Mittwoch, 28. Februar 2024
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Die Vorfreude verdrängt den Frust

Jonas Deichmann gönnt sich ja sonst (fast) nichts. Am Donnerstag aber ließ es der Abenteurer auf seinem Triathlon rund um die Welt – für seine Verhältnisse – krachen. Er suchte sich in der sibirischen 40.000-Einwohner-Stadt Mariinsk ein gutes Hotel, checkte dort ein und gab sich der Schlemmerei hin, nachdem er sich im Supermarkt einen Kuchen gekauft hatte. Feste müssen auch in der Ferne gefeiert werden – und wenn es in Sibirien ist. Es war sein 34. Geburtstag. „Damit befinde ich mich im besten Abenteureralter“, scherzt Deichmann, der aber auch an seinem Geburtstag das aktuelle Projekt im Fokus hatte. So referierte er bei einem Online-Vortrag über Mindset und Motivation bei großen Herausforderungen. Dass der Triathlon rund um die Welt eine ist, steht nach den vergangenen Wochen außer Frage.

Deichmann ist erleichtert, Nowosibirsk passiert zu haben

Der Frust beim Abenteurer war zuletzt spürbar, als er bei widrigen Witterungsbedingungen, lebensgefährlichem Verkehr und eintöniger Landschaft durch die sumpfige sibirische Tiefebene fuhr. Die Bedingungen sollten sich allerdings Anfang der zurückliegenden Woche bessern. „Zwei, drei Tage musste ich noch in der Tiefebene verbringen. Hinter Omsk kam Rückenwind auf, ab da lief es ganz angenehm, da bin ich mit durchschnittlich 30km/h durch die Steppe gesaust. Ich war einfach nur erleichtert, als ich am Montag an Nowosibirsk vorbeigefahren bin.“ Jonas Deichmann entschied sich für eine Umgehungsstraße um die mit 1,5 Millionen Einwohnern größte Stadt Sibiriens herum. „Ich habe ja gelernt, dass man die russischen Städte mit dem Fahrrad lieber meidet.“ Direkt hinter Nowosibirsk veränderte sich die Landschaft, sehr zur Freude Deichmanns. „Es gab erste sanfte Hügel – und wenn Du am Vortag 230 Kilometer mit 30 Höhenmetern gefahren bist, sind diese sanften Hügel bereits eine Bereicherung. Die Sumpflandschaft hörte auf, die Wälder begannen und wurden nach und nach dichter, der Verkehr ist auch etwas weniger geworden.“

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Raus aus der Tiefebene: Das Streckenprofil wird wieder welliger

Der Rückenwind allerdings blieb. Der Abenteurer legte bis Kemerowo 240 Kilometer zurück, durchfuhr Sibiriens „Kohlezentrum“ am Dienstag. „Dort hat sich neben der Kohle- weitere Schwerindustrie angesiedelt. Also eine traumhafte Stadt. Die Luftqualität ist ungefähr so gut wie in einer Tiefgarage. Es ist nicht schön zu sehen, welche Umweltverschmutzung dort herrscht.“

privat Ungewöhnliche Souvenirs warten am Straßenrand und lassen keinen Zweifel: Jonas Deichmann ist in der Wildnis angekommen.

Dennoch ließ sich auch Kemerowo mit einem positiven Aspekt verbinden. „Bis dorthin waren noch viele Lkw unterwegs, dahinter deutlich weniger, ich vermute, es ist nur noch ein Viertel des Aufkommens. Dass ich mehr als eine Minute unterwegs sein kann, ohne einem Schwerlaster zu begegnen, ist ein großes Update meiner Lebensqualität“, frotzelt Deichmann, der auch dem Streckenprofil immer mehr abgewinnen kann. „Es gibt hier echte Höhenmeter. Am Mittwoch waren es 1.400 auf 170 Kilometer. Das ist zwar noch keine Bergetappe, aber es geht konstant hoch und runter – und die Distanzen werden länger. Es gibt weniger Dörfer und mehr Wald. ich komme langsam in den schönen wilden Teil von Sibirien.“

Das Schlimmste liegt hinter Deichmann

Das Wetter blieb unterdessen wechselhaft. Bei Nowosibirsk wärmte die Sonne die Luft auf neun Grad Celsius auf. „Das waren tolle Bedingungen.“ Am Mittwoch waren es dann null Grad und Schneeregen. „Ziemlich eklig.“ So wechselhaft soll es zunächst bleiben: ein wenig sonnig und warm, ein wenig bedeckt und kühl. „Insgesamt merkt man aber, dass der Frühling nach Sibirien kommt“, so Deichmann, der an seinem Geburtstag mit Blick auf die sibirische Tiefebene betonte: „Ich kann endlich sagen, dass ich das Schlimmste von Russland hinter mir habe. Ich bin voller Vorfreude auf das, was kommt.“

Highlight Baikalsee für Jonas Deichmann in Reichweite

Ein Highlight erwartet er Ende der kommenden Woche: „Dann dürfte ich am Baikalsees sein, da freue ich mich schon lange drauf.“ Der Tourenplan bis Wladiwostok steht ebenfalls. „Es sind noch rund 5.000 Kilometer. Damit ich dort rechtzeitig vor Ablauf meines Visums mit etwas Puffer ankomme, müsste ich im Schnitt 190 Kilometer am Tag fahren. Das ist auf jeden Fall machbar, man darf aber nicht vergessen, dass es in Russland auch immer mal Tage mit Schneeregen und grausigen Bedingungen geben kann, an denen man nur 100 Kilometer schafft. Aber ich bin sehr optimistisch.“ Am gestrigen Freitag fuhr sich der Abenteurer bereits ein Polster heraus, schaffte mit 271 Kilometern den bisher längsten Abschnitt des aktuellen Projekts auf dem Rad. „Ich war seit frühmorgens zehn Stunden unterwegs, habe 1.500 Höhenmeter absolviert, konnte teilweise ganz locker mit 38 km/h fahren. Das war ziemlich geil.“

privat Regionale Köstlichkeiten: Jonas Deichmann gönnt sich eine ausgiebige Mahlzeit.

USA, Kanada oder Mexiko? Laufroute ist noch unklar

In Wladiwostok muss er dann eine Mitfahrgelegenheit über den Pazifik finden. „Eine Lösung habe ich zwar noch nicht, es gibt aber die Aussicht darauf, dass ich per Frachtschiff rüber kann. Sicher ist das allerdings noch nicht.“ Nach der Pazifiküberquerung steht der Lauf quer durch den amerikanischen Kontinent an. in dieser Hinsicht deutet sich eine Planänderung an, denn ob der Lauf durch die USA stattfinden kann, ist aufgrund der Corona-Pandemie ungewiss. „Aktuell würde ich nicht in die USA einreisen können. Kanada entscheidet am 21. April über die Grenzen. Ich hoffe, dass ich dort einreisen darf, eventuell über eine Ausnahmegenehmigung. Nach Mexiko dürfte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit einreisen, das wäre aber aufgrund der Sicherheit nicht meine erste Option“, verdeutlicht Jonas Deichmann. „Wenn es aber nicht anders geht, dann ist das eben so.“ Welchen Weg auch immer er bei seinem Projekt einschlagen muss. Eines steht nach dem Verlassen der sibirischen Tiefebene fest: „Es macht wieder Spaß.“

Jonas Deichmann berichtet auf tri-mag.de regelmäßig von seinem Triathlon rund um die Welt. Weitere Informationen zu seinen bisherigen Abenteuern sowie ein Livetracker zu seinem Triathlon rund um die Welt finden sich auf seiner Website jonasdeichmann.com.

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Bengt Lüdke
Bengt Lüdke
Bengt-Jendrik Lüdke ist Redakteur bei triathlon. Der Sportwissenschaftler volontierte nach seinem Studium bei einem der größten Verlage in Norddeutschland und arbeitete dort vor seinem Wechsel zu spomedis elf Jahre im Sportressort. In seiner Freizeit trifft man ihn in Laufschuhen an der Alster, auf dem Rad an der Elbe – oder sogar manchmal im Schwimmbecken.

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