Neujahr: Warum der Jahresanfang kein Versprechen braucht

Der 1. Januar muss kein Vorsatz und kein Neuanfang unter Druck sein. Warum ein leiser Start oft der bessere Einstieg in die Triathlonsaison ist – und wie daraus echte Motivation entsteht.

Getty Images for IRONMAN

Der 1. Januar hat im Sport einen schlechten Ruf. Zu Recht. Kaum ein anderer Tag ist so überladen mit Erwartungen, Plänen und selbst auferlegten Verpflichtungen. „Dieses Jahr wird alles anders“, „dieses Mal ziehe ich es durch“, „ab jetzt konsequent“. Wer im Sport unterwegs ist, kennt dieses Gefühl und kennt meist auch das Gegenteil davon. Denn Vorsätze haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie klingen gut, halten aber selten lange.

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Vielleicht liegt das Problem nicht am Sport. Sondern am Vorsatz.

Der Jahreswechsel suggeriert einen radikalen Neustart, den der Körper so gar nicht vorgesehen hat. Der Kalender springt, der Organismus nicht. Weihnachten, ein paar ruhigere Tage, andere Abläufe. All das steckt noch in den Knochen. Und trotzdem sollen plötzlich neue Pläne greifen, neue Umfänge, neue Disziplin. Kein Wunder, dass viele Athletinnen und Athleten den Januar entweder überambitioniert beginnen oder sich innerlich gleich wieder davon verabschieden.

Dabei könnte der 1. Januar etwas ganz anderes sein. Kein Verpflichtungstermin. Kein Start einer Selbstoptimierungs-Offensive. Sondern schlicht ein Wieder-Ankommen im Athletenmodus.

Viele Triathleten berichten rückblickend, dass sie in den Tagen zwischen den Jahren zwar weniger trainiert haben, sich aber gedanklich wieder mehr mit dem Sport beschäftigt haben. Rennen, die kommen. Strecken, auf die man sich freut. Das Gefühl, wieder Lust auf Bewegung zu haben. Genau das ist der Punkt, an dem der 1. Januar ansetzt. Nicht als Druckmittel, sondern als Einladung.

Ein Zeichen der Ehrlichkeit

Der erste Lauf des Jahres muss nichts „können“. Er muss nicht schnell sein, nicht besonders lang, nicht einmal besonders gut. Er darf sich schwer anfühlen, unrund, ein bisschen rostig. Das ist kein Zeichen von Formverlust, sondern von Ehrlichkeit. Der Körper meldet zurück, wo er gerade steht. Nicht, wo er im Juli stehen soll. Wer ihm zuhört, startet besser, als jeder Vorsatz es könnte.

Sportwissenschaftlich ist das unspektakulär, aber eindeutig. Nach Phasen reduzierter Belastung reagiert der Körper sensibel auf neue Reize. Das betrifft nicht nur Muskeln und Herz-Kreislauf-System, sondern auch das Nervensystem. Bewegungen müssen wieder „einsortiert“ werden, Rhythmen sich neu finden. Wer diese Phase akzeptiert, statt sie zu übergehen, legt die Grundlage für nachhaltiges Training. Wer sie überspringt, zahlt oft später. Mit Müdigkeit, Infekten oder schleichender Lustlosigkeit.

Der Unterschied

Vielleicht ist das der große Unterschied zwischen Vorsatz und Startschuss. Ein Vorsatz verlangt Veränderung. Ein Startschuss erlaubt Bewegung. Der eine baut Druck auf, der andere Momentum. Triathlon lebt vom zweiten. Kein Athlet kommt über Monate hinweg durch Zwang voran. Es sind die Routinen, die tragen. Das Gefühl, wieder regelmäßig unterwegs zu sein. Wieder Schwimmbadgeruch zu riechen, erneut Radklamotten herauszulegen, wiederholt Laufschuhe anzuziehen, ohne dass jede Einheit sofort Teil eines großen Plans sein muss.

Der Januar eignet sich perfekt dafür. Nicht, um sich neu zu erfinden, sondern um sich wieder als Sportler zu fühlen. Um die Distanz zwischen Alltag und Training langsam zu schließen. Um wieder zu merken, warum man das alles eigentlich macht. Nicht für Zahlen, nicht für Listen, sondern für dieses schwer erklärbare Gefühl, nach einer Einheit ein wenig sortierter zu sein als vorher.

Alles kommt wieder

Und ja, irgendwann kommen sie dann doch: die Pläne, die Struktur, die Intensitäten. Aber sie kommen besser, wenn sie auf etwas treffen, das bereits in Bewegung ist. Ein Körper, der wieder trainiert. Ein Kopf, der wieder offen ist. Ein Alltag, der Training nicht als Pflicht, sondern als festen Bestandteil akzeptiert.

Vielleicht ist das die ehrlichste Art, ein neues Triathlonjahr zu beginnen. Ohne großes Versprechen, ohne Neujahrespathos, ohne den Anspruch, alles richtig zu machen. Einfach loslaufen. Nicht, weil man muss. Sondern weil man wieder Lust hat. Der 1. Januar muss nichts entscheiden. Er darf einfach anfangen. Und manchmal ist genau das der beste Start in eine lange Saison.

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Lars Wichert
Lars Wichert
Lars Wichert ist dreimaliger Weltmeister im Rudern und nahm an den Olympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio de Janiero teil, bevor er zum Triathlon wechselte. 2021 gewann er sein erstes Rennen beim Ironman Hamburg in 8:12:46 Stunden, der schnellsten jemals erzielten Rookie-Zeit bei den Agegroupern.

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