Die Ironman-Weltmeisterin im Interview:
Anne Haug: “Die Sicherheit und Gesundheit aller muss höchste Priorität haben”

Anne Haug zeigt sich trotz der schwierigen Situation rund um die Corona-Krise optimistisch und in Sachen Training erfinderisch. Wie sie die Absagen ihres Heimrennens in Roth und die Verschiebung der Olympischen Spiele beurteilt und was sie selbst tut, um nicht den Fokus zu verlieren, erklärt uns die 37-Jährige im Interview.

Anne Haug, gestern haben die Veranstalter der Challenge Roth das Rennen für dieses Jahr abgesagt. Wie siehst du die Entscheidung und wie traurig bist du darüber, dass deine Premiere in der Heimat jetzt warten muss?

Ich habe gestern mit großem Bedauern erfahren, dass die Challenge Roth abgesagt werden muss. Der Wettkampf war ganz klar ein Saisonhighlight für mich. Aber in Anbetracht der Umstände kann ich die Entscheidung des Veranstalters absolut nachvollziehen und stehe voll dahinter. Die Gesundheit und Sicherheit aller haben jetzt einfach Priorität. Ich kann mir vorstellen, wie schwer der Familie Walchshöfer, die dieses besondere Rennen mit Leib und Seele seit Jahrzehnten ausrichtet, dies gefallen sein muss. So hab ich und alle anderen Startern jetzt ein Jahr mehr Zeit, um noch fitter an der Startlinie zu stehen. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. 

- Anzeige -

Wie geht es dir allgemein momentan mit der außergewöhnlichen Situation durch die Corona-Krise?

Die aktuelle Situation ist natürlich sehr besorgniserregend und relativiert gerade so einiges. Seine eigenen kleinen Probleme scheinen gerade so banal im Vergleich.

Kannst du noch relativ normal trainieren oder fällt das nun ohne größeres Ziel vor Augen deutlich schwerer? 

Ich betreibe meinen Sport unter den mir gegebenen Umständen nichtsdestotrotz weiterhin mit voller Leidenschaft. Das Schwimmen findet gerade ohne Wasser an selbst gebauten und immer wieder optimierten Zugseilkonstruktionen statt. Ich habe in meiner langen Karriere schon sehr viele Rückschläge und Zeiten erlebt, in denen von heute auf morgen nichts mehr ging und man das Licht am Ende des Tunnels nicht absehen konnte. Das hat mich sehr viel gelehrt. Nämlich, dass nichts für immer ist und man dankbar, demütig und immer voller Hoffnung sein muss. Ich betreibe meinen Sport, weil ich ihn liebe und weil ich immer besser werden will. Das ist meine tägliche Motivation und daran wird sich solange ich Leistungssport betreibe, nichts ändern. Ich konzentriere mich darauf jeden Tag mein Bestes zu geben.

Welcher Fokus soll jetzt für den Rest des Jahres gelegt werden, in Zeiten, in denen nicht einmal klar ist, ob der Ironman auf Hawaii überhaupt stattfindet oder nicht?

Ich habe gerade die Chance, an meiner Rad und Laufform zu arbeiten sowie an athletischen Schwächen, für die vielleicht sonst wenig Zeit ist. Ich möchte meine Fitness auf einem so guten Level halten, dass ich jederzeit wieder Gas geben kann, wenn Wettkämpfe stattfinden. 

Wie sehr ist die Situation für dich auch finanziell belastend?

Ich betreibe Leistungssport. Das heißt, meine Einkünfte sind natürlich hauptsächlich von meiner Leistung bei Wettkämpfen abhängig. Das wird dieses Jahr äußerst schwierig. Auch gestaltet es sich gerade sehr schwierig, den Sponsoren, die mir so treu die Stange halten, Präsenz in irgendeiner Weise auch außerhalb des Sports zu bieten. Aber der Boomerang für uns Leistungssportler wird sich wahrscheinlich erst nach der Krise genauer und deutlicher abzeichnen. Wir sind ja direkt von Sponsoren und Veranstaltern abhängig. Ihre wirtschaftliche Situation entscheidet, ob es noch einen Profisport geben wird, wie wir ihn kannten. 

Vor einigen Tagen wurden auch die Olympischen Spiele in Tokio in das Jahr 2021 verlegt. Wie sieht du als zweifache Olympiateilnehmerin die Verschiebung?

Die Olympischen Spiele sind für mich immer noch das größte Ereignis im Sportler-Leben. Aber nicht nur deshalb, sondern auch durch meinen Sportler-Wohnsitz am Olympiastützpunkt Saarbrücken, wo ich noch ganz nah dran bin, habe ich die Diskussionen um Tokio 2020 aufmerksam verfolgt. Auch wenn ich nicht im Geringsten abschätzen kann, wie viele Arbeitsplätze durch so eine Absage verloren gehen und welche weiteren wirtschaftliche Schäden damit einhergehen, begrüße ich diese Entscheidung aus meiner Sportlersicht. Die Sicherheit und Gesundheit aller muss höchste Priorität haben. Zudem muss Chancengleichheit herrschen. Manche Sportler aus Disziplinen wie zum Beispiel Schwimmen, Triathlon, Ringen und viele mehr, haben gerade keine Möglichkeit ihrem Training nachzugehen, da Sportstätten komplett geschlossen sind. Aber auch international ist keine Gleichheit gegeben. In Italien und Spanien befinden sich Sportler in absoluter Ausgangssperre, wo hingegen wir uns noch relativ frei außerhalb unserer vier Wände Sport betreiben können. Unter diesen Voraussetzungen sollten keine Olympischen Spiele stattfinden. Als Athlet bereitet man sich jahrelang auf dieses eine Ereignis vor und möchte dort in Topform an der Startlinie stehen. 

Erhalte Updates direkt auf dieses Gerät – abonniere jetzt.

Das könnte dir auch gefallen
1 Kommentar
  1. Matthias Wehrle

    Schade, dass sich die Profis mit großer Reichweite nicht auch mal kritisch zu der Situation äußern.

    Gerade die schutzbedürftigen Gruppen unserer Gesellschaft bedürfen jetzt ganz klar besonderen Schutzmaßnahmen. Allerdings war den europäischen Regierungen früher nie etwas an diesen gelegen. Altersarmut und vor allem älter Obdachlose zeugen davon, genauso wie die vielen Tafeln.

    Nun werden demokratische Errungenschaften wie unsere Grundrechte auf unbestimmte Zeit zum Schutz dieser besagten Gruppe ausgesetzt. Macht dies niemanden stutzig?

    Es ist definitiv dramatisch was gerade in Italienischen Krankenhäusern passiert. Aber ist das Ausdruck einer schweren Grippe oder Zeugnis einer über Jahre völlig verwahrlosten Krankenhauslandschaft? Auch in Deutschland wird das Pflegepersonal sehr schlecht bezahlt und die Mensch dort sind auch ohne SARS-Cov-2 am Limit, psychisch, körperlich wie auch finanziell.

    Die Zeit wird zeigen, ob unsere Panik und die extreme Präsenz medialer Angst ein guter Ratgeber in dieser Zeit war. Ich bin leider bisher schon sehr über den unbändigen Willen zum Gehorsam vieler (teils auch akademischer Mitbürger) besorgt. Hoffentlich stellen mehr Menschen die richtigen Fragen. Schaut auf die noch unverfälschten Rohdaten.

    Kommt gut durch diese verrückte Zeit.
    Viele Grüße
    Matthias

Hier kannst du diesen Beitrag kommentieren

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.