Wenn Zahlen abhängig machen:
Gefangen im Datenstrudel

Von A wie anaerober Schwelle bis Z wie Zugfrequenz: Im Triathlon gibt es mittlerweile ein gutes Dutzend Metriken und dafür notwendige Tools, um Trainings- und Wettkampfergebnisse zu erfassen. Wir erklären euch, was davon wirklich sinnvoll ist und ab wann das Sammeln von Daten und der Vergleich mit anderen krankhaft wird.

“Ohne Strava zählt die Einheit nicht.” „Seit dem Server-Problem habe ich aufgehört zu trainieren.“ „Dann muss ich nicht trainieren die nächsten Tage.“ Drei Kommentare in den sozialen Netzwerken rund um den mehrtägigen Systemausfall von Garmin Ende Juli, die alle wohl ein gewisses Maß an Ironie in sich haben, jedoch alle auch in einem Punkt vereint sind: einer möglichen Abhängigkeit von Daten und Technik. Diese teils suchtähnliche Entwicklung in den vergangenen Jahren wurde vor allem durch die explosive Entwicklung von Apps, elektronischen Devices und der damit verbundenen Möglichkeit der Datenaufzeichnung befeuert. Doch wie viele Daten und Technik sind wirklich notwendig und ab wann wird der Vergleich mit sich selbst und anderen zur Krankheit?

Als der Systemausfall von Garmin zahlreiche Triathleten für mehrere Tage verunsichert oder gar dafür sorgt, dass sie ihr Training aussetzen, befindet sich Mario Schmidt-Wendling im Urlaub. Um einer ersten Panik seiner Athleten zuvorzukommen, schickt er einen Newsletter heraus, in dem er seinen Altersklassen­athleten klarmacht, dass das alles kein großes Problem darstellt und sie weiterhin am geplanten Trainingsalltag festhalten sollen. Die große Unruhe bleibt bei den Athleten des 44-jährigen Coaches, der in den vergangenen rund 15 Jahren mehr als 1.000 Athleten zum Lang­distanz-Finish verholfen hat, aus. „Das hängt aber vielleicht auch ein wenig davon ab, was für eine Coaching-Kultur man pflegt. Wenn man durchaus dafür sensibilisiert, dass nicht unbedingt jede Metrik notwendig ist und dass man auch ohne die Garmin am Handgelenk leben und Sport machen kann, dann sollte so eine Situation kein Problem sein“, sagt Schmidt-Wendling. Der Sportwissenschaftler beäugt die Entwicklung der vergangenen Jahre äußerst kritisch. „Man sollte nicht immer glauben, dass die Zahlen und Tools das Gesetz oder die Bibel sind, sondern lediglich als ­Hilfsmittel dienen“, sagt er. Was von den immer wieder neuen Tools und Messwerten am Ende des Tages wirklich hilfreich ist und den Athleten besser und schneller macht, untersucht Schmidt-Wendling ganz genau. Nahezu alle technischen Hilfsmittel und Tools hat er zumindest einmal ausprobiert. Nicht einmal eine Handvoll davon sind für ihn jedoch im Alltag wirklich von Bedeutung. Ab und zu muss er bei seinen Athleten schon einmal die Notbremse ziehen. „Ich sehe es immer am Beckenrand, wie einige Sportler mehr damit beschäftigt sind, die Uhr an- und abzudrücken, als sich mal auf das Wesentliche, das Schwimmen selbst, zu konzentrieren“, sagt er. Bei einigen Gruppen­trainings gibt es von ihm deshalb gelegentlich die Ansage, nicht ständig auf die Uhr zu schauen. Wer dann doch noch den letzten 100-Meter-Split mit dem aktuellsten vergleicht, fliegt auch einmal aus dem Training. „Das klingt vielleicht ein wenig hart und diktatorisch. Aber manchmal muss man vielleicht auch zu drastischeren Mitteln greifen, um für ein Thema zu sensibilisieren“, sagt Schmidt-Wendling.

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Welche Konsequenzen einige Athleten beim Ausfall ihrer Messinstrumente ziehen und wie man gesammelte Daten wirklich clever nutzt, könnt ihr in der aktuellen Ausgabe triathlon 184 nachlesen.

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1 Kommentar
  1. Mathias Priebe

    Mario Schmidt-Wendling spricht mir da sehr aus dem Herzen. Triathleten sollten sich bewusst machen, dass sie eine interessante Zielgruppe sind, der man gern Dinge verkauft. Das Versprechen, es würde uns bei der Selbstoptimierung helfen, ist verlockend. Viele haben jede erdenkliche Technik im Haus aber im Leben noch kein Lauf-ABC gemacht. Ganz ähnlich ist das mit Technikübungen im Wasser.

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