Traumstraße Sa Calobra:
Runter kommen sie alle …

Sa Calobra ist eine der Traumstraßen der Radwelt. Unser Herausgeber Frank Wechsel hat sich an ihr versucht – und ist grandios gescheitert: Platz 3.590 von 3.600 auf Strava. Epische Aussichten und epische Krämpfe.

Sa Calobra muss man einfach mal gefahren sein. Ich habe nicht gezählt, wie viele Male ich schon mit dem Rad auf Mallorca war. Als Jugendlicher bin ich diese Traumstraße aus den Höhen des Tramuntana-Gebirges (und wieder zurück) mehrfach gefahren, im letzten Jahr habe ich dort mein kleines persönliches Comeback gefeiert. Vom Coll des Reis in gut 700 Metern Höhe schlängeln sich die Serpentinen auf knapp zehn Kilometern runter bis ans Meer. Der Coll ist so etwas wie der „Point of no Return“ – wer sich hier entschiedet, weiterzufahren, der weiß auch, dass ein langer, stetiger und eigentlich gut zu fahrender Anstieg zurück wartet. Eigentlich ein Genuss, in beide Richtungen.

Normalerweise ist die Sa Calobra Teil der Königsetappe eines Mallorca-Trainingslagers. Meines auf Mallorca geht nur eine Woche lang – mir schlechten Wetterprognosen in der zweiten Hälfte. Also entschloss ich mich nach einem 55 Kilometer langen Einrollen am Anreisetag, gleich am zweiten losgelöst von allen Radgruppen des Ironman-Trainingscamps von Hannes Hawaii Tours in die Berge zu fahren. Denn von den knapp zehn Grad, die für die kommenden Tage in der Ebene angekündigt sind, werden in den Bergen wohl kaum welche übrig bleiben.

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Aero-Freak statt Klettermaxe

Die Anfahrt von Alcudia über Pollenca hoch zum Kloster Lluc kenne ich – dreimal bin ich hier beim Ironman 70.3 gestartet und hier hochgeradelt. Und es fühlt sich an wie immer. Ich bin ja traditionell eher Aero-Freak als Klettermaxe, die schmalen Spanier, die hier auf ihren Pinarello-Boliden an mir vorbeifliegen, sind da ein ganz anderes Kaliber. Trotzdem fühle ich mich gut. Nach dem Kloster folgt die erste von drei Entscheidungsmöglichkeiten: Links zu „der“ Tankstelle und hinunter nach Inca oder rechts weiter durch die Berge? Ich entscheide mich für rechts. Am Abzweig nach Sa Calobra umdrehen oder rechts zum Coll des Reis? Ich entscheide mich wieder für rechts, frage auf Instagram aber noch meine Freunde, was sie tun würden: U-Turn oder Epic Shit? Als ich am Coll auf mein Handy schaue, haben sich mehr als 85 Prozent für Epic Shit entschieden. 

Also starte ich die Kamera am Lenker und genieße die Kurven runter zum Meer. Dort brauche Energie, finde diese in einem Eis, das ich schon in der Warteschlange verzehre, damit es nicht schmilzt, bis ich am Tresen dran bin (so jedenfalls meine offizielle Begründung), und in einem Kaffee, dem ersten gezuckerten in diesem Jahr. Und dann wartet der Rückweg auf mich.

Runterschalten und aufdrehen

Ich starte wieder die Kamera, drehe noch eine kurze Ehrenrunde, um vom großen auf das kleine Blatt umzuschalten, und mache mich auf den Heimweg. Unzählige Kurven, 700 Höhenmeter und zehn Kilometer Anstieg – die schnellsten Radprofis haben das in 25 Minuten geschafft, jeden Tag wird der KOM auf Strava neu erkämpft und geht mal knapp über, knapp unter 30 Minuten an den Held des Tages. Im letzten Jahr habe ich gemütliche 58 Minuten gebraucht, sehe ich später auf Strava.

Ich radle los, es fühlt sich erst noch gut an. Außer beim Blick auf den Radcomputer, der mir einen Puls von 190 verrät. Autsch, das ist Anschlag. Runterschalten? Geht nicht mehr. Langsamer machen? Würde im Umkippen enden. Da muss ich nun wohl durch. Wo ist die Frische des heutigen Morgens plötzlich hin?

Nach etwa einem Drittel der Strecke sehe ich eine junge Dame am Streckenrand stehen, der es wohl ähnlich erging wie mir bisher. Ich gebe mir diese Blöße nicht, fahre um eine weitere Kurve und steige außer Sichtweite ab. Puh, das wird ein langer Ritt. Nach einer kurzen Pause, während derer sich mein Puls nicht auf unter 145 beruhigen will (auch nicht, als die Dame vorbeifährt), steige ich wieder auf. 

Jede Kurbelumdrehung ist eine Qual. Die zweite Pause, auch sie bringt keine Erholung. Die dritte gehört zu den übelsten Erfahrungen, die ich sportlich je machen musste: Alles dreht sich. Ich muss mich erst an einen Felsen anlehnen, mich später ganz auf ihn legen. Werde ich als nächstes ohnmächtig? Ich kann und will nicht mehr, muss aber irgendwie hier wegkommen. Ich schaue nicht auf die Uhr, wie lange ich hier vor mich hin vegetiere, aber nach einer gefühlten Unendlichkeit kommen die Lebensgeister zurück. Ich nehme viel Energie und Flüssigkeit zu mir, steige irgendwann wieder auf, der Kreislauf fängt sich, der Puls geht nicht mehr in die Spitzenbereiche. Dann – zack – krampfen beide Oberschenkel gleichzeitig. Es muss ein lustiges Bild gewesen sein, wie ich auf der Straßenbegrenzung sitze, die Schuhe noch in den Pedalen eingeklickt. Wieder Pause, wieder ungelenk aufsteigen. Mit Krämpfen in beiden Oberschenkeln in einer Steigung anfahren … Aua!

“Brauchst du Hilfe … Frank?”

Ich hangele mich etappenweise nach oben, muss immer wieder absteigen, Pause machen. Zum vierten, fünften, sechsten Mal. Der Kreislauf hat sich stabilisiert, aber die Beine machen dicht. Da sitze ich dann immer am Straßenrand und tu so, als würde ich einfach die Sonne genießen. Viele Radfahrer wollen mir Hilfe anbieten, aber da muss ich nun selbst irgendwie durch. Das alles wäre halb so schlimm, wenn mich nicht jeder Dritte fragen würde, ob es mir gut geht – und mich dabei mit Namen ansprechen würde. Sa Calobra ist heute in der Hand deutscher Triathleten. An den netten Radfahrer in Blau: Es tut mir leid, dass ich deine Frage zum polarisierten Training nicht beantworten konnte. Ich hatte gerade andere Sorgen …

200 Meter vor dem Ziel mache ich noch einmal Pause. Ich hätte es wohl auch ohne diese nach oben geschafft, aber das typische Angeber-Selfie an dieser Stelle muss sein, es wird nun auch noch mit Krämpfen in den Pobacken belohnt. Was für ein gebrauchter Tag – am Ende loggen heute rund 250 Radfahrer dieses Segment bei Strava ein, ich liege mit 1:38 Stunden auf dem vorletzten Platz und nehme an, dass die einzige Person, die noch langsamer war, erst unten am Meer gemerkt hat, dass der Akku ihres E-Bikes leer war. Insgesamt waren in diesem Jahr erst zehn Radfahrer langsamer als ich – von 3.600, die ihre Tour auf Strava hochgeladen haben.

Ursachenforschung

Dass dann auch noch der Felsenkiosk an der Gebirgsstraße geschlossen ist, macht das Desaster komplett. Auf dem Rückweg mache ich den kleinen Abstecher zu „der“ Tankstelle, fülle meine Speicher auf und beginne mit der Ursachenforschung. Im letzten Jahr fiel das alles doch so leicht, warum heute nicht? Ich habe im Frühjahr auf ähnlichem Niveau trainiert, doch die letzten Wochen liefen nicht ganz rund. Viele neue spannende Projekte, sehr viel Arbeit, machmal auch viel Stress (der bei mir gelegentlich mit schlechter Ernährung und wenig Schlaf einhergeht), ein banaler Infekt – damit fährt man zwar nach Sa Calobra runter, aber nicht wieder hoch. Und wenn ich eine einzelne Ursache als Auslöser des Desasters festmachen will, dann ist es wohl die, dass ich in den letzten Tagen viel zu wenig getrunken habe und die meisten Getränke aus einer Kaffeemaschine kamen. So viel Dummheit gehört bestraft.

Gedanken am Tag danach

Ich weiß, dass mein Trainingszustand so viel besser ist als das, was ich gestern zeigen konnte und erleben musste. Bereue ich nun meinen Übermut? Jein. Ich habe eine Entscheidung getroffen und musste für diese bitter bezahlen. Ich bin gescheitert, hingefallen – aber das gehört dazu zum Leben, zum Sport. Ich mag es grundsätzlich, an meine Grenzen zu gehen, diese auszutesten und sie auf diesem Weg immer wieder neu zu definieren. So habe ich das eine oder andere Ziel im Sport und im Leben erreicht, nur deshalb gibt es wohl auch diese Website. Scheitern gehört zum Erfolg dazu. Was wäre, wenn ein Kind beim Laufenlernen nach dem fünften Plumps sagen würde: Das war’s, das ist nichts für mich?

Ich bin gestern gescheitert, ich bin achtmal vom Rad gestiegen, als andere an mir vorbeigeflogen sind. Aber ich bin achtmal wieder aufgestiegen. Und schon auf der langen Abfahrt am Kloster Lluc vorbei nach Pollenca und auf dem Rückenwindstück zurück zum Hotel in Alcudia wusste ich mehr denn je, dass ich eines Tages durch ein Zieltor auf dem Alii Drive in Kailua-Kona laufen werde.

Auf der anderen Seite: Heute habe ich meine Gesundheit gefährdet, weil die Vorzeichen sich versteckt haben. Darauf bin ich alles andere als stolz. Mein wichtigster Antrieb und die Philosophie hinter meinem Verlag ist, dass ich vielen Menschen zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen möchte. Heute war ich ganz gewiss kein Vorbild!

Und darum möchte ich als letztes Signal hier loswerden: Liebe Sportfreunde, wie auch immer eure Ziele sind, was auch immer in euren Trainingsplänen steht … Passt auf euch auf! Ich werde das die nächsten Tage für mich deutlich besser beherzigen als gestern, an diesem Tag, der mir wohl ewig in Erinnerung bleiben wird.

Genießen, verfluchen – mein Sa-Calobra-Abenteuer im Video

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