Zwölf Tage vor der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii sitzt Jana Uderstadt in einer Boeing 777 von United Airlines. Flug UA59, Frankfurt – San Francisco. Von dort geht es weiter nach Kona. In dem Moment, in dem wir sprechen, fliegen wir über Grönland. Für die 15. der WM 2025 ist es der zweite Start bei der Ironman-WM – und diesmal reist sie mit einem Rucksack voller Erfahrungen an.
Jana, es geht für dich zum zweiten Mal nach Hawaii zur Ironman-Weltmeisterschaft. Wie geht es dir, wie fühlt es sich an?
Wir sitzen ja gerade noch im Flugzeug. Ich freue mich, aber so richtig freue ich mich, glaube ich, wenn wir in Kona am Flughafen aussteigen. Soweit geht es mir gut. Ich hoffe, wir überstehen die Reise gut.
Konntest du schon schlafen?
Ich habe es versucht. Ich habe mich strikt an die Traineranweisungen gehalten, und die Anweisung war: beim Einsteigen direkt versuchen zu schlafen. Wir sind um 13 Uhr losgeflogen – das ist ja 1 Uhr nachts in Kona. Ich hatte die Augen zu, aber es hat ehrlich gesagt nicht funktioniert.
Der Flughäfen von Frankfurt und Kailua-Kona liegen 12.110 Kilometer voneinander entfernt. Der Flug von Deutschland an die US-Westküste dauert über elf Stunden, der Weiterflug nach Hawaii noch einmal mehr als fünf. Dazwischen bleiben dreieinhalb Stunden zum Umsteigen und für die Immigration in die Vereinigten Staaten von Amerika. Unsere Redaktion, die aus Hamburg anreist, ist von der Haustür bis zum Hotel rund 30 Stunden unterwegs.
Melatonin soll helfen.
Habe ich tatsächlich genommen. Ich habe vorher stark recherchiert, welches ich nehmen darf – also welches auf der Kölner Liste steht. Hat aber leider nicht geholfen. Vielleicht wirkt es ja beim nächsten Versuch.
Das zweite Mal Hawaii: Welche Erfahrungen aus dem ersten Jahr hast du im Gepäck, die dir dieses Jahr weiterhelfen?
Ich glaube, da ist vieles. Mein erstes Learning war, dass ich auf jeden Fall den Hoʻala Training Swim mitmachen sollte. Den werde ich dieses Jahr auf jeden Fall schwimmen, denn mit meinem Schwimmen war ich letztes Jahr nicht so happy. Ansonsten ist jedes Rennen anders. Ich konnte viele Kleinigkeiten lernen, es lief aber auch vieles gut. Mit Platz 15 bei der Ironman-WM 2025 bin ich durchaus zufrieden gewesen, ich habe mich letztes Jahr eher selbst überrascht. Das zu toppen wird, glaube ich, schwierig. Nicht unmöglich, aber schwierig.
Machst du dein Ziel nur an einer Platzierung fest?
Ich habe mir deshalb unabhängig von der Platzierung eher eigene Leistungsziele gesetzt und hoffe, dass ich ein paar kleine Sachen aus dem letzten Jahr besser machen kann. Vor allem habe ich eines mitgenommen: Bis Kilometer 12 beim Laufen war ich wirklich gar nicht happy. Ich hätte behauptet, das ist ein richtig schlechter Tag, und ich war auch richtig schlecht gelaunt. Danach habe ich dann gemerkt: Oh, ich sammle Leute ein – vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht. Das heißt, das Rennen kann sich bei Kilometer 12, bei Kilometer 21 oder, wie man gesehen hat, vielleicht sogar noch bei Kilometer 40 drehen und wenden. Deswegen wirklich bis zum Ende dranbleiben – das ist mein Hauptziel.
Ich trete ich also zum zweiten Mal über 3,8 Kilometer gegen dich an – und mit dir. Wir sind schon einmal zusammen diese Distanz geschwommen – vom Playitas Resort auf Fuerteventura nach Gran Tarajal, und ich konnte deine Füße mit Mühe und Not halten. Wie schnell muss ich dieses Jahr schwimmen, um mithalten zu können?
Ich würde sagen, wir machen es ähnlich und machen einen Trainingsswim daraus. Ich würde allerdings gern ein bisschen schneller losschwimmen, um den Start zu simulieren.
Okay, dann bin ich schon raus.
Aber danach können wir sehr gerne einen lockeren Trainingsswim zusammen machen.
Jana Uderstadt ist mit ihrem Coach Utz Brenner regelmäßig auf Fuerteventura zu Gast – die Schwimmstrecke nach Gran Tarajal ist eine beliebte Einheit bei den Profis, der Trainer oft Chauffeur für den Rückweg . Nach Hawaii konnte der Coach nicht mitkommen.
Hast du keine Angst vor den Würfelquallen?
Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich habe keine Ahnung.
Dann recherchier das besser auch nicht. Die sollen nämlich ausgerechnet am Tag des Hoʻala Swim mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in der Bucht sein – das hängt an den Mondphasen.
Bei mir sind nur Delfine in der Bucht. Ich mache mir keine Sorgen.
Würfelquallen (Box Jellyfish) folgen dem Mondkalender – sie nutzen die dunkelsten Nächste, um zum Laichen an die Küste zu kommen. Der Hautkontakt gilt als schmerzhaft, mitunter treten allergische Reaktionen auf, selten extreme medizinische Notsituationen auf. An der Kona-Küste ist das Phänomen von weiteren Faktoren wir Wind und Strömungen abhängig. Tag 1 des Oktober-Zeitfensters fällt auf den 4. – den Tag des Testschwimmwettkampfs.
Also: Schwimmen im Pazifik. Und dann das Radfahren – was ist das Besondere daran auf Hawaii, wo wir in gut 13 oder 14 Stunden landen werden?
Im letzten Jahr hatten wir, glaube ich, ein recht windstilles Jahr. Von den berüchtigten starken Winden habe ich nichts gemerkt. Nach dem Wendepunkt in Hawi habe ich dann irgendwann die Hitze gespürt. Aber mir hat es auf dem Rad einfach richtig viel Freude gemacht. Das Besondere ist deshalb für mich: durchgängig kühlen – und damit schon anfangen, wenn es einem eigentlich noch gar nicht zu warm ist. Das war, glaube ich, ein ganz entscheidender Punkt.
Das kann man ja ein bisschen trainieren. Viele machen Hitzetraining, nicht nur wegen der Hitzeverträglichkeit, sondern auch, weil dem Ganzen leistungssteigernde Effekte nachgesagt werden, wenn man es richtig macht. Welche Rolle hat das in deinem Programm gespielt? Wie viel hast du in langer Montur auf der Rolle indoor trainiert?
Die letzten vier Wochen waren auf jeden Fall intensives Hitzetraining, sowohl aktiv auf der Rolle als auch passiv in der Badewanne. Die Badewanne fand ich fast noch schlimmer als die Rolle. Aber wir haben das auch über das Jahr immer wieder eingestreut, ich bin ja in Texas gestartet. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht, auch was die Leistungssteigerung angeht. Von daher war es auf jeden Fall ein fester Bestandteil.
Es gibt zwei Taktiken, nach Hawaii anzureisen: Manche kommen recht kurzfristig, manche sehr langfristig, viele sind schon da. Du hast einen mittleren Weg gewählt, wir sind jetzt zwölf Tage vor dem Rennen. Was war die Entscheidungsgrundlage?
Zwölf Stunden Zeitverschiebung, zwölf Tage vorher – das war mein Mindestmaß. Ansonsten war es wirklich auch eine Budgetentscheidung, zwölf Tage vorher anzureisen.
Budget heißt: Als Profi macht man dem Vernehmen nach ein Minus, wenn man zum Ironman Hawaii fährt. Oder hast du ausgerechnet, welcher Platz es sein müsste, damit es sich lohnt?
Ich kann sagen: Mit Platz 15 im letzten Jahr war es immer noch ein großes Minusgeschäft. Ich glaube, ab den Top Ten kann es sich lohnen – vor allem aber, wenn man das Ganze gut vermarktet.
Jana Uderstadt wird aktuell von der Motoröl-Firma Rowe und ihrem langjährigen Partner Blue Consult unterstützt. Im Rennen ist sie im Zoot-Einteiler unterwegs, fährt ein Rad von Quintana Roo und läuft in Puma-Schuhen.
Was brauchst du im Rennen, um hinterher sagen zu können: Jetzt habe ich Potenzial für die Vermarktung?
Ich glaube, hauptsächlich muss ich einfach meine Leistung abrufen. Insbesondere beim Schwimmen darf ich keine Fehler machen – da habe ich letztes Jahr ein bisschen was falsch gemacht, um in der Gruppe dabeizubleiben. Und ansonsten: Die Platzierung kann ich ehrlich gesagt nicht beeinflussen. Es sind so viele starke Frauen am Start. Wenn ich am Ende mit einem Top-Rennen eben nur 20. bin, dann ist es so. Deshalb will ich da eigentlich gar keine Aussage treffen.
Spielt es eine Rolle, wie man im deutschen Ranking steht?
Durchaus! Klar, Laura Philipp wird vorn sein. Aber auch dahinter sind wir ein starkes Feld, und da ist es schon interessant, wer nach Laura die zweitbeste Deutsche wird.
Da sind ein paar interessante neue Namen dabei – du warst letztes Jahr selbst ein neuer Name. Wie siehst du die deutsche Mannschaft, wenn man überhaupt von einer Mannschaft sprechen kann?
Ich hoffe, man kann auf jeden Fall von einer Mannschaft sprechen. Wir sind stark, sowohl auf der Frauen- als auch auf der Männerseite. Laura vielleicht ausgenommen, sind wir alle auf einem recht ähnlichen Niveau – wenn man etwa Franziska Hofmann, Henrike Güber und Jenny Jendryschik nennt. Es wird einfach richtig spannend, und man braucht einen guten Tag, um zweitbeste Deutsche zu werden.
Zwölf Tage noch. Wie gestaltest du die?
Wenn wir ankommen, hoffentlich erst mal gut durchschlafen und nicht zu früh aufwachen. Dann starte ich wirklich entspannt: Die ersten zwei Tage geht es ums Reinkommen – ein bisschen schwimmen, ein bisschen laufen, ein bisschen Rad fahren. Das würde ich noch nicht als echtes Training bezeichnen. Nach diesen zwei Tagen geht es dann noch ein paar Tage richtig mit Training los. Ich will auch noch mal nach Hawi fahren und durchs Energy Lab laufen. Darauf freue ich mich schon.
Geht es dabei eher um Streckenerfahrung, oder gibt es tatsächlich physiologische Schlüsseleinheiten, die du vor dem Rennen noch brauchst?
Ich glaube, alle Schlüsseleinheiten, die ich wirklich brauche, habe ich zu Hause gemacht. Vom Training her ist es eigentlich erledigt. Jetzt geht es eher darum, auf der Insel wieder Erfahrungen zu sammeln: Wie fühlt sich alles an? Und sich dabei vielleicht auch für den Kopf ein bisschen Selbstvertrauen zu holen. Vergangenes Jahr hatte ich natürlich meinen Moment im Energy Lab, der mich ein bisschen geerdet hat. Ich bin reingelaufen und dachte: Wovon reden die denn alle? Ist doch gar nicht hart hier. Dann habe ich hinten gewendet, gemerkt, dass ich kein Wasser mehr habe – und auf einmal wurde es ganz schön schnell ganz schön hart. Das hat mich geerdet, und ich bin gespannt, wie es dieses Jahr wird. Es ist ja ein besonderer Flecken Erde.
Ein besonderer Flecken Erde, der immer noch im Entstehen begriffen ist. Stell dir vor, der Kilauea-Vulkan bricht nächste Woche aus. Fährst du hin, nimmst du so etwas mit? Oder sagst du: Als Profi muss ich mich komplett aufs Rennen konzentrieren, danach ist vielleicht noch Zeit für Tourismus?
Ich hoffe sehr, dass der Vulkan am Sonntag nach dem Rennen ausbricht, damit ich mir darüber keine Gedanken machen muss. Denn das wäre natürlich ein sehr, sehr besonderes Ereignis, das ich gern sehen würde. Wenn es kurz vor dem Rennen passiert, wäre ich genug Profi. Wenn es direkt am Anfang passiert, müsste ich darüber noch mal philosophieren.