Dienstag, 16. Juli 2024

Lars‘ Jahr 2023: Mit Unvernunft in die Off-Season

Ziele machen das Trainingsleben leichter. Besonders schön ist es, wenn man sie schließlich erreicht. triathlon-Redakteur Lars Wichert zieht ein Fazit, wie die Saison 2023 gelaufen ist.

Erleichterung, es bis ins Ziel geschafft zu haben und der Dank an die Fans, die für eine unglaubliche Stimmung gesorgt haben.

In der Ausgabe 207 der triathlon haben einige Mitglieder der Redaktion ihre Ziele für die Saison 2023 schriftlich festgehalten. Zum Ende des Jahres darf dann auch zurückgeschaut werden, wie man persönlich die eigenen Ziele realisieren konnte. Aus meiner Sicht muss ein Fazit gar nicht nur zum Jahresende vollzogen werden, sondern kann auch innerhalb der Saison dafür sorgen, dass das kommende Rennen besser wird, wenn die richtigen Rückschlüsse gezogen werden. Für mich standen in diesem Jahr wirkliche Bucketlist-Rennen im Kalender. Zu Beginn der Saison hatte ich noch überlegt, ob ich meine Saison wieder klassisch aufbaue und eine Mitteldistanz vor der Langdistanz absolviere. Aber die Zeit hat einfach nicht mitgespielt. So gab es in Roth meinen Saisoneinstieg und mit dem Norseman sechs Wochen später als zweites Rennen schon fast den Saisonabschluss, wäre da nicht noch ein wenig Unvernunft übrig geblieben. Aber der Reihe nach.

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Triathlonwoche in Roth

Nachdem ich die Challenge Roth im vergangenen Jahr verpasst hatte, war das Gefühl umso schöner, es diese Saison bis ins Triathlon-Mekka geschafft zu haben. Klassisch auf dem Campingplatz am Rothsee. Zum Glück wurde ich dieses Mal nur vom Triathlonfieber infiziert, was keine schlimmere Auswirkung auf das Rennen hatte. Im Vorhinein bestand eine große Ungewissheit. Anspannung, Nervosität und auch ein wenig Vorfreude machten sich am Tag des Check-ins sowie am Renntag vor dem Schwimmen im Körper breit. Das Agegrouper-Meldefeld war hochkarätig besetzt. Bis zum Start hatte ich nicht den Eindruck, dass ich meinem selbst gesteckten Ziel gerecht werden könnte. Ich kannte die Saisonleistung von ein paar starken Gegnern und bei mir nur die Trainingsergebnisse. Mit dem Startschuss wich das Zweifeln dem Adrenalin. Was folgte, war ein langer Tag, mit Hochs und ganz tiefen Tiefs – und der Gewissheit am Ende, dass mein formuliertes Ziel aus der triathlon Ausgabe 207 aufging. Ich habe es geschafft, ein Rennen zu machen, in dem ich die Dynamik mitgestalten und mit meiner Zielzeit von 8:15:35 Stunden die Grenze von 8:20 Stunden unterbieten konnte. Die Gehpassagen, das Übergeben und die Qual, vom Büchenbachtal wieder zurück in die Stadt zu kommen, hatten zwischenzeitlich ziemliche Zweifel daran aufkommen lassen. Was bleibt, ist ein unglaubliches Erlebnis im Landkreis Roth sowie ein wenig Genugtuung mir selbst gegenüber, dass der Ironman Hamburg kein One-Hit-Wonder war. Dennoch schwang bei mir immer die Angst mit, dass meine Trainingsleistung nicht ausreicht, um meinen eigenen Zielen gerecht zu werden. Eine Sache, die ich besser in den Griff bekommen muss. Am Ende fuhr ich sehr zufrieden nach Hause, auch wenn im Büchenbachtal ein Norweger an mir vorbeigezogen ist und overall siegreich war. Mir ist jedoch zu Ohren gekommen, dass Norweger ganz gut im Triathlon sein sollen.

In 55 Minuten zur PB

Wenn mir jemand im Vorhinein gesagt hätte, dass ich unter 56 Minuten aus dem Wasser komme, ich hätte ihn mit Sicherheit für verrückt erklärt, es aber sofort unterschrieben. Natürlich kommen in Roth der Massenstart in der Sub-9-Gruppe und der einfache Schwimmkurs im Kanal dem Athleten zugute. Aber am Ende muss man es immer noch umgesetzt bekommen. Der Rhythmus hat von Beginn an gestimmt, richtig wohlgefühlt habe ich mich aber nicht. Mit den ersten Schwimmzügen nach dem Startsignal begann eine Prügelei und ein Kampf auf der Schwimmstrecke, auf das ich nicht richtig eingestellt war. Nach dem Unbehagen am Anfang kam ich in der Gruppe jedoch gut zurecht und war sehr überrascht, dass ich Athleten in der Wechselzone um mich herum erblickte, die ich weit vor mir einsortiert hätte. Als ich dann auf dem Rad realisierte, welche Zeit ich soeben im Kanal geschwommen bin, kam etwas Verwunderung in mir auf. 55:44 Minuten bedeuten ein neuer Bestwert. Damit wäre das Vorhaben einer neuen Personal Best, egal in welcher Form, auch abgehakt. Wahrscheinlich ist es eine PB, die für die kommenden Rennen eine unerreichbare Messlatte setzt.

Besuch bei den Wikingern

Die Eindrücke, die ich während des Norseman gesammelt habe, werde ich so schnell nicht vergessen. Ein Gefühl von Wettkampf, das ich immer in mir tragen werden und das noch einmal mehr gezeigt hat, wie wichtig der Support ist. Wie in Roth habe ich mit meinen Freunden und Bruder die vielleicht intensivste Variante gewählt einen Wettkampf zu erleben, wir haben wieder gezeltet. Eventuell hat das dazu geführt, dass der Stress im Vorhinein so groß war wie noch nie. Oder es war einfach die Form des Wettkampfes, dass die gesamte Verpflegung aus der eigenen Heckklappe des Autos gereicht werden musste und wir von Punkt zu Punkt gefahren sind. Egal, was es war: Ich würde die Variante des Campers in der einmaligen Natur immer wieder wählen. Mein Ziel, in die Top Ten zu kommen, konnte ich realisieren. Was am Ende aber bleibt, sind viel mehr die Erinnerungen und das gemeinsame intensive Erleben eines solchen Renntages. Mein Bruder als Support hat wahrscheinlich noch einmal ganz andere Seiten von mir erfahren dürfen – so nah wie nie zuvor. Beim Überqueren der Ziellinie herrschte riesengroße Dankbarkeit, das gemeinsam erlebt zu haben.

Felix Gänsicke Am Ende: Leitplanken zum Ausruhen kenne ich aus dem vergangenen Jahr. Dieses Mal einen Support dabei zu haben, war umso schöner.

Unvernunft

Man könnte meinen, dass ich mit meinen 37 Jahren genügend Erfahrung haben sollte, auch durch meinen leistungssportlichen Hintergrund. Dennoch gibt es immer wieder Punkte, mit denen ich getriggert werden kann. Bis kurz vor den Norseman lief die Saison nahezu reibungslos. Ich konnte das trainieren, was ich wollte und hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht das Gefühl, dass es mich diese Saison verletzungsmäßig treffen würde. Doch zwei Wochen vor dem Trip nach Norwegen machte sich ein Ziehen im Schienbein breit. Mit etwas Laufpause würde das schon gehen, dachte ich und ließ das Laufen bis zum Rennen sein. Am Renntag selbst traten keine Probleme auf, zu sehr war ich mit anderen Dingen beschäftigt, als dass ich an mein Schienbein hätte denken können. Doch am Tag danach spürte ich die deutlichen Anzeichen einer selbst diagnostizierten Knochenhautentzündung am Schienbein. Die Anzeichen waren zu deutlich, als dass ich bei meiner Diagnose hätte daneben liegen können. Die folgenden Wochen strich ich das Lauftraining und mein Trainingsplan sah mehr rote als grüne Einheiten. Die Schmerzen wurden weniger und die Flamme für ein weiteres Rennen loderte noch. Mit ein wenig Überredungskunst meines Freundes Stefan ließ ich mich darauf ein, anstatt einer Sprintdistanz über die olympische Distanz beim Elbe Triathlon für die Liga-Mannschaft an den Start zu gehen. Mit den Worten: „Es ist immerhin die Möglichkeit vorhanden, ‚State Champion‘ zu werden“, hatte er mich. Meine Gedanken, dass das Schienbein nur für fünf Kilometer halten würde, schmiss ich schnell über Bord. Nach 5,5 Kilometern auf der Laufstrecke wurde ich eines Besseren belehrt. Vielleicht wäre spätestens hier der Zeitpunkt gewesen, das Rennen zu beenden, aber die Kids an der Strecke und der Gedanke, Punkte fürs Team zu holen, waren stärker als der Schmerz. Im Nachhinein kann ich schon sagen, dass das unvernünftig war, Spaß hatte ich trotzdem – auch wenn ich bis heute nicht wieder laufen war und mich in der Vorbereitung für das Lauftraining befinde. Verletzungsfrei durch das Jahr zu kommen, ist somit definitiv ein Ziel für die kommende Saison, dem ich etwas mehr Priorität schenken sollte.

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Lars Wichert
Lars Wichert
Lars Wichert ist dreimaliger Weltmeister im Rudern und nahm an den Olympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio de Janiero teil, bevor er zum Triathlon wechselte. 2021 gewann er sein erstes Rennen beim Ironman Hamburg in 8:12:46 Stunden, der schnellsten jemals erzielten Rookie-Zeit bei den Agegroupern.

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