Facts and Fates: Außergewöhnliche Frauen bei der Ironman-WM auf Hawaii

Die erste Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii nur für Frauen schreibt schon im Vorfeld Geschichte. Wir stellen euch Fakten und fünf ganz besondere Altersklassen-Athletinnen vor.

Nils Flieshardt / spomedis Die Frauen starten erstmals komplett allein bei der Ironman-WM auf Hawaii. Im Feld gibt es Athletinnen, die ihren Kona-Traum trotz großer Widerstände verwirklichen werden.

Es ist ein Novum in der 45-jährigen Geschichte des Rennens. Mehr als 2.000 Triathletinnen werden am 14. Oktober in Kailua-Kona am Start stehen, wenn die erste Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii nur für Frauen ausgetragen wird. Seit den Ursprüngen des Wettkampfs waren Frauen ein fester Bestandteil von Ironman und der Ironman-Weltmeisterschaft. Bei der zweiten Austragung des Rennens stellte sich mit Lyn Lemaire die erste Frau der Herausforderung. Und so soll es bleiben. „Seit ihren bescheidenen Anfängen im Jahr 1978 hat die Ironman-WM spektakuläre Leistungen und epische Kämpfe bis zur Ziellinie von einigen der Besten im Sport erlebt, darunter auch bedeutende und einflussreiche Frauen. Im Jahr 2023 wird dieses ikonische globale Sportereignis die besten Profi- und Altersklassen-Triathletinnen ins Rampenlicht rücken. Unser Team ist bereit, dafür zu sorgen, dass es die Erfahrung ihres Lebens wird“, so Diana Bertsch, die seit 20 Jahren als Ironmans Senior Vizepräsidentin der Weltmeisterschaft die Geschicke dieses Rennens lenkt.

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Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt

Zunächst aber ein paar Fakten. Mehr als 5.000 freiwillige Helfer werden dazu beitragen, dass die Sportlerinnen bei der WM umfangreich betreut und unterstützt werden. Das Feld der Teilnehmerinnen kommt vom gesamten Globus in Kailua-Kona zusammen. Davon reisen 53 Prozent aus Nordamerika an. Mit 28 Prozent bilden die Europäerinnen die zweitgrößte Gruppe. Das weitere Feld stellt sich aus Starterinnen aus Ozeanien (9 Prozent), Lateinamerika (5 Prozent) sowie Asien und Afrika (insgesamt 5 Prozent) zusammen. In absoluten Zahlen sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit 976 Athletinnen die am stärksten vertretene Nation, gefolgt von Kanada (160), Deutschland (144), Australien (122) und dem Vereinigten Königreich (112). Mit 75 Jahren ist die Kanadierin Cullen Goodyear die älteste gemeldete Teilnehmerin, ihr steht mit 18 Jahren die jüngste Athletin der WM gegenüber: Adrienne Bunn aus den USA. Das Durchschnittsalter aller Teilnehmerinnen beträgt 44 Jahre. Neben der WM-Teilnahme haben acht Frauen auf der Strecke am 14. Oktober noch etwas anderes zu feiern, nämlich ihren Geburtstag.

Unternehmen Titelverteidigung

Genau 1.169 Athletinnen, die an der WM teilnehmen werden, sind Ironman All World Athletes (AWA), also solche Agegrouper, die für ihre harte Arbeit, ihren Einsatz und ihre Leistungen bei Ironman- und Ironman-70.3-Rennen innerhalb eines Kalenderjahres belohnt wurden. Die Startliste umfasst insgesamt fünf Athletinnen, die im vergangenen Jahr bereits Weltmeisterinnen ihrer Altersklasse wurden und die Mission Titelverteidigung angehen: Ana Augusta Soares (W35–39) aus Brasilien, Jana Richtrova (W40–44) aus Tschechien, Liza Rachetto (W45–49) aus den USA, Sharon Mackinnon (W60–64) aus Kanada und Missy Lestrange (W70–74) aus den USA. Unter allen Teilnehmerinnen finden sich besondere Sportlerinnen, die im Schatten der Profis stehen. Von der 18-jährigen Adrienne Bunn (USA), die die erste bekannte Athletin mit Autismus werden möchte, die die Ironman-WM absolviert, bis zur blinden zweifachen Paralympionikin Kellie Dewveall (USA). Wir stellen euch weitere interessante Starterinnen vor, die nicht unbedingt im Rampenlicht stehen.

Warten auf den „Zwick-mich-Moment“

„Anything is possible“. Diesen Leitspruch des Veranstalters füllt Annie Brooks mit Leben. Bei der Britin wurde mit 28 Jahren Epilepsie diagnostiziert. Das hält sie allerdings nicht davon ab, die Leidenschaft für Triathlon auszuleben und sich ihren Traum von der WM auf Hawaii zu erfüllen. Brooks teilt ihre Erfahrungen mit Epilepsie offen über soziale Medien und berichtet, dass Triathlon ihr hilft, ihren Geist zu fokussieren und Stress und Angst zu bewältigen – die Auslöser für ihre Anfälle sind. „Die Weltmeisterschaft in Kailua-Kona ist eine Ikone für sich. Teil einer unglaublichen Startliste zu sein, an der Seite von wirklich inspirierenden Triathletinnen, ist für mich der ultimative Zwick-mich-Moment“, sagt Brooks. „Ich bin gleichzeitig nervös und freue mich wahnsinnig auf das Rennen. Dafür habe ich hart trainiert und muss zusätzlich mit meiner Epilepsie und meinen Anfällen zurechtkommen. Ich möchte mein Bestes geben und einfach die Atmosphäre genießen und zeigen, dass neurologische Erkrankungen wie meine einen nicht davon abhalten, die Ziellinie zu erreichen.“

Erst Ultratrail, dann Ironman-WM

Sie kann einfach nicht genug von Ausdauerherausforderungen bekommen: Lucy Bartholomew. Die Australierin belegte vor weniger als sechs Wochen den zehnten Platz beim anspruchsvollen „Ultra Trail du Mont Blanc“ (UTMB) über 100 Meilen. Bartholomews Hawaii-Start wird ihr erst zweites Ironman-Rennen sein. Nach ihrem Finish wird sie die erst zweite Frau (sechs Athleten insgesamt) sein, die den UTMB und die Ironman-Weltmeisterschaft im selben Jahr absolviert. „Ich bin sehr aufgeregt. Es ist ein unglaubliches Privileg, in einem Jahr an der Spitze von zwei Sportarten zu stehen“, sagt Bartholomew. „Bei der Ironman-WM fühle ich mich wie ein kleiner Fisch in einem großen Teich, der versucht, seinen Weg zu finden. Ich kann es kaum erwarten, auf die Insel zu kommen und zu erleben, was Kona ausmacht, das Rennen, das ich jahrelang mit meinem Vater verfolgt habe. Durch diesen Prozess habe ich erkannt, dass man nie verliert, aber immer lernt.“

Mit Triathlon gegen Parkinson

Bei Sara Whittingham (USA) wurde im Alter von 47 Jahren Parkinson diagnostiziert. Als sie erfuhr, dass Herz-Kreislauf-Training eines der besten Mittel ist, um das Fortschreiten dieser Krankheit zu verlangsamen, konzentrierte Whittingham ihre Energie auf ihre Leidenschaft und Freude am Triathlon. In der Rennwoche hofft sie, das Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen und darauf aufmerksam zu machen, was möglich ist, wenn man sich einem konsequenten Sportprogramm verschreibt. „Ich absolviere Rennen, seit ich sechs Jahre alt bin. Hawaii wird wahrscheinlich die bedeutendste Ziellinie sein, die ich jemals überqueren werde. Als bei mir vor drei Jahren Parkinson diagnostiziert wurde, sah ich für mich keine Zukunft mehr im Laufen. Eine klinische Forschungsstudie brachte mich zurück auf das Rad. Die Unterstützung und Ermutigung durch Familie und Freunde veranlasste mich, mir große Ziele zu setzen. Ich hatte schon immer große Träume, und die Ziellinie in Kona ist für mich das Größte, was es gibt. Der Gedanke treibt mir Tränen in die Augen und bedeutet, dass selbst das Unmögliche möglich sein kann.“

Aus der Obdachlosigkeit auf die Rennstrecke

Lisa Kuntze verbrachte einen Großteil ihres frühen Lebens in der Obdachlosigkeit. Trotz dieser Umstände besuchte die US-Amerikanerin das College der University of California Davis und absolvierte schließlich im Alter von 40 Jahren ihren ersten Ironman. Dabei brachte sie ihr Training mit ihrem Leben als alleinerziehende Mutter in Einklang. Seitdem ist sie auf der Jagd nach einem Platz für Kona. Auf diesem harten Weg erlitt sie regelmäßig Rückschläge. Der wohl härteste: Nach fast einem Jahr des Leidens erhielt sie die Diagnose „Small Fiber Peripheral Sensory Neuropathy“. Das bedeutet, dass die Nerven in ihrem Körper absterben. Trotz aller Schmerzen hat Kuntze nie aufgehört, ihren Traum zu verfolgen – und kann ihn am Samstag endlich verwirklichen.

Prue Young trotzt MS

Für Prue Young bedeutet die WM-Teilnahme, dass sie als Repräsentantin auftreten möchte. Die Neuseeländerin leidet an Multipler Sklerose (MS). Nach der Diagnose war die Prognose wenig aufbauend. Fünf Jahre, hieß, habe sie noch, ehe sie im Rollstuhl sitzen würde. Young aber ergab sich nicht ihrem Schicksal, sondern baute darauf, dass ihr der Sport langfristig helfen würde, trainierte weiter und finishte 18 Monate nach der Diagnose ihren dritten Ironman. Mit der WM-Teilnahme erfüllt sich ein Traum für sie. Trotz der Herausforderungen, die ihr der körperliche Zustand in der Hitze und Luftfeuchtigkeit von Kona stellen wird, ist sie fest entschlossen, ein Statement für das zu liefern, wozu man trotz MS fähig sein kann. Anything is possible.

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Bengt Lüdke
Bengt Lüdke
Bengt-Jendrik Lüdke ist Redakteur bei triathlon. Der Sportwissenschaftler volontierte nach seinem Studium bei einem der größten Verlage in Norddeutschland und arbeitete dort vor seinem Wechsel zu spomedis elf Jahre im Sportressort. In seiner Freizeit trifft man ihn in Laufschuhen an der Alster, auf dem Rad an der Elbe – oder sogar manchmal im Schwimmbecken.

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