Samstag, 25. Mai 2024

Der Fall Chartier: So äußert sich die Szene

José Luis Hourcade

Der positive Dopingtest des US-Amerikaners und Siegers der US Open 2022, Collin Chartier, hat die Triathlonwelt in Aufruhr versetzt. Nachdem sich die Nachricht der mutwilligen EPO-Einnahme des 29-Jährigen verbreitet hatte, äußerten sich viele Profiathleten auf Social Media zu der Thematik. Es machte sich vor allem ein von Unverständnis, Fassungslosigkeit und Wut geprägtes Stimmungsbild breit.

Ben Hoffman: „Gib die gestohlenen Preisgelder zurück!“

Der Sieger des Ironman Texas 2022, Ben Hoffman, war einer der Ersten, der seine Meinung klar äußerte und dadurch viel Zuspruch von anderen Athleten erhielt: „F@%K DOPER. Die Nachricht, dass Collin Chartier absichtlich und wissentlich EPO genommen hat, um seine Leistung zu verbessern, ist eine absolute Schande und eine Erinnerung daran, dass bestimmte Leute bereit sind, die Unantastbarkeit des Sports aus zahlreichen Gründen zu verletzen […]. Wenn ich Collins ‚Entschuldigung‘ lese, gehöre ich nicht zu den Menschen, die schnell akzeptieren und verzeihen. Es tut dir leid? Tut es dir leid, dass du erwischt wurdest? Wenn es dir wirklich leidtut und du meine Vergebung willst, dann verdiene sie dir und beweise es: gib die gestohlenen Preisgelder und Sponsorengelder zurück, wende dich mit persönlichen Entschuldigungen an andere Athleten, setze dich für die Dopingbekämpfung ein und sage ganz sicher die ganze Wahrheit!“

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Frank Wechsel / spomedis

spomedis

Dan Lorang: „Du hast meinen Respekt verloren“

Unter dem Instagram-Statement von Chartier meldete sich auch Triathloncoach Dan Lorang: „Erwarte hier kein Verständnis. Du hast eine Abkürzung genommen und jetzt bekommst du die Quittung. Du hast diese Entscheidung getroffen!! Als Sportler hast du meinen ganzen Respekt verloren, als Mensch bist du wahrscheinlich ein netter Kerl, der einen Fehler in seinem Leben gemacht hat und hoffentlich daraus lernen wird. Bitte hilf allen jungen Leuten da draußen, dass sie sich von so etwas fernhalten und lernen, dass Abkürzungen nie eine Option sind.“

Sam Long: „Betrug ist das ultimative Verbrechen“

Bei den PTO US Open, die Chartier im vergangenen Jahr gewann, belegte Sam Long den dritten Platz. In einem Post schrieb er: „Ich habe immer geglaubt, dass Sportlerinnen und Sportler unsere Version von Superhelden sind. Der ultimative Zweck des Sports ist es, zu inspirieren, mit Würde und Tugend zu führen und zu zeigen, dass mit harter Arbeit alles möglich ist. […] er hat die Kraft, den menschlichen Geist zu entzünden und Leben zu verändern. Als Sportler ist dies eine Verantwortung, die ich nicht auf die leichte Schulter nehme. Betrug ist das ultimative Verbrechen im Sport, denn er untergräbt genau die Tugend, die den Sport ausmacht: Wenn der Startschuss fällt, sind alle fair und spielen nach denselben Regeln. Betrug betrifft alle, von den Fans, die mit Bewunderung zuschauen, bis hin zu den Athleten, die so hart arbeiten, um ihr Bestes zu geben.“

2021 Getty Images

Lionel Sanders: „Wenn es nur ums Gewinnen geht, sind wir alle verloren“

In einem achtminütigen Videostatement äußerte sich Lionel Sanders, der im letzten Jahr zeitweise viel mit Chartier zusammen trainierte: „Ich bin Sportler. Mein ganzes Leben besteht aus Sport, durch Sport bin ich ein Mensch geworden. […] Ich denke, es ist in Ordnung, sich aufzuregen, denn Sport ist mein Dasein, es ist meine Existenz. Und deshalb ist so etwas sicher verletzend. Es ist ein lehrreicher Moment, denn es ist kein psychologisches Problem. Es ist eine Orientierungsfrage. Wie orientierst du dich in Bezug auf Sport? Das Problem, wenn man betrügt, ist es, dass es deine ganze Integrität in Frage stellt, alles, was du sagst. Collin wohnte bei mir zu Hause. Jetzt fange ich an, mich zu fragen: Hat er in meiner Wohnung gedopt? Ich habe Seite an Seite mit ihm trainiert. […] Das ist es, was passiert, wenn man sich entscheidet zu betrügen. Du verlierst deine Integrität. Und weißt du was? Das ist deine Entscheidung. Natürlich hat jeder die Wahl. Jeder hat die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, und jeder kann auch schlechte Entscheidungen treffen. Aber Druck und Erwartungen als Ausrede dafür zu benutzen? Wir alle haben Druck und Erwartungen, denen wir gerecht werden müssen. Das ist es, wofür wir es machen, es kann nur eine Person gewinnen. Wenn es nur ums Gewinnen geht, dann sind wir alle verloren. Darum geht es nicht. Es geht darum, alles zu geben und darum, zu verlieren und das Ausmaß des Verlustes und der Entbehrung und den emotionalen Tribut zu spüren und es auf der anderen Seite zu überstehen. Das ist der verdammte Sport. Das ist der soziale Nutzen des Sports. Es geht darum, herauszufinden, ob du das Zeug dazu hast, und wenn du es nicht hast, wenn du alles gibst und es nicht hast, dann bist du verdammt noch mal genauso gut wie der Typ, der gewonnen hat.“

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20 Kommentare

  1. Ein Uni Absolvent Pro hat psychischen Druck dopt deswegen und entschuldigt sich damit, auf Mentaltrainer kommt er nicht, soviel gesunder Menschenverstand bzw das zu googeln ist ja Zuviel verlangt und auch noch nie jemals ein Pro drauf gekommen. Tip an ihn: Sport-Karriereende stattdessen Wada-Karriere, da kann er seine Erfahrungen sinnvoll einbringen und Hintermänner entlarven.

    • ..und das ist genau da Traurige an Situationen wie diesen. Es führt bei Menschen wie Dir direkt dazu zu pauschalisieren, Leistungen anderer in Frage zu stellen, etc. Warum sollte ein Profi, der sauberen Sport betreibt, jetzt nicht empört sein dürfen. Wie ist das scheinheilig?

      • Weil ich mir nicht vorstellen kann, warum Triathlon eine Ausnahmestellung im Leistungssport einnehmen sollte und sauberer als andere Sportarten ist. Dies schmälert nicht die Leistung der Athleten und ich schaue es mir auch genauso gerne weiter an. Doch wo Ehrgeiz, Erfolgsdruck und Professionalisierung voranschreiten ist auch immer ein Platz für eine Hand voll Menschen, die sich einen Vorteil verschaffen wollen. Alles Andere würde ich als Naivität oder Schönmalerei abtun und wenn man in anderen Sportarten schaut, wie viele Profis aufgeschrien haben und Konkurrenten verteufelt haben, die positiv getestet wurden, später aber selbst der Kontrolle ins Messer gelaufen sind, würde es mich wundern warum es diesmal nicht auch passieren sollte.

        • Doch, kann ich mir gut vorstellen – denn bisher konnte man mit dem Sport kein Vermögen aufbauen. Nun steht Triathlon dank der PTO vor einem großen Schritt ins Massenpublikum (=mehr Sponsoren = höhere Preisgelder). Damit zieht es auch düstere Figuren an, ergo braucht es mehr Kontrollen mit stetig verbesserten Methodiken sowie Aufklärung in den Nachwuchsklassen.

  2. Da kann man nur hoffen, dass er dem Sport gänzlich fern bleibt. Die Aussage in Richtung keiner Rückkehr in den professionellen Triathlon lässt das ja leider offen.
    Kann mich noch daran erinnern, wie Alexander Winokurow bei der Siegerehrung der Agegrouper in Nizza 2019 nur so ausgepfiffen wurde.

  3. Wir reden hier gerade über Profis. Let’s talk about AGE GROUPER…! Wir wären glaube ich alle über die Ergebnisse entsetzt, wenn bei Age Groupern mal konsequent getestet werden würde. Bei großen Wettkämpfen (Challenge, IRONMAN, IRONMAN 70.3) würde ich mir wünschen: Dopingkontrolle Top 3 plus 3 Zufallstreffer in den Top 20. Und ja: ich wäre bereit, z.B. 20€ extra zu zahlen, wenn dafür klar ist, dass die Hawaii- / Nizza-Slots an „saubere“ Leute gehen.

  4. @Seb: das sehe ich genaus so! Ich hab´s tatsächlich auch als ganz normaler „Müsliesser“ nach 8 Versuchen 2007 nach Hawaii geschafft… und hätte mir schon damals sehr gewünscht, dass jeder Hawaii Qualifikant auf Doping getestet wird, denn ich glaube auch, dass die Dunkelziffer bei den Agegroupern enorm ist und deutlich über 50% liegt. Dabei beginnt Doping für mich bereits mit dem bewussten Einnehmen von Aspirin & Co speziell am Wettkampftag – und von den Herrschafften kenne ich eingige, die das auch ganz offen kommunizieren. Wer nix mehr spürt hat natürlich auch keine Schmerzen in der zweiten Hälfte des abschließenden Marathons – Fairness ist was anderes!

  5. Es macht mich ziemlich traurig, aber zu gleich wütend, dass einer der fundamentalsten Werte des Sports, und zwar unter anderem Fairness, mit solchen Auswüchsen geopfert werden. Aber es wäre gleichzeitig völlig naiv, zu glauben, da wo es um Ruhm, Ehrung, Anerkennung gepaart mit materieller Belohnung kein Betrug in Form von bspw. Doping geben würde. Es ist leider zu tiefst menschlich: zu betrügen, zu lügen, zu heucheln oder seinen Mitmenschen etwas vor zu machen. Deshalb sollte man dieses menschliche Verhalten nicht automatisch akzeptieren. Man sollte aber wenigstens in der öffentlichen Diskussion etwas glaubwürdiger und ehrlicher mit diesem Thema sein, vor allem die Profisportler!!!
    Ich liebe diesen Sport und ich werde nie eine Quali mit fairen Mitteln erreichen können. Ich habe mich aber schon mal bei einem Nachdenken darum erwischt, wie es wäre, wenn …? Gott sei Dank (auch ohne Gott) sind mir andere Werte und meine Selbstachtung wichtiger als der scheinbare Erfolg einer WM-Teilnahme mit unfairen Mitteln!!! Ruhm, Geld und Erfolg wird immer wieder für viele (Prof-)Sportler eine große Verlockung darstellen.
    Auch an Hand der Zeiten kann ma ja auch sehen, dass die Leistungsfähigkeit der Sportler keine Grenzen kennt. Ja, ich weiß, es liegt an dem verbesserten Equipment. Da fällt mir nur eins dazu ein: die Revolution verschlingt ihre eigene Kinder. In diesem Sinne: Sport frei!

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Jan Luca Grüneberg
Jan Luca Grüneberg
Nach dem Studium der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln ist Jan Luca Grüneberg seit 2022 bei spomedis und wurde dort zum Redakteur ausgebildet. Wenn er gerade mal nicht trainiert, hört oder produziert er wahrscheinlich Musik.

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