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Stadlers Zeh, Kienles Kraichgau und Zaubergetränke: Das stand vor 20 Jahren in der triathlon

Ein Sommermärchen mit leergefegten Radwegen, Normann Stadler mit gebrochenem Zeh und gutem Omen, ein 21-jähriger Sebastian Kienle im Kraichgau und Zaubertränke mit „Transportmatrix“: Das war der Juli 2006 in der triathlon. Eine neue Ausgabe unserer Retro-Serie – 20 Jahre später mit einem Schmunzeln im Gesicht und dem Wissen von heute.

Sommermärchen mit Schwimmbrille

Deutschland, im Sommer 2006. Das Land feiert eine Fußball-WM, und das Editorial der triathlon 47 widmet sich folgerichtig Jürgen Klinsmann, der ewigen Frage „Kahn und Lehmann (oder heißt es Lehmann und Kahn?)“ – und dem, was Triathleten mit dem Sommermärchen wirklich verbinden: „spiegelblanke Schwimmbecken, leergefegte Straßen, vergessene Waldwege. Ein Traum – so wenige Wochen vor den wichtigsten Rennen des Jahres.“ Die Rubrik „in & out“ empfahl konsequenterweise, „während der WM-Spiele die leeren Straßen zum Radtraining“ zu nutzen. Man muss Prioritäten setzen können. Auf dem Cover übrigens: Weltmeister Peter Robertson. Willkommen im Triathlonsommer 2006.

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Frank Wechsel / spomedis Normann Stadler

Stadler: Der Zeh als gutes Omen

Im großen Interview erzählt Normann Stadler, wie ihm im Frühjahr ein Wasserkasten auf den Fuß fiel – Zehbruch, wenige Monate vor dem Ironman Frankfurt. Seine Reaktion ist eine Lehrstunde in angewandter Sportpsychologie: „Vor meinem Hawaii-Sieg 2004 habe ich mir vier Wochen vorher übrigens auch einen Zeh gebrochen. Aber nur den kleinen – an der Bettkante. Und jetzt ist es der große, das ist ja ein gutes Omen.“ Dazu schnitt er kurzerhand seinen Radschuh auf, damit der Fuß samt Schiene hineinpasste. Wer im Oktober 2006 die Ziellinie auf Hawaii verfolgt hat, weiß: Der Mann hatte recht. Größerer Zeh, größeres Omen – am Ende stand sein zweiter Sieg auf Big Island. Ganz nebenbei verriet Stadler noch, er sei ab und zu im Trainingslager des T-Mobile-Teams und spüre, „dass die Radprofis einen Höllenrespekt vor uns haben“. Wenige Wochen später hatten die Radprofis dann bekanntlich ganz andere Sorgen.

Lanzarote: Juhanson siegt, Liebetrau grübelt, Aldag scherzt

Beim Ironman Lanzarote gewann erneut der Este Ain-Alar Juhanson (8:54:11) – ausgerechnet vor seinem Trainingspartner Steffen Liebetrau, der zum dritten Mal in Folge Zweiter wurde und resigniert feststellte: „Im Moment sieht es aus, als wäre Ain der ‚Mister Universum‘. Ich komme einfach nicht an ihm vorbei.“ Bei den Frauen fuhr Zeitfahr-Weltmeisterin Karin Thürig dem Feld eine halbe Stunde davon und lief hinterher noch einen 3:18er-Marathon. Ex-Radprofi Rolf Aldag qualifizierte sich für Hawaii und bewies Humor: „Das war heute das Härteste. Immerhin bin ich viertbeste Frau geworden.“ Den Auftritt des Tages lieferte aber der 70-jährige Kurt Einsiedel, der sich nach 14:46 Stunden im Ziel gegen die herbeieilenden Helfer wehrte: „Ich will da nicht rein, das ist etwas für Schwächlinge.“ Und ein letzter Finisher fasste die Langdistanz in zwei Sätzen zusammen: „Das mache ich nie, nie wieder.“ Sekunden später: „Bis zum nächsten Jahr.“

Kraichgau: Ein gewisser Sebastian Kienle

Das Kraichgau Triathlon Festival ging in seine zweite Auflage – 1.800 Meldungen, Distanzen „in Konfektionsgrößen S, M und L“. Die Kurzstrecke gewann Timo Bracht, doch der eigentliche Fund steckt auf Platz drei der Ergebnisliste: ein 21-Jähriger vom Tri Team Heuchelberg namens Sebastian Kienle. Wie das mit ihm und dem Kraichgau weiterging, dürfte hinlänglich bekannt sein – acht Jahre später gewann er dann auch noch dieses eine Rennen auf Hawaii. Auf der Mitteldistanz siegte Faris Al-Sultan, während Lothar Leder als Vierter der Kurzstrecke seufzte: „Ich komme einfach nicht in Form. Viel Zeit bleibt mir bis zum 23. Juli nicht mehr.“ Held der Herzen wurde freilich ein anderer: Der völlig unbekannte Ex-Schwimmer Matthias Scherer führte das Rennen zeitweise mit einer Minute Vorsprung vor den versammelten Hawaii-Siegern an. „Dieses Erlebnis nimmt mir keiner mehr. Da war mir auch egal, ob ich am Ende auf dem Zahnfleisch über die Ziellinie kriechen würde.“ So geht Triathlon. Der Rennbericht endete übrigens mit dem schönsten Schlusssatz dieser Ausgabe: „Beunruhigende Nachrichten für Bad Schönborns Störche.“

Weltcup: Bronze für einen pausbackigen Hoffnungsträger

Im Weltcup dominierte die erst 20-jährige Portugiesin Vanessa Fernandes, die in Madrid ihren neunten Sieg in Folge feierte – eine Serie, die man heute wohl „unsustainable“ nennen würde. Im südafrikanischen Richards Bay holte derweil ein gewisser Jan Frodeno „in seiner alten Heimat“ Weltcup-Bronze. Damals: aufstrebender Hoffnungsträger vom Tri Sport Saar Hochwald. Später: Olympiasieger, dreifacher Hawaii-Champion, Sie kennen die Geschichte. Und wer die Ergebnislisten von damals mit der Lupe liest, findet auf Platz 15 eines Frauenrennens eine junge Schweizerin namens Daniela Ryf. Manchmal steht die Zukunft schon im Heft, man muss nur genau hinschauen.

Bundesliga: Start frei – nur nicht für Steffen Justus

Die Deutsche Triathlon Liga lieferte in Gladbeck eine Szene für die Ewigkeit: Steffen Justus befand sich beim Startschuss noch gemütlich beim Einschwimmen – „Ich hatte die Information, dass es noch zwei Minuten bis zum Start sind“ – und nahm das Rennen kurzerhand von der Beckenmitte aus auf. Lohn der Verwirrung: schwächste Schwimmzeit plus 30 Sekunden Zeitstrafe. Ina Reinders wiederum vergaß ihre Radschuhe in der Wechselzone und fuhr barfuß los, was die Ergebnisliste um eine blutende Schnittwunde bereicherte. Es waren raue Zeiten, ganz ohne Wechselzonen-Coaching und Pre-Race-Routine-Reels.

Zaubertrank mit Transportmatrix

Das Titelthema widmete sich auf neun Seiten Energy- und Recovery-Drinks – Überschrift: „Nix Flasche leer“. Die Marketingprosa von 2006 hält jedem Vergleich mit heute stand: Inkospor warb mit einer „Kohlenhydrat-Taurin-Transportmatrix“, bei Ultra Sports fungierte Magnesium als „Zündkerze“. Die Preisspanne reichte von 55 Cent bis 2,24 Euro pro gefüllter Radflasche – Beträge, für die man heute nicht einmal mehr das Etikett eines Hydrogel-Sachets bekommt. Immerhin: Von 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde sprach damals noch niemand. Der Magen von 2006 durfte noch in Ruhe verdauen.

Frank Wechsel / spomedis Viele Erkenntnisse der Sporternährung von 2006 sind heute nicht mehr bekannt.

Die Kunst der Pause: Ziel Eisdiele

Der Trainingsteil predigte „Kompensation vor Regeneration“ und die These „Zu viel Training macht langsam“ – gestützt auf einen Radprofi, dessen Leistung nach Trainingslager plus Komplettpause um fast 40 Prozent einbrach. Das Beste aber stand im Juli-Trainingsplan, der tatsächlich folgende Einheiten enthielt: „Rad 30 Min. Ziel: Eisdiele“, „Rad 30 Min. Ziel: Biergarten“ und „Swim & Grill am Baggersee“. Zwanzig Jahre, unzählige Recovery-Apps und HRV-Scores später darf man sagen: Die Trainingswissenschaft von 2006 war ihrer Zeit womöglich weit voraus.

Material: Gummi im Rahmen, GPS am Handgelenk

Im Fahrbericht musste sich das Specialized S-Works Transition mit seinen „Speed-Zertz“-Gummimanschetten messen lassen, die Vibrationen dämpfen sollten. Das Testurteil geriet zur Sternstunde des unbestechlichen Fachjournalismus: „Hier war kein höherer Fahrkomfort zu spüren als bei anderen Testrädern. Aus unserer Sicht wäre es ohne dieses Tuning sogar noch einen Tick besser.“ Autsch. Als echte Sensation entpuppte sich dagegen eine Anzeigen-Neuheit: der Garmin Forerunner 305, „alle Trainingsdaten am Handgelenk“ – der Urahn all der Uhren, die uns heute morgens ungefragt mitteilen, wie schlecht wir geschlafen haben. Und wer ein Jahresabo für 39 Euro abschloss, bekam als Prämie einen Radcomputer mit sage und schreibe 16 Funktionen. Inklusive Hintergrundbeleuchtung.

Silke Insel / spomedis Radtechnik 2006

Werbung, wie sie früher war

Unvergessen auch diesmal die Anzeigenseiten: „anabol-loges“ – ja, das Apothekenpräparat hieß wirklich so – versprach: „Verkürzen Sie Ihre Aufladezeit! Mit vollem Akku trainieren Sie besser!“ Selbstverständlich „hormonfrei“. Im Fitnessstudio lockten derweil „MEGA AMINO XXL“ und „MEGA L-CARNITIN XXL“ in der 1.000-Milliliter-Flasche für 66 Portionen. Und wer in der „Wechselzone“ eine Kleinanzeige aufgeben wollte, wurde gebeten, „unbedingt Ihre Bankverbindung“ anzugeben – „oder legen Sie Ihrem Schreiben einen Fünf-Euro-Schein bei“. Ein Zahlungssystem, das erstaunlicherweise funktionierte.

Frank Wechsel / spomedis Mike Reilly

Und sonst so?

Daniel Unger kochte in der Rubrik „Fast Food“ blitzschnelle Spinatnudeln aus Tiefkühl-Rahmspinat und kommentierte: „Ein Tim Mälzer bin ich damit zwar nicht, aber der kann bestimmt auch nicht so gut Triathlon.“ Ein Jahr später war er Weltmeister – der Spinat, man kann es nicht ausschließen. Ironman-Stimme Mike Reilly erinnerte sich an seinen besten Moderationsmoment: „Das ist niemals Oprah Winfrey. Oprah ist viel dicker. […] Nun, es war Oprah …“ Und der WakenitzMan bei Lübeck warb für sein 14-Kilometer-Schwimmen mit einem Serviceversprechen, das man heute dreimal juristisch prüfen ließe: „Gönnen Sie sich ruhig einen Schluck Wakenitz-Wasser – der Fluss dient der Hansestadt Lübeck als Trinkwasser-Reservoir.“ Prost.

Fazit: Sommermärchen, Spinatnudeln & Speed-Zertz

Die triathlon 47 zeigt einen Sport im Sommer seines Lebens: WM-Party im Land, leere Straßen fürs Training, ein Hawaii-Sieger mit Omen-Zeh und eine Nachwuchsgeneration, die noch niemand auf dem Zettel hatte – von Kienle über Frodeno bis Ryf. Dazwischen: Transportmatrix, Gummimanschetten und Trainingspläne mit Eisdielen-Anfahrt. Wer damals dabei war, wird sich erinnern. Wer heute liest, wird schmunzeln. Und beides ist absolut legitim.

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Melanie Vanderschot
Athletin des Tages

Melanie Vanderschot

TSR Olympia Wilhelmshaven
Trainer: Sven Vanderschot
46 Jahre
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Frank Wechsel
Frank Wechselhttps://tri-mag.de
Frank Wechsel ist Publisher der Medienmarken SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist 15-facher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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