Erste Hilfe statt Bestzeiten: Fair-Play-Preis für Triathletin Tabea Frohn

Tabea Frohn unterbricht ihr Rennen, um einer bewusstlosen Athletin zu helfen, während andere Teilnehmer bei der Mitteldistanz achtlos vorbeilaufen. Für ihren Einsatz wird die 26-Jährige jetzt mit dem Fair-Play-Preis des Deutschen Sports ausgezeichnet.

Privat Bestzeiten sind nicht alles: Tabea Frohn beim Wettkampf in Ingolstadt. Bei anderen Events hat sie ihr Rennen unterbrochen, um Athelten zu helfen.

Als Tabea Frohn die Athletin im Graben liegend entdeckt, denkt sie nicht lange nach. Sie muss helfen. „Ich habe gesehen, dass es eine Freundin von mir ist, bewusstlos, voller Erde im Gesicht“, erzählt die 26-Jährige. Sie bleibt zusammen mit einem Helfer des Veranstalters an der Seite ihrer Freundin, bis der Rettungswagen eintrifft und sie in die Klinik fährt. Andere Athleten laufen schon vorher achtlos vorbei. Zuschauer, die gegebenenfalls hätten helfen können, waren auf dem Streckenabschnitt nicht erlaubt. „Für mich war in diesem Moment der Wettkampf nur noch zweitrangig“, betont Tabea Frohn, die an diesem 22. Juni 2025 beim Triathlon Cup in Landshut über die Mitteldistanz schließlich als Vorletzte ihrer Altersklasse über die Ziellinie läuft. Für ihr Engagement wird sie nun mit dem Fair-Play-Preis des Deutschen Sports 2025 ausgezeichnet. Die Ehrung findet am 11. Juni 2026 in Wiesbaden statt.

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„Selbstverständlich, dass ich helfe“

„Für mich war es selbstverständlich, dass ich helfe“, sagt die Kinderkrankenschwester einer Intensivstation. „Es bedeutet mir zugleich unfassbar viel, den Preis entgegennehmen zu dürfen. Ich möchte damit auch über Erste Hilfe aufklären und Mut machen, Verantwortung zu übernehmen.“ Tabea Frohn betont: „Dieser Preis gehört nicht nur mir. Er gehört all den Menschen im Sport, die hinschauen, statt wegzusehen. Die stehen bleiben, wenn jemand Hilfe braucht. Und denen, die zeigen, dass Fair Play mehr ist als ein Wort, dass Sport eine große Gemeinschaft ist. Es ist ein Ort des Respekts, der Gemeinschaft und der Menschlichkeit. Ohne die Unterstützung meiner Familie, Freunde und meines Trainers dürfte ich diese Erfahrung nicht machen. Es ist mir eine große Ehre.“

Privat Spaß und Freude: Darum geht es Tabea Frohn, wenn sie in den Wettkampf startet.

Prof. Dr. Manfred Lämmer, Vorsitzender der Jury und Vorstandsmitglied der Deutschen Olympischen Akademie (DOA), sagte über Frohns Engagement: „Diese Geste ist gleichermaßen fair und menschlich. Sie erinnert uns auch an den letztjährigen Hauptpreisträger Noah Steinert, der bei einem Grundschulwettbewerb einem verletzten Freund zur Seite stand. Dass – wie sich im Nachhinein herausstellte – die betroffene Athletin im Wettkampf einen Herzinfarkt erlitt, macht das Handeln von Tabea Frohn umso wertvoller.“

Der Freundin geht es wieder besser

Die Diagnose lautete nach Angaben von Tabea Frohn „Hinterwandinfarkt“. Eine ernste, potenziell lebensbedrohliche Situation. Die gute und erlösende Nachricht: der betroffenen Athletin gehe es inzwischen wieder besser. „Sie hat sich ärztlich untersuchen lassen und das Go bekommen, wieder Sport treiben zu dürfen“, berichtet Tabea Frohn. 

Für beide das Rennen beendet

An besagtem 22. Juni war die Situation ungewiss. Nachdem der Rettungswagen abgefahren war, lief Frohn zu Familienmitgliedern, die sich an der Laufstrecke befanden. „Ich war extrem aufgelöst und habe viel geweint.“ Sie war sich nicht sicher, ob sie das Rennen beenden soll, entschloss sich aber nach Besprechung mit ihrer Familie dazu. „Ich wusste, dass sie in guten Händen ist, und hätte ja ohnehin nichts mehr tun können.“ Mehr noch: Die Freundin ist eine Vereins- und Trainingskollegin vom SC53 Landshut. Daher reifte der Entschluss: „Weil sie ebenfalls für Triathlon brennt, habe ich das für uns beide getan, auch wenn ich das Rennen nicht mit Freude zu Ende gebracht habe. Ich brauchte das, um runterzukommen und das zu verarbeiten. Und ich war mir sicher, meine Familie würde mich rausholen, wenn es Neuigkeiten gegeben hätte.“

Dabei hätte es auf andere Weise eine besondere Veranstaltung werden sollen. Frohns erste Mitteldistanz überhaupt. Die sollte vor allem eines bringen: Spaß. „Es war mein erstes Saisonhighlight. Ich war sehr nervös, es war ein superwarmer Tag mit 32 Grad Celsius, aber es lief perfekt.“ Bis zu dem besagten Zeitpunkt. Dann wurde es später als geplant. Nach 5:57:28 Stunden kam Tabea Frohn ins Ziel. Nach einer kurzen Dusche habe sie sich sofort ihr Rad geschnappt und sei in die Klinik gefahren. Dort durfte sie aufatmen. „Es ging ihr soweit ganz gut, sie wurde überwacht, war ansprechbar und stabil.“ Und wieder auf dem Wege der Besserung.

Noch ein Rettungseinsatz

Tabea Frohn, die 2020 über ihre langdistanzaffine Mutter zum Triathlon gekommen ist, absolvierte anschließend noch zwei Mitteldistanzen – und durfte doch noch das Gefühl von Freude und Unbeschwertheit beim Zieleinlauf erleben.

Privat Medizinischer Background: Als Kinderkrankenschwester wusste Tabea Frohn genau, was zu tun war, um erste Hilfe zu leisten.

Das Erlebnis beim Wettkampf in Landshut war übrigens nicht ihr einziger Rettungseinsatz bei einer Sportveranstaltung, bei der sie eigentlich als Athletin am Start war. Beim Dreikönigslauf im Münchner Olympiapark über 15 Kilometer habe sie einige Monate später bei einem anderen Teilnehmer erste Hilfe leisten müssen, der zusammengebrochen war. Bis die Rettungskräfte eintrafen, habe Frohn den Athleten minutenlang reanimiert, natürlich ohne einen Gedanken an ihr eigenes Rennen zu verschwenden.

Preisverleihung am 11. Juni in Wiesbaden

Am 11. Juni wird Tabea Frohn die Auszeichnung in Wiesbaden beim 12. Biebericher Schlossgespräch erhalten, einer Reihe zu gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Aspekten des organisierten Sports. Ausrichter sind die Deutsche Olympische Akademie und das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege. Vergeben wird der Preis vom Deutschen Olympischen Sportbund und dem Verband Deutscher Sportjournalisten. Neben der Triathletin wird ebenfalls Handball-Nationalspieler Julian Köster ausgezeichnet. Er erhält einen Sonderpreis für sein Engagement als Botschafter für Special Olympics Deutschland. 

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Bengt Lüdke
Bengt Lüdke
Bengt-Jendrik Lüdke ist Redakteur bei triathlon. Der Sportwissenschaftler volontierte nach seinem Studium bei einem der größten Verlage in Norddeutschland und arbeitete dort vor seinem Wechsel zu spomedis elf Jahre im Sportressort. In seiner Freizeit trifft man ihn in Laufschuhen an der Alster, auf dem Rad an der Elbe – oder sogar manchmal im Schwimmbecken.

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