Zurück zu den Wurzeln: Das Projekt „Around Europe“ der beiden Extremsportler ist mehr Abenteuer als Event. Der Startschuss fällt morgen in München. Dann geht es vier Monate die Grenzen Kontinentaleuropas entlang. Krisengebiete umfahren die beiden bewusst.
Die Vorbereitung ist vorbei. Es wird ernst. Wenn Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski am morgigen Samstag ihr Projekt „Around Europe“ starten, liegen 24.000 Radkilometer mit insgesamt 250.000 Höhenmetern vor ihnen. Allerdings nicht auf glattem Asphalt, über den man gewissermaßen die Straßen entlangfliegen kann. Es geht die Grenzregionen von 27 Ländern Kontinentaleuropas im Hinterland entlang. Teilweise auf Schotterpisten, über tiefen Waldboden, durch Schlammlandschaften. Eine Herausforderung für Mensch und Material. „Ich freue mich darauf, dass es endlich losgeht“, betont Jonas Deichmann trotzdem in seiner für ihn typischen Haltung. Grenzerfahrungen bedeuten für den Extremsportler pure Motivation. „Es wird ein echtes Abenteuer.“
Rückkehr zu den Wurzeln
Damit trifft Deichmann den Kern des Projekts. Nach der „Challenge 120“ ist „Around Europe“ eine Rückkehr zu den Wurzeln. Weniger Event – und eben mehr Abenteuer. 24.000 Kilometer, komplett unsupported. Los geht es in München. Dass Deichmann und Rutkowski den genauen Ort und die Uhrzeit für den Auftakt für sich behalten, hat einen Grund. So gern die beiden von anderen Teilnehmern begleitet werden, so sehr müssen sie auf die Sicherheit achten. „Wenn es zu viele Begleiter werden, die vielleicht noch in einer großen Gruppe fahren, können wir das nicht mehr kontrollieren. Es ist ja keine offizielle Veranstaltung.“ Deichmann spricht aus Erfahrung. Im Rahmen seiner Serie „Langdistanz mit Freunden“ war die Resonanz mit bis zu 300 Mitstreitern teilweise überwältigend groß.
6.000 bergige Kilometer
Zunächst wird es über die Alpen Richtung Italien ins hügelige Hinterland der Adriaküste gehen. „Die ersten Wochen haben wir täglich rund 3.000 Höhenmeter zu bewältigen“, skizziert Jonas Deichmann die Eckdaten. Über die Toskana führt die Strecke die beiden Abenteurer nach Nizza, Girona. Rund dreieinhalb Wochen planen Deichmann und Rutkowski für die Strecke bis nach Portugal ein. Von dort durchfahren sie Galizien. „Die ersten 6.000 Kilometer werden überwiegend durch Gebirge führen. Das ändert sich erst, wenn wir zum zweiten Mal über die Pyrenäen kommen. Dann liegen 4.000 flache Kilometer durch Nordfrankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Dänemark vor uns. Das wird schnell und wir schaffen sicherlich deutlich über 200 Kilometer am Tag.“
„Wildester Teil“ durch Finnland
Ab Juli ruft Norwegen. „Darauf freue ich mich besonders. Das wird schön und anspruchsvoll zugleich“, so Deichmann. Von sommerlich warm bis nass und winterlich kühl darf er in dieser Region zu der Jahreszeit alles erwarten. Über das Nordkap schlägt das Duo dann den Weg Richtung Finnland ein, wo der „wildeste Teil“ der Route über kleine, einsame Schotterwege in welligem Terrain wartet. Im Baltikum und Osteuropa wartet teilweise täglich ein neues Land auf die beiden. Über Griechenland und den Balkan geht es dann zurück nach München. Die geopolitische Lage hat beide zu der Entscheidung kommen lassen, den Weg durch die Ukraine auszulassen. „Wir machen keinen offiziellen Weltrekord. Irgendwo müssen wir eine Grenze ziehen, daher befinden sich auch nicht Großbritannien, Zypern oder Malta auf unserer Route.“
Zwischen Zelt und interessanten Begegnungen
Rutkowski und Deichmann werden auf ihrer Tour vornehmlich in Zelten übernachten. Einen konkreten Plan haben sie allerdings nicht. „Wir werden immer schauen, wo wir abends rauskommen und schon ein schönes Plätzchen finden“, so Deichmann. Auf seinen vorherigen Abenteuern kam es regelmäßig zu interessanten Begegnungen, die teilweise Übernachtungsmöglichkeiten unter festen Dächern boten – auch dieser Option stehen die Extremsportler erneut aufgeschlossen gegenüber.
Training ohne Coach
Um das Projekt gut vorbereitet anzugehen, verbrachten Deichmann und Rutkowski mehrere Wochen auf Mallorca. Viele Radkilometer, Yoga, Lauf- und Krafttraining standen auf dem Programm. „Wir haben uns etwas breiter aufgestellt und nicht zu sehr radspezifisch trainiert“, erklärt Deichmann. Einen Coach hatten die beiden nicht. „Ich habe extrem viel Erfahrung und weiß, was mir guttut und wie ich in Form komme für so ein Projekt. Wir haben 90 Prozent der Einheiten zusammen absolviert.“
Viel Abenteuererfahrung trifft auf sportliche Meriten
Während Jonas Deichmann auf seine Erfahrungen aus vorherigen Weltrekordprojekten über verschiedene Kontinente zurückgreifen kann, ist „Around Europe“ für Josefine Rutkowski das wohl größte Abenteuer ihrer Karriere. Bislang hat die Thüringerin im Triathlon Erfahrungen gesammelt, war unter anderem als Agegrouperin auf der Langdistanz deutsche Meisterin, Zweite bei der Ironman-Europameisterschaft und hat mehrfach am Ironman Hawaii teilgenommen. Insgesamt hat Josefine Rutkowski bislang 40 Langdistanzen absolviert. Davon neunmal die 226 Kilometer im Rahmen ihres Weltrekordversuchs „Challenge 60“, den sie an Tag zehn aufgrund einer Verletzung abbrechen musste. Kennengelernt haben sich die beiden während Deichmanns Weltrekordprojekt „Challenge 120“ in Roth, bei dem er 120 Langdistanzen in 120 Tagen absolvierte.
Hoher Materialverschleiß
Beide gehen das gemeinsame Abenteuer „Around Europe“ gut gerüstet an. Apropos: Die Ausrüstung wird ebenfalls ordentlich gefordert. Schotter, Steine, Regen, Schlamm – das dürfte für einen signifikanten Verschleiß verschiedenster Teile sorgen. Beide rechnen damit, dass sie unter anderem zehn Reifen und sieben Ketten pro Person benötigen. 180 Kilometer täglich auf Gravelrouten mit entsprechenden Höhenmetern bedeuten eben eine höhere Belastung für das Material als 180 Kilometer auf Asphalt.