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Marathon, Schwimmen, Badminton:
Rekorde unter Laborbedingungen

Das Undenkbare wagen, Grenzen verschieben: Rekorde werden nicht immer in regulären Rennen aufgestellt. Manchmal braucht es dafür mehr Kontrolle über Mensch, Material und Bedingungen.

Die Langdistanz Sub7 & Sub8 könnte ein Meilenstein des Triathlons werden. Die 226 Kilometer in weniger als sieben bzw. acht Stunden zu finishen, ist bisher so weit weg vom Denkbaren, dass man schon allein bei der Vorstellung daran unwillkürlich mit dem Kopf schüttelt: unmöglich! In anderen Sportarten hat man ähnlich gedacht. Bis Spitzensportler, Pioniere oder im positiven Sinn Verrückte das Undenkbare wahr machten und Grenzen verschoben. Oft unter ganz besonderen Umständen.

Rekorde nicht unter Wettkampf- sondern unter Laborbedingungen hat es in der Sporthistorie immer wiedergegeben. Der bekannteste ist wohl Eliud Kipchoges 1:59-Challenge im Marathon. Bei diesen Veranstaltungen, oft mit viel Geld und Aufwand betrieben, zählt am Ende allein das Ergebnis, die Höhe, die Weite, die Zeit oder die Geschwindigkeit, aber nicht wie die Leistung zustande kam. Ob das Resultat offiziell von einem Verband als Rekord anerkannt wird, ist zweitrangig. Ein Beispiel: Beim Hochsprung haben die Athleten im Wettkampf für jede Höhe drei Versuche. Doch ist ein Springer, der eine Rekordhöhe sagen wir im fünften oder sechsten Versuch schafft, nicht trotzdem höher gesprungen als alle Springer vor ihm?

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Die folgenden Rekordversuche fanden unter ganz besonderen Umständen und Bedingungen statt.

“Sub20”: 50 Meter Freistil unter 20 Sekunden

Im Dezember versucht der US-Schwimmer Caeleb Dressel als erster Mensch 50 Meter in weniger als 20 Sekunden zu kraulen. Das Setting bereitet sein Sponsor Speedo: Ein Bad in Kalifornien, links und rechts jeweils drei Wellenkillerleinen statt sonst einer. Der Sprinter hat mehrere Versuche, schwimmt allein gegen die Uhr und bestimmt selbst, wann es losgeht. Und das Wichtigste: Der Olympiasieger trägt einen heute verbotenen Schwimmanzug aus der sogenannten Hightech-Ära. Der gibt Auftrieb und reduziert den Wasserwiderstand. Dreimal startet Dressel, jedes mal stoppt die Uhr bei 20,4 Sekunden. Nicht so schnell wie erhofft, doch immerhin im Bereich der zehn besten 50 Meter aller Zeiten.

Getty Images for Speedo US-Sprinter Caeleb Dressel bei seinem Rekordversuch.

“Breaking2”: Wo liegt die Grenze im Marathon?

Mit dem Ziel, einen 2-Stunden-Marathon zu laufen, starten am 6. Mai 2017 die Weltklasseläufer Lelisa Desisa, Zersenay Tadese und Eliud Kipchoge auf der flachen Formel-1-Strecke in Monza über 42,195 Kilometer. Wechselnde Tempoläufer (insgesamt 30) sorgen bei dem Privatrennen von Nike für Windschatten. Sie folgen einem Auto, das die benötigte Pace mit einem grünen Laser auf die Straße projiziert. Der Ergebnis: Während Tadese (Zielzeit: 2:06,51 Std.) und Desisa (2:14:10 Std.) früh abreißen lassen, weicht Kipchoge nur leicht von der anvisierten Pace ab. Der Kenianer läuft nach 2:00:25 Stunden durchs Ziel und ist zweieinhalb Minuten schneller als der bestehende Weltrekord. Unter anderem wegen der wechselnden Tempoläufer wird die Zeit vom Leichtathletik-Weltverband nicht als Rekordleistung gewertet.

“Ineos 1:59 Challenge”: Nichts ist unmöglich

Zwei Jahre nach dem Lauf in Monza startet Eliud Kipchoge einen zweiten Angriff auf die 2-Stunden-Marke. Diesmal arrangiert der britische Chemiekonzern Ineos mit einem deutlich zweistelligen Millionenbetrag ein Rennen allein für den Marathon-Olympiasieger auf einem windgeschützten 6-Kilometer-Rundkurs in Wien. 41 wechselnde “Hasen” laufen in V-Formation statt wie in Monza als Raute vor Kipchoge, der den neuen Nike-Carbonschuh Vaporfly Next% an den Füßen trägt. Startzeit, Verpflegungsanreichung, Equipment, Pacemaker: Nichts bleibt dem Zufall überlassen, für den Fall schlechten Wetters ist ein 8-Tage-Zeitfenster geblockt. Das Ergebnis ist bekannt: Kipchoge rennt den Marathon in 1:59:40,2 Stunden und versetzt die Welt in Staunen. Dass World Athletic die Zeit nicht als Bestleistung wertet, spielt keine Rolle. Das war von vornherein klar und eingeplant.

Rad: Widerstand reduzieren – mit allen Mitteln

Nicht nur das Material ist entscheidend für Stundenweltrekorde mit dem Fahrrad. So gab und gibt es Bestleistungen für klassische Rennräder (Frauen: 46,065 km / Männer: 49,700 km), Zeitfahrräder (Frauen: 48,007 km / Männer: 55,089 km), Spezialräder (Frauen: 48,159 km / Männer: 56,375 km) und Liegeräder (Frauen: 84,02 km / Männer: 92,43 km). Besonders die Spezialräder sorgten bis Mitte der 1990er für Aufsehen, da sie durch ihre besondere Geometrie (Stichwort Graeme Obree) kaum auf der Straße fahrbar gewesen wären. Auch die Wahl der Radrennbahn macht viel aus. In der derzeit wichtigsten Kategorie, bei den Zeitfahrrädern, wurden die Rekorde für Männer und Frauen im Velodromo Bicentenario aufgestellt. Das 250 Meter lange Holzoval steht in der mexikanischen Stadt Aguascalientes auf 1.800 Metern Höhe. Die perfekte Location. Der Windwiderstand ist hier signifikant geringer als auf Meereshöhe, der Sauerstoffgehalt in der Luft aber noch hoch genug für Spitzenleistungen.

24-Stunden-Schwimmen: An einem Tag über 100 km

Wie weit kann der Mensch an einem Tag schwimmen? Um das herauszufinden gibt es vor allem in der Wintersaison vielerorts 24-Stunden-Schwimmen für Jedermann. Um sich bei seinem Rekordversuch nicht mit anderen Athleten auf der Bahn in die Quere zu kommen, organisiert der Niederländer Maarten van der Weijden im März 2018 sein eigenes Rennen in einem Amsterdamer 25-Meter-Pool. Allein auf der Bahn, eine große Uhr immer im Blick, Trainer und Betreuer in der Nähe und optimal verpflegt schafft der damals 36-Jährige 102,8 Kilometer. Das macht einen 100-Meter-Schnitt von 1:24 Minuten inklusiver aller Pausen. Offizielle Rekorde gibt es im 24-Stunden-Schwimmen nicht. Die Schwimmszene feiert die Leistung van der Weijdens, der zuvor eine Leukämieerkrankung überstand und 2008 erster Olympiasieger über 10 Kilometer wurde, dennoch. An Heiligabend 2020 gelingt Chris Hoffmann mit einem ähnlichen Solorennen mit 94.550 Meter ein deutscher Männerrekord.

Speedtest: Schmetterball mit 493 km/h

Mit 493 km/h stellt Badmintonspieler Tan Boon Heong im August 2013 einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord für den schnellsten Smash auf. Die Leistung gelingt dem Malaysier im Rahmen eines “Speedtests” seines japanischen Herstellers Yonex. Der Rekord für den schnellsten Smash in einem regulären Match steht bei 417 km/h.

Immer schneller, immer gefährlicher

Geht es um die reine Höchstgeschwindigkeit, werden Rekordversuche fast immer außerhalb regulärer Rennen oder Wettbewerbe durchgeführt. Nur so können optimale Bedingungen abgewartet oder sogar künstlich hergestellt werden. Häufig spielen dabei auch Sicherheitsaspekte eine Rolle. Einige Beispiele:

  • Speedrekorde im Surfen und Segeln auf einem Kanal in der Wüste Namibias.
  • Radrekorde bis 290 km/h mit extremen Windschatten und Sogwirkung hinter einem Dragster.
  • Hochgeschwindigkeitsskifahren auf speziell präparierten Pisten.
  • Motorisierte Speedrekorde auf einem Salzsee in Utah (USA)
  • Rekorde von Schienenfahrzeugen auf speziell präparierten Teststrecken.

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Im Frühjahr 2022 wollen Lucy Charles-Barclay, Nicola Spirig, Kristian Blummenfelt und Alistair Brownlee im Triathlon ebenfalls Grenzen verschieben. Alles über das Projekt “Sub7 & Sub8” lesen Sie auf einer Sonderseite von tri-mag.de

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