Winterequipment im Hochsommer? Für Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski muss das sein. Aus gutem Grund. Die beiden Abenteurer bewegen sich auf ihrer Tour „Around Europe“ weiter nach Norden und haben Deutschland bereits hinter sich gelassen.
Geschafft, aber glücklich sehen Josefine Rutkowski und Jonas Deichmann aus, als sie abends auf einen niedersächsischen Supermarkt-Parkplatz rollen. Irgendwo im Nirgendwo der norddeutschen Tiefebene, zwischen Wäldern und Mooren. Traktoren bevölkern die Landstraßen ringsherum, Motorradfahrer nutzen die letzten Sonnenstrahlen des Tages für einen Ausritt, Fahrradfahrer genießen mit gemächlichem Tritt in die Pedale die sommerliche Atmosphäre. Zeit auch für die beiden Abenteurer, kurz innezuhalten. Proviant aufstocken. Equipment ergänzen: Daunenjacke und Handschuhe, die beide nach Hamburg haben schicken lassen und die wir von tri-mag.de beim Treffen in der Abendsonne übergeben. Was bei der aktuellen Hitzewelle abwegig erscheint, ist vorausschauende Planung. Wenn beide demnächst durch Skandinavien rollen, kann sie alles erwarten, von 25 Grad Celsius und Sonnenschein bis sechs Grad Celsius und Nieselregen. Auf nach Norwegen.
Arbeitsteilung zwischen den Abenteurern
Vorher aber noch ein bisschen Materialpflege. Die Sonne steht tief, als Jonas Deichmann neue Reifenmäntel montiert, Dichtmilch nachfüllt und die Ketten wechselt, während Josefine Rutkowski aus dem Supermarkt Wasser und Verpflegung heranschleppt. Arbeitsteilung. Die Beine braun gefärbt. Weniger von der Sonne, sondern von Staub und Schmutz. Die Auswirkungen von täglich 180 Kilometern über Schotterpisten und Asphalt. Für eine Dusche bleibt keine Zeit. Die beiden wollen an diesem Abend noch ein bisschen Strecke machen. 26 Kilometer bis zur Elbe. „Es wäre schön, wenn wir irgendwo ein Gewässer finden, in dem wir noch ein bisschen baden können“, sagt Jonas Deichmann. Noch schnell die Daunenjacken und Handschuhe verstauen, dann geht es weiter. Bis ans Wasser schaffen die beiden es an dem Abend nicht mehr. „Wir haben aber ein schönes Plätzchen im Wald gefunden“, so Deichmann.
Überraschung zum Geburtstag
In der zurückliegenden Woche waren wenig abwechslungsreiche Momente dabei. „Wir sind aber durch richtig viele Länder gekommen.“ Dennoch war die Strecke landschaftlich geprägt von Monotonie. Aus der Normandie in Frankreich ging es nach Belgien, durch Flandern. „In Frankreich gab es noch ein paar Hügel, seit wir die belgische Grenze erreicht haben, ist die Strecke komplett flach.“ Die Route führte beide entlang von Kanälen, auf perfekten Radwegen. „Wir hatten leider die ganze Zeit Gegenwind“, berichtet Deichmann von einem alten Bekannten, der auch schon in Portugal ein ständiger Begleiter war. Highlights auf der Route: Brügge und Antwerpen. „Da waren wir dann aber auch nach einem Tag durch. Anschließend waren wir zwei Tage in den Niederlanden. Was uns dort überrascht hat: Wie gut diese Fahrradwege dort sind. Das war vor allem eines: schnell.“ So blieb am Dienstag noch Zeit für ein kleines Picknick, das Deichmanns Brotsponsor mit Kuchen und Brot anlässlich von Josefine Rutkowskis Geburtstag als Überraschung vorbereitet hatte.
Abends erreichten beide Ostfriesland. „Landschaftlich war das ähnlich wie Holland. Man fährt die ganze Zeit geradeaus – nur, dass es nicht mehr so gute Radwege gibt“, so Deichmann. Trotz Gegenwind kamen beide gut voran, 200 Kilometer pro Tag im Durchschnitt in der vergangenen Woche. „Ich möchte nicht wissen, was mit dem richtigen Wind möglich gewesen wäre. Auch wenn wir am Ende kaputt waren, waren es relativ einfache Kilometer.“
Unerwartete Hitze und Vorfreude auf Norwegen
Nach dem Zwischenstopp in Niedersachsen ging es für Josefine Rutkowski und Jonas Deichmann am Donnerstag über die Elbe und dann weiter nach Norden. Erst am Elbdeich, dann am Wattenmeer entlang. Weitestgehend ohne Überraschungen. „Da gibt es sehr viele Schafe, Gegenwind und es geht geradeaus“, fasst Deichmann augenzwinkernd zusammen. Ein Faktor haben beide aber nicht erwartet: die Hitze. „Die macht uns ein bisschen zu schaffen. Wir hatten brutale Bedingungen und hätten nicht gedacht, dass wir in Norddeutschland und den Niederlanden damit zu kämpfen haben. Ein verrücktes Wetter aktuell. Weder die Hitze noch der Wind sind normal.“
11.500 Kilometer haben die beiden bisher zurückgelegt, also fast die Hälfte der gesamten Strecke. Am Freitagmorgen haben beide die dänische Grenze passiert. „Ich freue mich extrem auf Norwegen, wo wir am Sonntag sein werden“, betont Deichmann. Mehr Abwechslung im Streckenprofil, andere landschaftliche Eindrücke. Mit Daunenjacke und Handschuhen sind beide gut gewappnet.