Wettkampfangst kennt jeder Athlet. Doch wer versteht, was in Geist und Körper wirklich passiert, hat die halbe Miete schon bezahlt.

Unruhe, Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Schlaflosigkeit – die Symptome sind vertraut, der Auslöser auch: Der Starttag rückt näher. Was sich zunächst wie eine Störung anfühlt, ist in Wahrheit ein urmenschlicher Schutzmechanismus, der seit hunderttausenden von Jahren das Überleben sichert. Doch wenn er uns im Trisuit statt in der Steppe erwischt, benötigen wir Strategien.
„Nahezu jeder Sportler, ob Profi oder Amateur, kennt dieses Gefühl“, erklärt Diplompsychologe Stefan Westbrock von deepvelop in Hamburg, der als Mentaltrainer für Profi- und Amateursportler tätig ist. „Eine Grundnervosität vor dem Wettkampf, bei der man das Adrenalin spüren kann, ist komplett gesund, um seine Leistung abzurufen.“ Entscheidend ist nicht, ob man nervös wird, sondern wie man damit umgeht.
Evolutionsbedingter Urinstinkt
Der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Unbekannte Situationen stoßen auf innere Skepsis. Ein evolutionsbedingter Schutzmechanismus, den man nicht einfach abschalten kann. Angst bereitet den Körper auf die klassische Kampf-Flucht-Reaktion vor: „fight or flight“. Beim Wettkampf schlägt genau dieser Urinstinkt an, obwohl keine echte Gefahr droht.
Dabei unterscheidet die Sportpsychologie zwei Komponenten der Wettkampfangst: Die kognitive Komponente umfasst besorgniserregende Gedanken, etwa vor einer Disziplin, einem Konkurrenten oder einer möglichen Niederlage. Die somatische Komponente beschreibt die körperliche Erregungsintensität: feuchte Hände, Herzrasen, Zittern. Beide Ebenen können unabhängig voneinander variieren und erfordern unterschiedliche Gegenmaßnahmen.
„Wer keine Angst hat, besitzt keine Fantasie.“
Erich Kästner
Wissenschaftliche Studien schätzen, dass der Mensch täglich rund 60.000 Gedanken produziert und nur etwa drei Prozent davon positiver Natur sind. Der Rest tendiert in Richtung Grübeln, Zweifeln, Katastrophisieren. Das liegt an unserer Neigung zur sogenannten Self-Fulfilling Prophecy: Negative Erwartungen lassen sich leichter „bestätigen“, weshalb wir unbewusst auf sie fokussiert bleiben. Hinzu kommt eine schulische und sportliche Sozialisation, die Fehler stärker betont als Erfolge.










