Dienstag, 16. Juli 2024

40.000 Seiten Triathlongeschichte: Wie wir wurden, was wir sind

Einmal im Jahr, am 26. November, feiert unsere Branche den Welttag der Zeitschriften. Wir blicken zurück auf über 20 Jahre gedruckter Triathlongeschichte.

Im Sommer 2002 fuhr ein blauer Opel Corsa mit schon einigen Kilometern auf dem Tacho auf den Parkplatz des Firmenkundencenters West der Hamburger Sparkasse. An Bord: Silke Insel und Frank Wechsel, beide 28 Jahre alt und aus Freiburg angereist. Mit viel Herzblut – und noch mehr Herzklopfen. Einen Zeitschriftenverlag wollten wir gründen und hatten uns dafür mit der Hansestadt kurz nach ­deren Triathlonfeuertaufe eine Wahlheimat ausgesucht. Und dafür brauchten wir Geld. 100.000 Euro war unser Vorschlag, damit könnten wir doch gut starten. Unsere Ausbildungen waren nicht gerade einschlägig – eine Physiotherapeutin und ein Arzt wollten Verleger werden. Unsere Branchenerfahrungen? Minimal. Unsere Sicherheiten? Ein blauer Opel Corsa mit einigen Kilometern auf dem Tacho. Unsere Chancen?

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Zwei Stunden später waren wir um einiges schlauer. Zum Beispiel, dass Banken gern einschlägige Ausbildungen als Finanzierungsgrundlage sehen. Und Gebrauchtwagen als Sicherheiten dagegen eher nicht angesehen sind. Und dass 100.000 Euro für unser ambitioniertes Vorhaben nicht reichen würden. Aber auch: dass man an uns als Persönlichkeiten glaubte. Uns als Macher einstufte. Denn statt Erfahrungen brachten wir Visionen und Ideen mit. Und Herzblut. Und konnten damit irgendwie überzeugen. Die Sparkasse stattete unseren Start schließlich mit 180.000 Euro aus.

Ständige Führungswechsel

Die Zeitschrift triathlon war zu diesem Zeitpunkt schon einige Ausgaben alt. Auch die Nummer 1, die eineinhalb Jahre vorher in einem Freiburger Kleinverlag erschienen war, markiterte tatsächlich nicht den Start. Sie war hervorgegangen aus der Zeitschrift „Triathlon & ­Duathlon“ (das zweite war damals sehr populär, ist eine inzwischen fast in Vergessenheit geratene Sportart, bei der man das Triathlonschwimmen gegen einen Lauf ersetzte, um das Ganze noch härter zu machen). Die Publikation hatte einige Jahre in ­einer komplizierten Konstellation aus der Deutschen Triathlon Union als Herausgeber, einem Großverlag als Katalysator, einem Redaktionsunternehmen ohne redaktionelle Kompetenz und mir als Textchef immer wieder ihren Weg aufs Papier gefunden. Und auch diese Konstellation war nicht die erste, denn die DTU hatte schon einige Printpublikationen mehr oder weniger in Eigenregie veröffentlicht.

Mit der triathlon 1 begann aber eine neue Zeitrechnung. Die Strukturen wurden durch den Wegfall des Großverlags mit seinem komplizierten Gebilde aus der Produktionskette erheblich verschlankt, was den Zeitraum zwischen Redaktionsschluss und dem Einwurf durch den Postboten in den Briefkasten des DTU-­Startpassinhabers (damals der Hauptvertriebsweg) von sechs auf zwei Wochen verkürzte. Und da sich der Informationsfluss aus dem Verband in der aus heutiger Sicht digitalen Steinzeit noch als One-Man-Show abbilden ließ, übernahm ich bis 2006 die Funktion des DTU-­Pressesprechers gleich mit.

Neustart in Hamburg

Doch auch die neue Konstellation stieß bald an ihre Grenzen. Um einen modernen Vergleich zu bemühen: Wir wollten die gewachste Kette, aber wir bekamen Sand im Getriebe. Mit unserer Entwicklung und vor ­allen Dingen unseren Vorstellungen der publizistischen Zukunft konnten nicht alle Beteiligten mithalten. Auch bei der Deutschen Triathlon Union war man überzeugt, dass vieles nun besser, aber einiges noch nicht optimal lief. Und so fassten wir einen mutigen Entschluss – und kündigten. Der bisherige Verlag legte der Deutschen Triathlon Union ein neues Angebot auf den Tisch. So wie wir, nachdem wir mit der Gründung der ­spomedis GmbH (zunächst als Buchverlag) und der Fahrt in ­unserem blauen Opel Corsa nach Hamburg zwei wichtige Schritte für die Seriosität unseres An­liegens getan hatten.

Vom Verbandsorgan zur Mitgliederzeitschrift

Wir bekamen die erwähnte Finanzierung der Sparkasse und den Zuschlag des Verbands, zogen mit dem Kleinwagen und einem dazu gemieteten Transporter von Freiburg in die Hamburger Stahltwiete, stellten die erste Redakteurin ein und starteten zusammen mit der DTU und mit der triathlon 13 neu durch. Vom Verbands­organ zur Mitgliederzeitschrift, das war unsere Agenda, wie wir den Titel weiterent­wickeln wollten. Der Sportler im Mittelpunkt, nicht der Funktionär oder der Werbepartner – die Quadratur des Kreises gelang uns mit jeder Ausgabe besser, das Ansehen der Zeitschrift stieg von Monat zu Monat. Wir wollten, dass die Startpassinhaber tatsächlich das lasen, was wir produzierten. Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Es begann eine Blütezeit unserer Idee vom Sportjournalismus unter einem kritischen Präsidenten Dr. Klaus ­Müller-Ott. Bis dieser von Skandalen eingeholt wurde und Neuwahlen anstanden.

Die Chefredakteure von triathlon

2001 bis 2004

Frank Wechsel macht am Anfang alles selbst – von 2001 bis 2004 auch die Redaktionsleitung. 

2005 bis 2012

Jens Richter setzt von 2005 bis 2012 viele journalistische Standards, die bis heute gelten.

2012 bis 2015

Nis Sienknecht durchläuft bei spomedis vom Praktikanten bis zum Chefredakteur alle Stationen. 

2016 bis heute

Nils Flieshardt leitet seit 2016 die ­Redaktion mit viel Erfahrung aus dem Radsport. 

Die Aufgabe des Chefredakteurs, die mir als Gründer irgendwie selbstverständlich zugekommen war, hatte ich mittlerweile längst weitergereicht. Wirtschaftliche und inhaltliche Verantwortung können in Personalunion nicht funktionieren, wenn man nicht als Werbeblatt enden will, das niemand mehr lesen möchte – und mit Jens Richter hatte ich einen Voll­blutjournalisten, kritischen Geist und Sparringspartner an meiner Seite gefunden, mit dem ich oft genug kontrovers über Themen und Ausrichtungen diskutierte, aber unter dem triathlon zu einem seriösen und inhaltlich weitgehend unabhängigen Medium heranwuchs. Für manche Gemüter zu seriös und zu unabhängig. Zum Beispiel für die neue DTU-Präsidentin Claudia Wisser, die eine ganz eigene Vorstellung ­einer funktionierenden Demokratie im Verband hatte und auch mit der Pressefreiheit nicht sonderlich gut zurechtkam. Höhepunkt dieser dunklen Zeit der Verbandspolitik war der sogenannte Maul­korbparagraf, ein Antrag auf einer DTU-Versammlung, der es den Landesverbandsverantwortlichen untersagen sollte, mit der „willfährigen Presse“ über kritische Verbandsthemen zu sprechen.

So konnten wir und so wollte die auf eine einzelne und zunehmend einsame entscheidungsführende Person zusammengeschrumpfte DTU nicht länger zusammenarbeiten. Wir verständigten uns auf eine Beendigung der bestehenden Kooperation, machten noch ein Angebot über ein von der Kernzeitschrift unabhängiges DTU-Organ und waren am Ende irgendwie erleichtert, dass dieser unserseits eher halbherzige Vorschlag aussichtslos blieb. Den uns nach der Ära Wisser mehrmals auf dem Silbertablett präsentierten Wunsch einer erneuten Zusammenarbeit konnten wir ruhigen Gewissens ablehnen – denn mit dem Ende der alten begann die erfolgreichste und bis heute andauernde Phase der triathlon-Geschichte. Wir konnten uns nun endlich darauf konzentrieren, statt Funktionären einen noch größeren Kritiker zu überzeugen: den Leser am Zeitschriftenkiosk, den wir im besten Fall zum Fan und Abonnenten machten.

Erfolgreiche Spin-offs

Mit den Titeln triathlon training und später ­triathlon knowhow gründeten wir neben der bis heute ­etablierten zweimal jährlich erscheinenden ­triathlon ­special erfolgreiche Spin-offs, um diese Energie später in die digitale Weiterentwicklung zu stecken, in der wir uns heute oft noch im Anfangsstadium sehen. So wie damals, als wir mit dem blauen Opel Corsa zur Finanzierungsrunde vorgefahren waren. Wir machten viele Dinge richtig, setzten aber einige Male auch auf falsche Pferde. So bezeichne ich den Umzug der digitalen Infrastruktur auf ein System namens Drupal heute als den größten unternehmerischen Fehler in unserer Verlagsgeschichte. Und den teuersten. Wir sahen viele Athleten, Veranstaltungen und Mitbewerber kommen und gehen, erlebten auch intern den einen oder anderen Wechsel, der immer wieder neue inhaltliche Schwerpunkte setzte: So folgte auf Jens Richter zunächst Nis Sienknecht als Chefredakteur und später Sina Horsthemke für die beiden Spin-off-Titel, bevor Nils Flieshardt, angefixt von seinen Triathlon-Finishes beim Sprint in Hamburg und auf der Langstrecke in Roth, von einem Radsporttitel zu uns stieß. Seit 2016 führt er die Redaktion mit dem gleichen Herzblut und Enthusiasmus, wie wir unseren Verlag auf- und ausgebaut haben – und das auch weiterhin tun werden.

Denn Zeitschriften, Websites, Podcasts und Videos sind nie vollkommen, nie fertig. Medien sind im stetigen Wandel begriffen und so richtig ruhig wird es eigentlich nie. Mal ändert eine Suchmaschine ihren Algorithmus, mal sorgt ein Virus für den Ausfall von zwei Triathlonsaisons und schließlich sogar dafür, dass das Undenkbare geschieht: Eine Ironman-Weltmeisterschaft findet erstmals in der ­Triathlongeschichte, die ungefähr doppelt so lang ist wie die dieser Zeitschrift, nicht auf Hawaii statt! Die Umstellung einer ganzen Genera­tion chinesischer Kinder von Bodys mit Schieterloch zu Wegwerfwindeln führt dazu, dass Zellstoff ­weltweit nachgefragt, knapp und damit teurer wird. Wenn dann auch noch finnische Waldarbeiter in den Streik treten, werden Papier­preise für einen Triathlonmedienunternehmer zu ­einer ebenso großen Sorge wie die Lieferketten elektronischer Fahrradkomponenten für seine ­Leserinnen und Leser. Und damit unsere Zeitschriften nicht wie ein nasser Lappen im Briefkasten enden, werden sie nach dem Druck getrocknet – mit Hitze, die aus der Verbrennung von Erdgas erzeugt wird. Wir sitzen in Zeiten wie diesen alle in einem Boot. Und so entwickelt sich auch unser Gesamtkonzept weiter, muss sich weiterentwickeln: Statt im Jahr 2023 den Abopreis anzuheben, haben wir triathlon+ eingeführt.

Bei aller Veränderung konnten wir uns aber immer auf eine Konstante verlassen: das Herzblut in unserem Team aus Redakteuren, Grafikern, Filmproduzenten, den Verantwortlichen für power & pace und unserer Assistenz sowie bei den Triathletinnen und Triathleten in Deutschland und der ganzen Welt. Und dieses Herzblut vereint uns nicht nur, sondern es motiviert ungemein. Ihr, liebe Leserinnerinnen und Leser, seid eine großartige, anspruchsvolle, begeisterungsfähige und auch kritische Zielgruppe. Ihr wollt es oft ganz genau wissen und euer Anspruch ist unser Auftrag. Für euch machen wir aus ersten Notizen lange Texte, Fotos zu Bildergalerien, Ideen zu Produkten, Nächte zu Tagen. Wir trainieren und freuen uns mit euch, nehmen auch Durststrecken gemeinsam in Kauf, um mit euch an den Finish Lines von Sportveranstaltungen, Wirtschaftsprozessen und Lebensabschnitten zu feiern. 

Gedruckte Triathlongeschichte

Rund 40.000 Zeitschriftenseiten in 321 Ausgaben

216

x
triathlon

39

x
triathlon special

55

x
triathlon training

11

x
triathlon knowhow

Und so freuen wir uns auch auf die nächsten 216 triathlon-Ausgaben, die nächsten Podcasts und Videos und alles, was auf uns alle zukommt. Auf TikTok sind wir noch nicht, dafür aber auch in 2024 wieder auf ganz vielen Veranstaltungen. Wir sehen uns in Hamburg, Frankfurt, Roth, in Nizza und auf Hawaii und auch bei vielen kleineren Rennen, die wir im kommenden Jahr besuchen werden. Allerdings reisen wir nicht mehr mit dem blauen Opel Corsa an. Der TÜV trennte unsere Wege.

40 Jahre Traumfabrik auf 132 Seiten!

Mitte Juli erscheint das große Sonderheft zum Jubiläum der deutschen Rennlegende. Wir liefern in der triathlon special jede Menge Hintergründe, Analysen, Porträts und Impressionen zu den Rennen der Profis und Agegrouper bei der Challenge Roth. Von 1984 bis 2024.

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Frank Wechsel
Frank Wechsel
Frank Wechsel ist Herausgeber der Zeitschriften SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist zehnfacher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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