Triathleten beim Race Across America:
RAAM und das Virus

Noch immer in Australien gestrandet, ein Trainingslager mit Ausgangssperre auf Gran Canaria und Ungewissheit für das gesamte Projekt: Der Weg zum RAAM 2020 hat eine unerwartete Wendung genommen.

Diese Zeilen schreiben wir, Gerry und Steffi, aus Australien, wo wir uns seit Mitte März bei Freunden aufhalten, und nicht wissen, wie und wann es nach Hause geht. Aber eins nach dem anderen: Ende Januar 2020 starteten wir unsere Wettkampfreise zum Ironman 70.3 Dubai und Ironman Neuseeland. Mit einem AK-Sieg von Gerry beim Chaos Race in Dubai (Steffi wurde Zweite) und einem Podiumsplatz für Gerry (3. Platz) in Taupo wollten wir den Heimflug antreten. Die Rückreise war für Mitte März geplant mit Rückflug von Auckland über Brisbane und Dubai nach Düsseldorf. Zu diesem Zeitpunkt verfolgte man die Entwicklung der Corona-Krise nur aus der Ferne und fühlte sich nicht wirklich betroffen, zumal sich in Neuseeland und Australien die Anzahl der Infizierten an einer Hand ablesen lies.

In Australien gestrandet – Rückkehr ungewiss

Doch das änderte sich schlagartig mit dem Einchecken des Fluges nach Hause. Man hörte von ersten Grenzschliessungen in Europa und Shutdowns von Flughäfen ohne „Connection Flights“ wie z. B. in Dubai, unseren geplanten Transitairport. Nach Rücksprache und auf Empfehlung unserer Airline Quantas haben wir uns dann entschlossen, bis Brisbane zu fliegen und von dort aus die Situation zu beobachten. Wir hatten uns dort bei Freunden für zwei Wochen eingerichtet und wollten danach unsere Heimreise fortsetzten. Nach Ankunft in Australien wurden wir dann allerdings mit einer Isolation belegt, die auch sporadisch kontrolliert wurde.

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Simon Müller | tri-mag.de Videokonferenz als Alternative: Aufgrund der aktuellen Situation trifft sich das Team nicht für gemeinsame Trainingseinheiten oder Teammeetings.

Doch anstatt der erhofften Entspannung hat sich die Lage täglich verschärft bis hin zur Schließung des Flughafens Brisbane für den zivilen Personenverkehr. Ebenso wurden die Landesgrenzen dicht gemacht, das bedeutete eine Weiterreise zum Flughafen Sydney (New South Wales) war nicht mehr möglich.

Unsere Frage an die offiziellen Stellen, wie lang diese Situation andauern wird, wurde mit einem Schulterzucken beantwortet. Das ist jetzt zwei Wochen her und wir sitzen derzeit in Maroochydoore, einem kleinen Städtchen ca. 120 km nördlich von Brisbane fest und warten auf einen Heimflug.

Wir sind auf Empfehlung über das Auswärtige Amt bei der deutschen Botschaft als „gestrandet“ registriert , wie viele andere Deutsche auch, und warten nun auf weitere Weisungen und Informationen des Konsulats. Erst kürzlich erreichte uns eine E-Mail mit dem Verweis, das Qatar Airways kommerzielle Flüge nach Hause für registrierte Deutsche anbietet. Beim Blick in das Online Portal der Fluglinien stockte uns der Atem: 16.000 australische Dollar (ca. 9000 Euro) one way für eine Person. Wir waren entsetzt, dass man sich seitens der deutschen Botschaft zu solchen Wucher-Preis-Empfehlungen hinreissen lässt und „Notlagen“ derart schamlos ausnutzen will. Zum Anderen haben große Airlines wie Qantas oder Emirates ihren Flugverkehr gestoppt um die Verbreitung nicht weiter in die Welt zu tragen. Wir finden es verantwortungslos, das Qatar Airways Personen von einem Corona-Hot-Spot in einen anderen fliegt und Doha der Umschlagsplatz ist. Aber das ist unsere Meinung.

Einschränkungen mit Recht aufs Radfahren und Laufen

Auch hier in Australien nahm unterdes die Schärfe der Restriktionen zu und man folgte den europäischen Maßnahmen zur Abflachung der Infektionskurve. Restaurants und Schulen sind geschlossen, Social Distancing von 1,5 Metern eingeführt, Fitnessstudios und Schwimmbäder sind geschlossen. Ab Anfang April sollen auch die Strände geschlossen werden.

Uns als Sportler bleiben allerdings noch alle Möglichkeiten wie Schwimmen im Meer sowie von Gruppen isoliertes Radfahren und Laufen. Man spricht allerdings schon von Einschränkungen auf einen „Freigang“ ausser Haus als nächste Maßnahme, abhängig davon, wie sich die Fallzahlen entwickeln. Wie gesagt, täglich oder besser stündlich neue Meldungen über die Presse, Social Media und Funk.

Privat Für die noch immer in Australien gestrandeten Gerry und Steffi ist Radfahren und Laufen erlaubt, solange es nicht in großen Gruppen stattfindet.

Australien, ein Land mit weissen Stränden und einer unvergleichlichen Natur und Tierwelt, ein Paradies für Rucksacktouristen und Abenteurer, so die Werbung für den kleinen Kontinent. Wir geniessen deshalb die Möglichkeiten die uns hier noch geboten werden, beobachten aber täglich die Informationen zum Ausreisen in unsere geliebte Heimat.

Noch ist hier Sommer, das heisst es lässt sich hier gut aushalten, aber bis zur direkten Rennvorbereitung und Abflug hoffen wir doch wieder bei uns zu Hause im Siebengebirge unsere Runden zu drehen. Und das genau ist die andere Seite der Medaille, die Ungewissheit wie, ob und wann es weitergeht, 18.400 Kilometer weg von zu Hause.

Simon Müller | tri-mag.de Stündliche Routine: Das Händewaschen ist auch in Australien zurzeit der stetige Begleiter durch den Alltag.

Was bedeutet das für unser RAAM? Trotz zunehmender Wahrscheinlichkeit einer Absage seitens des Veranstalters versuchen wir die Motivation hochzuhalten und versuchen mit aller Disziplin den Trainingsplan einzuhalten. Wir (Steffi und Gerry) in Australien, Peter im Siebengebirge (nach Trainingslager in Cadiz), Beate derzeit frisch aus Gran Canaria zurückgekehrt. Wie es Beate auf GC ergangen ist, erzählt sie hier …

Ein Trainingslager mit Ausgangssperre

Mit wenigen Unterbrechungen fliege ich seit zwölf Jahren nach Gran Canaria (GC) ins Trainingslager. Fernab von organisierten Camps ist für mich die Individualität genau das Richtige. Ich mag es, mein Ding zu machen, die abwechslungsreiche Landschaft zu genießen und vollkommen unabhängig nach meinen Vorgaben zu fahren. Flach ist auf GC ein Fremdwort und gerade das macht die Insel aus. Die Radstrecken sind sehr hart und die Temperatur tut ihr übriges, um die zehn Tage wirklich sehr effektiv zu gestalten. Na ja, eigentlich sollte 2020 ja so eine Art Sabbatjahr werden. Nee, is klar. Vorsorglich buchte ich aber unser Apartment wie jedes Jahr. Gelegenheit macht Diebe und durch die Einladung zur RAAM-Teilnahme wurde der ursprünglich gebuchte „normale Urlaub“ dann doch wieder durch ein Trainingslager ersetzt.

Corona war in Europa angekommen, aber vor Abflug am Mitte März war die Dramatik der kommenden Tage nicht in dem Maße für uns vorhersehbar. Donnerstag war noch alles im grünen Bereich. Auspacken, einfinden und den ersten Trainingstag vorbereiten. Freitagabend beim Italiener dann die ersten Stimmen, dass alle Restaurants und Geschäfte in Kürze schließen würden. Die Tischabstände waren größer und das Desinfektionsmittel gehörte genau so zur Tischdeko wie Kerze und Blümchen. Das sollte unser letztes “Essen-Gehen” sein. Wir zogen uns umgehend in unser Apartment zurück – Kontakt nach außen vermeiden. Eingekauft hatten wir ja bereits für zehn Tage Trainingslager. Sonntag dann alles dicht. Okay, auf GC waren wir ziemlich isoliert und fühlten uns sicherer als in Deutschland, was die Summe der Infizierten betraf. Doch wer will in einer solchen Extremsituation nicht lieber Zuhause sein? Gesagt, getan. Frühester Rückflug in vier Tagen. Dann die Info: Ausgangssperre ab Montag. Somit Sonntag letzte Ausfahrt. Irgendwie war aber alles ziemlich einsam und oben auf dem Pass dann die Info, dass die Ausgangssperre schon gilt. Au Backe, ab nach Hause. Von da an täglich Stabi-Training, essen, schlafen, ausruhen, Nachrichten verfolgen auf immerhin 25 m² inkl. Garten. Die Angst wuchs, dass der Flughafen auf GC dicht gemacht wird. Erst mit Abheben der Maschine konnten wir uns auf die Heimat freuen. Aber was war das? In Deutschland reges Treiben auf den Straßen. Vollkommen ungewohnt nach vier Tagen Ausgangssperre. Mal schauen, wie lang einsame Ausfahrten und Läufe noch draußen möglich sind in Köln. Bei mir wechseln die Gefühle zwischen Sorge, Angst vor der Zukunft, Ärger über Ignoranz und Hilflosigkeit. Hoffnung ist aber auch dabei.

Zusammenfassung

Die Situation in den USA spitzt sich langsam zu, der Höhepunkt der Corona-Krise ist noch nicht in Sicht und nach den Absagen der Olympics, der Fußball-Europameisterschaft sowie den Verschiebungen von anderen internationalen Grossveranstaltungen wird es immer unwahrscheinlicher, dass das RAAM 2020 stattfindet.

In Oceanside am Start träfen sich über 1.000 Fahrer, Betreuer, Officials aus der ganzen Welt. Ein Social Distancing von 1,5 Metern ist hier unter keinen Umständen einzuhalten. Eine medizinische Versorgung (Sturz, sonstige Verletzungen oder Erkrankungen) wäre, wenn überhaupt, nur eingeschränkt möglich. Die gewohnte Infrastruktur (Lebensmittel, Ersatzeile, Treibstoff, etc.) stünde auch nicht mehr rund um die Uhr zur Verfügung.

Am 24. März habe ich meine Bedenken und Befürchtungen in einem RAAM-Racer-Forum zum Ausdruck gebracht und damit kontroverse Diskussionen ausgelöst. Der Veranstalter hat sich darauf eingeschaltet, Verständnis geäußert und eine Entscheidung binnen zehn Tagen angekündigt. Diese Frist läuft am 4. April ab.

Wir sind alle sehr gespannt, was in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten passiert. Wir Racer und die Crew sind ebenfalls verunsichert über die aktuelle Situation und vor allem über die Unsicherheit bei den Rennabläufen und Prozessen. Die geplante Renn-Simulation Ende März (Fahrer/- und Crew-Wechsel, Nachtfahrten) mussten wir absagen, die Racer sind in ihrer Heimat verstreut und auch wir sind sagen „Stop the Spread“. Wir hätten uns auch eine professionellere Vorbereitung gewünscht.

Wir sind aber auch der Auffassung, dass der Sport jetzt aufgrund der globalen Situation mal in den Hintergrund rücken muss, wir uns untereinander helfen und Entscheidungen akzeptieren sollten, die zum Wohle der Menschheit sind. Wir möchten uns und unsere Crew nicht gefährden und behalten und deshalb auch vor das Rennen gegebenenfalls auf 2021 zu schieben. Wir halten Euch auf dem Laufenden …

Grüße in die Heimat!

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