Samstag, 13. Dezember 2025

Zwischenbilanz während Auszeit: Cody Beals über Burn-out, Ruhe und Neubeginn

Nach Jahren am Limit hat sich Cody Beals auf unbestimmte Zeit eine Pause vom Profisport genommen. In zwei offenen Statements reflektiert der Kanadier über Burn-out, Selbstzweifel – und was echte Erholung für ihn bedeutet.

Kevin Mackinnon Cody Beals gewann die ersten drei Ironman-Rennen, die er in seiner Karriere bestritten hat. Weitere Siege folgten.

Vor gut einem Monat hatte Cody Beals öffentlich gemacht, dass er eine Auszeit vom Profisport nimmt. In einem sehr persönlichen Statement sprach der 35-jährige Kanadier offen über mentale Erschöpfung, den Verlust von Freude und Sinn im Training – und über den Moment, in dem er merkte, dass es so nicht weitergeht. Nun, einige Wochen später, hat Beals erneut geschrieben. Seine Worte zeigen, dass er begonnen hat, sich zu erholen – und er gelernt hat, was echte Ruhe überhaupt bedeutet.

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„Ich war am Ende meiner Kräfte“

„Die grausame Schönheit des Ironman besteht darin, dass man sich nicht verstecken kann – die tiefsten Verletzlichkeiten werden offengelegt“, schrieb Beals Mitte Oktober. „Ich habe mich bis an die Grenze des Burn-outs und darüber hinaus getrieben. In Chattanooga war ich am Ende meiner Kräfte.“ Der Ironman Chattanooga fand Ende September statt, Cody Beals beendete das Rennen vorzeitig nach dem Radfahren.

Über zwölf Jahre hinweg hatte der Kanadier als Profi Rennen bestritten, mehrere Ironman- und 70.3-Siege gefeiert und sich als eine der reflektiertesten Stimmen im Triathlonsport etabliert. In diesem Jahr wollte er eine letzte Saison absolvieren und ist damit bereits auf vier Kontinente zu Wettkämpfen gereist. Doch zuletzt, so Beals, habe sich Training zunehmend wie Gewalt gegen seinen eigenen Körper und Geist angefühlt. „Aus Begeisterung und Antrieb wurden Erschöpfung und Angst. Und trotzdem habe ich stur weitergemacht.“

Das Ziel, seiner Karriere ein „märchenhaftes Ende“ zu geben, sei zu einer Belastung geworden. „Ich muss nun schmerzhaft akzeptieren, dass dieser Abschluss wohl nie kommen wird – egal, wie unbeirrbar ich ihn verfolge.“ Stattdessen wolle er den Wert seiner Laufbahn nicht an einer einzelnen Leistung messen. „Wenn sich der Staub gelegt hat, hoffe ich, nur Dankbarkeit zu empfinden – für eine so privilegierte Karriere.“

Beals kündigte an, sich eine längere Pause zu nehmen, „an meinem alten Haus und an meinem Kopf zu arbeiten“ und über den weiteren Weg nachzudenken. „Ein Teil von mir brennt noch immer für eine letzte Saison – mit einer neuen Einstellung.“

Fünf Wochen später: neue Klarheit

Ende Oktober folgte nun ein zweites, deutlich hoffnungsvolleres Statement. „Fünf Wochen nach Beginn meiner großen Auszeit kann ich endlich wieder klarer sehen – durch den Nebel aus Erschöpfung und Müdigkeit hindurch“, schreibt Beals. In dieser Zeit habe er erkannt, wie schwer es ihm fiel, echte Ruhe zuzulassen: „Die Wahrheit ist: Ich war geradezu krankhaft unfähig, mir echte Ruhe zu gönnen.“

Über Jahre hinweg sei er „pathologisch resistent gegen Pausen“ gewesen. Ganze Saisons habe er ohne Ruhetag absolviert, selbst an trainingsfreien Tagen füllte er seine Zeit mit Projekten. „Ich fuhr 13 Stunden nach Hause von meinem letzten Rennen – und begann sofort, mein altes Haus neu zu verkabeln.“

Was Beals beschreibt, ist ein Muster, das viele ambitionierte Athletinnen und Athleten kennen: Das Bedürfnis, ständig produktiv zu sein, selbst in der Regeneration. „Ein anderer Rhythmus kann belebend sein“, schreibt er. „Ich finde körperliche Arbeit unglaublich befriedigend und therapeutisch. Aber ich habe aufgehört, sie mit echter Erholung zu verwechseln.“

„Ich übe mich in Ruhe und einfachem Leben“

Der November steht für ihn im Zeichen der Entschleunigung. „Ich überfülle meine Tage nicht und fordere mich nicht ständig heraus. Ich schlafe aus, bin sozial, trainiere ein bisschen, wenn es sich gut anfühlt, und sage Ja zu Dingen, die ich lange vernachlässigt habe.“ Große Entscheidungen wolle er noch nicht treffen, sondern erst sehen, wohin ihn dieser neue Weg führt.

Dass Beals öffentlich so offen über Burn-out, mentale Gesundheit und den Umgang mit Druck spricht, ist keine Überraschung. Schon in der Vergangenheit hatte er auf seinem Blog und in Interviews immer wieder Themen wie Essstörungen, finanzielle Unsicherheit oder die Schattenseiten des Profisports angesprochen. Damit gehört er zu den wenigen Triathlonprofis, die das Tabu rund um mentale Krisen im Leistungssport brechen.

Ein realistischer Blick auf Erholung

Beals’ Worte sind mehr als eine persönliche Bilanz – sie spiegeln ein wachsendes Bewusstsein in der Szene wider. Immer mehr Profis sprechen über mentale Belastungen, Erschöpfung und den Wunsch nach Balance. Im Hochleistungssport, wo Selbstoptimierung und Dauerbelastung oft als Tugenden gelten, kann man Beals’ Ehrlichkeit als Gegenentwurf verstehen.

Ob er 2026 tatsächlich noch einmal an eine Startlinie zurückkehrt, lässt der Kanadier derzeit offen. Doch wichtiger scheint ihm derzeit, sich selbst wiederzufinden.

„Ich lasse mich treiben und schaue, wohin mich das führt“, schreibt er. Ein Satz, der zeigt, dass Loslassen manchmal der schwierigste – und zugleich wichtigste – Schritt ist.

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Anna Bruder
Anna Bruder
Anna Bruder wurde bei triathlon zur Redakteurin ausgebildet. Die Frankfurterin zog nach dem Studium der Sportwissenschaft für das Volontariat nach Hamburg und fühlt sich dort sehr wohl. Nach vielen Jahren im Laufsport ist sie seit 2019 im Triathlon angekommen und hat 2023 beim Ironman Frankfurt ihre erste Langdistanz absolviert. Es war definitiv nicht die letzte.

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