Top-Profis und Agegrouper äußern sich:
Verständnis, Erleichterung, Enttäuschung und offene Fragen – die Stimmen zur Verschiebung des Ironman Hawaii

Nach Wochen der Ungewissheit hat Ironman am späten Donnerstagabend eine Entscheidung getroffen: Die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii wird vom 10. Oktober auf den 6. Februar 2021 verschoben. Erste Stimmen zu der Entscheidung aus dem deutschen Profilager, von deutschen Agegroupern und Trainern sowie aus der Reisebranche.

Bei Patrick Lange, dem Ironman-Weltmeister von 2017 und 2018, herrsche kurz nach der Entscheidung erst einmal Erleichterung, nun Gewissheit darüber zu haben, wie es weitergehen soll und dass man nun einen Termin hat, mit dem man arbeiten könne: “Diese Unsicherheit in den letzten Wochen war einfach stressig. Natürlich trainiert man weiter und versucht, motiviert zu bleiben, und gibt weiter Gas, aber man weiß nicht so recht, wofür und wann es endlich wieder losgeht.”

Frank Wechsel / spomedis Patrick Lange, Ironman-Weltmeister 2017 und 2018

Sein Validierungsrennen will Lange, sofern es möglich ist, im September absolvieren. “Ich hoffe, dass es auch bald Klarheit zu Frankfurt gibt. Hamburg und Klagenfurt sind ja ansonsten schon bestätigt.” Dass 2021 gleich zwei Weltmeister in Kona gekürt würden, sei historisch interessant, so Lange. “Das gab es schon mal, 1982 – da war ich noch nicht mal geboren. Ich finde, das ist die richtige Entscheidung, und freue mich drauf. Es gibt Schlimmeres, als zweimal im Jahr auf Hawaii zu sein.”

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Wie man sich jedoch auf das Rennen im Februar vorbereite, sei noch ein interessanter Aspekt, den es zu klären gelte: “Da tüfteln wir jetzt gerade dran. Skilanglauf in Österreich und dann in die Hitze von Hawaii – da muss ich mal meinen Coach Björn Geesmann fragen, wie er das findet.“


Sebastian Kienle, Ironman-Weltmeister von 2014 und Hawaii-Dritter im vergangenen Jahr, ist grundsätzlich erst einmal positiv gestimmt, dass es eine Entscheidung gibt. “Trotzdem muss man natürlich schauen, ob alles so durchgeführt werden kann, wie es geplant ist und hoffen, dass es keine zweite Infektionswelle gibt”, sagt Kienle. Der Triathlon sei ein Sport, bei dem die Altersklassenathleten dazugehören würden und somit keine “Geisterspiele” wie in der Bundesliga, oder ein reines Profirennen ohne Agegrouper und Zuschauer, möglich seien.

Positiv sehe Kienle, dass sich durch den neuen Termin auch andere klimatische Bedingungen ergeben würden. Das noch nötige Rennen für die Validierung will er vermutlich im September in Europa angehen. Eine ausreichende Vorbereitung, auch in den Wintermonaten, sehe Kienle in Zeiten von Smart-Trainern und vielen Möglichkeiten fürs Indoor-Training unkritisch. “Irgendjemand hat immer Winter und ist dadurch benachteiligt. Man muss dementsprechend halt sein Trainingslager umplanen und hat dann keine Nachteile”, sagt Kienle.

Nils Flieshardt / spomedis Sebastian Kienle, Ironman-Weltmeister 2014

Im Agegroup-Lager ist man sich in vielen Punkten und Sichtweisen einig, jedoch herrscht bei einigen Fragen noch eine deutliche Unsicherheit. Wolfgang Schmatz, dreifacher Agegroup-Weltmeister auf Hawaii, ist von der Entscheidung, auch wenn er diese nachvollziehen kann, ein Stück weit enttäuscht: “Kona muss etwas Besonderes bleiben. Mit der Verlegung auf Februar und der darauffolgenden Weltmeisterschaft im Oktober geht etwas verloren. Es ist traurig, aber es ist, wie es ist. Man muss das Event einfach verschieben. Ich glaube aber, dass der Ironman auf Hawaii mit der Entscheidung sehr viel verlieren kann”, sagt Schmatz, der insgesamt schon elfmal auf Big Island ins Ziel gekommen ist. Für die europäischen Starter wie ihn sei es zudem fast unmöglich, im Februar dort mit 100 Prozent Fitness zu starten. “Schade, schade”, sagt Schmatz.

Das Rennen im Februar könnte mit weniger Startern außergewöhnlich fair werden.

Markus Ganser, zehnfacher Ironman-Finisher

Ähnlich wie Schmatz sieht es auch Markus Ganser, zehnfacher Hawaii-Finisher mit einer Kona-Bestzeit von 9:28 Stunden: “Irgendwie war es ja zu erwarten und sicher ist die Entscheidung auch vernünftig. Aber in Zeiten, in denen man vernünftig sein muss, träumt man ja davon, dass alles wieder normal ist”, sagt Ganser. Für ihn gehe es nun vor allem um die Frage, bei welchem Wettkampf er starten will. “Für den Wettkampf im Februar spricht sicherlich, dass es vermutlich ein Rennen sein wird, das mit nicht ganz so vielen Startern einmal außergewöhnlich fair wird. Andere Klimabedingungen sind auch spannend”, sagt Ganser. Ein großer Minuspunkt für das Rennen im Februar werde durch einen kurzen Blick in die Reiseportale deutlich, in denen jetzt vor Ort bereits alles ausgebucht sei. Zudem sei eine Vorbereitung durch den Winter sicher nicht ganz so einfach. Und selbst wenn man seine Vorbereitung und eine Unterkunft auf Big Island organisiert habe, gebe es nach wie vor einige unsichere Komponenten. “Das größte Fragezeichen ist für mich, was mit meinem Startplatz und meiner Reisebuchung für den Februar passiert, wenn das Rennen auch dann noch nicht stattfinden kann. Alles nicht so einfach und wie man es macht, wird es wahrscheinlich falsch sein”, sagt Ganser.

Victoria Best aus Flensburg hatte sich ihren Traum von der Hawaii-Qualifikation bereits beim Ironman Wales 2019 gesichert. Als schnellste Agegrouperin des Gesamtfelds holte sich Best den Slot für die Altersklasse 30-34. Auch sie sei einige Stunden nach der Bekanntgabe noch unentschlossen, wie es nun weitergehe: “Das könnte mein trainingsreichster und trainingseinsamster Winter im kühlen Norddeutschland werden. Alle anderen Trainingspartner befinden sich dann in der Off-Season sind und auf dem Weihnachtsmarkt”, sagt Best. Bei ihrer Entscheidung würden neben dem Trainingsaspekt aber noch viele weitere Fragen eine Rolle spielen. “Kann ich meine Reise einfach auf Februar umbuchen? Ist die Unterstützung von Sponsoren eine weitere Saison gegeben? Kann ich im Februar genauso fit sein wie im Oktober, wenn ich in der Regel schon ein paar Testwettkämpfe gemacht habe?” All diese Fragen müsse sie nun bis zum 25. Mai, der von Ironman gesetzten Deadline, klären.

STAPS Björn Geesmann

Björn Geesmann, Coach von Patrick Lange und Boris Stein sowie zahlreicher Altersklassenathleten der “power & pace”-Trainingspläne der Zeitschrift triathlon, ist zuerst einmal erfreut darüber, dass es nun eine Reaktion von Ironman gebe: “An der WM hängen viele Existenzen. Im Tourismus, aber auch der Athleten. Eine Absage könnte zu Problemen mit Sponsoren führen, daher ist es gut, dass es einen Ersatztermin gibt.” Jetzt sei die Hoffnung da, dass die WM im Februar stattfinde. Die Athleten seien teilweise euphorisch, weil der neue Termin einen Anker für das Training mitbringe, nachdem in den vergangenen Wochen ja alle möglichen Szenarien durchdacht worden seien. “Wer qualifiziert ist, sollte allerdings bedenken, dass das gezielte Training komplett in den Winter fällt. November, Dezember und Januar können hässliche Monate werden, wenn es immer dunkler und nasser wird, während gleichzeitig höhere Umfänge anstehen. Laufen im Regen, mehr Einheiten auf der Rolle – das kann auch mental zu einer Belastung werden. Man braucht auf jeden Fall viel Motivation und eine realistische Herangehensweise”, sagt Geesmann. Aber: Ein Start auf Hawaii lohne sich immer, das sei eine ganz emotionale Sache, unabhängig davon, ob man Profi oder Agegrouper sei.

Auch aus trainingstechnischer Sicht sei zu jetzigen Zeitpunkt noch alles drin. “Es sind noch acht Monate bis zur WM, man könnte bei null anfangen und wäre zeitlich noch gut dabei. Wir können jetzt besser planen, ohne aber absolute Planungssicherheit zu haben. Ein Restrisiko, ob die WM stattfindet, bleibt ja weiterhin”, sagt Geesmann. Als größte Hürde sieht er jedoch die Qualifikation für das Rennen im Februar. “Wo findet man noch ein sinnvolles Rennen, das einem – egal ob Profi oder Agegrouper – sicher einen möglichen Qualifikationsplatz bietet? Dort dürfte es dann recht voll werden.” Eine Variante mit zwei Qualifikationsversuchen sei ausgeschlossen und man habe nur diesen einen Versuch. “Das gilt vor allem für Profis. Während sich Patrick Lange als zweifacher Weltmeister nur validieren muss, muss sich Boris Stein qualifizieren. Wir können da jetzt aber noch zwei bis drei Wochen ins Land ziehen lassen, um zu schauen, wo sinnvolle Rennen hingelegt werden”, sagt Geesmann.

“Hotelkapazitäten wären nicht das große Problem”

Sehnsuchtsort Hawaii: Trainieren für den Wettkampf des Jahres bei paradiesischen Bedingungen, wie hier am “Dig Me Beach”.

Aus Sicht des Reiseveranstalters Hannes Hawaii Tours, der in den vergangenen Jahren jeden Oktober zwischen 200 und 250 Athleten nach Big Island begleitet und dort betreut hat, wurde der Termin Anfang Oktober mit jedem Tag unrealistischer: “Die Wahl, die WM auf den Februar zu verlegen, war unter den gegebenen Umständen die einzige Chance. So bleiben fünf Monate mehr Zeit, dass ich die medizinische Versorgung und gesellschaftliche Dinge in eine Richtung entwickeln können, die wir heute noch gar nicht vorhersagen können”, sagt Christoph Fürleger, Geschäftsführer des Unternehmens. Für ihn seien mit der Verschiebung und dem damit verbundenen Zeitgewinn jedoch auch noch viele weitere Fragen offen: “Es gibt verschiedene Konzepte, wie das Rennen stattfinden soll, ob die aber realistisch sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, dass das Rennen, wenn es unter den derzeit diskutierten Einschränkungen wie Überholverbot und Abstandsregelung stattfindet, nicht das gleiche wie in der Vergangenheit sein wird. Triathlon ist ein sportiver Wettkampf, der darauf ausgelegt ist, gegeneinander anzutreten.” In Sachen Unterbringung ist Fürleger trotz der Hochsaison vor Ort, in der vor allem besonders viele Amerikaner auf den Inseln Hawaiis Urlaub machen, zuversichtlich: “Wir haben seit 30 Jahren gewachsene Kontakte zu den Hotels auf der Insel und unsere Strukturen gewährleisten uns, dass wir die Kapazitäten, die es gibt, bekommen werden. Wir sind auch mit United Airlines in Kontakt, dass wir die Flüge anbieten können.”

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