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Ist Chris McCormack der größte Triathlet der Welt? Das stand vor 20 Jahren in der triathlon

Chris McCormack hält sich für den besten Triathleten der Welt (Hawaii ausgenommen – noch), in Zürich siegt ein Maurer, Roth sucht während des WM-Viertelfinals einen Plan B, und im Kleingedruckten der Ergebnislisten verstecken sich Alistair Brownlee und Daniela Ryf: Das war der August 2006 in der triathlon. Eine neue Ausgabe unserer Retro-Serie – 20 Jahre später mit einem Schmunzeln im Gesicht und dem Wissen von heute.

Das Zieltor von Roth mit echtem Höhenfeuerwerk

Sommermärchen, zweiter Akt

Deutschland im Hochsommer 2006: Das Land steckt mitten im Sommermärchen, und auch die triathlon 48 kommt am Fußball nicht vorbei. Das Editorial spottet über den „»das Runde muss in das Eckige«-Hype“, fragt sich, „warum gab es in Roth eigentlich keine bayerischen Würfelflaggen zu kaufen?“, und destilliert aus dem Klinsmann-Effekt eine Botschaft für den Triathlon: „Baut auf die Jugend […] Schickt ihnen Mentaltrainer auf den Hals – es müssen ja nicht gleich Kalifornier sein.“ Zum Schluss verspricht der Chefredakteur eine starke zweite Saisonhälfte – „ohne Fußball. Versprochen!“ Auf dem Cover: der Solarer Berg. Es ging also doch nichts über die wahren Wallfahrtsorte des Sommers.

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Finishline der Challenge Roth 2006

Roth: Der beste Triathlet der Welt (Einschränkungen siehe Kleingedrucktes)

Chris McCormack gewann die Quelle Challenge Roth zum dritten Mal in Folge – in 8:00:52, trotz Defekts bei Kilometer 110 und mit einer Attacke bei Marathonkilometer 25, die er so beschrieb: „Da habe ich fünf Minuten lang die Augen zugemacht und alles gegeben, was ich hatte.“ Vorher hatte Macca der Konkurrenz schon rhetorisch den Wind aus den Segeln genommen: „Ohne arrogant klingen zu wollen, aber ich halte mich für den derzeit besten Triathleten der Welt. Nur auf Hawaii kann ich offenbar nicht gewinnen.“ Das mit Hawaii, so viel Spoiler muss sein, erledigte er dann gleich im Oktober des Folgejahres. Faris Al-Sultan wurde Zweiter und nebenbei Deutscher Meister, haderte aber mit dem „fast ein Dutzend Athleten“ umfassenden Wasserschatten an seinen Füßen – und zeigte danach Größe: „Hätte ich wegen Maccas Pannenpech gewonnen, hätte das nicht den gleichen Wert.“ Bei den Frauen brach Debütantin Joanna Lawn ein ungeschriebenes Gesetz und schlug ihre Lehrmeisterin Belinda Granger – so richtig schnell wurde sie übrigens erst, „als sie sich nach acht Kilometern endlich ihrer überflüssigen Radhose entledigt hatte“. Ein Detail, das jede Aero-Debatte von heute alt aussehen lässt.

Chris McCormack am Solarer Berg

Plan B: Pasta gegen Argentinien

Die schönste Reportage des Hefts behandelte eine Terminkollision von historischem Ausmaß: WM-Viertelfinale Deutschland–Argentinien versus Rother Pastaparty. Rund 3.000 Menschen saßen vor der Großbildleinwand, die Nationenparade wurde „ersatzlos gestrichen“, und Küchenchef Charly Krestel – er bekochte einst Kohl und Chirac – formulierte den kulinarischen Wettkampfplan: „Wenn wir nicht in der ersten halben Stunde 80 Prozent der Pasta ‚rausbekommen, sind die Nudeln kalt.“ Rookie Joachim Schulze analysierte fachmännisch: „Wir können noch einen reinmachen, die werden unkonzentriert.“ Dann hielt Lehmann, Deutschland war im Halbfinale, und die Nudeln wurden offenbar rechtzeitig ausgegeben. Plan B hatte funktioniert.

Zürich: Der Maurer und die Lokomotive

Beim Ironman Switzerland gelang Stefan Riesen „Der Coup des Riesen“ (8:16:50) – ein Überraschungssieger, der halbtags als Maurer arbeitete und das auch noch verteidigte: „Würde ich nur mit dem Kopf arbeiten, wäre ich abends bestimmt todmüde.“ Der zweitplatzierte Mathias Hecht adelte ihn: „Er ist gefahren wie eine Lokomotive.“ 3.600 Arme verwandelten den Zürichsee derweil „in einen gigantischen Whirlpool“. Und wer die Ergebnisliste genau las, fand auf Platz fünf einen jungen Schweizer namens Ronnie Schildknecht – der dieses Rennen in den Folgejahren quasi im Abonnement gewinnen sollte. Die schönste Personalie aber steckte im Löwen-Maskottchen „Maxx“: ein 21-jähriger Student namens – kein Witz – Beni Plüss. „So anstrengend wie ein Ironman ist mein Job sicherlich nicht.“

EM Autun: Lehrstunde mit Kleingedrucktem

Bei der Europameisterschaft in Autun holte Anja Dittmer Silber hinter Seriensiegerin Vanessa Fernandes – „Endlich mal wieder ein gutes Meisterschaftsrennen“. Die deutschen Männer erlebten dagegen eine Lehrstunde: bester DTU-Athlet war Maik Petzold als 14., Jan Frodeno wurde 37., nachdem ihn ein Fahrfehler „ausgerechnet auf einen Friedhof führte“. Symbolik, die sich kein Drehbuchautor traut – zwei Jahre später war derselbe Mann Olympiasieger. DTU-Präsident Dr. Klaus Müller-Ott tobte standesgemäß: „Ich bin maßlos enttäuscht […] die Analyse muss Konsequenzen haben!“ Die eigentliche Sensation des Wochenendes stand aber in den Junioren-Ergebnislisten: Bei den Juniorinnen kam eine gewisse Daniela Ryf auf Platz acht, bei den Junioren wurde ein Teenager namens Alistair Brownlee Dritter. Die Zukunft des Triathlons – ordentlich alphabetisch sortiert im Kleingedruckten der triathlon 48.

Die vierfache Olympiastarterin Anja Dittmer bei der EM 2006 in Autun

Göhner: Der Schwabenpfeil von der Nichtschwimmerbahn

Das große Porträt gehörte Michael Göhner, 26, Neuprofi aus Reutlingen, der 2006 in Erding mal eben Faris Al-Sultan, Lothar Leder und Jan Sibbersen schlug. Sein sportlicher Ursprung: ein 16-2/3-Meter-Becken, in dem er „auf der dritten Bahn mit den Frauen und Nichtschwimmern trainieren“ musste. Sein Berufsethos: „Ich trainiere nicht wie ein Verrückter, um am Ende Zwanzigster zu werden.“ Seine Hawaii-Analyse hat bis heute Bestand: „Die Insel ist so schön. Aber wir Triathleten fahren nur dort, wo es nichts als Lavafelder gibt.“ Der Autor bescheinigte ihm, er werde die Konkurrenz „wegputzen“, wenn er sein Ziel so gründlich angehe „wie seine Landsleute die samstägliche Kehrwoche“. Schwäbischer wurde Sportjournalismus nie wieder.

Michael Göhner

Nachwuchs: Süchtig nach Bewegung

Im U23-Report übte der deutsche Nachwuchs schon mal Demut: „Beim Schwimmen dauert das Geprügel doppelt so lang“, stellte Helge Mütschard über die Elite fest, und Kathrin Müller begründete ihren Start bei der U23-WM entwaffnend: „Weltmeisterin war ich schließlich noch nie.“ Der 20-jährige Sebastian Rank erklärte im Interview seinen Wechsel vom Rettungsschwimmen zum Triathlon mit einem Satz für die Ewigkeit: „Ich bin süchtig nach Bewegung. Das kann ich nicht ausleben, indem ich nach Gegenständen tauche.“ Sein Fernziel damals: die Spiele 2012 in London. Man darf sagen: Die Jugend hatte Träume, und das Heft druckte sie ernsthaft ab. Genau dafür lieben wir alte Zeitschriften.

Economy Class: 1.500 Euro waren mal preisgünstig

Der große Test versammelte „fünf Rennräder unter 1.500 Euro“ – eine Preisklasse, die das Heft selbst historisch einordnete: „Noch vor zehn Jahren haben sich nur sehr ambitionierte Triathleten ein Rad für 3.000 D-Mark gekauft, heute gelten Räder um die 1.500 Euro schon als preisgünstig.“ Aus heutiger Sicht möchte man anfügen: Genießt es, Leute. Testsieger der Herzen: das Canyon Speedmax tt für 1.299 Euro, für das die Konkurrenz laut Testurteil „ins Schlucken kommen kann“. Dazu ein Triathlonrad namens „Opiat“ vom Hersteller „Poison“ – Produktnamen waren 2006 noch Abenteuer – und ein Stevens, bei dem sich die Tester „ein kleines Schmunzeln“ über die „vom Monteur falsch herum montierten Pads“ nicht verkneifen konnten. Höhepunkt der Rubrik Zubehör: ein 0,3 Gramm leichter „Mini-Magnet“ für den Tacho, „für faire 5,– Euro inklusive Versandkosten“. Sekundenkleber lag bei. High-Tech konnte so einfach sein.

Service: Babypulver, Gummibänder und getunte Tütensuppe

Der Ratgeberteil zeigt, wie Triathlon vor der Gadget-Ära funktionierte: In der Technik-Serie richtete Kathrin Müller die Wechselzone mit Gummibändern ein, die die Radschuhe waagerecht halten („Bei der ersten Kurbelumdrehung reißen die Gummibänder“), plus Profitipp: „Etwas Babypulver kann zusätzlich helfen.“ Der Augusttrainingsplan verordnete Altersklassenathleten kommentarlos Einheiten wie „Lauf 35 km GA1″ und wollte „das Laktat in den Beinen zum Kochen“ bringen – Periodisierung, die man heute mindestens mit drei Warnhinweisen versehen würde. Und in der Küche tunte Nationalkaderathlet Maik Petzold eine Grießklößchensuppe aus der Tüte mit Nudeln, TK-Gemüse und zwei Eiern: „Die Tütensuppe allein ist ja eher eine Vorspeise, die nicht satt macht.“ Profi-Ernährung 2006: ehrlich, günstig, glutenreich.

Werbung, wie sie früher war

Die Anzeigenseiten – verlässlich die beste Zeitkapsel des Hefts. Camaro bewarb einen Neoprenverschluss, der den Wassereintritt „um 93,75%“ reduziert – nicht 93, nicht 94, sondern exakt 93,75 Prozent. Ein Apothekenpräparat namens „anabol-loges“ setzte auf Kieselerde und Johanniskraut, während Dr. Wolz seinen „biologischen Energie-Aktivator“ ausdrücklich als „frei von anabol androgenen Steroiden“ anpries – im Dopingsommer 2006 offenbar ein Verkaufsargument. Hansgrohe dichtete: „3 Disziplinen sind das Maß – die 4. ist der Brausenspaß.“ Und Biestmilch vermeldete stolz die Marketing-Innovation des Jahres: einen Blog. Wer derweil eine Kleinanzeige aufgeben wollte, legte dem Brief bitte weiterhin einen Fünf-Euro-Schein bei. Es funktionierte. Irgendwie.

Und sonst so?

Die Challenge kündigte ihre erste Expansion an: Renndirektor Felix Walchshöfer hielt „zehn Rennen unter dem Challenge-Label“ binnen fünf Jahren für realistisch – rückblickend eine eher schüchterne Prognose. Der Rother Landrat Herbert Eckstein verriet in den „Sieben Fragen“, er habe „im vergangenen Jahr Belinda Granger mit einem Kuss auf die Reise“ geschickt und würde selbst nie starten: „ich bin kein guter Schwimmer.“ Ironman-Legende Peter Reid erklärte mit 37 seinen Rücktritt und kündigte an, am 21. Oktober auf Hawaii an einer Verpflegungsstation zu helfen – Chapeau. Ebenso wie vor Andreas Niedrig, der sich in Roth vom Profisport verabschiedete und dafür den Freiungsgulden erhielt, eine Münze, die „nach mittelalterlichem Brauch […] lebenslanges Asyl“ gewährt. Und die vielleicht schönste Geschichte des Hefts erzählte die neunjährige, von Geburt an blinde Lena Dieter, die den Darmstädter Kindertriathlon meisterte: „Wo die anderen sind, höre ich ja am Fußgetrappel.“ Und: „eigentlich bin ich ja genauso wie alle anderen Kinder.“ Kein Kommentar nötig.

Andreas Niedrig nimmt Abschied vom Profisport. Ob er selbst wusste, dass es nicht sein letzter war?

Fazit: Macca, Maurer & Mini-Magnete

Die triathlon 48 ist ein Sommermärchen in Heftform: ein Weltbester mit Hawaii-Komplex, ein mauernder Ironman-Sieger, eine Pastaparty im WM-Fieber und eine Nachwuchsgeneration von Ryf bis Brownlee, die noch niemand auf der Rechnung hatte – außer den Ergebnislisten. Dazwischen: Gummibänder, Babypulver und ein Rennrad für 1.299 Euro, das als Kampfansage galt. Wer damals dabei war, wird sich erinnern. Wer heute liest, wird schmunzeln. Und beides ist absolut legitim.

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Laura Klug
Athletin des Tages

Laura Klug

Triathlon Potsdam eV
33 Jahre
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Frank Wechsel
Frank Wechselhttps://tri-mag.de
Frank Wechsel ist Publisher der Medienmarken SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist 15-facher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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