Samstag, 25. Mai 2024

Typen wie Dave sterben nicht. Sie finishen.

Dave Orlowski ist tot. Mit dem Drittplatzierten der Ironman-Premiere 1978 starb eine Legende des Sports. Und ein persönlicher Freund. Erinnerungen an meinen Buddy.

Frank Wechsel und Dave Orlowski
Dave Orlowski

„How are you, buddy?“ So lautete stets unsere Begrüßung. Mindestens einmal im Jahr. Im Oktober. Dort dann aber täglich. Auf dem Pier. Im Lava Java. Am Alii Drive. Auf meinem Balkon im Royal Kona Resort. Oder an seinem Lieblingsort: dem Coffee Boat in der Kailua Bay mitten im großen, unendlichen Ozean. Dem Sehnsuchtsort, den es ohne Menschen wie Dave nicht geben würde. Dave war immer gut zu erkennen, denn er bestand darauf, stets mit der aktuellsten Kona-Badekappe von tri-mag.de zum Boot zu schwimmen.

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Dave war ein Ironman der ersten Stunde. 1978 bei der Premiere in Honolulu war er dabei. Wurde Dritter und nicht nur Teil einer Legende, Dave wurde selbst zur Legende. Mit seinen Erzählungen von 180 Radkilometern in abgeschnittenen Jeans oder Verpflegungsstopps bei McDonalds. Dave war einer der „Originals“, einer jener 15 Männer, die bei der Premiere am 18. Februar 1978 das Unmögliche wagten. Und nicht ahnten, dass sie damit Millionen Lebensträume entfachen und Lebensläufe verändern würden. Ich war damals drei Jahre alt. Heute weiß ich: Ohne Männer wie Dave wäre ich wohl unsportlich geblieben und würde beruflich etwas ganz anderes machen.

Dave war nicht nur einer der Gründerväter, sondern auch einer der größten Kritiker von Ironman. Die kommerzielle Ausschlachtung der Rennen und vor allem der Athleten gefiel ihm nicht. Dennoch wandte er sich nie von seinem Vermächtnis ab. Dave reiste durch die Welt, lebte seinen Traum. Den Traum von 226 Kilometern voller Gänsehaut.

Auch bei der Premiere des Ironman Regensburg im August 2010 war Dave Orlowski am Start. Wir hatten uns vor dem Rennen flüchtig kennengelernt. Kurz geplaudert, ein Interview geführt. Dann kam der Renntag. An das Ergebnis der Pros konnte ich mich heute spontan gar nicht mehr erinnern, ich musste es nachschlagen: Faris Al-Sultan vor Andreas Böcherer und Nils Goerke. Und Sonja Tajsich vor Katja Rabe und Corinne Abraham. Trotzdem bleibt mir das Rennen als eines in Erinnerung, das mich nachhaltig geprägt hat. Denn es sollte mit einem der größten Gänsehautmomente meiner Karriere als Publisher im Sport enden.

Die meisten Medien packen nach dem Zieleinlauf der dritten Profi-Frau ihre Sachen und verschwinden im Pressezentrum und wenig später aus der Stadt. Wir nicht. Wir sind nicht nur triathlon, sondern auch Triathlon. Bei kaum einer Langdistanz, die ich medial begleiten durfte, habe ich den Zieleinlauf des letzten Finishers verpasst. Ehrensache. Tolle Bilder. Und Emotionen, die mir immer wieder bewusst werden lassen, warum ich jeden Tag so gerne ins Büro gehe.

Ein einziges Mal, bei der Premiere des Ironman Regensburg an diesem 1. August 2010, habe ich das anders gemacht: Dort wollte ich den letzten Finisher mit der Kamera nicht nur empfangen, sondern begleiten. Einige Zeit vor dem Zielschluss wanderte ich also los, die verlassene Laufstrecke rückwärts, bis ich das Besenfahrrad finden würde. Ein Kilometer, zwei Kilometer, drei. Ich fand das Besenfahrrad. Und ich fand Dave. Und auf den drei Kilometern zurück einen Freund. Wir erzählten uns viel auf dieser Strecke, von der viele von euch wissen, dass sie sich wie eine Ewigkeit anfühlen kann. Wir verpassten den offiziellen Zielschluss knapp. Was es bedeutet, einen Ironman zu finishen, war mir nie so bewusst wie in diesem Moment der Ganzkörpergänsehaut. Wir hielten den Kontakt, schrieben uns regelmäßig. Und trafen uns jedes Jahr am Coffee Boat. Mitten im großen, unendlichen Ozean.

Ich wusste, dass es Dave immer wieder sehr schlecht ging. Alle wussten es. Die Hälfte seiner öffentlichen Facebook-Posts entstand bei den Rennen weltweit, die Dave weiterhin besuchte. Die andere in der Klinik, die ihn behandelte. Dave litt an Leukämie.

Wobei man ihm das Leiden nie anmerkte. Ich kenne nur wenige Menschen, die so positiv waren wie Dave. Er wusste, dass die Krankheit sein Gegner war. Sein Endgegner. Doch er sah sie stets als so etwas wie einen Trainingspartner. Während die Menschen in aller Welt für ihn beteten, plante Dave schon seine nächsten Wettkämpfe. Hauptkriterium wurde dabei immer öfter: ein später Zielschluss. Wie gerne wäre Dave einmal beim Ironman Frankfurt gestartet. Doch durch die Klage von Wohneigentümern, die nicht mal am Römerberg wohnten, musste das Ziel früh schließen und Dave woanders starten. Deutsche Engstirnigkeit gegen Daves Weltoffenheit.

Wir trafen uns also nicht in Frankfurt, wir trafen uns an vielen anderen Orten der Welt. Auch in Hamburg durfte ich ihn eines Tages begrüßen. Und immer, wenn wir uns verabschiedeten, hieß es: „See you at the coffee boat, buddy!“ Zuletzt fügte er manchmal noch ein „Hopefully …“ hinzu.

Im Oktober 2019 trafen wir uns ein letztes Mal in Kailua-Kona. Bis zum Coffee Boat mitten im großen, unendlichen Ozean schaffte Dave es nicht mehr. Aber in unsere Livesendung: Auf meinem Balkon am Alii Drive erzählte Dave von seinen Pioniertaten im Februar 1978. Wieder diese Gänsehaut. Auch wenn Nils und ich merkten, wie schlecht es Dave ging, strahlte er auch in diesem Moment wieder diese unglaubliche positive Energie aus, für die ich ihn so respektierte und mochte. Ich weiß nicht, ob Dave auch an der Erfindung des Ironman-Slogans „Anything is possible“ beteiligt war. Aber niemand verkörperte dieses Motto so sehr wie er.

Dave war ein Kämpfer, ein Stehaufmännchen, die Quelle unglaublicher Energien. Heute hat er das letzte Rennen seines Lebens abgeschlossen. Er hat es nicht verloren – er hat das letzte Ziel erreicht. Ich höre gerade die Worte von Mike Reilly: „Dave … You are an Ironman!“ 

Denn Typen wie Dave sterben nicht einfach. Sie finishen.

Eines Tages werden wir uns wieder begegnen, mitten im großen, unendlichen Ozean. Mit einem guten Espresso in der Hand, der ein bisschen nach Salz schmeckt. Und wir werden uns begrüßen, wie wir es immer getan haben.

„How are you, buddy?“


Dave Orlowski bei Kona Daily vor dem Ironman Hawaii 2019

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7 Kommentare

  1. Danke Frank (& Nils!), dass du es immer wieder schaffst solche Persönlichkeiten mit klassen Interviews und Kommentaren aus dem Dunkeln zu holen und dann für die Ewigkeit ins Licht zu stellen, da wo sie hingehören. Sehr inspirierend um jeden Triathlon-Tag des Lebens zu schätzen und zu genießen.

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Frank Wechsel
Frank Wechsel
Frank Wechsel ist Herausgeber der Zeitschriften SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist zehnfacher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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