„Weekend Warrior“: Jonathan Brownlee plant zehn offizielle Triathlons an diesem Wochenende

Zehn Sprinttriathlons in einem einzigen Wochenende – das klingt nach einer fiesen Ausdauer-Nerd-Story. Doch bei Jonathan Brownlees „Weekend Warrior“-Rekordversuch beim Supertri Blenheim Palace (6.–7. Juni) entscheiden nicht zuerst Lunge und Beinmuskulatur, sondern etwas viel Unromantischeres: eine Uhr. Genauer gesagt: zwei Cut-off-Zeiten, die gnadenlos das Starttor schließen.

Janos M Schmidt Gejubelt hat er oft genug. Folgen am Wochenende zehn weitere offizielle Finishes?

Triathlonlegende Brownlee, dreifacher Olympiamedaillengewinner, will etwas schaffen, das bislang kaum jemand gewagt hat: zehn Sprinttriathlons in 48 Stunden, einer nach dem anderen, in einem offiziellen Rennen mit vielen Startwellen – auf derselben abgesperrten Strecke wie Tausende Agegrouper neben ihm. Ort des Geschehens ist der zur Supertri Pro Series gehörende Blenheim Triathlon, das größte Agegrouper-Event Großbritanniens. Zehn Sprintdistanzen, das sind ungefähr 7,5 km Schwimmen, 200 km Radfahren und 50 km Laufen – aber die eigentliche Rechenaufgabe liegt zwischen den Disziplinen.

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Denn jede Runde ist nicht nur ein Triathlon mit Schwimmen, Radfahren und Laufen, sondern auch ein kurzes Resetten, Sich-wieder-Einsortieren und Zurückjoggen zum Schwimmstart, um in die nächste Welle zu rutschen. Der jüngere der beiden Brownlee-Brüder, die beiden Olympischen Spielen 2012 in London gemeinsam auf dem Treppchen standen (Alistair Brownlee gewann von Javier Gomez, Dritter wurde Jonathan) kalkuliert pro Triathlon mit 64 Minuten (das wäre die Gesamt-Siegerzeit aus 2025) bis 70 Minuten, plus rund fünf Minuten Rückweg – also im Idealfall etwa 75 Minuten Turnaround von „Start zu Start“. Genau diese Zahl ist das Nadelöhr des Wochenendes.

Zehn Triathlons in 48 Stunden: Der Zeitplan

Beim Weekend Warrior läuft alles über feste Startfenster – und über den entscheidenden Punkt: den Swim Cut-off. Wer den verpasst, startet den nächsten Triathlon nicht. Keine Diskussion, keine Ausnahme, auch nicht für den Mixed-Relay-Olympiasieger von Tokio 2021. Die Rahmenzeiten sind dabei klar und für Brownlee brutal mathematisch:

TagErste WelleSwim Cut-offZeitfenster
Samstag09:10 Uhr15:40 Uhr6:30 h = 390 min
Sonntag10:30 Uhr14:20 Uhr3:50 h = 230 min

Das bedeutet: Brownlee muss an beiden Tagen jeweils rechtzeitig den nächsten Schwimmstart erwischen. Und weil Sonntag schlicht zu kurz ist, liegt der Hebel dort, wo viele es nicht erwarten würden: Der Samstag muss „liefern“.

Die Zielroute ist damit praktisch vorgegeben: sechs Triathlons am Samstag, vier am Sonntag. Mehr geht am Sonntag nicht realistisch, weil das Startfenster zu klein ist. Und weniger am Samstag? Dann ist der Rekordversuch faktisch beendet, bevor der zweite Tag überhaupt begonnen hat. Es ist also keine flexible „Mal schauen“-Challenge, sondern ein enges Korsett aus Startslots, Rückwegen und Cut-offs.

Was diese Herausforderung so besonders macht: Brownlee hat kein Solo-Format auf abgesperrter Privatstrecke. Er steht Rennen für Rennen neben erfahrenen Agegroupern und Rookies, mit all den realen Rennbedingungen, die Zeit kosten können: volle Wechselzonen, Gedränge am Schwimmausstieg, kleine Staus an der Mount-Line und Verpflegung. Genau dort, in diesen „banalen“ Momenten, kann sein Projekt kippen.

Zwei Cut-offs als Gegner

Die eigentlichen Gegner heißen nicht 7,5 km Schwimmen oder 200 km Rad – sie heißen 15:40 und 14:20 Uhr. Denn der Cut-off nach dem Schwimmen ist die Schranke, die entscheidet, ob es weitergeht. Und die Mathematik ist gnadenlos: Am Samstag stehen zwischen erstem Start und Cut-off 390 Minuten zur Verfügung. Um sechs Schwimmstarts zu schaffen, gibt es fünf Abstände zwischen diesen Starts – also einen harten Deckel von:

390 Minuten ÷ 5 = 78 Minuten pro Runde (Start zu Start)

Brownlee selbst peilt etwa 75 Minuten an – das ist die Sicherheitsmarge, die den Plan am Leben hält. So könnte ein sauberer Samstag aussehen, wenn die Runden wirklich „fließen“:

Samstag – mit ~75 Minuten pro Runde (komfortabel, aber nicht großzügig)

RennenSchwimmstartAbstand zum Cut-off
109:10 Uhr
210:25 Uhr
311:40 Uhr
412:55 Uhr
514:10 Uhr
615:25 Uhr15 min Puffer

Der Haken: Schon fünf Minuten langsamer pro Runde zerstören das gesamte Konstrukt. Bei 80 Minuten pro Runde rutscht Start Nummer 6 auf 15:50 Uhr – also zehn Minuten nach dem Cut-off. Ergebnis: Am Samstag bleiben nur fünf Triathlons übrig, und die zehn sind rechnerisch weg. Die dramatische Wahrheit lautet: Der Unterschied zwischen „Rekord“ und „knapp gescheitert“ kann aus fünf Minuten pro Runde bestehen – über sechs Wiederholungen hinweg.

Und dann kommt der Sonntag, der noch weniger verzeiht. Das Startfenster ist kürzer, die Beine sind vorbelastet, und die vier Triathlons müssen in 230 Minuten passen – das ist im Schnitt unter 76,5 Minuten pro Runde. Brownlee könnte den Sonntag so treffen:

Sonntag – vier Rennen, aber praktisch ohne Luft nach oben

RennenSchwimmstartAbstand zum Cut-off
710:30 Uhr
811:45 Uhr
913:00 Uhr
1014:15 Uhr5 min Puffer

Diese letzte Zahl ist der eigentliche Scharfrichter: Fünf Minuten. Nicht pro Runde, sondern insgesamt als Restpuffer bis zum Cut-off. Eine klemmende Brille, ein voller Ausgang aus der Wechselzone, ein kurzer Stau am Schwimmeinstieg – und Triathlon Nummer zehn startet nicht mehr. Brownlee sagt es selbst nüchtern: Es ist „eine immense Herausforderung angesichts der Cut-offs“ – und damit ist die Aufgabe klar: nicht nur schnell sein, sondern vor allem keine Minuten verlieren, wenn es nicht ums Rennen, sondern darum geht, wieder an den Start zu kommen.

Am Ende ist Brownlees „Weekend Warrior“-Versuch weniger ein Extrem der Distanzen als ein Präzisionsstück in Sachen Taktung und Pacing. Zehn Sprinttriathlons in 48 Stunden funktionieren nur über eine einzige, kompromisslose Regel: jede Runde konsequent unter ungefähr 75 Minuten Start-zu-Start halten – inklusive Rückweg, Einfädeln in die nächste Welle und all der kleinen Reibungsverluste, die im echten Eventbetrieb auftreten. Der Samstag ist dabei das Fundament mit sechs Starts, der Sonntag das Nadelöhr mit vier Starts und einem finalen Puffer von nur fünf Minuten. Wenn Brownlee Geschichte schreibt, dann nicht nur, weil er stark ist – sondern weil er zwei Tage lang schneller ist als die Uhr, die irgendwann einfach aufhört zu warten.

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Frank Wechselhttps://tri-mag.de
Frank Wechsel ist Publisher der Medienmarken SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist 15-facher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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