Drei Viertel der Tour sind geschafft: Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski haben Finnland durchquert und den hohen Norden verlassen. Zwischen Wäldern, einsamen Gravelstraßen und unzähligen Rentieren sammelten sie Kilometer – und fuhren ihrem Zeitplan davon.

Der hohe Norden liegt hinter ihnen. Nach mehr als vier Wochen in Norwegen und Finnland haben Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski Helsinki erreicht. Von dort setzen sie mit der Fähre nach Tallinn über. Ein weiterer Meilenstein bei ihrem Projekt „Around Europe“ – und gleichzeitig der Beginn eines neuen Abschnitts. Statt durch Skandinavien führt die Route nun durch Osteuropa und später über den Balkan zurück nach München.
Rund drei Viertel der insgesamt etwa 24.000 Kilometer haben beide absolviert. „Die letzten 6.000 Kilometer liegen vor uns“, sagt Deichmann. Rund einen Monat wollen sie dafür benötigen. Und sie können den kommenden Etappen vergleichsweise entspannt entgegenblicken: Aktuell liegen sie ungefähr eine Woche vor ihrem ursprünglichen Zeitplan.
Wo die Wohnmobile verschwinden
Vom Nordkap aus fuhren Deichmann und Rutkowski zunächst über die Nordkapinsel zurück. Nach etwa 150 Kilometern bogen sie auf eine kleine Straße entlang der nordnorwegischen Küste ab. Während die meisten Reisenden über Norwegen oder Schweden nach Süden fahren, wählten die beiden eine Route in Richtung Nordostfinnland.
Die Veränderung war sofort spürbar. Wohnmobile, Campervans und der übrige Reiseverkehr verschwanden nahezu vollständig. „Da ist wirklich nichts mehr“, berichtet Deichmann. Die kleine Straße führt lediglich zu einigen Fischerorten, nach Finnland oder weiter in Richtung der russischen Grenze. „Wir hatten eine spektakuläre Straße vor uns, komplett ohne Verkehr.“
Mit dem Grenzübertritt erreichten die beiden Finnisch-Lappland. Die Landschaft wurde weiter, die Abstände zwischen den Ortschaften größer. Teilweise passierten sie auf 100 Kilometern lediglich ein oder zwei Häuser.
Intervalltraining ohne richtigen Anstieg
Flach war die Route trotz der scheinbar endlosen Geraden nicht. Die Straßen führen über unzählige kleine Hügel und Wellen. Ein langer Pass ist zwar nicht dabei, dennoch summieren sich die Höhenmeter. „Man hat am Ende des Tages auch 1.500 Höhenmeter, obwohl kein richtiger Anstieg dabei war“, sagt Deichmann. „Es geht immer runter, eine kurze knackige Welle hoch und wieder runter. Das ist teilweise ein bisschen Intervalltraining.“
Zunächst blieben beide auf der einzigen größeren Straße. Der Grund: die Verpflegung. Im Norden Lapplands liegen teilweise rund 100 Kilometer zwischen zwei Einkaufsmöglichkeiten. Wer von der Hauptstraße abbiegt, findet mitunter über lange Zeit überhaupt keinen Lebensmittelgeschäft mehr.
Erst bei Inari, nördlich des Polarkreises, wechselten Deichmann und Rutkowski auf kleine Gravelstraßen. Diese führten sie durch den Nordosten und anschließend durch Zentralfinnland. Wald, Seen und Wildnis bestimmten das Bild. Die Route hatten sie so geplant, dass sie möglichst ein- bis zweimal täglich eine Ortschaft mit einem Supermarkt erreichten.
Rentiere im Kreisverkehr
Zu den Höhepunkten der Fahrt durch Lappland gehörten die tierischen Begegnungen. „Es gibt brutal viele Rentiere“, erzählt Deichmann. Teilweise liefen alle zehn Minuten ein oder zwei Tiere über die Straße.
Ein Rentier hatte es sich sogar am Strand eines Sees bequem gemacht. „Das war wie ein Tourist, der sein Handtuch ausgelegt hat und dort chillt“, sagt Deichmann. Das Tier lag am Ufer und blickte über das Wasser. Andere Rentiere zeigten sich von Menschen und Verkehr ebenfalls wenig beeindruckt. In einer kleinen Ortschaft liefen zwei von ihnen durch den Kreisverkehr, weitere standen vor dem Supermarkt. „Sie waren relativ zahm. Das war schon cool.“

Je weiter Deichmann und Rutkowski nach Süden kamen, desto stärker veränderte sich die Umgebung. Rund 300 bis 400 Kilometer nördlich von Helsinki wurden die Ortschaften größer. Zwischen den Wäldern tauchten häufiger Felder auf, auf den Straßen nahm der Verkehr langsam wieder zu. Zuvor hatten die beiden allerdings nicht nur mit Moskitos, sondern vor allem mit Gegenwind zu kämpfen. Dafür wurde es auf dem Weg nach Süden allmählich wärmer.
300 Kilometer durch den Regen
Trotz der Windverhältnisse sammelten die beiden Extremsportler zahlreiche Kilometer. An den meisten Tagen legten sie mehr als 200 Kilometer zurück, teilweise waren es 240. Einmal standen am Ende des Tages sogar 300 Kilometer auf dem Radcomputer. Möglich machten das auch die langen Tage. Nördlich des Polarkreises wurde es zeitweise überhaupt nicht dunkel. Weiter südlich ging die Sonne zwar wieder unter, allerdings erst gegen 22:30 Uhr – und bereits gegen drei Uhr morgens wieder auf.
Auch das schlechte Wetter sorgte paradoxerweise für längere Tagesetappen. Cafés oder andere Orte für ausgedehnte Pausen gab es in den einsamen Regionen kaum. Und bei Regen wollten Deichmann und Rutkowski auch nicht lange an einem See verweilen. „Dann fährt man halt“, sagt Deichmann. So entstanden viele lange Tage im Sattel – und der Vorsprung im Zeitplan.
Frische Reifen für die letzten 6.000 Kilometer
In Helsinki übernachteten Deichmann und Rutkowski bei einem Freund von Deichmann. Dieser hatte bereits die Dokumentation über dessen Cape-to-Cape-Abenteuer produziert und betreibt in der finnischen Hauptstadt einen Fahrradladen. Dort erhielten die Räder einen ausführlichen Service. Reifen und Ketten wurden noch einmal erneuert. Es soll die letzte größere Wartung vor München sein. Vom „Schlussspurt“ möchte Deichmann angesichts der verbleibenden 6.000 Kilometer allerdings noch nicht sprechen.
Von Tallinn aus führt die Route nun durch Estland, Lettland und Litauen, weiter über Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Griechenland. Anschließend geht es über den Balkan zurück nach Deutschland.











