Beim Ironman Switzerland Thun kämpfen die Frauen um Sieg und Hawaii-Slots. Imogen Simmonds und Julie Derron führen das Heimrennen als Favoritinnen an. Auch sechs deutsche Athletinnen sind dabei.

Der Ironman Switzerland gehört zu den traditionsreichsten Langdistanzrennen Europas. Seit 1997 ist das Rennen fester Bestandteil des internationalen Kalenders. Bis 2019 wurde es in Zürich ausgetragen, seit 2021 ist Thun im Kanton Bern die Bühne. Am Sonntag steht die nächste Auflage an, und diesmal gehört das Profirennen wieder den Frauen.
Zuletzt war das Rennen in Thun 2022 ein Profistopp für die Frauen. Damals gewann Daniela Ryf und schrieb ein weiteres Kapitel Schweizer Triathlongeschichte. Im vergangenen Jahr stand dagegen ausschließlich das Männerfeld im Mittelpunkt. Leonard Arnold feierte dabei einen deutschen Sieg und stellte einen neuen Streckenrekord auf, Frederic Funk wurde Dritter.
In diesem Jahr richtet sich der Blick auf ein Frauenfeld mit 24 Athletinnen. Der Start der Profis erfolgt am Sonntag um 6:30 Uhr, fünf Minuten später gehen die Agegrouper ins Rennen. Für die Profiathletinnen geht es dabei nicht nur um den Sieg in einem der landschaftlich eindrucksvollsten Rennen des Kalenders, sondern auch um zwei begehrte Qualifikationsplätze für die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii.
Julie Derron als große Favoritin
Die größte Favoritin kommt aus der Schweiz. Julie Derron dürfte auf heimischem Boden die Athletin sein, an der sich die Konkurrenz orientieren muss. Für die Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Paris 2024 hat das Rennen eine besondere sportliche Bedeutung: Sie benötigt noch einen Qualifikationsplatz für Hawaii. Gelingt ihr das in Thun, könnte sie ihre Schwester Nina Derron nach Big Island begleiten.
Für Derron ist der Ironman Switzerland damit mehr als ein Heimrennen. Es ist die Chance, vor Schweizer Publikum den nächsten Schritt auf der Langdistanz zu machen und gleichzeitig das Ticket für die Weltmeisterschaft zu lösen. Ihre letzte Langdistanz in Vitoria-Gasteiz, Spanien, konnte die 29-jährige für sich entscheiden, die Weltmeisterschaft auf Hawaii musste sie anschließend verletzungsbedingt absagen. Ihre Stärke liegt in ihrer Ausgewogenheit. Derron bringt die Schnelligkeit der Kurzdistanz mit, hat auf längeren Distanzen bereits gezeigt, dass sie taktisch klug und kontrolliert Rennen gestalten kann. In Thun wird es darauf ankommen, wie gut sie die anspruchsvolle Radstrecke in den Schweizer Alpen dosiert und ob sie ihre Laufstärke erneut über die Marathondistanz ausspielen kann. In Spanien lief sie 2:51:30 Stunden für die 42,195 Kilometer.
Imogen Simmonds zurück auf der Langdistanz
Neben Derron steht mit Imogen Simmonds eine weitere Schweizerin im Fokus. Auch sie möchte den Sprung nach Hawaii schaffen. Für Simmonds ist Thun zugleich eine Rückkehr auf die Langdistanz. Ihr letzter Start über die volle Ironman-Distanz liegt bereits einige Jahre zurück. Im November 2021 wurde sie beim Ironman Südafrika Fünfte.
Seitdem ist viel passiert. Simmonds spricht offen davon, dass sie heute eine andere Person sei als damals. Hinter ihr liegen schwierige Jahre mit einer Hüftoperation nach einem Labrumriss, gesundheitlichen Problemen und einem öffentlichen juristischen Kampf, um nach einem Kontaminationsfall ihre Unschuld zu beweisen. Dennoch hat sie ihren Zugang zum Sport neu gefunden.
„Es ist ein paar Jahre her seit meiner letzten Langdistanz, und ich fühle mich wie ein ganz anderer Mensch als damals“, erklärt Simmonds. Sie habe viel durchgemacht, aber auch enorm viel gelernt. Vor allem habe sie eine neue Liebe zum Sport entwickelt, ihr Warum wiederentdeckt und erfahren, welche Menschen wirklich zu ihr stehen. In Thun wolle sie zeigen, welche Arbeit sie und ihr Team investiert haben. Unabhängig vom Ergebnis werde sie alles geben.
Gerade diese Ausgangslage macht Simmonds zu einer spannenden Starterin. Sie bringt Erfahrung, internationale Klasse und die Motivation mit, nach schwierigen Jahren wieder anzugreifen. Die Frage wird sein, wie gut sie die Langdistanz nach der langen Pause in ein konstantes Rennen übersetzen kann. Die Ergebnisse aus dieser Saison sprechen auf jeden Fall für die 33-Jährige. Bei den Gold Coast T100 belegte sie den dritten Platz, ehe Platz zwei beim Ironman 70.3 Aix-en-Provence hinter Marjolaine Pierré und vor Laura Philipp folgte. Beim letzten Rennen dieser Saison, den Spain T100, wurde sie Siebte.
Sechs deutsche Athletinnen mit Ambitionen
Auch aus deutscher Sicht bietet das Rennen in Thun reichlich Spannung. Insgesamt sechs deutsche Profiathletinnen stehen auf der Meldeliste und wollen in den Kampf um die vorderen Plätze eingreifen. Angeführt wird das Aufgebot von Merle Brunnée und Jana Uderstadt, die beide zu den Athletinnen gehören, denen auf einem selektiven Kurs einiges zuzutrauen ist.
Dahinter greifen Lisa Gerss und Marit Lindemann ins Renngeschehen ein. Beide können in einem Rennen, das durch die Streckencharakteristik und mögliche Renndynamik viele Verschiebungen zulässt, eine wichtige Rolle spielen. Komplettiert wird das deutsche Feld durch Kristina Grieger und Stephanie Wunderle. Für sie alle gilt: Bei zwei zu vergebenden Hawaii-Slots reicht ein kontrolliertes Rennen allein möglicherweise nicht aus. Wer das Ticket lösen will, muss entweder früh in Schlagdistanz bleiben oder auf dem Marathon entscheidend zulegen.
Gerade auf der Langdistanz kann Thun zu einem Rennen werden, in dem Geduld belohnt wird. Die Radstrecke ist zu anspruchsvoll, um zu früh zu überziehen. Gleichzeitig ist sie schwer genug, um schon vor dem abschließenden Marathon große Abstände entstehen zu lassen.
Ein Kurs, der keine Schwächen verzeiht
Der Ironman Switzerland Thun beginnt mit 3,8 Kilometern Schwimmen im Thunersee. Das klare Wasser und die eindrucksvolle Kulisse sorgen für einen besonderen Auftakt, doch schon hier wird sich zeigen, welche Athletinnen früh Anschluss an die Spitze finden. Gerade bei einem reinen Frauenrennen kann die Gruppendynamik auf dem Rad eine große Rolle spielen. Wer nach dem Schwimmen isoliert ist, muss auf der anspruchsvollen Strecke deutlich mehr investieren. Derron und Simmonds werden hier vorn dabei sein.
Die 180,2 Kilometer auf dem Rad führen durch das Berner Oberland und verlangen den Athletinnen alles ab. Steile Anstiege, wellige Abschnitte und schnelle Passagen wechseln sich ab. Die Strecke ist landschaftlich spektakulär, sportlich aber kompromisslos. Der abschließende Marathon führt über 42,2 Kilometer durch Thun, über Brücken, entlang der Wasserläufe und durch die Straßen der Stadt. Die Laufstrecke verbindet urbane Abschnitte mit der besonderen Atmosphäre am See.










