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Augenzeugen in Irland: Wie gefährlich war das Schwimmen beim Ironman Cork?

Beim Ironman Cork kam es am Sonntag zur Tragödie: Während des Schwimmens verstarben zwei Teilnehmer, die das Rennen im Süden Irlands auf sich genommen hatten. Augenzeugen berichten nun, wie die Bedingungen waren.

Die Keltische See bei Youghal im Süden Irlands, dem Ort des Ironman und Ironman 70.3 Cork (Symbolbild, nicht vom Renntag).
(c) Walshphotos | Dreamstime.com Die Keltische See bei Youghal im Süden Irlands, dem Ort des Ironman und Ironman 70.3 Cork (Symbolbild, nicht vom Renntag).

Immer wieder kommt es vor allem in der Auftaktdisziplin von Triathlonrennen zu medizinischen Zwischenfällen und Noteinsätzen. Eine in den Annals of Internal Medicine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie zählt für die Jahre 1985 bis 2016 allein in den USA 107 Todesfälle auf, von denen gut zwei Drittel beim Schwimmen aufgetreten sind. Tragische Zwischenfälle gab es auch in Deutschland immer wieder, die prominentesten waren in den vergangenen Jahren eine Staffelschwimmerin bei der Challenge Roth, ein Teilnehmer des Köln-Triathlons sowie zwei in verschiedenen Jahren beim Ironman 70.3 Duisburg. Wenn jedoch gleich zwei Teilnehmer einer mittelgroßen Ironman-Veranstaltung wie dem Halb- und Volldistanzrennen von Cork am Wochenende während des Schwimmens innerhalb weniger Minuten versterben — fällt das dann noch in den Rahmen eines statistischen Ausreißers?

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Startverschiebung um einen Tag – dann Streckenkürzung

Während die genannten Rennen in Roth, Köln und Duisburg alle bei guten Schwimmbedingungen ausgetragen wurden, stellte sich die Situation in Irland anders dar. Denn eigentlich war der Start des Ironman 70.3 schon für den Samstag geplant, am Sonntag sollte die Langdistanz über die Bühne gehen. „Ich bin am Freitag angereist und dachte: Was für ein Mistwetter!“, berichtet der Regensburger Nikolaus Ferstl, der sich das Rennen in Youghal als ein Highlight einer Urlaubsreise und seinen 17. Langdistanz-Start ausgesucht hatte. „Als ich beim Check-in am Samstag die Wellen gesehen habe, war mein erster Gedanke: Wenn das morgen auch so ist, starte ich nicht!“ Auch die Teilnehmer der Halbdistanz hatten nach einer vorübergehenden und später zurückgenommenen Streckenänderung bereits eine weitere Bedenkzeit bekommen: Denn wegen der äußerst widrigen Wetterbedingungen erhielten die Gemeldeten am Samstagmorgen um 5 Uhr per E-Mail Bescheid, dass auch ihr Rennen erst am Sonntag ausgetragen werden könne – vor dem Start des Ironman. Neben der unruhigen Keltischen See hätten auch der Sturm an Land und stellenweise Überflutungen zu der Entscheidung beigetragen, wie ein Insider aus der Organisation gegenüber tri-mag.de berichtet.

Auch wenn Ferstl eine langjährige Rennerfahrung mitbringt, bezeichnet er sich selbst als „nicht so guten Schwimmer“ – mit der persönlichen Schlussfolgerung: „Ich habe mir die 3,8 Kilometer bei diesen Bedingungen nicht zugetraut. Und ich hätte es auch für unverantwortlich gehalten, wenn man das Rennen über die volle Distanz gestartet hätte.“

Mannshohe Wellen beim Ironman Irland

Am Sonntag entschieden die Veranstalter dann, die Ironman-Schwimmstrecke zu verkürzen und die Langdistanzler ebenfalls nur über die offiziell 1,9 Kilometer der Mittelstrecke zu schicken. Es habe ewig gedauert, bis das Rennen gestartet wurde – eine Ewigkeit, in der die Ironman-Starter die Probleme der 70.3-Teilnehmer mit eigenen Augen beobachten konnten. „Die Wellen waren teilweise mannshoch“, berichtet Ferstl. „Ich habe viele gesehen, die das wohl noch nie gemacht hatten und sichtlich Probleme bekamen.“ Eine Beobachtung, die offenbar auch der Veranstalter machte, denn bis zum Start der rund 700 Ironman-Teilnehmer entschied man, die Strecke weiter zu modifizieren und eine Boje auszulassen. „Da dachte ich, dass ich mir das wohl zutrauen kann“, so Ferstl.

Weniger Bedenken hatte ein zweiter starker Athlet aus dem deutschsprachigen Raum: Reinhard Marl, der in 8:33:58 Stunden seine Agegroup M35–39 gewann und mit dieser Leistung auch im Gesamtklassement auf Platz 3 finishte – inklusive einer Schwimmzeit von 18:26 Minuten auf der verkürzten Strecke. „Ich fühlte mich persönlich zu keinem Zeitpunkt unsicher, sah das eher als eine Challenge“, äußerte sich der Österreicher per Facebook-Kommentar unter einem ersten Artikel von tri-mag.de zu diesem Thema. „Einige Athleten entschieden sich an der Startlinie, nicht hineinzugehen, und einige kamen gleich wieder raus und entschieden, abzubrechen – das zeugt von Eigenverantwortung. Ich habe höchsten Respekt davor.“

Auch Ferstls mitgereiste Ehefrau Anita berichtet von diesen Szenen: „Ich stand am Start und konnte nicht weggehen, weil es so schlimm war“, berichtet sie. „Ich habe gesehen, wie Athleten sofort wieder aus dem Wasser kamen. Zwei sind orientierungslos aufs Meer hinausgeschwommen. Einer ist entkräftet gestürzt und liegen geblieben. Er blieb in den Wellen liegen, bis Helfer kamen und ihn da rausholten. Ich war heilfroh, als ich ihn später als Fan am Streckenrand gesehen habe und wusste, dass es ihm gut geht.“

Bedingungen auf dem Wasser besser als am Ufer

Auf der Strecke selbst habe Marl sich nicht unsicher gefühlt: „Es waren sehr viele Kajaks draußen, die eine Art Kanal bildeten, sodass alles halbwegs zu überblicken war.“ Auch Ferstl, der in 23:08 Minuten im Mittelfeld etwa fünf Minuten nach Marl (der die insgesamt 32. Schwimmzeit erzielt hatte) aus dem Wasser kam, arrangierte sich zunehmend mit den Bedingungen: Die ersten Meter seien anspruchsvoll gewesen, ab der Wendeboje habe es dann aber „sogar Spaß gemacht“.

Ein Wohlgefühl, das einem Schock wich: „Beim Ausstieg habe ich auf der Rampe einen Mann gesehen, der wiederbelebt wurde“, berichtet Ferstl. Dass es sich bei diesem Mann um den verstorbenen 40-jährigen Briten handelt, bestätigt eine Person, die aufgrund ihrer Position eng mit der Sachlage vertraut ist, aber nicht namentlich genannt werden möchte, gegenüber tri-mag.de. Die gleiche Quelle berichtet, dass sich der andere der beiden Todesfälle, der des 60-jährigen Kanadiers, „gegen Ende der Schwimmstrecke etwa 300 bis 400 Meter vor dem Ausstieg“ ereignet habe.

Auch Radfahren nicht ungefährlich

Das Bild der Rettungsmaßnahmen, das sich auch vor den Augen vieler Zuschauer am Ufer abspielte, „hat mir einen schlechten Traum beschert“, berichtet Nikolaus Ferstl. Traumhaft sei auch das anschließende Radfahren zunächst nicht unbedingt gewesen – die mit zwei Rennen nun doppelt so volle Strecke sei bei extremen Böen stellenweise gefährlich gewesen, berichtet Ferstl. Erst auf der zweiten Runde hätten sich die Bedingungen entspannt, das Laufen war schließlich völlig problemlos – „super organisiert auf einer ganz tollen Strecke.“

Während die Untersuchungen in Irland weitergehen und die Leichen der Verstorbenen obduziert werden, entbrennt unterdessen ein Streit zwischen dem Verband Triathlon Ireland und dem Veranstalter Ironman. In einem offiziellen Statement verkündete der Verband am Montag, dass man am Sonntagmorgen vor dem Start die Genehmigung für das Rennen entzogen habe. Bei Ironman will man davon nichts gewusst haben – auf Anfrage unserer Redaktion habe man dort erst von der Verbandsentscheidung erfahren, als das Rennen schon einige Stunden lief.

Veranstalterpflicht oder Eigenverantwortung?

Was bedeutet das Ganze nun für den zukünftigen Umgang der Veranstalter und Athleten mit besonderen Bedingungen? „Ironman ist eben eine Extremsportart und sollte nur mit entsprechendem Training und Vorbereitung gemacht werden“, sagt Reinhard Marl. „Jeder sollte sich zudem auch mit dem geplanten Rennen beschäftigen und sich über potenzielle Bedingungen und Erschwernisse am Raceday bewusst sein, wenn man sich für ein Rennen entscheidet.“ Ferstl sieht noch mehr die Organisatoren in der Pflicht: „Es ist von Veranstalterseite mindestens fahrlässig, ein Rennen unter diesen Bedingungen zu starten – unabhängig davon, was wir Athleten bei der Anmeldung unterschrieben haben. Man sollte die Sportler zumindest sauber aufklären, vielleicht mit einem Video, das ein Worst-Case-Szenario der Bedingungen zeigt, auf dessen Grundlage jeder selbst entscheiden kann, ob er an den Start geht.“ Das Wort „Eigenverantwortung“, das auch Marl schon genannt hat, sieht man häufig in den Kommentarspalten zum Ironman Cork in diesen Tagen.

Trotz der unterschiedlichen Einstellungen vereint die beiden Agegroup-Sieger die Trauer um das Geschehene und Erlebte: „Ganz schlimm, was da passiert ist – meine aufrichtige Anteilnahme!“, schreibt Marl. „Es ist ganz bitter und meine Gedanken sind bei den Angehörigen“, sagt Ferstl. Auch Ironman und Triathlon Ireland haben ihr Mitgefühl mit den Hinterbliebenen geäußert.

Trotz des Schocks haben sich beide Sportler als Agegroup-Sieger einen Traum erfüllt: Am Montag nach dem Rennen holten sich Reinhard Marl, der schon 2022 in Kona am Start war, und Nikolaus Ferstl als Hawaii-Rookie ihre Slots für die Ironman-Weltmeisterschaft der Männer am 26. Oktober 2024. Nach einer Schweigeminute, die noch lange nachwirken wird.

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7 Kommentare

  1. Die Videos und Beschreibungen über die Verhältnisse vor Ort sprechen für sich.
    Solche Bedingungen kann man nicht trainieren und können selbst einen guten, schnellen Schwimmer mal ganz schnell untergehen lassen.
    Nichts desto trotz, hat man mal eingecheckt und steht an der Startlinie mit Adrenalin voll gepumpt, ist die Sichtweise manchmal anders als Vernünftig. Das kennt jeder.
    Genau dafür gibt’s dann gewisse Leute, die das ganze bewerten.
    On Top kommt der Geldfacktor.
    Eingecheckt, kein Geld zurück oder Verschiebung, Anreise, Unterkunft, Verpflegung, Training.
    Da gehen 95% ins Wasser.

    • Das hat ja noch nicht mal was mit dem Check-In zu tun, Geld zurück gibt es auch dann nicht, wenn ich mich zwei Tage vorher so entscheide (es sei denn ich bin versichert). Und das ist grundsätzlich auch legitim, der Veranstalter hat Kosten und plant mit meiner Anwesenheit. Es wird natürlich fragwürdig, wenn dieser wirtschaftliche Druck dazu führt, dass der Veranstalter nicht absagt. Wäre auch mal interessant zu erfahren, inwiefern man sich als Veranstalter gegen Naturereignisse versichern kann.
      Grundsätzlich ist diese Diskussion und Aufarbeitung hier auf mehreren Ebenen zu führen. Ganz vordergründig muss natürlich geklärt werden, wie jetzt eigentlich die Abläufe rund um die Verschiebung und die „Rücknahme“ der Genehmigung gelaufen sind. Hat Ironman da durchgezogen, obwohl der Verband sein Veto eingelegt hat, oder versucht da jemand auf Verbandseite jetzt im Nachhinein in besserem Licht zu stehen, als es in Wirklichkeit war. Da würden mich vor allem auch die Abläufe interessieren, wer hat wann überhaupt noch was zu sagen? Der Verband genehmigt eine Veranstaltung ja eigentlich im Vorhinein, ich wäre jetzt davon ausgegangen, dass am Wettkampftag selber dann der Veranstalter mit Behördenvertretern (Polizei, Rettungsdienst, Stadt, …) zusammen entscheidet (Stichwort Lagezentrum). Der Verband ist da vermutlich auch vertreten, aber ich hätte Gedacht, eher im Hinblick auf das Kampfgericht, nicht auf die Gefährdung.
      Ein anderes Thema ist die oben angesprochene Eigenverantwortung. Wann muss der Veranstalter einschreiten, um die Athleten vor sich selbst zu schützen. Jeder weiß, wie schwer es ist, nicht anzutreten. Ich habe dieses Jahr 2 Tage vor Duisburg entschieden, dass ich nicht an den Start gehen kann. Das war hart, aber vernünftig. Teuer, aber die richtige Entscheidung.
      Man muss in diesem konkreten Fall natürlich auch berücksichtigen, dass es sich nicht um irgendeinen Triathlon in einem x-beliebigen Binnengewässer gehandelt hat. Wer sich da anmeldet weiß, dass er in der irischen See schwimmt. Wenn ich mir die Bilder anschaue kann ich mir auch nicht vorstellen, da zu schwimmen, aber offensichtlich haben es viele, viele Athleten getan.
      Die perfekte Richtlinie, wann man etwas abbrechen muss, gibt es nicht. Im Nachhinein ist das immer schnell und leicht gesagt, wenn etwas passiert ist… aber sonst kommen wir an einen Punkt, wo jeder Veranstalter beim kleinsten Problem abbricht, um sich selber abzusichern, und wir dauernd enttäuscht an der Startlinie stehen.
      Das soll kein Fazit sein und keiner Aufarbeitung vorgreifen. Die ist sicherlich wichtig, wird aber nicht alle Fragen klären können. Das ist leider meistens so.

    • Hat Ironman nach Hamburg nichts gelernt? Angeblich entscheidet die Zentrale und nicht der vor Ort Verantwortliche. Und was sagt der EMEA Bereich Verantwortliche? Schweigen im Walde? Erst wenn der letzte Triathlet sich bei einem anderen Anbieter Veranstalter anmeldet, erst dann wird sich was bei Ironman ändern. Wir Kunden können nur durch unsere Auswahl etwas bewirken, hoffentlich. Jeder Unfall, ob mit oder ohne Todesfolge ist einer zuviel.

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Frank Wechsel
Frank Wechsel
Frank Wechsel ist Herausgeber der Zeitschriften SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist zehnfacher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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