Das Leomo Type-R im Test:
Bikefitting auf der Straße

Ein neues Gadget aus Japan wird seit Kurzem in der Fachwelt diskutiert: Das “Type-R” von Leomo verspricht die Weiterführung des Bikefittings draußen auf der Straße. Wir haben der neuen Technologie auf den Zahn gefühlt.

Kein ambitionierter Triathlet kommt heute noch ohne eine Optimierung der Sitzposition beim Bikefitter aus. Den Mehrwert einer solchen Session wird man in so kurzer Zeit nirgendwo anders finden – nicht im Training und nicht mit ­neuen Carbon-Laufrädern. Meistens findet das Fitting im Labor statt, wo der Sportler idealerweise auf dem eigenen Rad sitzt, das dann an seine Bedürfnisse angepasst wird. Oft wird er hierzu mit Messpunkten versehen, um sein Bewegungsmuster abbilden zu können. Und im Idealfall ist eine Wattmessung dabei, um eine realistische Wettkampfbelastung zu simulieren. Schließlich tritt es sich unter Belastung anders als im Bummel­tempo. Und man sitzt anders auf dem Rad, wenn man keine Luft mehr zum Reden hat – das alles unter den strengen Augen des Fitters. 

Gut gefittet begibt sich der Sportler dann auf die Straße und meistens ist er besser unterwegs als vorher. Aber jetzt stellen Sie sich vor, diese Möglichkeiten gäbe es auch draußen an der frischen Luft, idealerweise sogar im Wettkampf. Mit Leomos TYPE-R gibt es seit Kurzem einen Anbieter, der dies verspricht: quasi die Weiterentwicklung des Bikefittings in mobiler Form. Anders als gelegentliche Tests im Labor bietet das Gerät die Möglichkeit, dauerhaft Daten unter realen Bedingungen zu sammeln. Das TYPE-R ersetzt hierzu den bisherigen Radcomputer und ergänzt ihn um entsprechende Funktionen. 

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Neben der Tatsache, nicht mehr jedes Mal zu einem Bikefitter gehen zu müssen, um Veränderungen vorzunehmen, verspricht dieses System weitere Vorteile. Man kann die Folgen einsetzender Ermüdung im Feldversuch besser feststellen, denn kaum jemand wird im Labor in finaler Position noch stundenlang auf der Stelle fahren. Und man kann hierbei nicht mehr schummeln, wie es im Labor möglich ist, wenn man beobachtet wird. Die erschlaffende Muskulatur und weniger optimale Position oder Trettechnik über den Verlauf einer längeren Einheit sieht der Coach oder ­Fitter dann aber eben doch – anhand der Daten in der Auswertung. Klingt erstmal vielversprechend. Das ­TYPE-R ist seit dem Herbst auf dem Markt. Wir hatten schon seit dem Sommer Gelegenheit, dieses neue Gadget auszuprobieren.

Die Hardware

Das TYPE-R ist ein Radcomputer auf handschuhtauglicher Touchscreen-Basis, der mit fünf Bewegungssensoren geliefert wird. Zusätzlich kann man einen Wattmesser koppeln und weitere Sensoren für Herzfrequenz und Geschwindigkeit, vorausgesetzt, diese nutzen ANT+ zur Übertragung. Zudem verfügt das ­TYPE-R über eine eigene GPS-Funktion. 

Die Bewegungssensoren – jeder ist hierbei fest einer Position zugeordnet – übertragen ihre Signale per Bluetooth und senden die Daten aus dreidimensionaler Bewegung und Beschleunigung an die Headunit. Sie werden hierzu per Klebefolien am Kreuz- oder Brustbein sowie beiden Oberschenkeln befestigt, an den Schuhen geht das mit Clips. Im Lieferumfang enthalten sind in der Summe drei Akkus, alle nötigen Ladekabel, ein Lenkerhalter sowie die Dockingstation für die ­Bewegungssensoren. Wichtig: Bei Nichtgebrauch müssen sie auch in dieser aufbewahrt werden, um sich nicht zu entladen. Der größte der drei Akkus, der Dock Charger, muss im Ruhezustand hingegen aus dem ­TYPE-R entfernt werden, damit er geladen bleibt.

Die Funktionsweise

Pro Sekunde werden von den Bewegungssensoren 100 Datenpunkte aufgezeichnet. Diese werden in Echtzeit abgebildet, zusätzlich zu allen anderen Funktionen, die Sie bisher von Ihrem Radcomputer kennen. Durch die Kombination der Bewegungsmuster von Torso, Hüfte, Beinen und Füßen mit solchen Daten wie Leistung, Trittfrequenz, Geschwindigkeit, Puls und GPS lässt sich auf dem Leomo-Webbrowser eine umfangreiche Datensammlung abbilden und analysieren. Übertragen wird das per WLAN direkt in die Cloud. Wie beim ­Powermeter auch, geht es im ersten Schritt um die Sammlung von möglichst vielen unterschiedlichen Daten, die dann einer Interpretation bedürfen. Damit dürften viele Sportler allerdings überfordert sein, hierzu sollte dann der Trainer oder Fitter ins Spiel kommen. Dem Athleten kann so vor Augen geführt werden, was bei einzelnen Einheiten und steigender Belastungsdauer mit dem Bewegungsmuster passiert. Weil das in Echtzeit abgebildet wird, besteht die Möglichkeit, bei der Fahrt hierauf zuzugreifen. Aber Achtung: Das kann im Straßenverkehr schnell gefährlich werden! Wir raten deshalb davon ab. Eine Kombination mit GPS ergibt zudem die Möglichkeit, einzelne Veränderungen auch der Topografie oder spezifischen Ereignissen zuzuordnen (etwa Gruppen- vs. Einzelfahrt, im Wind fahren, Steigungen erklimmen usw.) Das Feedback kann also sehr detailliert und mit Daten belegt stattfinden, gerade per Fernzugriff über die Cloud.

Leomo Type-R Bewegungssensoren
Hersteller Herzstück sind die Head­unit­ ­sowie fünf Bewegungssensoren.

Was wird wo erfasst? 

Leomo verwendet zur Darstellung der Daten eigene Begriffe, die es englischsprachig am besten treffen. Es geht hierbei immer um „Motion Performance ­Indicators“ (MPI), also die Indikatoren, die das Zusammenspiel von Bewegung und Leistung beschreiben (siehe Kasten rechts). Da es beim Coaching primär um Verbesserungen geht, zielen die Indikatoren in erster Linie auf Asymmetrien und fehlerhafte Bewegungsmuster ab, um diese dann beheben zu können.

Praxisnutzen und Kinderkrankheiten

Aus Aerodynamiktests weiß man, dass eine ruhige, stabile Sitzposition Vorteile bringt. Bewegungen im Oberkörper hingegen sind eher schlecht. Durch das TYPE-R lassen sich die Ursachen für diese Unruhe herausfiltern. Ist es die Hüfte oder der Torso, der nicht stabil ist? Sind es Ausweichbewegungen im Fußgelenk? Oder ein Rocken oder Shiften mit der Hüfte, weil man die Sitzposition immer wieder korrigiert? Wann finden diese Bewegungen statt? Dauerhaft oder nur an Steigungen oder bei Belastungsspitzen? Oder vielleicht erst im letzten Teil der Einheit, wenn die Ermüdung einsetzt und der Fokus nachlässt? Hier können Veränderungen am Rad vorgenommen oder auch Schwächen des Athleten durch gezielte Übungen in Angriff genommen werden. 

Ein weiterer Punkt: Je geduckter Helm und Torso in der Zeitfahrposition sind, desto aerodynamischer ist oft der Fahrer. Aber: Leistung ist am einfachsten zu erbringen, wenn man aufrecht sitzt, und am schwersten, wenn man sich nach vorn lehnt und aerodynamischer wird. Beim TYPE-R wird hierzu der Torso­winkel gemessen. Sinkt dieser, ist die Leistung wie beschrieben nicht mehr so leicht zu erbringen. Aerodynamisch lohnt sich dieser Kompromiss aber. Bei einer Beispielsmessung hat der Fahrer bei drei Grad flacherem Oberkörper bei gleicher Geschwindigkeit acht Watt weniger Leistung benötigt!

Ein weiteres Beispiel ist der „DSS“ (Dead Spot Score). Wird die Sattelhöhe variiert oder der Sportler gar auf ein neues Rad gesetzt, lässt sich an diesem Wert ablesen, ob und wie sehr sich hierdurch die Tretbewegung verändert. Ein Unterscheid von zehn Millimetern lässt den DSS leicht um 50 Prozent variieren. Ein geringer DSS ist aber erstrebenswert, weil er für ein gleichmäßiges Tretmuster steht. 

Leomo Type-R Sensor
Hersteller Die Sensoren werden unter anderem direkt auf die Haut geklebt.

Leomo hat einen weiteren interessanten Begriff eingeführt: „PSI“ (Pedaling Score Intelligence) ist sozusagen der individuelle Fußabdruck des Pedalstils eines jeden Athleten. Aus Sicht des Trainers oder ­Bikefitters liefert das TYPE-R hiermit die Möglichkeit, auch über einen längeren Zeitraum Bewegungsmuster zu analysieren. Diese sind immanent, um den Körper des Sportlers zu verstehen. Mittelfristig hilft dies dann dabei, Trainingsinhalte auf Schwachstellen abzielen zu lassen und Adaptationen zu kontrollieren. 

Wesentlicher Bestandteil des Systems ist die kostenlose App, in der per Dashboard alle Daten zusammengeführt und geteilt werden können. Die Software erkennt, ob man im Sitzen oder Stehen fährt, sie findet automatisch Kurven und kennzeichnet Inter­valle. Hiermit können wiederkehrende Muster besser analysiert werden, etwa „sitzende Zeitfahrbelastung“ oder „stehend fahren am Berg“. Zudem hat sie die etablierten Werte wie TSS, IF und NP von Trainingspeaks, einem Anbieter für Trainingsplanungs- und Coaching­software, integriert.

Kinderkrankheiten 

Wir hatten als einer der ersten Anwender in Deutschland ein Testgerät, das wir von Juli bis Oktober im Betrieb hatten. Sowohl das TYPE-R als auch die Bewegungssensoren erfuhren regelmäßige Software-­Updates, die beim Anschalten per WLAN stattfanden. Bei der Komplexität der Technologie überraschte uns wenig, dass nicht jede Koppelung im ersten Versuch funktionierte. Etwa die der Leomo-Bestandteile untereinander und, einen Schritt weiter, mit Sensoren wie Powermeter oder Smartphone, vom dem unter anderem auch die Datenfelder konfiguriert werden können. Auch die Akkulaufzeit war am Anfang recht kurz. Mittlerweile läuft aber alles recht stabil und in der Not bietet Leomo neben einer umfangreichen Webseite auch Video-Tutorials, einen Blog sowie Hilfestellung per Online-Support an. Der Vertrieb läuft direkt an Endverbraucher und Bikefitter, unter anderem über einen eigenen Amazon-Store.

Zielgruppe und Fazit

Sollte man sich als Sportler jetzt statt eines neuen GPS-Computers gleich ein Leomo mit Bewegungssensoren kaufen? Allein der Gerätepreis von 799 Euro lässt erahnen, dass es sich hier um Technik für den ambitio­nierten Sportler handelt. Ein erstes Bikefitting samt Grundverständnis für biomechanische Abläufe auf dem Rad ist Voraussetzung, um hier tiefer einsteigen zu können. Ein Powermeter hat man vermutlich schon, wenn man sich mit weiteren Messwerten beschäftigt. Und das ist auch ein gutes Beispiel für die Komplexität der Materie. Das TYPE-R spuckt nämlich einen wahren Berg an Informationen in die Datenfelder. Das Display ist nicht ohne Grund querformatig und beinahe so groß wie ein Smartphone – ­was am ­Aerolenker eng werden kann. Mit den meisten Daten kann man unterwegs aber ohnehin zunächst wenig anfangen. Ein erstes Feedback, etwa den DSS, kann man zwar in der Intervallübersicht ablesen, richtig interessant wird es jedoch erst danach am Rechner. Und um ehrlich zu sein, braucht man dafür dann wieder das geschulte Auge eines Experten, genauso wie im Labor des Bikefitters. Der kann einem dann Rückmeldung zu fehlerhaften Bewegungsmustern samt Ideen zur Abhilfe geben. 

Eine Stufe weitergedacht kann der Coach dann mit gezielten Trainingsinhalten eingreifen, etwa was die Wahl der Übersetzung oder Kurbellänge angeht oder ob man den Anstieg im Stehen oder sitzend fahren sollte. Er kann Tipps zur Körperhaltung in Zeitfahrposition geben oder ob man bei der Tretbewegung eine der Phasen stärker betonen sollte (und wenn ja, auf welcher Seite). Eine Warnung vorab: Neben orthopädischen und biomechanischen Tipps wird es hier wohl mehr als einmal den Hinweis geben, dass mehr Rumpfstabilität wünschenswert ist …

Nicht ohne Grund war Leomo auf dem ­ISCOSymposium in Münster, wo sich die weltweite ­Bikefitter-Szene traf, in aller Munde. Daniel Schade vom Ausrichter Gebiomized fasst das Potenzial des ­TYPE-R dann auch so zusammen, dass es zukünftig als ­Upgrade zu Bikefitting-Paketen für einen gewissen Zeitraum gebucht werden kann. Und zwar inklusive der richtigen Auswertung bestimmter Daten. Neben der Biomechnik lassen sich aber auch konkrete Trainingsinhalte unter fachlicher Anleitung ausmachen. Leomo bietet hierzu etwa eine kostenlose 50-seitige Zusammenfassung an. Der deutsche Coach Sebastian Weber, der unter anderem mit dem schnellsten Radfahrer beim Ironman Hawaii, ­Cameron Wurf, zusammenarbeitet, hat für uns drei konkrete Trainingsinhalte mit dem TYPE-R ausgemacht (siehe Seite 5).

Leomo Software
Hersteller Leomos eigene Software bildet alle ­Daten ab und lädt zu ­deren Analyse ein.

Fazit

Zudem bieten die Sensoren für Aerodynamiktests ganz neue Möglichkeiten, schließlich könnte einer ja auch am Helm befestigt werden und dann Rückmeldung dazu geben, ob dieser stabil in einer Position gehalten wird. Eine weitere Möglichkeit kann auch eine abgespeckte Blackbox sein, die am Rad befestigt ist und im ersten Schritt nur Daten sammelt, ohne dass der Athlet darauf achtet. Dies ist dann auch interessant im Hinblick auf die immer weiter voranschreitende Vernetzung von Athlet, Rad, Trainern, Bike­fittern und der Fahrradindustrie. Das Profi-Radteam Trek, das das Leomo schon nutzt, hat zum Beispiel für 2019 mit „splunk“ einen Partner aus dem Bereich Big Data gefunden. Es bleibt also spannend, was in naher Zukunft noch alles auf den Markt kommt.

Auch wir werden uns in Zukunft häufiger mit dem TYPE-R befassen, inklusive Fallbeispielen und Anleitungen für das Training. Denn abschließend gibt es einen besonders für Triathleten interessanten Punkt zu vermelden: Leomo will in absehbarer Zeit auch Anwendungen des TYPE-R für Läufer anbieten. Das Gerät kann dann am Handgelenk getragen werden und völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

Sebastian Webers Top 3 zum Type-R

1. TYPE-R regelmäßig auf die Hausrunde nehmen und auf eine saubere Aero-Posi­tion achten. Die Zeit mit konstant tiefem Hüftwinkel sollte dann zunehmen.

2. Trittfrequenz auf gerader Strecke bei konstanter Leistung im oberen GA1-Bereich steigern. ­Beginnend bei 70 ­steigert man alle 30 s um zehn Umdrehungen. So identifizieren Sie,  wo die Hüftbewegung unsauber wird. Hier nun Intervalle absolvieren: oberer GA1-Bereich 2–3 x 20 min im Wechsel: ­30 s kritische, 30 s Wohlfühl­trittfrequenz. So gewöhnt man sich an höhere Frequenzen bei stabilem Sitz.

3. Mittels DSS die Qualität von Kraftausdauereinheiten beurteilen. Wird er über den Verlauf schlechter, Intervalle in kurze Abschnitte mit 60 s Pause bei höherer Frequenz zerlegen, z. B. ­2 x 6 statt 1 x 12 min. So auf die effektivere Ausführung konzentrieren. Mit der Zeit werden die Pausen kürzer und sind dann nicht mehr nötig.

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