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Die Geschichte des "Frühjahrs-Klassikers"
Triathlon Buschhütten – das Sehnsuchtsziel im Siegerland

„Frühjahrsklassiker“, „Ballern auf der Autobahn“ und „König von Buschhütten“. Es gibt viele Schlagworte, die Triathleten ins Siegerland locken. Doch was macht den Wettkampf Anfang Mai so besonders, dass sich auch Hawaii-Sieger wieder zur Kurzdistanz hingezogen fühlen? Eine Spurensuche bei der letzten Austragung des Rennens im Siegerland im Jahr 2019.

Marvin Weber / spomedis

Freibad Buschhütten am ersten Maisamstag 2019, kurz nach halb drei am Nachmittag. Die Wolkendecke ist aufgerissen, blauer Himmel und Sonnenschein dominieren für ein paar Minuten. Aprilwetter. Das Freibad ist menschenleer – zumindest fast. Im Becken zieht ein einzelner Schwimmer seine Bahnen. Der Mann im Wasser ist der mittlerweile dreifache Hawaii-Sieger Jan ­Frodeno. Beobachtet von seinem Manager und bestem Freund Felix Rüdiger und seinem Physiotherapeuten Albert Lorza, die am Beckenrand stehen. Ein Kameramann macht einige Aufnahmen von Frodeno. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, ein paar Minuten später wird Frodeno in der Turnhalle in Buschhütten bei der Pressekonferenz sitzen, im Blitzlichtgewitter. Alle ­Augen sind auf den Olympiasieger aus dem Jahr 2008 gerichtet. Den Popstar der Triathlonszene, der an diesem Wochenende dem Mythos Buschhütten nachgehen will. 

Dieser hat seine Anfänge im Mai 1987. Rainer Jung ist als Schwimmer Dauergast im Buschhüttener Freibad und trainiert dort nahezu täglich. Das Schwimmbad hat gerade erst ein neues Becken erhalten. Der Bademeister spricht Jung an: „Wir sollten etwas Werbung für das neue Becken machen“, sagte er. Doch wie? In der Zeitung habe er von ein paar Bekloppten auf ­Hawaii gelesen, warf er in den Raum. „Das könnte man doch auch hier irgendwie machen.“ Gesagt, getan. Nach einigen ­A­­bsprachen mit der Stadt und der heimischen Feuerwehr gehen rund vier Wochen später 87 Teilnehmer an den Start. Die Geburtsstunde des Triathlon Buschhütten – noch ziemlich improvisiert und über Stock und Stein, aber: „Das war gar nicht so schlecht. Und dann dachten wir, dass das sicherlich noch besser geht“, erinnern sich Rainer Jung und seine ­­Frau Sabine. 

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Marvin Weber / spomedis Die beiden bekannten Gesichter des Triathlon Buschhütten: Rainer und Sabine Jung sind seit mehr als drei Jahrzehnten für das Rennen im Siegerland sowie für die Teams des Vereins im Einsatz.

Bereits im zweiten Jahr lässt sich mit Jörg Hofmann, der Dritte bei den deutschen Meisterschaften auf der Kurzdistanz aus dem Jahr 1987, ein prominenter Starter im Siegerland blicken. Auch eine Zeitnahme gehört ab 1988 zum Standard. Zwei weitere Jahre später ist die Sportveranstaltung bereits Bestandteil der sogenannten Kronen-Tour in Nordrhein-Westfalen. Eine Tour mit ersten Charakterzügen des heutigen Ligabetriebs. Die Beteiligung an dieser Rennserie lässt die Veranstaltung in Buschhütten zunächst wachsen. Mit Jürgen Zäck steht 1991 einer der ersten Hawaii-Pioniere aus Deutschland ganz oben auf dem Treppchen. 

Die positive Entwicklung durch die Kronen-Tour ist jedoch nicht von langer Dauer. Nach einigen erfolgreichen Jahren kann sich das Format zu Beginn der 90er-Jahre noch nicht behaupten. Auch der Triathlon Buschhütten am Scheideweg. „Für uns war klar, dass wir das Ganze nun auf eigene Beine stellen wollen“, sagt Jung. Ein Name, der bei den ersten eigenen Gehversuchen geholfen habe, war der von Andreas Niedrig. „Seine Geschichte hat natürlich gezogen. Wir haben noch heute ein freundschaftliches und familiäres Verhältnis zu ihm“, sagt Sabine Jung. Niedrig gewann das Rennen im Siegerland ab 1997 dreimal hintereinander und war somit einer der ersten Könige von Buschhütten. 

Marvin Weber / spomedis

„Geht nicht, gibt‘s nicht“ 

Genau dieser Titel fehlt Jan ­Frodeno zu Beginn des Jahres 2019 noch in seiner Sammlung. Umjubelt von Hunderten Zuschauern im Freibad in Buschhütten macht er sich warm für den Klassiker. Nur wenige Armlängen entfernt stehen seine Fans hinter einer Hecke und schießen Fotos mit ihren Smartphones. Ein paar Liegestütze und Aufwärmübungen später fällt der Startschuss. Frodeno reagiert am schnellsten auf das Signal und kann sich nach einigen Bahnen im mehr als 20 Grad warmen Wasser bereits um wenige Meter von seinen Kontrahenten wie Vorjahressieger Andreas Böcherer und dem Zweiten von 2018, Florian Angert, absetzen. Für die Zuschauer am Beckenrand ein Spektakel, so hautnah an ihren Idolen zu sein und jeden Armzug mitverfolgen zu können. Wohl auch ein Grund, weshalb der Wettkampf mit Dorfcharakter sich von anderen Triathlonrennen in Deutschland absetzen kann und auf so mancher ­„Bucket-List“ steht. 

„Das, was wir hier machen, kannst du ohne Bekloppte nicht stemmen.“

Rainer Jung

Für Rainer und Sabine Jung ist diese Anerkennung und auch der Mythos rund um den Wettkampf die Ernte jahrzehntelanger Arbeit – zum größten Teil auf ehrenamtlicher Basis. „Das, was wir hier machen, kannst du ohne Bekloppte nicht stemmen“, sagt Rainer Jung. Er rechnet vor, wie viel Geld seiner Frau durch den Einsatz im Verein, der TVG Buschhütten, später bei der Rente fehlen wird. Ein niedriger sechsstelliger Betrag kommt am Ende seiner Rechnung heraus. „War es das wert?“, stellt er in den Raum und gibt nach kurzer Pause mit voller Energie selbst die Antwort: „Natürlich war es das. Das war eine Investition in den Verein“, sagt er. Rainer und Sabine Jung sehen sich als Dienstleister am Triathleten. „Unser Anspruch ist: Geht nicht, gibt’s nicht.“ Und so erlebt man das Ehepaar auch während des kompletten Rennwochenendes: unter Dauerstrom und immer verfügbar. An Schlafen ist für beide an diesen Tagen nicht zu denken. „Der Athlet ist zu Gast bei uns und wir wollen alles für uns Mögliche tun, um ihm den Aufenthalt und den Wettkampf so schön wie möglich zu gestalten“, sagt Rainer Jung.

„Klassiker ist nur so lange, wie du auch ablieferst“

So gehört es auch dazu, dass seine Frau die Teilnehmer wenige Tage vor dem Rennen noch einmal anschreibt, um ihnen mitzuteilen, dass sie an warme Kleidung denken sollen, da der Wetterbericht vor dem Wochenende fast wieder winterliche Bedingungen mit Temperaturen unter der Zehn-Grad-Marke gepaart mit Graupelschauern und sogar Schnee prophezeit hatte. „Das gehört zu unserer Fürsorgepflicht“, sagt Sabine Jung. Oder wie es ihr Mann wenige Minuten später mit seinen Worten ausdrückt: „Klassiker ist nur so lange, wie du auch ablieferst.“ Dabei setzen die beiden seit mehreren Jahrzehnten auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den heimischen Behörden und der Bevölkerung. 

Buschhütten ist einer von 15 Ortsteilen der Stadt Kreuztal und mit rund 5.000 Einwohnern auch der zweitgrößte der Stadt im Siegerland. Einen wirklichen Ortskern besitzt der Stadtteil nicht, da er aus mehreren separaten Orteilsteilen besteht. Sportliche Höhepunkte mit bundesweiter Strahlkraft gibt es in der Region rund um Siegen, Universitäts- und Großstadt mit rund 100.000 Einwohnern und etwas mehr als zehn Kilometer von Kreuztal entfernt, nur noch wenige. 2005 gelang der heimischen Fußballmannschaft, den Sportfreunden Siegen, der Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Kurz darauf folgten jedoch der sofortige Abstieg und mehrere Insolvenzen. Im Handball sorgt der TuS Ferndorf in der Zweiten Bundesliga ab und zu für Schlagzeilen. Der Triathlon in Buschhütten ist somit zweifelsohne eine der größten Sportveranstaltungen in der Region. Zudem heimst das Bundesliga-Team aus Buschhütten in ­FC-Bayern-Manier einen Meistertitel nach dem anderen in der Triathlonbundesliga ein. Also eigentlich kein Wunder, dass mehrere Tausend Zuschauer nach Buschhütten pilgern, um das Geschehen vom Streckenrand zu betrachten. 

Marvin Weber / spomedis Mit Vollgas auf der Hüttentalstraße: Sowohl für die Athleten als auch für die Zuschauer ist der Triathlon Buschhütten jedes Jahr wieder ein besonderes Ereignis.

So auch an diesem Sonntagnachmittag. Die schlechten Vorhersagen werden den einen oder anderen Fan vielleicht davon abgehalten haben, Jan Frodeno und Laura Philipp beim Kampf um die „Krone von Busch­hütten“ zuzujubeln. Rekordzuschauerzahlen waren deswegen wahrscheinlich bei der 32. Auflage, trotz des gut besetzten Profistarterfeldes, wohl nicht zu verzeichnen. Die letzten Profis haben das Freibad mittlerweile verlassen. Die erste Wechselzone ist leergeräumt. Die Massen pilgern Richtung Hüttentalstraße, die von den Siegerländern nur HTS genannt wird. „Ballern auf der Autobahn“, auch ein Attribut, das viele mit dem Wettkampf in Buschhütten assoziieren. Für die Zuschauer ist es auf dem für diesen Tag gesperrten Autobahnzubringer ein Spektakel. Kurz hinter der Leitplanke spürt man förmlich, wie die Athleten mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde vorbeirauschen. Auf der anderen Fahrbahnseite der B 54 geht es dann mit deutlich weniger Geschwindigkeit wieder bergauf. Triathlonsport zum Anfassen. 

„Ballern auf der Autobahn“ zog auch den für seine ­Radstärke bekannten ­Sebastian Kienle ins Siegerland. 2008 gewann er dort zu Beginn ­seiner ersten sportlichen Erfolge als Profi das erste Mal. Auch in den darauffolgenden vier Jahren krönte er sich zum König von Buschhütten. „Kienle war eine richtige Hausnummer, die uns auch noch einmal einen richtigen Schub verpasst hat“, sagt Rainer Jung. Eine ähnliche ­Serie wie Sebastian Kienle wäre ­einige Jahre zuvor auch beinahe Lothar Leder gelungen. Im Jahr des fünften Titels stand jedoch Faris Al-Sultan ganz oben auf dem Treppchen. Leder landete ein Jahr später wieder auf Platz eins.

Zwangspause im Jahr 2017

Damit sich die ganz großen Namen des Sports im beschaulichen Buschhütten die Klinke in die Hand geben, ist der TVG Buschhütten auf Sponsoren und Spenden angewiesen. Größtes Zugpferd der Veranstaltung und auch Namensgeber des Bundesligateams ist das mittelständische Unternehmen Ejot, Spezialist im Bereich Verbindungstechnik. „Das Vertrauen und die Beziehung zu Ejot sind so gut, dass ich innerhalb von fünf Minuten abklären kann, ob es möglich ist, einen Jan ­Frodeno nach Buschhütten zu holen“, sagt Rainer Jung. Auch wenn die Unterstützung von Ejot einer der entscheidenden Grundsteine für die Veranstaltung sei, gebe es rund zehn weitere Unternehmen, die für die finanzielle Basis des Wettkampfs sorgen. „Ich bin Banker und mag kein Klumpenrisiko“, sagt Jung. 

Marvin Weber / spomedis Volles Haus bei der letzten Austragung des Rennens im Mai 2019: Bereits lange vor dem Start der Profis sind die besten Zuschauerplätze direkt am Beckenrand bereits besetzt.

Mit mittlerweile 62 Jahren ist das Thema Rente bei Rainer Jung nicht mehr nur im Hauptberuf eines. Auch im Verein möchte er kürzertreten. Will nicht mehr jede Entscheidung abnicken und am Ende die volle Verantwortung tragen. Im Jahr 2016 zum 30. Jubiläum sollte für Rainer und Sabine Jung eigentlich bereits Schluss gewesen sein. Schnell zeigte sich, dass die Sponsoren ohne den „Vater und die Mutter“ der Veranstaltung nicht mehr so leicht zu erreichen sind. Nach weiteren Planungsfehlern fiel das Rennen im Jahr 2017 komplett aus. „Die Reserven der Vorjahre waren hinüber und für uns stellte sich die Frage: Deckel drauf oder versuchen wir es noch einmal?“, sagt Jung. Sie entschieden sich für Letzteres. 2018 stand mit ­Patrick Lange der fünfte von momentan sechs deutschen Hawaii-Siegern in ­Buschhütten an der Startlinie. Perfektes Wetter sorgte zudem dafür, dass das Wiedergeburtsjahr des Rennens eines der erfolgreichsten der Geschichte wurde. 

364 Tage später folgt mit Jan ­Frodeno der sechste Kona-­Champion. Rainer Jung und der frisch gekürte König von ­Buschhütten klopfen sich nach dem Wettkampf, nachdem der erste Trubel vorbei ist, im Vereins­heim auf die Schulter. Eine kurze Umarmung. „Wenn das Rennen vorbei ist, macht mir das schon etwas Sorgen. Was soll nach ­Lange und Frodeno noch kommen?“, hatte Jung noch zwei Tage vor dem Wettkampf gesagt. Wer weiß, welche ­Hawaii-Sieger zukünftig noch König werden wollen.

In den Jahren 2020 und 2021 konnte die geplante 33. Auflage des Rennens nicht ausgetragen werden. Wie es nach den zwei Jahren Pause aufgrund der Coronapandemie mit dem Wettkampf im Siegerland weitergeht, soll in den kommenden Wochen bekannt gegeben werden.

Der Triathlon Buschhütten 2019 in Bildern – von der Pressekonferenz bis zum Zieleinlauf

  • Jan Frodeno Ziel Buschhütten 2019

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