Donnerstag, 22. Februar 2024
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Finish auf finnisch

Vortstartmodus nennt sich der Zustand ­eines Sportlers, der vor einem Wettkampf bereit ist. Der dem Startschuss so entgegenfiebert, dass er ständig in Bewegung ist. Der immer wieder kräftig durchatmet. Und einen Puls von 100 und mehr hat, ohne dass er schon unterwegs ist. Ich bekenne: Mein Vorstartmodus ist extrem ausgeprägt. Er beginnt automatisch, wenn ich das Rennrad in die Wechselzone schiebe. Und ab diesem Moment bin ich in genau diesem Zustand: bereit!

Das einzige Problem ist: Meistens liegt auf den längeren Distanzen zwischen jenem Check-in und dem Start eines Rennens noch eine Nacht. Und in der schläft es sich nicht gut, wenn der Vorstartmodus erst mal eingestellt ist. Oder kannst du bei Puls 100 einschlafen?

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Ein Rennen wie für mich gemacht

Als vor im Sommer 2018 ein neues Ironman-70.3-Rennen in Finnland angekündigt wurde, wusste ich: Das ist genau mein Ding! Denn der Start für den Wettkampf über 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen sollte erst um 16 Uhr erfolgen – ­Finnland ist nicht nur das Land der 1.000 Seen, sondern auch das der Mitternachtssonne. Und so wurde der Wintersportort Lahti schnell zu meinem sommerlichen Trainingsziel. Und drei Mitstreiter waren auch schnell gefunden: Thorsten, der nach seinem ­Hawaii-Start im Oktober 2017 in diesem Jahr mal keine Lang­distanz machen wollte (was auch ich meiner Familie versprochen hatte). Simone, die wie wir ein Triathlonerlebnis gern mit einer interessanten ­Reise verknüpft. Und Melanie, die ich von den Pressetribünen vieler Schwimmwettkämpfe kenne – unsere Finnland-Expertin (auch im Podcast „triathlon talk“ war Melanie als Ironman-Rookie schon zu Gast).

Anreise mit Umweg

Die Reise sah auf dem Papier einfach aus: Etwas mehr als eine Stunde mit dem ­Flieger und noch mal genauso lange mit der Bahn vom Flughafen von Helsinki nach Lahti. Aber: Der kurze Flug von Hamburg wird nur mit kleinen Maschinen bedient. Und die nehmen keine Fahrräder mit. Also wurde umgebucht und es ging via München nach Finnland.

Dort angekommen, erleben wir zwei Tage vor dem Start schönstes Sommerwetter: 25 Grad und Sonne. Und die scheint hoch oben im Norden lange, geht irgendwann um 23 Uhr unter und ist um 1 Uhr schon fast wieder da. Für ein Daylight-­Finish muss man also entweder schnell oder langsam genug sein.

Da es abends ja lange hell ist, geht es auf eine erste Streckenbesichtigung. Natürlich mit kleinem Abstecher, zur Hauptsehenswürdigkeit, den Skisprungschanzen, für die Lahti in der Sportwelt bekannt ist. Die werden auch im Sommer genutzt: Die kleine für Mattensprünge, die große als Schwimmbad.

Im Konzerthaus von Lahti.

Ja, richtig gelesen: Im Auslauf der Großschanze liegt auch im Sommer Schnee, allerdings in flüssiger Form. Ein 50-Meter-Pool mit Wellenkillerleinen lässt das Herz des Triathleten höher schlagen – fast schon Vorstartmodus! ­Allerdings teilt der Veranstalter mit: Die Finisher sind nach dem Wettkampf herzlich in das Stadion eingeladen: „Showers and ­sauna are available. Swimming and ski jumping not.“ Doch wenn ich so von unten nach oben schaue, ist mir das auch ganz recht so. „Mein Selbsterhaltungstrieb ist viel zu groß, als dass ich mich da runterstürzen würde“, sagt auch Simone.

Elenanoeva | Dreamstime.com Das Markenzeichen von Lahti: Die Skisprungschanzen, inkl. sommerlichem 50-Meter-Pool.

Race Day – oder Night?

Zwei Tage später: Es ist Renntag. Die Nacht war gut, der Tag wird lang, schon vor dem Start. Der Wecker klingelt zu ­einer Zeit, zu der ich normalerweise schon auf dem Rad sitze. Ein kurzes Frühstück, ein Check-in (im Regen!) und dann: Däumchendrehen und Gummibärchenessen (dazu mehr auf unserem YouTube-Channel „triathloninsider“). Und ich stelle fest: So einen Vorstartzustand bis 16.10 Uhr aufrecht zu erhalten, ist nicht einfach.

Thorsten, Simone und Frank vor dem Start den Ironman 70.3 Lahti.

Denn um diese Zeit gehen wir Agegrouper ins Rennen. Eigentlich wollten Thorsten und ich ja zusammen am Ende des ersten oder zweiten Blocks starten. Doch Thorsten traut sich nicht, ich dafür umso mehr. Und so stehe ich plötzlich Auge in Auge mit dem countdownzählenden Strecken­sprecher Till Schenk in der ersten Startreihe. Wenn kein anderer will, muss es der Wechsel also wieder machen. Puls 100+.

Vorstartstimmung am späten Nachmittag.

Der Startschuss ist eher ein leiser nachmittäglicher Weckruf – und dann läuft sie, die Premiere des Ironman 70.3 Lahti. Auch bei mir läuft es, links und rechts sehe ich nach dem Start niemanden. Und so führe ich das Rennen an, erst nach 100 Metern überlasse ich die Führung anderen. Es kommen ja schließlich noch 113 Kilometer. Erst jetzt merke ich: Das Wasser ist ganz schön frisch. Und Simones Idee, mit zwei Badekappen zu schwimmen, war eine richtig gute!

Nach gut einer halben Stunde ist die Hafenpromenade erreicht. Tausende Zuschauer brüllen uns in die Wechselzone. Im Beutel liegt heute mehr als sonst: Windjacke, Weste, Radtrikot sind zur Sicherheit verstaut. Genau in diesem Moment kommt die Sonne raus – und ich entscheide mich, nur im Einteiler zu fahren. Grenzwertig bei schließlich nur noch neun Grad.

Kalt werden, wie schon beim Schwimmen, vor allem die Füße. Denn drei heftige Regengüsse machen es von oben (oder viel mehr: von der Seite, da heftige Winde wehen) und von unten nass. Wie schön, dass wir da draußen warmherzig empfangen werden: Überall sind die Finnen an die Straßen gekommen. Vor jeder Hofeinfahrt stehen Campingstühle, finnische Fähnchen werden geschwenkt und uns Dinge zugerufen, die sich sehr fremd, aber auch sehr freundlich anhören. Skandinavien ist die Heimat der nordischen Skisportarten. Die Begeisterung für den Ausdauersport ist auch im Sommer spürbar.

In den finnischen Wäldern.

Gegen 19 Uhr steige ich vom Rad. Meine Füße spüre ich nun gar nicht mehr, beim zweiten Wechsel mache meinem Namen alles andere als eine Ehre. Ich muss erst wieder ein bisschen Gefühl in meine ­Zehen massieren, bevor es auf die Laufstrecke geht. Als ich aus der Wechselzone auf die Halbmarathonstrecke einbiege, läuft ­Christian Kramer gerade an dieser vorbei: Er liegt an dritter Stelle bei den Profis und geht auf die zweite Runde. Ich leiste ihm 200 Meter lang Gesellschaft, beschließe dann aber, dass ich es nicht ganz so eilig habe. Am ersten Wende­punkt sehe ich ihn wieder und wundere ich mich, ­welchen Vorsprung man auf zweieinhalb Kilo­metern ­herauslaufen kann. Am zweiten Wendepunkt sehe ich dann auch Thorsten, der sich wiederum über meinen Vorsprung wundert: Zehn Minuten liege ich vor ihm, aber keiner von uns weiß, mit welchem Abstand zueinander wir ins Rennen gestartet sind. Am dritten Wendepunkt weiß ich aber: Nicht nur Christian, sondern auch Thorsten läuft heute in einer anderen Welt.

Laufen, kurz vor Mitternacht.

Auch beim Laufen ist die finnische Triathlongastfreundschaft überall spürbar, nach zwei Langstrecken im Jahr zuvor werden die 21 Kilometer heute schnell weniger. Und nach der Distanz, wo es im Ironman richtig weh tut, ist es beim Ironman 70.3 auch schon vorbei: Ich biege um kurz nach 21 Uhr in den Zielkanal ein, Thorsten kommt ein paar Minütchen danach über die Finishline. Erst später am Abend sehen wir, dass wir heute in der ­Summe gleich schnell unterwegs waren.

Till Schenk Thorsten und Frank im Ziel: Geteilte Freude ist doppelte Freude.
Frank Wechsel / spomedis

Als ich am sehr frühen Morgen mein Rad ins Hotelzimmer schiebe, ist draußen die kurze Dämmerung vorbei und es ist schon fast wieder richtig hell. Die letzten Teilnehmer kommen jetzt gerade ins Ziel. Zwischendurch hat auf den 113 Kilometern ein Monatswechsel stattgefunden. Das gibt es nur hier, beim finnischen Finish.


Strecken-Charakter

  • Schwimmen: out-and-back, gute Orientierung, kühl
  • Radfahren: flach bis wellig, windanfällig, ländlich
  • Laufen: flach, größtenteils innerorts

Weitere Informationen

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Frank Wechsel
Frank Wechsel
Frank Wechsel ist Herausgeber der Zeitschriften SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist zehnfacher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.
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4 Kommentare

  1. Toller Report. Die Mitternachtssonne muss man mal erlebt haben. Umgekehrt stelle ich es mir grausig vor, wenn im Winter den ganzen Tag nicht einmal die Sonne scheint.

    Traurig ist natürlich die Geschichte mit der An- und wahrscheinlich Abreise. Von Hamburg über München nach Lahti, nur weil so das Fahrrad mitfliegen kann, konterkariert natürlich die Passion, die Natur schützen zu wollen, die viele Triathleten in ihren Trainings so lieb gewinnen und schützen wollen. Ich würde mich nicht wundern, wenn dieser Umweg auch noch günstiger war, als der Direktflug.

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