Länge und Dicke der Unterarme ermitteln.
Bestens versorgt mit AeroFuel
Der zweite Bereich der Individualisierung betrifft das Thema Verpflegung. Denn je nach Bedarf und Vorlieben (Drink-Mix, Gels, feste Nahrung) benötigt man unterschiedliche Unterbringungsmöglichkeiten. Zudem hat man über die Jahre erkannt, dass sich durch eine geschickte Platzierung von Boxen und Flaschen die Aerodynamik des gesamten Systems inklusive Fahrer verbessern lässt. Hier setzen die Bausteine des AeroFuel-Prinzips an. Mit modularen Optionen, die am Cockpit, im Rahmen und hinter dem Sattel eingesetzt werden können, kann man die Wechselzone mit mehr als 3,5 Litern Flüssigkeit verlassen, ohne der Aerodynamik zu schaden und die Regeln zu verletzen.
Die Lücke zwischen den Armen schließen verschiedene Aero-Module, die werkzeuglos per Klickmechanismus platziert und kombiniert werden können. Es gibt zwei verschieden große Boxen (zum Beispiel für Gels und/oder Riegel) sowie ein alternatives Trinksystem mit 650 Millilitern Volumen, das in dieselbe Aufnahme passt. Dahinter kann die optionale „BTC-Beam“-Sektion montiert werden. Sie nimmt eine Radflasche auf, die per Gummi gehalten wird. Darunter lassen sich hinter zwei flexiblen Lippen zwei bis drei Gels unterbringen. Achtung: Bei der Flasche gilt es, die Länge zu beachten. Durch die jüngsten Regeländerungen sind etwa Literflaschen zu lang, und auch manche 750er-Modelle ragen über das erlaubte Maß.
Kombinieren lassen sich die Cockpit-Möglichkeiten, die je nach Radmodell teilweise im Kaufpreis enthalten sind oder als Upgrade erworben werden können, mit einer Trinkblase, die sich im Rahmen versteckt und über eine Öffnung im Oberrohr (auch während der Fahrt) füllen lässt. Hier hat Canyon das Handling im Vergleich zum Vorgänger stark verbessert. Die Blase fasst (je nach Rahmengröße) zwischen 650 und 850 Millilitern.
Vorteil gegenüber „nackter“ Lösung
Natürlich darf die Platzierungsmöglichkeit hinter dem Sattel nicht ungenutzt bleiben. Neben der Standardstütze gibt es jetzt die „Splitter Plate Pro“ als Tuningmöglichkeit für 250 Euro Aufpreis. Bei den „CFR“-Topmodellen ist sie inklusive. Durch die Finne (die ein laminiertes Teil der Stütze ist) und den horizontalen Flaschenhalteradapter können ein oder zwei Flaschen regelkonform direkt hinter dem Gesäß platziert werden, wo sie einen Aero-Vorteil gegenüber einer „nackten“ Lösung haben. Wie an der Front wird laut Canyon auch hier in der Serie eine Gummisicherung installiert sein.
Flexibel dank AeroFit
Zu den oben beschriebenen Einstellmöglichkeiten des AeroShields kommen die Optionen der Cockpitstütze, die wie eine Sattelstütze im Steuerrohr funktioniert. Mit ihr lassen sich Stack, Reach und Winkel extrem einfach und millimetergenau einstellen. So sind auch extreme Positionen bis zum Rande des Erlaubten möglich. Und mit drei verschiedenen Optionen lässt sich der anvisierte Bereich bereits bei der Konfiguration eingrenzen, damit nicht die Säge bemüht werden muss. Für den perfekten Winkel gibt es ebenfalls Optionen: Die Klemmungen der Cockpitstützen haben einen stufenlos verstellbaren Bereich zwischen 0 und 20 Grad. Die Standardstütze beginnt bei „eingebauten“ 10 Grad (demnach liegt der mögliche Winkel zwischen 10 und 30 Grad). Die Pro-Versionen beginnen bei 20 Grad und ermöglichen so bis zu 40 Grad Anstellung.
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