10 Fragen zum Karriereende an Jonathan Zipf:
“Nur wer sich verändert, kann den nächsten Schritt machen”

Nach mehr als einem Jahrzehnt als Profitriathlet und zahlreichen nationalen sowie internationalen Medaillen auf der Kurzstrecke hat Jonathan Zipf vor einer Woche seine Karriere beendet. Wir haben dem 34-Jährigen zehn Fragen zum Karriereende gestellt. Über Erfolg und Niederlage, Olympiaträume und besondere Trainingseinheiten, (k)eine Zukunft auf der Langdistanz und die Zeit danach.

Jonathan Zipf, am vorletzten Wochenende hast du das letzte Profirennen deiner Karriere bestritten und damit das Kapitel Triathlonprofi nach mehr als zehn Jahren für dich endgültig zugeschlagen. Welche Momente deiner Karriere fallen dir als erstes ein, wenn dich andere zukünftig nach dieser Zeit fragen werden?

Es gibt viele, hauptsächlich schöne, Momente, die mir in Erinnerung bleiben. Der Junioren-Vizeweltmeistertitel sticht da sicherlich hervor. Auch der deutsche Meistertitel in Hannover kommt mir sofort in Erinnerung. Ich weiß noch, dass ich mich vor dem Rennen bereits so gut gefühlt habe, dass mir klar war, an dem Tag zu gewinnen. Solche starken Momente hat man auch nicht immer.

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ITU 2005 belegte Jonathan Zipf hinter dem US-Amerikaner Steve Duplinsky im japanischen Gamagori den zweiten Rang bei der Junioren-Weltmeisterschaft über die Sprintdistanz.

Wie groß ist der Wermutstropfen, dass du diesen Schritt ausgerechnet am Ende dieser Saison, die streng genommen gar keine war, gehen musstest?

Ich hatte in den vergangenen Wochen und Monaten Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Ich denke nicht, dass ein fetterer Wettkampfplan etwas an meiner jetzigen Gefühlslage ändern würde. Das Training in der Gruppe hat mir dieses Jahr endlich wieder sehr viel Spaß bereitet, aber ich habe es auch genossen, nicht immer 100 Prozent in den Sport zu investieren.

Was betrachtest du rückblickend für dich persönlich als größten Erfolg und was als deine bitterste Niederlage im Verlauf deiner Karriere? Damit sind nicht unbedingt Ergebnisse gemeint.

Ich habe es gehasst, an der Startlinie zu stehen, wenn ich mich nicht zu 100 Prozent fit und vorbereitet fühlte. Große Erfolge waren wirklich die Situationen, bei denen ich aus einer Verletzungszeit wieder zurückkam und im Anschluss sogar noch gestärkter und professioneller war als zuvor.

Jeder hat vermutlich Trainingseinheiten, die einem aus unterschiedlichen Gründen immer in Erinnerung bleiben werden. Sei es, weil sie extrem stark, hart oder auf eine Weise besonders waren. Welche Einheiten stechen für dich aus den vielen Jahren immer noch heraus?

Zusammen mit Gregor Buchholz bin ich 2011 mal eine Serie auf der Bahn gelaufen: Achtmal 1.000 Meter. Bei drei Minuten pro Kiloemter angefangen und gesteigert bis 2:40 Minuten, sodass ein Schnitt von knapp über 2:50 Minuten heraus kam. Da wusste ich, dass wir ganz schön fit sind.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kurzdistanzlern bist du nicht irgendwann noch für ein paar Jahre mit vollem Einsatz auf die Mittel- und Langdistanz umgestiegen, sondern warst bis zuletzt der Kurzdistanz treu. Hast du im Laufe der Jahre immer mal wieder darüber nachgedacht oder war von Anfang an klar, dass du diesen Schritt nicht gehen wirst? Du bist jetzt 34, da hättest du theoretisch noch einmal versuchen können, auf den längeren Distanzen durchzustarten.

Stimmt, auf der Mittel- oder Langdistanz hat und wird man mich nicht mehr sehen. Eventuell mal in einer Staffel. Mir hat bis zuletzt das Training für die Sprint- und olympische Distanz Spaß gemacht. Windschattenfreie Rennen haben mir auch ab und zu gefallen, aber die Vorbereitung auf eine noch längere Distanz wäre nicht meins gewesen. Ich habe es geliebt, mich in der Gruppe zu beweisen oder mich an schlechten Tagen von anderen mitreißen zu lassen. Auf längeren Distanzen hätte ich noch deutlich mehr allein trainieren müssen und das kommt für mich nicht infrage. Ich bin auch jemand, der sich ständig fragt, wozu er was macht und wohin der Weg führt. Wenn mich mit 34 als Profi einfach nur die Distanz wechseln würde, blieben diese Fragen weiter offen und dieses „Risiko“ bin ich nicht mehr bereit einzugehen. Nur wer sich verändert, kann den nächsten Schritt machen.

ITU Kurzstreckler durch und durch: Ein Wechsel auf die Langdistanz stand für Jonathan Zipf nie zur Debatte.

Ein Traum, den du dir nicht erfüllen konntest, ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Beschäftigt dich das hin und wieder noch oder ist das mittlerweile gedanklich längst abgehakt?

Ich bin, wer ich bin, mit oder ohne Olympia. Sicherlich wird es aber immer eine kleine Lücke in meinem Leben sein. Ich zähle mich aber zu den Leuten, die alles versuchen zu reflektieren und ich denke, dass ich aus sämtlichen Situationen im Nachhinein gute Schlüsse für mich fassen konnte.

Was ändert sich für dich, nachdem der Sport und das Training von nun an eine deutlich untergeordnete Rolle einnehmen?

Als Trainer werde ich zukünftig auch die eine oder andere Einheit direkt begleiten, sodass ich immer noch einiges an Sport machen werde. Davon abgesehen muss ich bestimmt auch lernen, es zu tun, wenn ich gerade Spaß daran habe. Das schlechte Gewissen abzulegen, wenn man sich mal nicht bewegt, wird wohl einige Zeit dauern. Was man wahrscheinlich aufgrund meines geringen Bizeps-Umfangs nicht von mir denkt, ist, dass mir Athletik- und auch Krafttraining immer besonders viel Spaß gemacht haben. Hier werde in zukünftig deutlich mehr Gas geben. Endlich verdiene ich dann auch genügend Geld, um mir die neuen Konfektionsgrößen leisten zu können.

Was wirst du deiner jetzigen Meinung nach zukünftig am Dasein als Profitriathlet am meisten vermissen?

Das Gefühl, auf den letzten 500 Metern alles zu geben und komplett erschöpft mit einem guten Ergebnis über die Ziellinie zu laufen.

Gibt es Dinge, die du nun tun wirst, weil sie sich vorher nicht mit dem Sport haben vereinbaren lassen und auf die du bis zum Karriereende warten wolltest?

Ich habe nie komplett in Askese gelebt, aber doch nahezu alles dem Sport untergeordnet. Die eine oder andere Sache werde ich mir sicherlich mehr gönnen, aber meine Lebenseinstellung wird sich nicht grundlegend ändern. Erfolg besteht aus drei Buchstaben: tun! Ich will in allen Dingen Vollgas geben und dazu gehört auch Disziplin und Selbstbeherrschung – das hört nach der Profilaufbahn nicht auf.

In welchen Funktionen wirst du dem Triathlonsport zukünftig noch weiterhin erhalten bleiben?

Ich bin bereits beim bayerischen Triathlon-Verband zu 75 Prozent angestellt. Das wird meine hauptsächliche Beschäftigung sein. Zusätzlich werde ich für 2021 die Teamleiterfunktion des Ejot-Männerteams übernehmen. Aktuell mache ich auch noch Werbung in eigener Sache, da ich auch sehr viel Freude daran habe, den einen oder anderen ambitionierten Hobbytriathleten mit einem gezielten Plan und betreuten Trainingseinheiten weiterzubringen. Wenn dann noch Zeit übrig bleibt, vervielfache ich auch gerne mein Geld an der Börse.

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