Polar präsentiert neue Multisport-Uhren

Lange hat die Triathlonszene nach der V800 auf ein neues Flaggschiff aus dem Hause Polar warten müssen. Wir durften einen exklusiven Blick in die Zukunft werfen: Die Vantage-Modelle kommen mit interessanten Features.

Von > | 13. September 2018 | Aus: EQUIPMENT

Präsentation im Wohnzimmer: Polar stellt in Berlin die neuen Vantage-Modelle vor.

Präsentation im Wohnzimmer: Polar stellt in Berlin die neuen Vantage-Modelle vor.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Das Soho House in Berlin. Im Keller gibt es eine Bar, die eher einem Wohnzimmer ähnelt. Polar hat sich ganz bewusst diese Location ausgesucht, um zu zeigen: Es ändert sich etwas beim finnischen Spezialisten für Sportuhren. Und das wurde – so die einhellige Meinung in der technikaffinen Triathlon-Community - auch wirklich mal Zeit.

Denn die Polar V800, das Flaggschiff des einstigen Marktführers, ist in die Jahre gekommen. Die Technologie von Wearables hat in den letzten Jahren eine Dynamik erlebt wie kein anderes Equipmentsegment im Ausdauersport. Die V800 war ein solider Begleiter für Triathleten, keine Frage. Doch in Sachen Usability der Devices und der umgebenden Softwareplattformen haben die Wettbewerber neue Maßstäbe gesetzt. Und auch die Bedeutungen einzelner Metriken haben sich verschoben.

Polar will Terrain zurückerobern

Mit dem Verlust von Marktanteilen soll nun Schluss sein: Polar will mit seinem neuen Spitzenmodell verlorenes Terrain zurückerobern. Und das, was die Finnen einem kleinen Kreis ausgewählter Journalisten gestern Abend in einer zweitstündigen Präsentation vorstellten, hat durchaus das Potenzial dazu. 

Denn die Features der Uhr versprechen viel. Dabei bleibt Polar seiner Hauptdomäne, der Herzfrequenzmessung, treu – ändert aber die Messmethode. Die Uhren der neuen Polar-Vantage-Reihe messen die Herzfrequenz am Handgelenk, und zwar präziser und zuverlässiger als je zuvor. Neun Leuchtdioden schicken ihr Licht in die Haut – in grün für die oberen und rot für die tieferen Schichte. Zudem ermitteln vier Elektroden, wie gut der Hautkontakt des nun runden Gehäuses und wie zuverlässig die Messung damit ist. Diese Elektroden dienen auch der Aufladung des eingebauten Akkus per magnetischem Ladeadapter. Keine Steckverbindungen, keine Klammern mehr, eine echte Verbesserung gegenüber den Vorgängermodellen. Zumal die Ladung auch deutlich seltener stattfinden soll: Bis zu 40 Stunden ununterbrochener Aktivitätsaufzeichnung verspricht Polar für das neue Spitzenmodell Vantage V, 30 Stunden für die abgespeckte Version M. Die Buchstaben sind eine Reminiszenz an eine Vergangenheit, die gestern im Wohnzimmer-Keller des Soho House abgeschlossen wurde.

Die Messung der Herzfrequenz soll also in allen Triathlon-Disziplinen zuverlässig am Handgelenk erfolgen, was auch Sebastian Kienle freut, der per Videobotschaft einen ersten Härtetest des Verfahrens beim Ironman Hawaii versprach. Die deutlich sensiblere Messung der Herzfrequenzvariabilität, also der Unregelmäßigkeit des Abstand zwischen zwei Herzschlägen, bleibt dem Brustgurt vorbehalten. Sie spielt bei der Messung des Erholungszustands des Athleten eine Rolle, auf den wir später noch zu sprechen kommen. 

Laufwattmessung am Handgelenk

Kein Brustgurt und auch sonst kein anderes Device wird für ein neues Polar-Feature benötigt, das das Lauftraining revolutionieren soll: Running Power, also die Wattmessung beim Laufen. Sie wird über mehrdimensionale Beschleunigungssensoren in der Uhr, also am Handgelenk ermittelt. Diese Metrik wird durch die Vantage V standardmäßig aufgezeichnet und der Methode eventuell zum endgültigen Durchbruch verhelfen, um das Lauftraining besser auszusteuern, wenn Geschwindigkeitswerte wegen der äußeren Bedingungen und die Herzfrequenz wegen ihrer Latenz, beispielsweise im Intervalltraining, als Real-Time-Messgrößen ausscheiden.

Wer wegen der vielfachen Sensoren im Gehäuse nun eine klobige Anmutung der Uhr wie bei der V800 vermutet, liegt falsch: Deutlich flacher kommt der Uhrenbody daher, das Display ist rund, die Armbänder legen sich bei verschiedenen Umfängen angenehm um den Unterarm (wie der Vergleich des Redakteurs mit der Elite-Marathonläuferin Laura Hottenrott, Tochter des langjährigen Polar-Wissenschaftsberaters Prof. Dr. Kuno Hottenrott, zeigte). Doch hier wurde noch weitergedacht: Für schmale Frauenarme sind kürzere Armbänder erhältlich.

Messung von Belastung und Erholung

Zurück zur Erholung nach dem Training: Sportler wissen, dass der Aufstieg zum Gipfel der Leistungsfähigkeit in den Pausen zwischen den Trainingseinheiten erfolgt. In Verfahren, die denen zur Ermittlung des im Triathlonsport verbreiteten Training Stress Scores (TSS als Maß für die Gesamtbelastung eines Work-outs), des langfristigen Fitnessaufbaus (CTL = Chronic Training Load) und der kumulierten Ermüdung  (ATL = Acute Training Load) ähneln, werden Größen wie der "Cardio Load Status" oder die "Training Load" ermittelt.

Das Konzept „Recovery Pro“ von Polar umfasst eine Auswertung von 30 Metriken und Feedbacks, auch subjektiven. So kann der Sportler nach einer Einheit angeben, wie er sich gefühlt hat – und dieses subjektive Feedback wird in die Analyse einbezogen, die dem Sportler dann Hinweise gibt, ob und wann welches Training nach dem Prinzip der Superkompensation zum weiteren Formaufbau sinnvoll ist.

Technik und Software

Als weitere Features verfügen beide Modelle über Farbdisplays, das beim Modell V auch als Touch Display funktioniert (wobei im Trainingsmodus wegen der Displayempfindlichkeit die Buttons betätigt werden müssen). Geschwindigkeit und Distanz werden über GPS und Glonass gemessen. Die Armbänder sind austauschbar, die Batterien nicht (was bei aktueller Akkuqualität und den längeren Zyklen von Be- und Entladung nicht weiter ins Gewicht fallen sollte). Neben Modi für Schwimmen, Radfahren und Laufen gibt es unter den 130 Sportprofilen auch einen Multisportmodus, um komplette Triathlons tracken zu können. 

Foto >Polar

Verkauf startet im Oktober

Die gestern in in Berlin für die eingeladenen Pressevertreter sicht-, fühl- und drückbaren Modelle der Polar Vantage M und V waren, passend zum Ambiente dieses Wohnzimmers im Keller des Soho House, noch Erlkönige. Die neuen Devices werden auf der heute startenden Expo zum Berlin-Marathon erstmals öffentlich zum Thema gemacht. Sobald die ersten Serienmodelle verfügbar sind, werden wir diese einem intensiven Test unterziehen. In den Handel kommen die Modelle zum Frankfurt-Marathon Ende Oktober. Das Spitzenmodell Polar Vantage V wird dann für 499,95 Euro oder im Bundle mit dem etablierten Brustgurt H10 für 549,95 Euro zu haben sein, die Vantage M kostet 279,95 Euro und kommt dafür ohne Running-Power-Messung, ohne Touch Screen, mit geringerer Akkulaufzeit (wobei 30 Stunden in einem Aktivitätenmodus immer noch beachtlich sind) und ohne barometrische Höhenmessung.