Ironman-Weltmeisterin Anne Haug erlebt die WM auf Hawaii in diesem Jahr nicht auf dem Queen K, sondern im ZDF-Studio in Mainz. Im Interview spricht die 2019er-Weltmeisterin über ihr neues Leben auf Lanzarote, ihr erstes Laufcamp, ihre Favoritin für den 10. Oktober – und darüber, warum sie trotz Karriereende immer noch jeden Tag trainiert.
Anne, der Ironman Hawaii steht an. Wie wirst du ihn in diesem Jahr erleben?
Nicht live vor Ort, aber live in Mainz: Ich werde das Rennen im ZDF mitkommentieren. Darauf freue ich mich unheimlich, weil ich es mal von einer anderen Seite erleben kann – ganz ohne Druck.
Da ist es bestimmt angenehm klimatisiert und nicht so heiß wie auf Hawaii. Wirst du es vermissen, vor Ort zu sein?
Nein, wirklich überhaupt nicht. Ich weiß nicht, warum Hawaii immer so gnädig zu mir war und ich dort immer eine Medaille gewinnen konnte. Aber dieser Moment, wenn die Flugzeugtür aufging und du aus dem Flieger gestiegen bist – das war echt eine Horrorvorstellung. Beim ersten Mal dachte ich, mich trifft der Schlag. Ich konnte mir nie im Leben vorstellen, dort einen Wettkampf zu machen. Am Renntag ist dann immer alles anders. Aber ich vermisse es wirklich nicht. Sonnenschein habe ich hier auch, und richtig heiß ist es bei uns auch.
Sonnenschein und Hitze heißt: Deiner alten Sportheimat Saarbrücken hast du den Rücken gekehrt. Du bist inzwischen woanders zu Hause.
Genau, ich habe mich auf Lanzarote niedergelassen, direkt neben dem Club La Santa. Ich war einfach zu oft hier. Ich fühle mich hier so wohl, es ist mein Zuhause geworden. Und das Wetter und die Trainingsbedingungen sind natürlich unschlagbar.
Wenn du über Trainingsbedingungen sprichst, werde ich neugierig. Bist du noch so gut im Saft? Kommt da noch was?
Ein bisschen Ambitionen hatte ich natürlich, weil es schwierig ist, loszulassen – eher von einem geregelten Leben als vom Wettkampfdruck. Mein halbes Leben lang hat mir jemand jeden Tag gesagt, was ich zu tun habe. Und auf einmal war das weg, und da war nicht gleich etwas, das die Lücke gefüllt hätte. Also denkt man: Was soll ich sonst machen? Dann trainiert man halt ein bisschen, man muss ja auch abtrainieren. Dann setzt man sich Ziele und verwirft sie wieder. Aber ich mache trotzdem jeden Tag Sport und bestreite kleinere lokale Rennen, um mich fit zu halten – vor allem die internen Wettkämpfe im Club La Santa. Und eine Woche nach Hawaii bin ich für ein 150-Kilometer-Mountainbike-Rennen angemeldet. Mal schauen, ob ich dafür in Form komme.
Der Ironman Lanzarote verändert sich, Ironman hat dort selbst das Zepter übernommen, das Rennen gehört jetzt sogar zur Pro Series. Juckt es dich nicht doch, in deiner neuen Heimat noch einmal die 226 Kilometer in Angriff zu nehmen?
Nein, komischerweise hat mich die Ironman-Distanz nie so richtig gejuckt. Ich finde sie wahnsinnig lang. Das würde ich nur machen, wenn ich absolut topfit bin und es möglichst schnell machen kann – ich bin überhaupt kein Fan von lang und langsam. Was mich eher reizt, ist so etwas wie der Volcano Triathlon, eine Kurzdistanz oder maximal die Mitteldistanz. Zumal ich überhaupt nicht mehr schwimme.
Wie viel trainierst du heute noch?
Ich war gerade 20 Kilometer auf dem Laufband.
Du bist auf Lanzarote, da ist es doch schön draußen!
Wir haben gerade Calima, die Luft ist voll mit Saharasand. Und ich liebe das Laufbandlaufen, ich weiß auch nicht, warum. Gestern saß ich vier Stunden auf der Rolle, weil ich das einfach mag. Das bin ich so gewohnt, da weiß ich, dass ich ganz effektiv trainieren und richtig tief gehen kann. Ich habe keine Ziele mehr, ich kann auch völlig blödsinnig trainieren. Ich mache einfach, was mir Spaß macht.
Viele Leute kommen nach Lanzarote, um beim Sport Spaß zu haben. Siehst du die? Machst du etwas mit ihnen?
Ja, gerade mit den Gästen im Club La Santa. Dort biete ich sonntags Meet & Greets an. Und ich habe mein eigenes Business: Ich biete Leistungsdiagnostiken, Performance-Tests und persönliches Eins-zu-eins-Training an. Man kann mit mir Lauftraining, Techniktraining oder Gruppentraining buchen. Ich bin für alles offen, was Eins-zu-eins-Betreuung ohne Trainingsplan betrifft.
Und wenn jemand einen Trainingsplan hat und sagt, ich brauche noch ein Trainingslager unter südlicher Sonne – kannst du auch komplette Camps abbilden?
Genau, im November starte ich mit meinem ersten Lauftrainingscamp. Das richtet sich an alle, die gern und ambitioniert laufen und einfach besser werden wollen. Unter der Sonne Spaß haben, klar – aber ich bin Sportwissenschaftlerin, mein Fokus liegt auch darauf, Wissen zu vermitteln: Warum machen wir welche Einheiten, was bewirken sie, und wie trainieren wir smarter statt härter? Wer es ganz genau wissen will, kann ein Performance-Update dazubuchen. Dann machen wir Leistungsdiagnostik und Laufanalyse und steigen richtig tief ein. Aber das ist kein Muss. Man kann auch einfach kommen, weil man gern läuft und mit anderen in der Sonne laufen will.
Wer mit dir laufen will, muss aber doch schon ein Marathon-Niveau von 2:45 Stunden oder schneller haben, oder?
Nein, genau dieses Denken möchte ich absolut durchbrechen. Jeder kann kommen, ich möchte mein Wissen weitergeben. Es geht nicht darum, wer der Schnellste ist, und es soll kein Ausscheidungsrennen werden. Ich nehme mir für jeden Zeit und möchte jeden persönlich besser machen, das ist mir ein großes Anliegen. Ich habe mir als absolute Anfängerin mit 19 das Schwimmen selbst beigebracht. So habe ich angefangen, und das möchte ich an alle weitergeben, weil ich glaube, dass in jedem Potenzial steckt. Es macht mir einfach Spaß, den Einzelnen besser zu machen.
Also Training mit der Weltmeisterin.
Genau, das wäre schön.
Apropos Weltmeisterin: Wer wird es am 10. Oktober?
Das sagt man wahrscheinlich jedes Jahr – aber ich glaube: In diesem Jahr ist es wirklich schwierig, eine Prognose abzugeben. Gerade im Männerfeld kann alles passieren – vielleicht kommen die guten Schwimmer so weit weg, dass die guten Läufer sie nicht mehr einfangen. Auch bei den Frauen ist es ziemlich offen, da können vier, fünf Athletinnen Weltmeisterin werden. Gerade das letzte Jahr hat uns wieder gezeigt, dass auf Hawaii alles passieren kann. Deshalb lohnt es sich immer, bis zum Schluss dranzubleiben.
Lucy Charles-Barclay ist wahrscheinlich häufig bei dir um die Ecke?
Ja, genau, sie war bis Samstag da. Wir trainieren nicht zusammen, sehen uns aber natürlich öfter. Sie ist in Topform, glaube ich, macht einen richtig guten Eindruck und hat Spaß. Von ihr kann man viel erwarten. Ich glaube, wenn man zu Beginn eine etwas holprige Saison hatte und nicht so viele Rennen gemacht hat, ist das ein Vorteil: Man hat mental noch die nötige Frische, und der Körper hat vielleicht hinten raus noch ein, zwei Körner mehr. Ich würde auf Lucy setzen.
Was traust du den Deutschen zu? Du bist bisher die einzige deutsche Weltmeisterin auf Hawaii.
Laura Philipp wird natürlich immer vorn mit dabei sein. Es kommt darauf an, wie groß der Rückstand ist. Ich glaube, auf Hawaii ist es ein Nachteil, wenn man in der großen Gruppe sitzt. In dem Pulk ist man gefangen. Wer vorn allein fahren kann – wie Lucy, Taylor Knibb oder wer auch immer vorn ist –, hat einen Vorteil. Wenn du im Riesenpulk an Position zehn fährst, kannst du nicht einfach mal zehn Leute überholen, das Niveau ist zu hoch. Gerade auf Hawaii, wo es so lang geradeaus geht, wird das schwierig. Du musst vorn weg sein und dein eigenes Ding fahren können. Das hat man letztes Jahr gesehen, als die Spitze 20 Minuten herausgefahren ist. Das lag nicht daran, dass Katrina Matthews und Laura nicht schneller fahren können, sondern daran, dass sie in der Gruppe gefangen waren. Das ist traurig, aber ich wüsste auch nicht, wie man es besser machen könnte.
Trauerst du den alten Zeiten des Sports ein bisschen nach? Oder sagst du: Das ist jetzt ein anderer Sport, das betrifft mich nicht mehr?
Ich verfolge den Sport natürlich total, schaue mir jedes Rennen an und bin sehr interessiert. Der Sport entwickelt sich immer weiter, das ist die Essenz des Leistungssports. Und damit ändern sich die Rennen. Du musst inzwischen ein kompletter Athlet sein und kannst dir in keiner Disziplin mehr eine Schwäche erlauben, sonst bist du einfach nicht gut genug. Ich hatte meine Zeit, jetzt kommen andere. Ich bin gespannt, was da kommt und wann die nächsten Rekorde fallen. Das ist das Coole am Sport: Das Material ändert sich, alles verändert sich. Sonst wäre es ja langweilig, und keiner würde mehr zuschauen.
Was bedeutet das für das Training, das du vermittelst? Oder sagst du: So bin ich Weltmeisterin geworden, das muss auch für andere funktionieren?
Gar nicht. Deswegen bin ich ja auch kein Coach. Ich weiß nur, was mir geholfen und mich besser gemacht hat. Aber jeder tickt anders, jeder muss anders trainieren. Ich bekomme jetzt selbst mehr Einblick in die unterschiedlichen Physiologien von Athleten und habe schon viele getestet. Manche sind die geborenen Diesel, andere die geborenen Benziner – und die musst du komplett unterschiedlich trainieren. Das ist das Schöne: Es gibt kein One-fits-all. Jeder muss schauen, wo sein Potenzial liegt und wie er sein persönliches Bestes herausholt. Da macht es Sinn, ein bisschen tiefer in die Daten einzusteigen. Ich probiere hier auch viel aus, auch mit Höhentraining. Ich habe einfach Spaß am Experimentieren.
Irgendwann auch mit Profis unter deiner Betreuung?
Ich habe mit den besten Coaches der Welt gearbeitet und weiß, was dahintersteckt, ein perfekter Coach zu sein. Ich war Athletin. Ich kann Trainingsplänen sehr gut folgen, aber ich kann keine Trainingspläne schreiben. Dafür braucht man jahrelange Erfahrung, und die habe ich nicht. Man sollte wissen, wo seine Expertise liegt und wo nicht. Meine liegt darin, dass ich einen sportwissenschaftlichen Hintergrund habe und selbst 20 Jahre Leistungssport gemacht habe. Dieses Wissen kann ich weitergeben. Wissen, das ich nie angewendet habe, kann ich nicht weitergeben.
Über Anne Haug
Anne Haug, geboren 1983 in Bayreuth, ist Sportwissenschaftlerin und eine der erfolgreichsten deutschen Triathletinnen. Nach Jahren auf der olympischen Kurzdistanz – inklusive Olympiastarts 2012 in London und 2016 in Rio – wechselte sie auf die Langdistanz. 2019 gewann sie als erste deutsche Frau die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii, dazu kommen weitere WM-Podestplätze in Kona. Nach ihrem Karriereende lebt sie auf Lanzarote direkt am Club La Santa. Dort bietet sie Leistungsdiagnostik, Performance-Tests und Eins-zu-eins-Training an – und ab November 2026 eigene Lauftrainingscamps.
- Laufcamps mit Anne Haug: oceanandsports.com
- Instagram: @tri.anne.haug