Der "Aufsteiger des Jahres" 2019:
Florian Angert im Porträt: Auf der Überholspur

Spätestens nachdem Florian Angert den Ironman-Weltmeister Patrick Lange auf Rügen in die Schranken gewiesen hat und allerspätestens nach seinem fulminanten Langdistanz-Debüt in Barcelona, ist der 27-Jährige mehr als nur noch ein Geheimtipp für weitere Siege auf der Mittel- und Langdistanz. Unser Porträt aus dem Frühjahr 2019 und die Geschichte eines ehemaligen Leistungs­schwimmers, der sich erst im zweiten Anlauf für das Profidasein entschieden hat – als Triathlet.

Mit geliehenem Rad und einem Straßenhelm, dessen Öffnungen mit durchsichtigem Isolierband zugeklebt sind, fährt ein 21-Jähriger Anfang August 2013 einsam an der Spitze des Frankfurt City Triathlons. Nicht nur der Streckensprecher, sondern auch Profis wie Sebastian Kienle, Horst Reichel, Timo Bracht, Jan Raphael oder Hawaii-Champion Faris Al-Sultan sind an diesem Tag von der Leistung des bis dahin unbekannten Newcomers überrascht. Sein Name: Florian Angert. Gute fünfeinhalb Jahre hat der gebürtige Weinheimer seitdem in weiteren Rennen für Furore gesorgt und weitere Weltmeister geärgert. Neben Frederic Funk oder auch ­Markus Rolli ist der heute 27-Jährige eine der größten Nachwuchshoffnungen für die Ära nach Kienle, Frodeno und Lange.
Dass Angert einmal als Triathlonprofi seinen Lebensunterhalt verdienen würde, ist in seiner Kindheit noch in ganz weiter Ferne. Sein eigentliches Element ist das Wasser. Durch seine Mutter, selbst früher bei Jahrgangsmeisterschaften am Start, bestimmen Trainingseinheiten im Schwimmbecken die frühe Jugend. Aus nur ein- bis zweimal Training pro Woche werden für den damals Elfjährigen, spätestens nach seinem Wechsel an den Olympiastützpunkt in ­Heidelberg, schnell sieben bis acht Einheiten. Zwei Jahre schwimmt er im C-Kader des Deutschen Schwimmverbands, nimmt 2010 an der ­Jugendeuropameisterschaft in ­Helsinki teil. Auf nationaler Ebene sichert sich ­Angert Jahrgangsmeistertitel über 200, 400 und 1.500 Meter Freistil. „Irgendwann mit dem Abitur musste ich mich entscheiden: ganz oder gar nicht.“ Angert entscheidet sich für Letzteres. Er hängt die Wettkampf­badehose an den Nagel, beginnt ein duales BWL-Studium in ­Mannheim und hält sich mit einigen Laufeinheiten und Krafttraining fit. Der Kontakt zu seinen früheren Schwimmerfreunden, den Trainings- und Mannschaftskameraden bricht daraufhin schnell ab. „Wenn du einmal nicht mehr nach den Regeln des Systems spielst, bist du ganz schnell im Abseits“, sagt Angert. Das Kapitel Schwimmen ist für ihn damit beendet.

Eher zufällig zum Triathlon

Cube/James Mitchell

Nur wenige Monate später sollte für ihn jedoch ein neues Kapitel beginnen, das seinen Lebensalltag noch heute bestimmt: Angerts Liebe zum Dreikampf. Celia Kuch, Vize-­Europameisterin über die ETU-Langdistanz, eine Bekannte von ihm, überredet den Studenten, an einem Triathlon teilzunehmen. Angert startet in Mußbach, direkt über die olympische Distanz. Mit 2:16:21 Stunden kommt er als 17. ins Ziel. „Ich war in der vorletzten Startwelle und es hat mich nur einer aus dieser Welle überholt“, erinnert er sich. Das Resultat spielt an diesem Sonntag im Juni 2012 noch keine entscheidende Rolle. Doch eines ist klar: Angert will mehr davon. Ein Jahr später geht er für ein Team aus Neckarsulm in der ­Baden-Württemberg-Liga an den Start. Der dritte Platz in der Gesamtwertung zeigt, dass er nicht nur beim Schwimmen konkurrenzfähig ist.

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Genau das beweist er dann auch in Frankfurt über die olympische Distanz. Beim Rennen in der Mainmetropole haben ihn vor dem Wettkampf erneut nur Wenige auf der Rechnung. „Ich hatte gehört, dass hier ein richtig guter Schwimmer am Start sein soll“, sagte Christian Prochnow, der Zweitplatzierte an diesem Tag, im Ziel. „Frankfurt hat alles wirklich ins Rollen gebracht“, sagt Angert. Es sei ein großes Glück, dass bei dem Rennen so viele namhafte Athleten am Start gewesen sind, unter anderem Faris Al-Sultan. Der Weltmeister aus dem Jahr 2005 hatte erst wenige Wochen zuvor den Ironman Lanzarote gewonnen, eine der anspruchsvollsten Langdistanzen der Welt. Weiterer Topfavorit und auch der spätere Sieger des Rennens ist Sebastian Kienle, der zu diesem Zeitpunkt amtierende Ironman-70.3-Weltmeister. Bis zum Sieg in Frankfurt ist es für Kienle ein ganzes Stück Arbeit. Nach den ersten 1,5 Kilometern des Rennens steigt Angert als Erster aus dem Wasser, gute eineinhalb Minuten vor Kienle. Und auch auf den folgenden 45 Kilometern auf dem Rad kann er die Führung gegenüber dem Überbiker Kienle behaupten. „Ich war völlig allein auf dem Rad durch Frankfurt unterwegs. Ich habe immer damit gerechnet, dass Kienle bald an mir vorbeirauschen würde, aber es kam keiner“, sagt Angert. In der zweiten Wechselzone trennt die beiden noch gut eine Minute. Nach dem ersten Drittel der Laufstrecke muss Angert den Weltmeister dann passieren lassen, wenige Hundert Meter vor dem Zielbogen zieht auch noch Christian Prochnow an ihm vorbei, der zu diesem Zeitpunkt amtierende Deutsche Meister auf der Sprint­distanz. Kurz nach dem Rennen erhält Angert vier Anfragen von Bundesliga-Teams. Auch das Team ­Erdinger Alkoholfrei klopft bei ihm an. Wieder einmal die Entscheidung: ganz oder gar nicht. Dieses Mal entscheidet er sich für den Sport: „Ich stand beim Schwimmen bereits an der Schwelle zum Profi, die Chance hätte ich kein drittes Mal bekommen“, sagt er.

Der zweite komplette Neustart

Angert unterschreibt bei Erdinger und wird dort ins Nachwuchsteam aufgenommen, in dem sich zu diesem Zeitpunkt auch Laura Philipp befindet. Sein BWL-Studium unterbricht er nach dem dritten Semester, schreibt sich danach jedoch für Ernährungswissenschaften in Gießen ein. Es folgt ein erstes kleines Tief in der noch frühen Triathlon-Karriere. Das Jahr 2014 ist für Angert nach einem Ermüdungsbruch im Schienbein ab Mai schnell vorbei. 2015 ist dann bereits eines der entscheidenden Jahre für ihn. Mit dem Gesamtsieg beim Rhein-Neckar-Cup oder auch dem ersten Platz beim Stadttriathlon in Erding kann Angert das in ihn gesetzte Vertrauen auch mit Ergebnissen zurückgeben. Im gleichen Jahr feiert er auch sein Debüt über die Mitteldistanz beim Ironman 70.3 Rügen. Ein Rennen, das für ihn drei Jahre später eine noch viel größere Bedeutung bekommen sollte. Auch 2016 geht es für ihn auf der Karriereleiter weiter nach oben. Neben der Titelverteidigung beim Rhein-Neckar Cup und dem zweiten Platz beim Triathlon in ­Buschhütten darf sich Angert mit dem Titel des Vize-Europameisters auf der ETU-Mitteldistanz schmücken. Das überzeugt auch seinen Hauptsponsor, bei dem er seit dem Jahr 2017 als Profi ­unter ­Vertrag steht. „Die Profikarriere kam Stück für Stück“, sagt Angert.

Marcel Hilger

Im ersten Jahr als Profiathlet sammelt der damals 25-Jährige weiter Erfahrung: erneut der zweite Platz in Buschhütten, ein vierter Platz bei der Challenge Heilbronn, Platz fünf beim Ironman 70.3 St. Pölten in Österreich und der dritte Sieg beim ­Römerman in Ladenburg über die olympische Distanz. 2018 ist dann das Jahr des endgültigen Durchbruchs. Seitdem ist Florian Angerts Name in der Triathlonwelt nicht mehr nur noch den bestens informierten Insidern ein Begriff – und das auch auf internationaler Ebene. Den Anfang der bisher erfolgreichsten Saison des gebürtigen Weinheimers bildet erneut ein zweiter Platz beim Klassiker in Buschhütten. Mit nur wenigen Sekunden Rückstand muss er sich Andreas Böcherer geschlagen geben. Umso bemerkenswerter jedoch: Dem amtierenden Hawaii-Sieger Patrick Lange, der hinter ihm auf Platz drei landet, kann Angert im Ziel gut zwei Minuten abknöpfen.
Einen guten Monat später folgt ein nächster Wettkampf, bei dem Angert aus dem Hintergrund angreifen kann. Bei der Challenge-Mitteldistanz-Meisterschaft „The Championship“ in der slowakischen Kleinstadt Samorin liegt das Hauptaugenmerk der Öffentlichkeit auf dem Duell zwischen Lionel Sanders und Sebastian Kienle. Doch es ist Angert, der jede Menge Livestream-Zeit sammelt und seinen Bekanntheitsgrad steigert. Ab der Hälfte der 90 Kilometer auf dem Rad setzt er sich aus einer Vierergruppe ab und kommt mit rund zwei Minuten Vorsprung auf seine Verfolger in die zweite Wechselzone. „Ich hatte auf der Radstrecke überhaupt keine Ahnung, was los war. Ich wusste auch nicht, wie groß die Abstände sind“, sagt Angert. Auch wenn er sich letztendlich beim abschließenden Halbmarathon noch Kienle und Sanders geschlagen geben muss, strahlt Angert immer noch, wenn er von diesem Rennen erzählt. „Das war schon ein großes Highlight.“

Ein weiterer Höhepunkt folgt Anfang Juli 2018 im schwedischen Jönköping. Bei der Ironman-Mitteldistanz steht Angert zum ersten Mal ganz oben auf dem Treppchen eines großen Rennens. Bei der rund zwölf Stunden langen Anreise mit dem Auto ist sich Angert kurz vor dem Wettkampf überhaupt noch nicht sicher, warum er das alles auf sich nimmt. Beim Abfahren der Radstrecke sind diese Zweifel dann aber schnell wieder verflogen: „Die Landschaft dort war einfach unglaublich. Dafür hatte es sich bereits gelohnt“, sagt Angert. Und so sieht er auch seine gesamte Karriere als Profitriathlet: „Ich war bereits jetzt schon an Orten, die ich sonst nie gesehen hätte, und habe jede Menge tolle Menschen kennengelernt.“ Diese lockere Einstellung hat ihm vielleicht auch zum Gewinn seiner ersten Mitteldistanz im Nordwesten Schwedens verholfen. Dort beweist Angert außerdem, dass er mehr ist als nur ein ehemaliger Leistungsschwimmer, der auch auf dem Rad gute Leistungen zeigen kann. Die Entscheidung fällt auf den letzten der 21,1 Kilometer des Halbmarathons. In einem packenden Duell bezwingt er den Belgier Pieter Heermeryck kurz vor dem Ziel. „Ich denke, dass ich damit gezeigt habe, dass ich auch in der letzten Disziplin große Fortschritte gemacht habe.“

Nicht immer mit der Brechstange

Dennoch sieht Angert gerade beim Laufen noch das größte Potenzial für Verbesserungen. „Meine Schwimmvergangenheit macht es mir nicht gerade leicht“, sagt er. Aus zwei Verletzungen habe er jedoch gelernt, dass er nicht mit der Brechstange vorgehen sollte. „Ich werde keine 1:07 Stunden im Halbmarathon oder zehn Kilometer unter 30 Minuten laufen, aber es geht mittlerweile beim Triathlon immer mehr um ein gutes Gesamtpaket“, sagt er. Genau dieses schnürt er zusammen mit Trainer Philipp Seipp, der unter anderem auch Sebastian Kienle und Laura Philipp betreut. Seipp ist seit dem Beginn von Angerts Profikar­riere an dessen Seite. Seine Trainingsdevise: kurz und heftig. „Nachdem mich Philipp in zwei, drei Trainingseinheiten gegen die Wand gefahren hat, kann er mittlerweile sehr gut einschätzen, was bei mir funktioniert“, sagt Angert.

Wie gut das funktioniert, hat auch das Ironman-70.3-Rennen auf Rügen Anfang September 2018 gezeigt. Dort feiert ­Angert einen Start-Ziel-Sieg und lässt Weltmeister Patrick Lange bei dessen letztem Formcheck vor der Titelverteidigung auf Hawaii hinter sich. Auch hier kann er noch aus dem Hintergrund den obersten Podestplatz in Angriff nehmen: „Alle haben erwartet, dass Patrick gewinnt. Ich konnte das Rennen daher ganz entspannt angehen“, sagt er. Auf dem Rad fährt er gut fünf Minuten Vorsprung auf seinen Erdinger-Teamkollegen heraus. Und auch nach dem zweiten Wechsel läuft es weiter gut. „Auf der zweiten Runde beim Laufen sind wir uns dann genau an der gleichen Stelle begegnet. Da war mir klar: Wenn ich jetzt nicht krieche, kann ich tatsächlich gewinnen“, sagt er. Als er dann unter dem weiß-roten Konfettiregen durch den Zielbogen läuft und das Banner in die Höhe reißt, ist der bisher größte Erfolg von ­Angert amtlich.

Der Blick geht für Angert jetzt bereits wieder voll in Richtung neuer Saison. Wie diese konkret aussehen soll und welche Rennen er bestreiten will, weiß er noch nicht endgültig. Höhepunkte sollen auf jeden Fall die beiden Mitteldistanz-Meisterschaften in Samorin und Nizza bilden. Für die Vorbereitung schwankt er noch zwischen den beiden Rennen in Heilbronn und St. Pölten. Eines ist für ihn jedoch klar: „Lieber werde ich in einem stark besetzten Rennen Fünfter, als einen Sieg bei einem Rennen in Asien zu feiern, bei dem keine ernstzunehmende Konkurrenz am Start war.“
Bei Fragen nach seiner Zukunft als ­Triathlonprofi gibt sich Angert eher bescheiden. Das Projekt Langdistanz will er auf jeden Fall angehen. „Step by step“, sagt er gern, wenn es ums Pläneschmieden geht. „Natürlich will ich einmal auf Hawaii an den Start gehen. Ich werde jetzt 27 und sehe noch keine Not, mich drängen zu lassen. Es haben genug Leute gezeigt, dass man mit Ende 20 oder Anfang 30 ein gutes Alter hat, um dieses Projekt anzugehen.“

Und auf dem Weg nach Big Island gibt es für Florian Angert sicherlich noch viele Rennen, in denen er Hawaii-Siegern das Leben schwer machen wird. Nur wahrscheinlich nicht mehr aus der Rolle des komplett unbekannten Newcomers.

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