Ein Hawaii-Orakel mit erstaunlicher Trefferquote, 310.000 Zuschauer in Hamburg, ein Junioren-Weltmeister namens Alistair Brownlee und ein Xterra-Champion, der sich am liebsten in den Wald gesetzt und geheult hätte – sein Name: Sebastian Kienle. Das war die Ausgabe 50 (Oktober 2006) der triathlon. Eine neue Ausgabe unserer Retro-Serie – 20 Jahre später mit einem Schmunzeln im Gesicht und dem Wissen von heute.
Die triathlon 50 trug ihre Jubiläumszahl groß auf dem Cover – und verlor im ganzen Heft kein einziges Wort darüber. Keine Festschrift, keine Rückblicksstrecke, kein Konfetti: Es gab schließlich Wichtigeres, nämlich Saisonhöhepunkte im Wochentakt. Das Editorial schwärmte stattdessen von der WM in Lausanne, wo 1.500 Altersklassenathleten aus 61 Ländern die deutsche Delegation „zwischen den Agegroup-Schwadronen aus den USA, Großbritannien, Australien und Neuseeland“ fast untergehen ließen: „Es wird gelacht, getanzt, gefeiert – und gewonnen. Eine einwöchige Triathlonparty, beneidenswert!“ Man spürt förmlich, wie hier ein Gedanke reifte – ein Jahr vor der Heim-WM in Hamburg.
Das Orakel von Ausgabe 50
Vor dem Ironman Hawaii am 21. Oktober 2006 bat das Heft die Szene um Prognosen – und selten lag ein Expertenpanel so goldrichtig. Streckensprecher Mike Reilly tippte: „Normann Stadler, Faris Al-Sultan und Cameron Brown. Michelle Jones vor Natascha Badmann.“ Sechs Wochen später gewannen: Normann Stadler, mit Streckenrekord. Und Michellie Jones. Chapeau, Mister Reilly. Nicht ganz so treffsicher: „Bei den Frauen sehe ich keine, die Natascha Badmann schlagen könnte.“ Und Roy Fischer nannte als deutsche Podiumskandidaten sicherheitshalber gleich neun Namen – wer breit streut, gewinnt öfter. Die schönste Pointe lieferte aber Michellie Jones selbst, die in den „Sieben Fragen“ ihre Hawaii-Niederlage von 2005 einordnete: „Manchmal ist es besser, nicht beim ersten Versuch zu gewinnen, denn aus Siegen lernt man meistens nicht viel.“ Wenige Wochen nach Erscheinen des Hefts hatte sie ausgelernt.
Hamburg: 310.000 Zuschauer und 140 fehlende Meter
Der Hamburg City Man, „der größte Triathlon der Welt“, lieferte die Generalprobe für die WM 2007: 160 Elite-Athleten, rund 6.400 Jedermänner, 310.000 Zuschauer. Es siegte der 23-jährige Javier Gomez, Vanessa Fernandes holte ihren elften Weltcupsieg in Folge – obwohl sie „an einer Boje hängen geblieben“ war und sich „fast den Finger gebrochen“ hatte. Joelle Franzmann fasste die Kulisse in einen unvergesslichen Satz: „Es ist sensationell, wenn man merkt, dass einem die Menschen auf den Kopf spucken könnten.“ Einziger Schönheitsfehler: Die Laufstrecke war pro Runde 35 Meter zu kurz, macht 140 Meter auf die Gesamtdistanz. Die Jedermann-Berichte gerieten zur Sittengeschichte des Sports: Eine Starterin geriet „beim Schwimmen in eine Prügelei“, kurz danach kniff ihr eine Konkurrentin in den Po, und über die Radstrecke auf der Reeperbahn hieß es: „Aus den Restaurants roch es nach gebratenem Fleisch, das ist um 10 Uhr morgens auf dem Rad nicht so angenehm.“
Lausanne: Die Zukunft im Kleingedruckten
Bei der WM in Lausanne wurde Tim Don Weltmeister, Emma Snowsill entschied den „Showdown der Außerirdischen“ gegen Vanessa Fernandes für sich, und Daniel Unger lief „buchstäblich in letzter Minute“ auf Rang acht und erfüllte damit die Top-Ten-Vorgabe des Sportdirektors. Aus heutiger Sicht wirkt das wie eine Generalprobe: Ein Jahr später wurde Unger Weltmeister – ausgerechnet in Hamburg. Jan Frodeno enttäuschte als 30. und übte sich in Ursachenforschung: „Ich bin vor drei Wochen aus meinem ersten Höhentraining zurückgekehrt […] es lief gar nichts zusammen.“ Höhentraining: schwierige Sache, aber er sollte den Dreh noch herausbekommen. Der eigentliche Schatz des Berichts liegt in den Nachwuchslisten: Junioren-Weltmeister wurde ein gewisser Alistair Brownlee, bei den Juniorinnen stand eine junge Bermuderin namens Flora Duffy auf Platz zwei und eine Schweizerin namens Daniela Ryf auf Platz acht. Macht zusammen drei spätere Olympiasiege und fünf Ironman-WM-Titel – ordentlich sortiert im Kleingedruckten der Ausgabe 50.
Kiel: Meister ohne Sekt
Das Bundesliga-Finale in Kiel geriet zum Lehrstück über Rennpech: Das ASICS Team Witten verlor erst seinen Briten Stuart Hayes, der nach den vereitelten Anschlagsplänen in London samt beschlagnahmtem Radkoffer festsaß, dann riss Nils Hofeditz in der letzten Radrunde die Kette. Titelverteidiger Hansgrohe Schwarzwald wurde erneut Meister – so überraschend, „dass man gar keinen Sekt in den hohen Norden mitgenommen hatte“. Wittens Sportlicher Leiter bilanzierte trocken: „Das war für uns ein Seuchenjahr.“ In Kiel endete auch eine Ära: „Triathlon-Urgestein“ Ralf Eggert trat ab, mit einer Begründung, die jeder Langdistanzler versteht: „Ich fahre einfach lieber 100 Kilometer richtig Rad als 180 rumzueiern.“ Und dem zeitlos gültigen Satz: „Man kann ja nicht ewig Profi sein.“
Kulmbach: Ein Australier folgt dem Mönchsfoto
Die Mitteldistanz-DM beim Mönchshof-Triathlon in Kulmbach, der „heimlichen Hauptstadt des Bieres“, gewann ein junger Australier namens Pete Jacobs – und seine Anreisebegründung gehört in jedes Lehrbuch für Sportmarketing: „Ich sah das Siegerfoto vom Vorjahr mit den beiden Mönchen in einer Sportzeitung und sagte mir, da will ich auch hin.“ Sechs Jahre später gewann derselbe Mann den Ironman Hawaii; ob er dort die Mönche vermisste, ist nicht überliefert. Deutscher Meister wurde Überraschungsmann Enrico Knobloch, Ex-Radprofi aus Gera, mit fränkischer Nüchternheit: „Wenn es so kalt ist wie heute, dann läuft es.“
Titisee: Kienle will in den Wald
Beim Xterra-Titelkampf am Titisee verteidigte Sebastian Kienle seinen DM-Titel – und lieferte im Ziel zwei Sätze für das Poesiealbum des deutschen Triathlons: „Obwohl ich in Führung lag, hätte ich mich zum Schluss am liebsten in den Wald gesetzt und nur noch geheult.“ Sowie: „Ich werde mich jetzt ins Bett legen und warten bis der Winter kommt.“ Acht Jahre vor seinem Hawaii-Sieg übte der Mann bereits die große Kunst, Leiden in Literatur zu verwandeln. Krimi am Rande: Lokalmatador Andi Böcherer kam als Erster aus dem Wasser und fand sein Rad mit zwei platten Reifen vor – sein Trainer „deutete vorsichtig den Verdacht der Sabotage an“. Offroad eben. Da draußen ist man auf alles gefasst.
Tiefer gelegt: Die Laufschuh-Ketzerei
Der große Laufschuh-Artikel „Tiefer gelegt“ rechnete mit den Dämpfungssystemen ab: Sie hätten „den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben“ – weniger Knieprobleme, dafür mehr Achillessehnenärger, denn hohe Absätze verkürzen die Wade: „Dieses Problem ist vor allem durch das Tragen von Highheels bekannt.“ Die Forderung: flache, schmale Schuhe, starke Füße, Barfußlaufen auf dem Fußballrasen. Die Geschichte gab dem Heft zunächst recht – der Natural-Running-Boom kam. Und dann kam die Realität von heute: Carbonplatten unter 40-Millimeter-Sohlen. Der Beelzebub hat gewonnen – und läuft heute auf Hawaii Marathonzeiten, von denen man 2006 nicht einmal träumte. Aus derselben Rubrik stammt übrigens der Achillessehnen-Tipp des Jahres: eine „drei Mal am Tag für 15 Minuten durchgeführte Massage mit einer mittelweichen Zahnbürste“. Man hatte Zeit, 2006.
Eurobike: Projekt 0.05 und das Flair von sieben Toursiegen
Auf der Eurobike zeigte Canyon das „Projekt 0.05“ – benannt nach dem angestrebten cw-Wert, mit in Gabel und Streben versteckten Bremsen und Trinkblase im Lenker. Das Heft notierte skeptisch: „Ob es jemals in Serie gehen wird, ist offen.“ Zwanzig Jahre später sind versteckte Bremsen und integrierte Trinksysteme Standard – manchmal ist die Messe-Spinnerei von damals einfach nur zu früh dran. SRAM wagte sich derweil „erstmals“ mit Rennradgruppen gegen Shimano und Campagnolo – auch diese Wette ging bekanntlich auf. Und der Fahrbericht zum Trek Equinox TTX (7.999 Euro) versprach in schönstem 2006er-Marketingdeutsch: „Das Flair von sieben Tour-de-France-Siegen gibt es gleich dazu.“ Drei Monate nach dem Fall Landis las sich das schon damals etwas speziell. Bodenständiger war da Nina Eggert, die zum neuen Stevens nur anmerkte: „Ich würde die schwarze Variante bevorzugen, da muss ich weniger putzen.“
Chickpea Pie, Jammerlappen und ein Projekt namens 8:29
Der Serviceteil kochte diesmal bei Natascha Badmann: Ihr „Chickpea Pie“, zubereitet von Partner und Trainer Toni Hasler, enthielt neben Kichererbsen auch 100 Milliliter Weißwein – verzehrt „nach einer sechsstündigen Drei-Pässe-Trainingsfahrt“. Fünffache Hawaii-Siegerinnen dürfen das. In der Anzeigenwelt fragte ein erschöpfter Leser im Advertorial ernsthaft: „oder bin ich nur ein Jammerlappen?“ – die empfohlene Lösung war selbstverständlich ein „hormonfreier Stoffwechselaktivator“ mit Kieselerde und Johanniskraut. Der Surf-Tipp der Redaktion empfahl „www.slowtwich.com“ – Tippfehler im Original, das Internet war eben noch Neuland. Und in den Kleinanzeigen suchte ein „8:48-h-Triathlet […] für das Projekt 8:29 h im nächsten Jahr einen neuen Verein, Trainer und einen SPONSOR“ – zu erreichen unter der wunderbaren Adresse „m.schlaflos@berlin.de“. Wer schläft, wird eben nicht schneller.
Und sonst so?
Kids-Reporterin Ann-Kathrin Ulrich (10) eröffnete ihr Interview mit Thomas Hellriegel mit der besten Journalistenfrage des Jahres: „Ist die Ernährung wirklich so wichtig beim Triathlon? Meine Mutter nervt mich nämlich andauernd damit.“ Hellriegel erzählte außerdem, wie sein Heimatdorf den Hawaii-Sieg 1997 feierte: „Der Männergesangsverein hat ein Ständchen gesungen […] und bei uns zu Hause auf dem Hof gab es Bier und Brezeln.“ In Lausanne wurde Diana Riesler nebenbei „Feuerwehr-Weltmeisterin“, beim BerlinMan siegte ein 40-Jähriger namens Claus-Henning Schulke – Triathlon-Deutschland sollte ihn Jahre später als treuesten Flaschenreicher von Roth ins Herz schließen. Die Hawaii-Übertragung des Jahres: eine Stunde ZDF-Zusammenfassung, am Tag danach. Und wer im Jahr 2006 in Wettkämpfen 10 Kilometer schwamm, 400 Kilometer Rad fuhr und 100 Kilometer lief, durfte sich für sieben Euro das Deutsche Triathlonabzeichen in Gold kaufen. Manche Preise waren wirklich fair.
Fazit: Orakel, Offroad & ohne Sekt
Die triathlon 50 ist ein Übergabeprotokoll zwischen den Generationen: Eggert tritt ab, Reilly orakelt goldrichtig, und im Kleingedruckten warten Brownlee, Duffy, Ryf, Jacobs und ein weinender Waldfreund namens Kienle auf ihren großen Auftritt. Dazwischen: eine zu kurze Laufstrecke, ein Rad für 7.999 Euro und eine Zahnbürste an der Achillessehne. Wer damals dabei war, wird sich erinnern. Wer heute liest, wird schmunzeln. Und beides ist absolut legitim.