Seit dem 16. April postet Al-Sultan nahezu täglich seine Gedanken rund um das Coronavirus und zu den Maßnahmen der Regierung, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Zudem bewegte ihn die Situation dazu, einen Leserbrief an den „Spiegel“ zu verschicken, den er ebenfalls auf seiner Webseite teilt.
In diesem Brief schreibt Al-Sultan unter anderem, dass er sich für den Onlinebereich und die Artikel des Magazins schäme, das „sich in unzähligen Aussagen dem Thema des Dritten Reichs und des Holocaust gewidmet hat und immer wieder darauf hingewiesen hat, wie problematisch der blinde Gehorsam gegenüber einer politischen Führung ist, aber nun lieber Meinungsmache betreibt, statt die Fakten, die spätestens seit der ‚Heinbergstudie‘ von Prof. Streeck auf dem Tisch liegen, zur Grundlage der Berichterstattung zu machen“, schreibt Al- Sultan. „Dunkle Erinnerungen an ‚bloße‘ Befehlsempfänger werden wach“, so der DTU-Bundestrainer weiter.
„Das Grundgesetz, die Bibel unseres Staates, wurde außer Kraft gesetzt“
Nachdem er die Situation und den Diskurs rund um das Coronavirus lange beobachtet habe, sei ihm vor ein paar Tagen der Kragen geplatzt. „Ich habe mich schwer dazu gedrängt gefühlt, zu der Thematik Stellung zu beziehen. Ich habe in meinem ganzen erwachsenen Leben noch nie erlebt, dass das Grundgesetz, die Bibel unseres Staates, außer Kraft gesetzt wurde, dass Gesetze aufgrund irgendwelcher Verordnungen außer Kraft gesetzt wurden“, so Al-Sultan gegenüber tri-mag.de.
Ein vernünftiger Diskurs habe bisher aber nicht stattgefunden und die Bevölkerung gebe sich viel zu schnell mit den Aussagen der Regierung und des Robert-Koch-Instituts zufrieden: „Mit ‚Jawoll mein Führer‘ haben wir schon unsere Erfahrungen gemacht“, sagt Al-Sultan.
Absagen von Wettkämpfen seien übereilt getätigt worden
Auch zur Entwicklung im sportlichen Bereich äußert sich der Bundestrainer: Die ersten Entscheidungen und Maßnahmen seien völlig nachvollziehbar gewesen, dennoch vermisse er in Deutschland eine gemeinsame Analyse und Beurteilung der aktuellen Lage. Auch der „vorauseilende Gehorsam“ rund um das Virus störe ihn sehr. „Es wurden Veranstaltungen und Wettkämpfe für die nächsten sechs Monate ohne Not abgesagt.“ Über die Olympischen Spiele könne man streiten, da durch die Entwicklung in den vergangenen Wochen keine normale Vorbereitung möglich gewesen sei. „Aber den ‚Hintertupfinger Triathlon‘ im Juli abzusagen, macht absolut keinen Sinn.“
„Aussagen von Al-Sultan gehen nicht mit der Meinung des Verbands einher“
Die Deutsche Triathlon Union distanziert sich indes klar von den Aussagen des Bundestrainers. Nach den ersten Tweets zum Thema habe DTU-Sportdirektor Jörg Bügner deshalb das persönliche Gespräch mit Al-Sultan gesucht, um ihm nochmals zu verdeutlichen, dass seine Aussagen nicht mit der Meinung des Verbands einhergingen, sagt Eva Werthmann, Pressesprecherin der DTU. „Wir haben versucht, ihn dafür zu sensibilisieren, dass er durchaus eine Rolle in der Öffentlichkeit spielt und damit auch eine gewisse Verantwortung trägt“, so die Sprecherin.
Doch Al-Sultan sieht seine Äußerung nicht in Verbindung mit seinem Amt: „Gott sei Dank gibt es unserem Land noch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich bin weder Bundeskanzler noch Bundespräsident, ich bin nur Bundestrainer. Ich würde mich aber auch nicht äußern, wenn nicht eine sehr gravierende Situation vorherrschen würde. Die Grundrechte sind suspendiert.“
„Äußere mich als Privatperson“
In Bezug auf die Deutsche Triathlon Union und eine gemeinsame Linie sei man momentan „etwas gespalten“, so Al-Sultan. „Der Verband ist neutral und steht zum Staat. Das ist völlig normal. Aber ich verlinke mich ja nicht mit dem DTU-Account, sondern äußere mich als Privatperson“, sagt Al-Sultan.
Und für die DTU scheint dies der entscheidende Punkt. „Al-Sultan hat natürlich das Recht, wie wir alle, auf freie Meinungsäußerung. Seine Aussagen entsprechen jedoch nicht der Meinung der DTU“, sagt die Sprecherin des Verbands. Konsequenzen aus der Thematik werde es momentan keine geben, da man Al-Sultan die freie Meinungsäußerung nicht verbieten könne, so Werthmann.
Doch kann sich die DTU langfristig gefallen lassen, dass einer ihrer wichtigsten Vertreter öffentlich gegen die Linie des Verbands wettert? In Frankfurt wird man sich fragen müssen, wie eine weitere Zusammenarbeit hinsichtlich dieser Diskrepanz aussehen kann.