Samstag, 15. Juni 2024

Herausforderungen: So war 2023, so wird 2024 – aus Sicht eines Publishers

Endlich Planbarkeit. Endlich Verlässlichkeit. Endlich Ruhe. Das haben wir alle uns nach den Turbulenzen der Coronazeit vor etwas mehr als einem Jahr gewünscht. Doch die Achterbahnfahrt des Triathlonsports ging 2023 weiter. Rück- und Ausblick aus der Sicht eines Publishers.

Frank Wechsel / spomedis

Die Vorzeichen für die Saison 2023 standen nicht gut. Um den letzten Jahreswechsel wurde bekannt, dass der vordergründige Erfolg der zweitägigen Ironman-WM auf Hawaii ein einmaliger war. Der weltweit größte Triathlonveranstalter verkündete im Januar, was die Szene längst wusste: Zukünftig soll es zwei Weltmeisterschaften geben, je eine pro Geschlecht wechselseitig in Nizza und in Kailua-Kona. Der Sport befand sich mit der Teilabkehr von Hawaii in einer Identitätskrise.

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Bad guy vs. good guy – so einfach ist das nicht

Der fürchterliche Unfall auf der Radstrecke des Ironman Hamburg, bei dem ein Motorradfahrer innerhalb der Veranstalter-Medienbubble starb und der wohl als der traurigste Tag in meinen beruflichen Erinnerungen stehen bleibt, sowie mehrere tragische Zwischenfälle in den Starterfeldern machten es nicht besser. Die wichtigste Marke des Sports galt spätestens jetzt als angezählt, ein Lionel Sanders zählte nach seiner Disqualifikation in Lahti lautstark mit. Die Krise des einen versuchten sich andere zunutze zu machen. Doch was bringen Abstandssensoren und 20-Meter-Regeln, wenn es keine Sanktionen für Verstöße gibt? Die simple Unterscheidung „bad guy“ vs. „good guy“ lag für viele auf der Hand – und wurde auch uns gegenüber oft gefordert. Man dürfe über gewisse Rennen einfach nicht mehr berichten, hieß es beispielsweise. Aber ganz so einfach ist es nicht. Ich nenne mich Publisher, nicht Populist.

Zumal Ironman nach dem größten Imagetief seit der Gründung 1978 vieles besser machte. Man hörte zu, bei den Sportlern, auch bei uns Medien. Die Marke präsentierte zwei gelungene Weltmeisterschaften in Nizza und auf Hawaii (mit zwei grandiosen Vizemeistertiteln durch Patrick Lange und Anne Haug) und zeigte, dass man den Profisport mit der Einrichtung einer Pro-Series auch wieder ernst nehmen möchte. Eine Entwicklung, die es ohne den Druck seitens der Professional Triathletes Organisation (PTO) wahrscheinlich nicht gegeben hätte – einer Organisation, die viele als Heilsbringer sahen und sehen, die aber zunehmend selbst unter Druck geriet, indem sie 2023 weit weniger Rennen an den Start brachte als zuvor verkündet (und auch für 2024 eine zuverlässige Saisonplanung bisher vermissen lässt). Und eine Entwicklung, bei der auch Deutsche mitreden wollen und werden, wie der Dreifach-Triumph bei der Ironman-70.3-WM in Lahti zeigte.

Triathlon – das sind nicht nur die Ironman-Profis

Triathlon ist jedoch nicht nur das Spitzenfeld bei einem Ironman. Auch die PTO hat sich inzwischen dazu bekannt, sich zukünftig vorrangig nur um die Crème de la Crème des Triathlonsports zu kümmern (rund 20 Frauen und 20 Männer will man dort publikumswirksam und für die Sportler sicher lukrativ vermarkten). Das Profigeschäft ist weitaus größer, wie rund 300 ausgestellte Elitepässe allein in Deutschland belegen. Zum Profizirkus gehört auch die Kurzdistanz, die im Juli erneut auf dem Hamburger Rathausmarkt zeigen konnte, welch Potenzial in der Laktatdusche steckt. Das Eliminator-Format kam ebenso an wie die Mixed-Relay-Weltmeisterschaft, die das Deutschland-Quartett nach zehn Jahren erneut im Wohnzimmer der Kurzdistanzler für sich entscheiden konnte (entscheiden konnten auch der Nachwuchs, wie durch die beiden U23-Weltmeistertitel von Pontevedra).

Olympia 2024 steht vor der Tür, das Testevent in Paris hat Vorfreude gemacht auf die vielleicht größte Zuschauerkulisse der Triathlongeschichte – im Juli und August unter dem Eiffelturm rund um die Pont Alexandre III. Paris kann für neue Aufmerksamkeit für den ganzen Sport sorgen. Bei so vielen Möglichkeiten, als Triathlet auf und abseits der Wettkampfstrecken ein Einkommen zu bestreiten, ordnet sich der Markt neu. Neben den Glanzlichtern der Szene darf man nicht ignorieren, dass ehemals starke Formate wie die Arena Games der Super League Triathlon inzwischen Probleme haben, ein Weltklassefeld zu rekrutieren (und von den Triathlonfans wahrgenommen zu werden) – auch wenn die Moderatoren das Aufgebot als solches verkaufen (müssen).

Herausforderungen auf allen Ebenen des Sports

Eine besondere Herausforderung, aber nur eine von vielen im Jahr der Herausforderungen. Die bestanden für lokale Veranstalter hierzulande immer häufiger aus Fragen wie: Komme ich an die Genehmigungen für die Strecke? Und wenn ja, auch an die Athleten, die auf dieser starten? Und woher bekomme ich eigentlich die Helfer, die diese Strecke und diese Athleten absichern? Und wenn ich mich als Veranstalterpionier zur Ruhe setzen möchte oder muss – wie kommen ich an jemanden, der diese riesige Verantwortung heutzutage noch zu tragen bereit ist? Wo er nicht sterben will, muss sich der Sport vielleicht zwangsläufig professionalisieren – mit Ausgründungen von Eventagenturen auf Bundes- und Landesebene und oftmals mit dem Ergebnis, dass Rennerlebnisse wie das beim Rekordrennen der Challenge Roth und vielen anderen Herzblut-Veranstaltungen immer üppiger werden. Der Triathlonsport lebt, aber das Leben ändert sich.

Und dann noch ein Publisher, der sich die Taschen vollmacht

Auch wir standen 2023 vor besonderen Herausforderungen: Zur allgemeinen Inflation (die uns, unsere Leser und auch unsere Werbepartner gleichermaßen getroffen hat) kamen Papier- und Energiepreise auf Rekordhochs, gravierende Einschnitte in der Art, wie wir an die Schauplätze des Sports kommen und eine immer kompliziertere Logistik, wie unsere Medienprodukte von dort an die Leser gelangen. Sportzeitschriften haben zukünftig immer dienstags zu erscheinen, wurde uns beispielsweise mitgeteilt – oder an einem anderen Wochentag, gegen Aufpreis. Wie schon zu Coronazeiten ist unsere Branche wieder einmal mehr leer ausgegangen, als es um Fördertöpfe ging – darüber beklage ich mich nicht, ich bin grundsätzlich ein Freund des freien Marktes und keiner von Subventionen. Wenn ich mir dann aber anhören muss, ich hätte bestimmte notwendige Entscheidungen einzig und allen getroffen, um „den Triathleten weiter zu melken“ oder „mir die Taschen voll zu machen“, frage ich mich nach der Grundlage für solch uninformierte Übergriffigkeiten. Triathlonjournalismus ist nicht nur unsere Berufung, sondern auch unser Beruf. 16 Angestellte, die jeder für sich und im Team Großartiges leisten, haben das Recht, für ihre gute Arbeit ein monatliches Gehalt von mir erwarten zu dürfen. By the way, das Print-Abo der triathlon kostet an diesem 31. Dezember 2023 übrigens genauso viel (oder wenig?) wie am 31. Dezember 2022. Dass es am 31. Dezember 2024 wahrscheinlich etwas teurer geworden sein muss, darf ich hierbei schon leise ankündigen.

Und damit sind wir mitten im Jahr 2024, einem Jahr, das neue Herausforderungen bringen und in dem in unserer Branche die Notwendigkeit, aber auch die Chance des leser- und userfinanzierten Journalismus allgegenwärtig sein wird. Ja, unsere triathlon special, im zu Ende gehenden Jahr mit den beiden Ausgaben zur Challenge Roth im Sommer und druckfrisch zur außergewöhnlichen Karriere des Jan Frodeno, kosten inzwischen 12,90 Euro. Und ja, ein Monat triathlon+ kostet 9,95 Euro. Und ja, ich habe all die Diskussionen um unsere Preispolitik ebenso kommen sehen wie die um den einen oder anderen Werbepartner. Ohne beides würde aber alles nicht funktionieren. Und „alles“ bedeutet bei uns eben auch vieles, das für die Triathletin und den Triathleten kostenlos ist und bleiben wird.

Laute Kritik und stille Abos

Kritisiert wird viel in diesem Land, gemeckert sowieso. Dabei darf man die große Mehrheit nicht vergessen, die uns stillschweigend lobt, indem sie einfach so und kommentarlos ein Abo abschließt, für welchen Kanal auch immer. Wir freuen uns über so viel Zuspruch in diesem Jahr, der uns tagtäglich angespornt hat und den wir gern als Ansporn in die Jahresplanungen 2024 mitgenommen haben. Nicht nur der Triathlonsport lebt, sondern auch wir dürfen ihn weiter leben, mit einem Redaktions- und Produktionsteam, das noch nie so groß war wie heute. Wenn die Begeisterung, die wir für den Triathlonsport immer wieder zu entfachen versuchen, überschlägt, dann macht es richtig Spaß. Und wenn das sogar bei Veranstaltungen gelingt, die wie die Ironman-WM von Nizza unter schwierigen Vorzeichen stehen, dann haben am Ende alle gewonnen.

Ich möchte ankündigen, dass wir auch 2024 wieder Zeichen setzen werden. So wie wir es 2023 mit zehn Printausgaben triathlon und zwei grandiosen triathlon special getan haben. Mit einer nie dagewesenen Präsenz auf Instagram und in über 300 YouTube-Filmen. Mit mehr Liveshows als je zuvor (auch wenn die Diskussion, ob live wirklich immer besser ist, zur einen oder anderen Änderung für 2024 führen könnte). Weltweit gibt es nur wenige Medien, die den Triathlonsport in dieser Vielfalt abbilden wollen und können. Wir können das, weil es bei uns im Verlag die Funktion eines Controllers nicht gibt. Daher gönnen wir es uns zum Beispiel auch, über den Weg der deutschen Nationalmannschaft zu den Olympischen Spielen zu berichten. Unter anderem auf YouTube, kostenlos.

Umfangreich, bunt und kritisch

Ich verspreche, dass wir auch 2024 umfangreich und bunt, aber weiterhin auch kritisch über die Dinge und Vorgänge berichten werden, zu denen uns immer mehr Beteiligte am Sport ihre gefärbte Sichtweise, ihre heile Welt vorgaukeln wollen. Instagram ist nicht die Realität, TikTok schon gar nicht. Wenn Athleten lieber ungefragt auf dem eigenen YouTube-Kanal als von der Presse gefragt in den Medien sprechen (dürfen), dann lässt der Fußball grüßen. Wenn Veranstaltungsorganisationen den Zugang der freien Medien zum Sport auf der einen Seite immer mehr regulieren, ihren Athleten auf der anderen Seite aber Texte und Bilderwelten in deren Social-Media-Kanäle diktieren, wenn der Wert eines Athleten allein in dessen Reichweite liegt, dann verkommt der Sport zur Show. Fehler? Gibt es nicht in dieser Show, wenn niemand unabhängig darüber berichtet.

Doch Fehler gehören zum Fortschritt, auch wir sind durch manchen Fehler erst größer geworden. Wenn denn der Umgang damit stimmt. Leider leben wir auch in einer Kultur, wo Fehler nicht nur nicht passieren dürfen, sondern, wenn doch, zu gern von anderen gefeiert werden. Ich bin mit vielen guten Vorsätzen ins vergangene Jahr gegangen. Zwei habe ich durchgehalten. Erstens: Ich war nicht einmal bei McDonalds. Und zweitens: Wenn jemand einen Fehler macht, weise ich ihn persönlich oder in entsprechender Runde darauf hin, nicht aber über eine Online-Plattform. Manche Selbstdarsteller (und davon gibt es im Triathlon viele, manche werden sogar Publisher) feiern jeden vermeintlichen Fehler anderer eigennützig auf Facebook, im Kommentar unter einem Artikel, auf Insta, YouTube oder Discord. Früher hießen diese Plattformen mal „soziale“ Medien. Meine Hoffnung: 2024 wird sozialer, weil wir alle erkennen, dass die Zukunft im Sport – für Agegrouper und Profis, für Veranstalter und Medien, für Sponsoren und Zuschauer – im Miteinander liegt.

2024: Neue Herausforderungen und neue Fragen

Denn 2024, dessen können wir uns gewiss sein, wird ein Jahr neuer Herausforderungen und neuer Fragen: Bekommt der Sport die Kurve, indem wir Agegrouper uns frühzeitiger als zuletzt als Teilnehmer oder Helfer auch bei den kleineren Rennen anmelden? Wer werden die Nachfolger von Ironman-Boss Andrew Messick, von World-Triathlon-Präsidentin Marisol Casado und von GOAT Jan Frodeno? Gibt es neben den so wichtigen regionalen Veranstaltungen auch PTO-Rennen – und wenn ja, wie viele? Wie wird die erste Frauen-Weltmeisterschaft, wer wird erste Frauen-Weltmeisterin von Nizza? Und wer holt sich die Krone von Kona? Erholt sich die Radbranche in 2024 vom Kollaps des zweiten Halbjahrs 2023?

2024 wird ein entscheidendes Jahr. Langweilig wird es nicht. Dafür werden auch wir, dafür werde auch ich sorgen. Versprochen!

Einen guten Rutsch – und 2024 viel Glück und Gesundheit, mehr Frieden und Zufriedenheit, viele KOMs und wenige DNFs!

Euer Frank

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Frank Wechsel
Frank Wechsel
Frank Wechsel ist Herausgeber der Zeitschriften SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist zehnfacher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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