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Sebastian Kienle im Interview zum "Bahrain Endurance 13"
“Ich möchte wegen des Geldes kein schlechtes Gewissen haben”

Sebastian Kienle spricht im Interview in der triathlon 141 (Juli 2016) über die Beweggründe, aus dem Team “Bahrain Endurance 13” auszutreten.

Sie starten in diesem Sommer nicht nur in einem anderen großen Rennen als Jan ­Frodeno, sondern auch nicht mehr im gleichen Trikot. Nach dem Ironman Hawaii 2014 wurden Sie öffentlichkeitswirksam als 13. Athlet ins Team „Bahrain Endurance 13“ berufen, Ihr Ausscheiden zum Ende der letzten Saison geschah eher still und heimlich. Was sind die Gründe dafür?

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Als erstes muss ich sagen, dass ich mich 2014 klar dafür entschieden habe, dem Team beizutreten. Ich wusste natürlich, dass das kein „No-Brainer“ ist, wie man so schön sagt, sondern dass es durchaus ein paar Sachen gibt, über die man nach­denken sollte, bevor man einen solchen Vertrag ­unterschreibt. Das habe ich 2014 auch ­getan und sicher ein paar Argumente dagegen gefunden, aber auch sehr gute ­Argumente dafür. Ich habe mich damals ganz bewusst für das Team entschieden, im Laufe der Zeit aber gemerkt, dass die Zweifel an der Sache größer geworden sind und die Argumente gegen das Team, die es von Beginn an gab, immer stärker in den Vordergrund gerückt sind. Das Schlüsselerlebnis war dann der Auftritt mit Jan Frodeno zusammen im aktuellen Sportstudio im Juli nach dem Ironman-Rennen Frankfurt. Da habe ich die Argumente aufgezählt, warum ich dachte, dass das Team keine schlechte ­Sache ist: Bahrain ist im Vergleich zu anderen Ländern wie beispielsweise Saudi-­Arabien recht liberal und es hilft nicht, ein Land völlig zu isolieren. Über den Sport können wir viel über ein solches Land ­lernen, die Bahrainis aber auch über uns. So ein Werteaustausch ist immer gut. Ich habe für mich aber festgestellt, dass ich leicht Argumente für diese Teamzugehörigkeit finden kann, aber ich nicht immer zu 100 Prozent dahinter ­stehen kann. Ich bin in der luxuriösen Lage, durch die ­Erfolge der Vergangenheit sehr frei in ­meiner Sponsorenwahl sein zu können. Ich muss nicht immer ja sagen und kann es mir auch mal leisten, nein zu sagen – wie in diesem Fall. Über diese Entscheidung bin ich sehr froh. Ich wäre im Jahr 2016 deutlich aggressiver gebrandet gewesen, ohne zu wissen, ob ich zu 100 Prozent stolz auf diesen Sponsor hätte sein können. Ich bin sonst auf alle Sponsoren sehr stolz und stehe voll hinter deren Produkten. In Bezug auf das Team Bahrain Endurance 13 wäre das nicht mehr der Fall gewesen. Mein Austritt ist aber auf keinen Fall ein politisches Statement und ich rate auch keinem anderen Athleten, aus dem Team auszutreten. Ich halte es auch nicht für moralisch verwerflich, in diesem Team zu starten – auch wenn meine persönliche Entscheidung eine andere war.

Sind Herkunft und Umfeld des Teams ein Thema unter den Athleten gewesen?

Absolut! Unsere Welt ist der Sport und da braucht man sich keine Illusionen machen: Der Sport hat mit Doping zu tun und der Sport hat eben auch mit Politik zu tun. Und genauso, wie das Thema Doping unter uns Athleten disktuiert wird, sprechen wir auch über Politik. Sicher gibt es Athleten, die das mehr interessiert, und solche, die sich da weniger Gedanken drüber machen oder eine andere Einstellung dazu haben.

Aktuell gibt es Diskussionen um ein Radsportteam, das aus dem gleichen Umfeld in Bahrain installiert wird. Die Diskussionen um das Triathlonteam sind dabei in den Hintergrund getreten. Wird die aktuelle Diskussion auch auf den Triathlon überschwappen?

Das Thema ist ja keines nur von Radsport und Triathlon, sondern insgesamt die ­Frage: Wie gehen wir im Sport ­grundsätzlich mit Sponsoren um, die nicht nur Produkte verkaufen, sondern ein Image kreieren oder verbessern wollen? Für mich war diese Frage am Anfang ein Argument dafür, mit diesem Team zu starten. Es scheint nämlich gesellschaftlicher Konsens zu sein, dass das alles kein Problem ist. Sonst hätten wir keine Olympischen Spiele nach China oder Russland vergeben dürfen. Wir dürfen uns keine Illusionen machen: Das Team ­Katusha im Radsport wird finanziert von Russland, das einen Angriffskrieg gegen die Ukraine geführt hat. Wir haben Gazprom im Fußball, Astana im Radsport. Für mich ist es manchmal schwierig zu verstehen, wo genau der gesellschaftliche Maßstab liegt. Und weil der so schwer zu definieren ist, habe ich nur nach meinem eigenen Gefühl und Maßstab gehandelt. Es wird für mich persönlich immer schwierig, wenn Geld ausgegeben wird, wo erstens die Frage nach der Motivation dahinter im Raum steht und ich zweitens nicht genau beurteilen kann, wo das Geld, das ich bekomme, eigentlich ursprünglich herkommt. Natürlich würde ich das Geld gern nehmen, aber nur mit ­einem guten Gefühl. Ich möchte wegen des Geldes kein schlechtes Gewissen haben.

Hat sich im Umgang der im Team ­verbliebenen Athleten mit Ihnen nach dem Austritt irgendetwas verändert?

Nein, auf keinen Fall. Wie schon gesagt, muss eine solche Entscheidung jeder selbst treffen. Ich bin wegen dieser Entscheidung niemandem moralisch überlegen. In ­unserem Sport warten Sponsoren wie Bahrain Endurance 13 ja nicht unbedingt an jeder Straßenecke. Natürlich muss da jeder auch an sich selbst denken, so habe ich am Anfang ja auch ­zuerst an mich gedacht. Deshalb kann und werde ich auch niemandem einen Vorwurf ­machen. Ich weiß, wie schwierig das ist und dass nun vielleicht auch der Druck auf ­andere Athleten steigt. Aber genau das will ich eigentlich nicht.

Apropos Druck: Gab es von irgendeiner Seite Druck auf Sie als Sportler, Ihre Teamzuge­hörigkeit zu überdenken?

Die Entscheidung habe ich ganz allein ­getroffen, nachdem ich öfters darüber nachgedacht habe, weil eben viele ­Fragen von außen gekommen sind. Es gibt da ­diesen offenen Brief einer Organisation, die sich Bahrain Human Rights Watch nennt und die Athleten aufgefordert hat, das Team zu verlassen. Ich muss aber klar sagen, dass ich nicht sehe, dass das in ­irgendeiner Form die Menschenrechtslage beeinflusst. Weder durch meine Zugehörigkeit noch durch meine Nichtzugehörigkeit zum Team Bahrain Endurance 13 ändere ich überhaupt irgendwas. Meine Entscheidung war egoistisch, ganz für mich, und ist nicht aus politischen Gründen erfolgt – auch wenn sie natürlich etwas mit den Gründen zu tun hat, die gegen den Sponsor sprechen. Man muss aber auch ehrlich sein: Wenn man die Berichte von Human Rights Watch über Bahrain liest, muss man auch die ­Berichte über die USA lesen. Oder auch über Deutschland: Über unser Land wird dort genauso viel geschrieben wie über Bahrain. Wenn man sich beispielsweise ­Videos über die Proteste gegen Stuttgart 21 anschaut, sehen die nicht viel anders aus als solche aus Bahrain. Es ist immer die Frage, wie Sachverhalte in den Medien und nach außen hin dargestellt werden. Wenn ich das alles nicht wirklich beurteilen kann, muss ich nach meinem Gefühl gehen.

Als die Challenge Family im Dezember 2014 mit einem großen Rennen nach Bahrain ging, war der Aufschrei aus Ironman-Kreisen groß. Wegen der Menschenrechtslage dürfe man dort niemals ein Rennen veranstalten. Ein Jahr später wurde die Situation offenbar anders beurteilt.

Es ist immer schwierig, die Gesamtlage zu beurteilen. Letztendlich starten wir nun bei Rennen eines chinesischen Veranstalters, das haben einige Medien auch schon wieder moralisch-kritisch aufgegriffen. Wenn man aber alles komplett hinterfragt, kann man bald gar nichts mehr machen. Wenn ich mein Auto betanke, fließt das Geld nach Saudi-Arabien, das in Sachen Menschenrechte deutlich schlimmer gestellt ist als Bahrain. Man kann keine klare Linie ziehen zwischen dem, was moralisch machbar ist, und dem, was verwerflich ist. Unsere Weltmeisterschaft findet auf Hawaii statt, in den USA, die einen „War on terror“ führen, bei dem viele Zivilisten durch Drohnenangriffe sterben. Das stellen wir in unserer Gesellschaft nicht infrage, weil wir die USA als westlichen Partner sehen. Deswegen kann ich ohne schlechtes Gewissen bei Rennen in den USA starten und hinter meinen ­Sponsoren stehen, die aus den USA ­kommen. Auch als ich bei der Challenge Bahrain 2014 gestartet bin, war es schön zu sehen, wie begeistert die Jugendlichen dort für den Triathlon waren. Sport kann sehr viel Positives bewirken, wir müssen nur ­aufpassen, wenn er von Politik und ganz ­unterschiedlichen Staaten als Politik- und Imagetool missbraucht wird. Das sieht man ja beispielsweise auch in Katar – und letztendlich ist das Team Bahrain Endurance 13 auch nicht das erste Triathlonteam aus dem mittleren ­Osten.

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