Taylor Knibb ist die Favoritin, doch Laura Philipp kommt mit Momentum nach Nizza. Julie Derron, Katrina Matthews und Solveig Løvseth haben ihre Stärken auf der Promenade und eine Lokalmatadorin will den Heimvorteil nutzen.

Die Frauen eröffnen am Samstag um 7 Uhr die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza. Und selten war ein WM-Feld auf der Mitteldistanz so schwer zu lesen wie dieses. Auf dem Papier führt fast kein Weg an Taylor Knibb vorbei. Doch der Kurs an der Côte d’Azur ist kein klassischer Power-Parcours, auf dem sich die stärkste Radfahrerin automatisch absetzt und ab dann verwaltet. Der Col de Vence, die technischen Abfahrten, die Rückfahrt nach Nizza und der flache Halbmarathon auf der Promenade des Anglais erzeugen ein Rennen, in dem Stärken sehr unterschiedlich ausgespielt werden können.
Knibb bringt die Historie und die Dominanz auf der Mitteldistanz mit. Katrina Matthews hat bei der „Nizza-WM“ noch eine Rechnung offen. Solveig Løvseth kommt als amtierende Ironman-Weltmeisterin. Laura Philipp reist mit dem besten Momentum der vergangenen Wochen nach Südfrankreich. Julie Derron bringt eine Laufwaffe mit, die das Rennen komplett drehen kann. Alanis Siffert hat die 70.3-WM zu ihrem großen Saisonziel erklärt. Imogen Simmonds steht für Erfahrung und Stabilität auf diesem Terrain. Und Marjolaine Pierré startet nicht nur vor heimischem Publikum, sondern auf Straßen, die sie besser kennt als fast jede andere Athletin im Feld.
Dazu kommt eine Reihe weiterer Namen, die das Rennen mitprägen können. Paula Findlay, Ellie Salthouse, Caroline Pohle, Tamara Jewett, Jackie Hering, Bianca Bogen und Lena Meißner gehören zu den Athletinnen, die je nach Rennverlauf weit nach vorn laufen, fahren oder zumindest die Dynamik verschieben können. Ein Favoritinnencheck in Nizza ist deshalb weniger eine klare Rangliste als die Frage: Wer kommt mit diesem speziellen Kurs, dieser Saisonphase und dem Blick auf Kona am besten zurecht?
Taylor Knibb: Die große Favoritin, aber nicht ohne Fragezeichen
Taylor Knibb ist die Athletin, an der sich alle orientieren müssen. Ihre Bilanz bei der Ironman-70.3-WM ist außergewöhnlich. Dritte bei ihrem WM-Debüt 2021, anschließend drei Titel in Serie in St. George, Lahti und Taupō. In Lahti stellte sie mit 3:53:02 Stunden zudem die schnellste je bei einer Ironman-70.3-WM erzielte Frauenzeit auf. Dass ihre Serie im vergangenen Jahr in Marbella endete, ändert wenig daran, dass Knibb auf dieser Distanz weiterhin der Benchmark ist.
Ihr Muster ist bekannt: stark schwimmen, früh Druck machen, auf dem Rad Lücken reißen und die Konkurrenz zum Reagieren zwingen. Nizza scheint auf den ersten Blick wie gemacht für eine Athletin, die eine der besten Radfahrerinnen des Feldes ist, wenn man rein nach den Leistungsdaten geht. Aber der Kurs ist komplexer. Die 90 Kilometer durch die Alpes-Maritimes sind nicht nur ein Leistungstest bergauf. Sie verlangen auch Kurventechnik, Abfahrtsvertrauen und die Fähigkeit, nach langen Anstiegen sofort wieder Geschwindigkeit aufzunehmen.
Hier liegt das kleine, aber vielleicht entscheidende Fragezeichen. Knibb kann bergauf und in der Ebene enorme Leistung treten. Doch wenn Athletinnen wie Laura Philipp oder Katrina Matthews auf den Abfahrten Zeit holen, wie es auf diesem Terrain möglich ist, könnte der übliche Knibb-Vorteil kleiner ausfallen als bei anderen 70.3-Weltmeisterschaften. Ihr Knackpunkt ist nicht, ob sie Druck machen kann. Die Frage ist, wie viel Vorsprung sie bis T2 tatsächlich herausfahren kann.
Kommt Knibb mit einer klaren Lücke auf die Promenade des Anglais, ist sie die Favoritin auf den Titel. Bleiben aber Derron, Matthews, Philipp oder Løvseth in Schlagdistanz, wird aus ihrer Dominanz ein Rennen gegen die Uhr.


















