Lionel Sanders ist dafür bekannt, seine Arbeitsweise als Profi zu hinterfragen und nach Antworten zu suchen. Im Interview spricht der zweimalige Ironman-Vizeweltmeister über sein enttäuschendes Ironman-Texas-Rennen, Angst im Wettkampf – und warum er trotzdem glaubt, dass sein bestes Rennen noch vor ihm liegt.
Nach seinem enttäuschenden Rennen beim Ironman Texas hinterfragt Lionel Sanders vieles: seine Trainingssteuerung, seine Belastbarkeit und die aktuellen Renndynamiken im Langdistanztriathlon. tri-mag.de hat den Kanadier, der 2017 auf Hawaii und 2022 in St. George jeweils Ironman-Vizeweltmeister wurde, im Rahmen eines Trainingslagers seines Sponsors Canyon zum Gespräch getroffen. Der 38-Jährige spricht über persönliche Potenziale, die Grenzen des Indoortrainings, Angst im Wettkampf und den Versuch, sich als älter werdender Athlet neu zu erfinden.
Lionel, du hast zuletzt von mangelnder „Durability“ im Ironman gesprochen. Weißt du inzwischen, woran das lag?
Wenn du nur siebeneinhalb Stunden pro Woche Rad fährst, kannst du dir ausrechnen, was dabei herauskommt. Ich habe außerdem fast alles auf dem Rollentrainer gemacht und bin meistens im ERG-Modus gefahren. Dann kommst du nach draußen – selbst auf eine flache Strecke wie in Texas – und merkst plötzlich: Ich war nach nicht mal drei Stunden komplett müde, obwohl ich bei meinen langen Fahrten im Schnitt über 300 Watt gefahren bin. Ich führe das hauptsächlich darauf zurück, dass ich nicht draußen gefahren bin und die Elemente nicht gespürt habe. Seit dem Ironman Texas fahre ich jetzt wieder regelmäßig draußen und merke schon nach einem Monat, wie schnell ich mich angepasst habe. Die Ausfahrt heute ging fast drei Stunden und normalerweise würde ich gegen Ende stark abbauen. Das Problem lässt sich also relativ einfach beheben.
Was fehlt beim Indoortraining aus deiner Sicht?
Indoor produzierst du zwar eine gute „Rohleistung“, aber so fährt man draußen eben nicht. Wenn du einen Berg hochfährst, trittst du mehr, bergab wirst du schneller, ohne zu treten. Es gibt so viele Nuancen beim Radfahren. Natürlich ist der Smarttrainer sinnvoll, gerade wenn das Wetter schlecht ist oder es draußen gefährlich wäre. Auch ergänzend ist das super. Aber wenn du einen guten Ironman machen willst, musst du draußen fahren. Sonst lässt du zu viel liegen. Und für mich als schwachen Schwimmer gilt sowieso: Wenn du auf dem Rad nicht komplett optimiert bist, hast du keine Chance.
Weil sich der Sport so verändert hat?
Komplett. In einer Langdistanz müde vom Rad zu steigen – das geht nicht mehr. Vielleicht früher, aber das hier ist moderner Triathlon. Die Jungs sind unglaublich gut. Sie haben keine Schwächen mehr. Sie explodieren nicht mehr, sie bauen nicht mehr ab. Das ist die moderne Entwicklung: Niemand schwächelt mehr, in keiner Disziplin. Alle trainieren extrem gut und sind komplett optimiert.
Du hast gesagt, dass du früher geraced bist, um zu explodieren. Hat sich das verändert?
Ich weiß nicht, ob man mit der Absicht ins Rennen gehen sollte, zu explodieren. Aber Rennen sind eben Rennen. Einen 70.3 mache ich komplett ohne Angst. Wenn ich mit zweieinhalb Minuten Rückstand aus dem Wasser komme, steige ich aufs Rad und fahre einfach los. Weil meine letzten Ironman-Erfahrungen allerdings so schlecht waren, entsteht irgendwann Angst. Und dann musst du das Problem lösen. Die anderen haben keine Angst mehr, sie gehen einen Ironman inzwischen fast wie ein 70.3-Rennen an. Wenn einer hart fährt, denken sie einfach: „Okay, wenn das der Mann ist, den es zu schlagen gilt, dann fahre ich eben auch hart.“
Hat das auch etwas mit deiner Persönlichkeit zu tun? Du warst lange jemand, der Dinge extrem angegangen ist.